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Nord Stream und die Zeitenwende

Nord Stream und die Zeitenwende

Mit der Sprengung der Pipelines in der Ostsee sind die geopolitischen Würfel für Europa und die USA neu gefallen.

von Pepe Escobar

Unterschätzen Sie niemals ein verwundetes, zerfallendes Großreich, das in Echtzeit kollabiert. Seine Funktionäre, auch die in diplomatischer Mission, erklären weiterhin dreist, dass sich ihrer exzeptionellen Kontrolle über die Welt alle unterwerfen müssen. Anderenfalls könnten nämlich Wettbewerber auftauchen und das Rampenlicht stehlen — auf das US-Oligarchen ein Monopol beanspruchen. Und das wäre natürlich grauenhaft.

Der Modus Operandi, den das Imperium gegen geopolitische und ökonomische Gegner auffährt, ist immer der gleiche: eine Lawine von Sanktionen, Embargos, Wirtschaftsblockaden, protektionistischen Maßnahmen, „Cancel Culture“, militärischer Aufrüstung von Nachbarländern und die dazu passenden Drohungen. Vor allem aber ist die Rhetorik der Kriegstreiberei derzeit auf dem Höhepunkt.

Der Hegemon kann mindestens in diesem Bereich transparent sein, denn er kontrolliert immer noch ein großes Netzwerk von Institutionen, Finanzorganen, Politikern, CEOs, Propagandaagenturen und die Popkulturindustrie, die ihm im Zweifel immer recht geben werden. Daher diese angebliche Unverwundbarkeit, die in Frechheit und Anmaßung münden kann.

Panik im „Garten“

Die Sprengung der Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 — jeder weiß, wer der Täter ist, doch der Name darf nicht genannt werden (1) — läutete das nächste Stadium des zweigleisigen imperialen Projektes ein, Europa von den billigen russischen Energielieferungen abzuschneiden und Deutschlands Wirtschaft zu zerstören.

Aus der Sicht des Imperiums wäre die ideale Fortsetzung das Erscheinen eines US-kontrollierten Intermariums — von der Ostsee und der Adria bis zum Schwarzen Meer, unter polnischer Führung, das im Zuge der Drei-Meere-Initiative eine neue Art von Hegemonie in Europa ausübt. Aber bis jetzt bleibt das ein feuchter Traum.

In der zwielichtigen „Untersuchung“, was wirklich mit den Pipelines passiert ist, wurde Schweden als „The Cleaner“ gecastet, so als wäre dies die Fortsetzung von Quentin Tarantinos Krimi „Pulp Fiction“. Das ist der Grund warum die Ergebnisse der „Ermittlungen“ nicht mit Russland geteilt werden können. Aufgabe des „Cleaners“ war nämlich die Beseitigung aller belastenden Spuren.

Was die Deutschen anbelangt, die ließen sich freiwillig als Einfaltspinsel vorführen. Berlin erkannte klar auf Sabotage, traute sich aber nicht zu sagen, von wem.

Dies ist übrigens im höchsten Grade unheimlich, denn Schweden, Dänemark und Deutschland wissen ebenso gut wie der Rest der EU, dass, wenn man das Imperium wirklich öffentlich konfrontiert, es zurückschlagen und einen Krieg auf europäischem Boden anfangen wird. Hier geht es um Angst — aber nicht vor den Russen.

Das Imperium kann sich nicht leisten, den „Garten“ (2) zu verlieren. Und die Eliten des „Gartens“, sofern ihr IQ über der Raumtemperatur (3) liegt, wissen, dass sie es mit einem psychopathischen Serienmörder zu tun haben, bei dem Beschwichtigung keine Chance hat.

Mittlerweile lässt in Europa der nahende Winter den sozioökonomischen Abstieg in einen Strudel der Finsternis erahnen, den man sich vor ein paar Monaten im „Garten“ der Menschlichkeit, so weit entfernt von den Geräuschen des Dschungels, noch nicht hatte vorstellen können. Nun, ab jetzt beginnt die Barbarei zu Hause. Und die Europäer können sich bei den amerikanischen „Verbündeten“ dafür bedanken, dass diese die ängstlichen Vasallen-Eliten der EU so geschickt manipuliert haben.

