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Nur ein paar Raketen

Nur ein paar Raketen

Eine Psychotherapeutin schildert ihre Eindrücke von einer kurzen Fahrt ins palästinensische Westjordanland.

31.10.

Bei einem Flug nach Israel gibt es einen zusätzlichen Sicherheitscheck. In der Schlange der Wartenden dringt die russische Sprache an mein Ohr. Mir fallen drei Frauen auf mit aufgeplusterten Lippen, Wangenknochen und langen grell gefärbten Fingernägeln. Sie sitzen im Flugzeug vor uns. Zwischen den Sitzen hindurch sehe ich, wie die Frau sich Bilder im Handy betrachtet, die kurz nach ihrem operativen Eingriff an den Wangenknochen gemacht worden sind. Ab jetzt meine ich, bei fast jeder Frau aufgespritzte Lippen und angeklebte Wimpern zu sehen.

Mein Mann und ich fahren von Tel Aviv mit dem Zug zwei Stunden nach Kiriat Mozkin. Der Wagon ist brechend voll. Alle starren auf ihr Handy. 35 Menschen auf kleinstem Raum. Was für ein Elektrosmog.

Übernachten bei Verwandten in einem palästinensischen Dorf in Israel. Seit Corona hat diese Familie angefangen umzudenken! Der riesige betonierte Hof wurde teilweise aufgerissen und Beete mit Nutzpflanzen angelegt. Hühner, Ziegen und Pferde angeschafft. Naser zeigt uns stolz seine Moringabäume. Der Samen kann geerntet werden. Ich nehme Samen mit für Deutschland, esse Blätter und Blüten vom Baum. Die vielen Familienmitglieder nicken zwar, als ich ihnen sage, dass alles an dem Baum essbar und sehr gesund sei, aber sie machen es kaum.

Heute finden Wahlen in Israel statt. Ich gehe mit meiner Schwägerin zur Wahl. Im Wahllokal erscheint es wie in Deutschland.

1.11.

Fahrt nach Nablus. Eine der ältesten Städte der Welt und die zweitgrößte Stadt in den besetzten Gebieten, zwischen den Gebirgen Ebal und Gerizim gelegen. Wie immer können wir mit unserem Auto mit israelischem Nummernschild durch den Checkpoint an der Grenze zu den besetzten Gebieten ungehindert durchfahren. Niemand beachtet uns. Wie immer genieße ich die mystisch anmutende Gegend, die kargen felsigen Hügel beiderseits der Straße. Olivenbäume überall. Dörfer und Städte sind nur von fern mehr zu erahnen, als zu sehen.

Nach einer halben Stunde kurz vor Nablus angekommen, können wir nicht wie üblich in die Stadt fahren. Der westliche Zugang zu Nablus ist wie viele andere von den Israelis gesperrt.

Seit zwei Monaten ist Nablus durch israelisches Militär von der Außenwelt abgeriegelt. Die Zufahrtsstraßen sind gesperrt. Die Israelis haben die Straßen mit einem Wall aus Erde und Steinen zugeschüttet. Hinter dem Wall ist israelisches Militär, die Absperrung bewachend. Oft werden die israelischen Soldaten von steinewerfenden Jugendlichen gestört. Die Israelis antworten mit Tränengas.

Nachts ist das Militär nicht da. Dann schaufeln die Palästinenser die Straßen wieder frei. Am Tag kommen die Israelis zurück und schütten die Straße wieder zu. Aus Nablus heraus kommt man nur an wenigen Checkpoints, an denen die Palästinenser bis zu vier Stunden warten müssen, bis sie vom israelischen Militär die Erlaubnis zur Weiterfahrt erhalten. Warum diese Repressalien ? Kollektivstrafe für die Palästinenser, weil die Israelis und die palästinensische Autonomiebehörde der Attentäter in Nablus nicht habhaft werden können.

Heute ist die Abriegelung etwas gelockert! Es ist möglich, an der Al-Najah Universität vorbei in die Stadt und da auch wieder heraus ohne jegliche Behinderung zu gelangen. Wir fahren diesen Umweg, um in die Stadt zu gelangen. Autoschlangen, kilometerlang, kommen uns entgegen. Der Freiraum wird genutzt, um den Geschäften in den besetzten Gebieten nachzugehen oder Verwandte zu besuchen. Morgen könnte alles wieder zu sein. Heute finden in Israel die Wahlen statt. Wollen die Israelis an diesem Tag Ruhe?

Am Abend erfahren wir, dass es wieder einen Anschlag bei Jerusalem gegeben habe. An einem Checkpoint fuhr ein Palästinenser einen israelischen Soldaten mit dem Auto an. Es gibt kaum eine Familie, aus der nicht Männer im Gefängnis sitzen oder umgebracht worden sind. Immer das gleiche Prozedere. Mehrere Jugendliche machen einen Anschlag, einen fassen die Israelis oder auch die Polizisten der palästinensicshen Autonomiebehörde und foltern ihn, bis er die Namen der anderen nennt.

2.11.

Zweiter Tag in Nablus. Gang in die Altstadt. Ich möchte sehen, was durch die Drohnenbomben zerstört worden ist. Im Hotel Jasmin werde ich mich mit Tee einstimmen. Obwohl ich die Altstadt gut kenne, kann ich diesmal das Hotel nicht finden. Ich frage den Besitzer eines Goldschmuckladens, der, wie überall hier üblich, vor dem Laden sitzt. Er erzählt anderen herumstehenden Männern, wonach ich suche. Einer lädt mich ein, mit ihm zu kommen. Er führt mich durch verschiedene Läden hindurch, bis ich vor dem Hotel stehe. Frauen sitzen an Tischen und frühstücken. Beruhigend klingt das leise Gluckern der Argile (Wasserpfeife ). Der Muezzin ruft zum Gebet. Auf meinen Minztee wartend habe ich Zeit.

Parken am Rande der Altstadt. Seit Kurzem mit Benutzung der Parkuhr. Dass wir die bezahlte Zeit überschreiten werden, wissen wir. Hier in Palästina denken wir uns nicht viel dabei. Beim Wiederkommen freuen wir uns zunächst, auf keinen Strafzettel zu treffen. Zu früh gefreut. Wir starten, können aber nicht losfahren. Eine Reifenkralle blockiert. Was nun? Ein Ladenbesitzer tritt hinzu und erklärt, dass es über eine App möglich sei, die Parkzeit von überall zu verlängern. Ich fluche auf arabisch: „Chara!“ Er schaut mich verständnislos an. Er ist stolz auf die neuen digitalen Möglichkeiten und ruft einen privaten Dienst an. Innerhalb kurzer Zeit fährt dieser vor. Wir bezahlen die Strafe und dürfen weiter.

Noch vor einem Jahr parkte man überall, wo es irgendwie ging. Niemanden hat es gestört. Die Anzahl der Autos hat seither weiter zugenommen und die Bürokratie auch. Abends ist es fast unmöglich, in die Stadt zu fahren vor lauter Autos, die nur schrittweise vorwärtskommen. Dazwischen Mopeds und wie in Deutschland Elektroroller, die im Zickzack sich zwischen den Autos hindurchwinden. Kinder und Jugendliche, blutjung, ohne Sturzhelm, sind die Fahrer.

Rundgang durch die geliebte Altstadt. Wie immer haben dicht gedrängt die Händler ihre Waren ausgebreitet. Schaue ich sie lächeld mit einem Kopfnicken an, grüßen sie oft lautstark zurück. Vor Corona, als wir noch öfter im Jahr hier waren, genoss ich es, dass die Händler mich wie eine alte Bekannte begrüßten. Tatsächlich, der Parfümhändler erkennt mich auch diesmal und lädt uns in seinen Laden zum Kaffee ein.

Was hier in der Altstadt passiert sei? Er wisse „nicht mehr wo Kopf und Füße sind“. Sein Herz sei leer vor so viel Traurigkeit, Wut, Verzweiflung. Am 25. Oktober habe die israelische Armee versucht, von der Altstadt von Nablus Besitz zu ergreifen. Wie schon in der Vergangenheit ein vergeblicher Versuch. In den verwinkelten Gassen hätten die Israelis keine Chance, genau so wenig wie in den Flüchtlingslagern.

Auf engstem Raum leben tausende Menschen. So dicht, dass ein Springen von Haus zu Haus nichts Ungewöhnliches ist. Hundertschaften seien durch die Gassen der Altstadt gedrungen auf der Suche nach Mitgliedern einer neuen Widerstandsbewegung in den besetzten Gebieten. Sie hätten sechs junge Männer erschossen. Einer von ihnen habe sein Parfum verwendet. Früher sei er im Vorbeigehen bei ihm, dem Händler, reingesprungen und habe sich mit seiner Flasche Parfüm besprüht.

Der Parfumeur holte eine Flasche mit einer roten Kappe. Das sei die Flasche Parfüm gewesen. Die jungen Männer seien wie seine Söhne gewesen. Er habe sie verloren. Ein Kaffehändler bringt uns Kaffee. Auch er kennt die Erschossenen. Zwei der Umgekommenen seien seine Neffen gewesen. Er selber habe auch viele Jahre im Gefängnis gesessen. Andere aber seien in der Autonomiebehörde Minister oder Generäle geworden. Er aber verkaufe lieber Kaffee, als für die korrupte Autonomiebehörde zu arbeiten.

Die Geschäfte gehen schlecht. Keine Touristen, keine Journalisten. Tatsächlich habe ich das Gefühl, die einzige Ausländerin zu sein. In früheren Jahren konnte man ab und zu kleine Touristengruppen sehen. Wir suchen uns mehrere Düfte aus, der Händler mixt uns Parfüm zusammen. Weiter gehts.

Wir gelangen zum Platz, an dem die jungen Männer getötet wurden. Die Wände voller Einschüsse. Versteinerte Mienen der Händler in den Geschäften um den Platz. Nicht fragen, weitergehen. Überall hängen Plakate und Transparente mit dem Antlitz der Erschossenen. Wir suchen eines der gemütlichen kleinen Cafés aus früheren Tagen. Die Cafés aber sind alle geschlossen.

Ein Altstadtbesuch ohne Knafe Nablusije, unmöglich! Eine weit über das Land hinaus bekannte Köstlichkeit aus Teig mit Schafskäse, das Ganze mit Zuckersirup übergossen. Eine Menge Menschen steht immer um den, der Knafe verteilt. Ich beiße in mein Knafe, es schmeckt salzig. Der Käse ist nicht genügend entwässert worden. Noch nie habe ich das erlebt! Enttäuscht werfe ich zum Entsetzen der Umstehenden mein Knafe weg. Hat ein Besitzerwechsel stattgefunden? Ist die Sorgfalt gestorben, geht es nun mehr um Profit?

Die neue Widerstandsbewegung. Sie habe in Jenin angefangen. Vor allem in der Altstadt von Nablus und in Flüchtlingslagern wie Balata sei sie stark vertreten, so wird gesagt. Der Grundsatz laute, es ist egal, zu welcher Gruppierung, ob zur Fath oder Volksfront, zu Jihad oder Hamas du gehörst. Dass du gegen die Besatzung bist, das einzig zählt. Welche Form der Staat annehmen soll, das klären wir später. Zunächst geht es um Einzelaktionen. Wie sich der Widerstand genau organisiert, ist nicht bekannt.

3.11.

Geliebtes Sebastia! Ein idyllisch in den Bergen gelegenes Dorf, circa 9 Kilometer von Nablus entfernt. Das alte römische Sebaste. Angeblich war es die Hauptstadt des Nordreiches Israel. Ahab und Omri, zwei Könige, sollen hier residiert haben. Beeindruckende Ruinen gelten als Reste des Palastes von Omri. In Sebastia soll das Haupt Johannes des Täufers begraben sein. So die Überlieferung. Der Besitzer eines Souvenirladens und Restaurants kommt auf uns zugegangen, nein, gerannt. Er freut sich sehr, uns wieder zu sehen. Bei Kaffee und Süßigkeiten erzählt er seine Geschichten.

Wegen Corona habe er kaum Gäste gehabt. Gerade als die Situation sich wieder zu normalisieren begann und Gäste kamen, fing die circa zweimonatige israelische Blockade von Nablus an. Dreißig Gruppen haben deshalb ihre Anmeldung für sein Restaurant annulliert. „Wir schlittern von einem Problem in’s nächste.“ So sein Kommentar.

Abends suchen wir in Nablus einen Tante Emma-Laden auf. Der Besitzer Hussein erzählt, dass in den besetzten Gebieten die Menschen seit Corona ärmer geworden sind. Die Leute kaufen nur noch donnerstags abends 20 ml Olivenöl für Hommos und Foul, das traditionelle Essen am Freitag, den muslimischen Feiertag. Olivenöl, das flüssige Gold, das zum Essen im Orient dazu gehört, und jede Familie bemüht ist, auf Vorrat zu Hause haben, ist teuer geworden. Die Menschen können es sich kaum noch leisten, selbst jetzt nicht während der Zeit der Olivenernte.

Israel hat Gaza wieder bombardiert. Ahmeds Kommentar: „Nicht viel, nur ein paar Raketen.“ So können sich die Menschen an die Gewalt gewöhnen.

4.11.

Einladung zum Essen. Wie kann man in kürzester Zeit etwa dreißig Leute durchfüttern. So ungefähr das Motto. Drei junge Männer grillen in großer Eile, sodass das Fleisch schnellstmöglich braun wird, ohne gar zu sein. Das Gemüse mit verkohlten Stellen. Plastik ist Trumpf. Angerichtet wird das Essen in Plastikschüsseln mit Plastikbesteck. Berge von Essen, alle schaufeln es in sich hinein. Fertig. Am Ende blieb ein großer Sack mit Plastik übrig, der in den Müll geworfen wurde. Dann beginnt der gemütliche Teil. Süßigkeiten essen, Kaffee und Tee trinken. Es wird kalt draußen. Wir begeben uns in die Wohnung.

5.11.

Jeden Tag Geschichten von Gewalt. Heute wäre die Hochzeit eines Märtyrers gewesen. Er hielt sich seit Monaten versteckt. Das ist in Palästina keine Kunst. Die Familien sind groß, die Menschen solidarisch, die Gassen verwinkelt. Aber auch Denunziation und Korruption blühen. Für seine Hochzeit wollte er Fleisch kaufen. Als er aus dem Fleischgeschäft trat, trafen ihn Kugeln. Das war in Jenin.

Abends, gemütlich im Sessel sitzend, höre ich Männer im Chor unten in der Stadt etwas rufen. Sie skandieren Trauerbekundungen für den Umgekommenen in Jenin vor dem Abendgebet in der Moschee.

6.11.

Frühstücken mit alten Freunden.

Salim, 27 Jahre im Gefängnis, antwortet auf die Frage, wie es gehe: „Es geht.“ Es gibt nur „es geht“ oder „schlecht“. Seine Frau Manuk war 7 Jahre im Gefängnis. Sie ist Jerusalemerin. Bis 2003 konnten sie in Nablus zusammenleben. Dann hat jemand verraten, dass sie aus Jerusalem stammt. Mit diesem Status darf sie nur 48 Stunden in den besetzten Gebieten bleiben. Bleibt sie länger, verliert sie ihren Status und hat dann ihre Daseinsberechtigung in Jerusalem verwirkt. Nun kann sie mit ihrem Mann nicht mehr zusammenleben.

Alle 14 Tage besucht sie ihn. 2 Stunden braucht sie bis Nablus, für den Rückweg 4 Stunden.

Wir frühstücken typisch palästinensisch-syrisch-libanesisch. Rotes Satar, das ist Thymian mit Olivenöl. Das wird so in Gaza gegessen. Gebratenen Schafskäse, Tomaten mit Eier gebraten, Schafskäse-Thymian-Pizza, Sesammuspaste mit Honig und natürlich Oliven und Olivenöl.

Basam war mehrmals Jahre im israelischen Gefängnis. Ebenso seine Frau Amal. Alle Anwesenden, die im Gefängnis saßen, waren aus politischen Gründen, das heißt der Ablehnung der israelischen Besatzung, dort. Gesprächsthema ist naturgemäß die Politik. Die palästinensische Autonomiebehörde sei der verlängerte Arm der israelischen Regierung. Sie würden nur reagieren, nicht agieren. Es bestehe kein Plan für die Zukunft. Alle am Tisch sind sich einig, dass die unipolare Welt der Amerikaner vorbei sei, die Zukunft werde eine multipolare sein.

Es ist neun Uhr abends. Plötzlich dringen von der Stadt Maschinengewehrsalven an mein Ohr. Die Familie nickt nur. Das passiere öfter. Dann ist wieder Ruhe. Alle Zufahrtstraßen nach Nablus sind wieder geöffnet. Am nächsten Tag sehen wir einen Bus mit Touristen nach Sebastia fahren. Das alte Leben scheint sich wieder einzupegeln. Wie lange? Bis zum nächsten Anschlag der Palästinenser oder Israelis.

Wieder in Deutschland gelandet, holt uns ein Mann von Park & Drive mit einem Kleinbus ab. Wir steigen ein, er fährt los. Während des Fahrens bekommt er einen Anruf von anderen Fluggästen, die auch abgeholt werden wollen. „Einen Moment, bin gleich da.“ So sein Kommentar. Zu uns gewandt: „Ich muss innerhalb von 7 Minuten wieder vom Flughafengelände sein, sonst muss ich bezahlen pro Minute.“ Er checkt aus, fährt eine Runde, checkt wieder ein, die anderen Gäste steigen in den Bus. Das Gleiche noch zweimal. Wie ökologisch. Er merkt, dass mein Mann Araber ist und begrüßt uns mit: „Ahlan wa sahlan!“ Er komme aus Aserbaidschan. Ich frage ihn: „Was machen Sie aus Aserbaidschan hier, in Deutschland?“ Seine Antwort: „Das weiß ich auch nicht.“ Wir steigen in unser Auto und fahren nach Hause.

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