Weitaus gefährlicher ist dagegen ein Gespenst, das nur wenige identifizieren können: die bevorstehende Syrisierung Europas. Sie ist eine direkte Folge des NATO-Debakels in der Ukraine.

Aus der Sicht des Imperiums sind die Aussichten auf dem ukrainischen Schlachtfeld düster. Russlands „spezielle Militäroperation“ (SMO) hat sich nahtlos in eine Antiterroroperation verwandelt: Moskau bezeichnet Kiew nun offen als Terrorregime. Der Schmerzpegel wird jetzt immer weiter gesteigert, indem mit chirurgischen Schlägen gegen Ukraines elektrische Infrastruktur Kiews Wirtschaft total verkrüppelt wird und ebenso sein Militär. Im Dezember kommt dann an der russischen Front und im Hinterland das gut ausgebildete und motivierte Kontingent der Teilmobilisierung zum Einsatz.

Die einzige Frage ist der Zeitplan. Moskau ist jetzt dabei, dem Stellvertreter in Kiew langsam, aber sicher den Kopf abzuschneiden und letztendlich auch die „Einigkeit“ der NATO zu zerstören. Das Folterprogramm für die europäische Wirtschaft ist unerbittlich. Und die Welt außerhalb des kollektiven Westens — der globale Süden — hält Russland die Stange: von Afrika über Lateinamerika bis nach Westasien und sogar Teile der EU umfassend.

Und es ist Moskau — und nicht etwa Peking —, das die vom Hegemon so benannte „rules based international order“ (regelbasierte internationale Ordnung) in Stücke reißt, gestützt auf seine natürlichen Ressourcen, seine Lebensmittelsicherheit und Verteidigungsfähigkeit (4). Und in enger Abstimmung mit China, Iran und den wichtigen eurasischen Akteuren arbeitet Russland daran, all diese US-hörigen internationalen Organisationen überflüssig zu machen — während der globale Süden praktisch immun wird gegen die Psychoattacken der NATO.

Die Syrisierung Europas

Auf dem ukrainischen Schlachtfeld ist der NATO-Kreuzzug gegen Russland zum Scheitern verurteilt — selbst jetzt, da stellenweise bis zu 80 Prozent der kämpfenden Einheiten NATO-Personal an Bord haben. Wunderwaffen wie der HIMARS-Raketenwerfer tauchen selten auf, und es gibt nur wenige. Und je nach Ausgang der US-Zwischenwahlen werden die Waffenlieferungen 2023 auslaufen. Im Frühjahr 2023 könnte die Ukraine auf einen verarmten Rumpfstaat, ein schwarzes Loch reduziert sein. Der Plan A des Imperiums sieht „Afghanisierung“ vor: die Installation einer Söldnerarmee, mit der sich gezielt Destabilisierungsmaßnahmen oder Terrorangriffe im Innern der Russischen Föderation durchführen lassen.

Zugleich wird Europa mit amerikanischen Militärbasen gespickt. All diese Basen können die Rolle wichtiger Terrorstützpunkte spielen — ganz ähnlich wie in Syrien in Al-Tanf und den Gebieten östlich des Euphrat. Die USA verloren in Syrien einen langen, von Dschihadisten ausgetragenen Stellvertreterkrieg — sie sind aber noch lange nicht aus dem Land verschwunden.

In diesem Syrisierungsprozess Europas könnten US-Militärbasen als ideale Stützpunkte dienen, um Schwadronen osteuropäischer Emigranten „auszubilden“, deren einzige Verdienstmöglichkeit, abgesehen vom Drogen- und Organhandel, im Dienst als — was sonst — Söldner des Imperiums besteht, mit denen man in der verarmten EU jedes Aufflackern zivilen Ungehorsams bekämpfen kann. Natürlich wird dieses neue Armeemodell von der Brüsseler Eurokratie, die ja nur den Public-Relations-Arm der NATO darstellt, voll und ganz gebilligt werden.

Eine deindustrialisierte, über mehrere Ebenen in toxische Kleinkriege verstrickte EU und die NATO in ihrer Lieblingsrolle als Robocop sind das reinste Mad-Max-Szenario gegenüber dem, was zumindest in den Tagträumen eines straussianischen amerikanischen Neocons eine Insel des Wohlstands ist: die Wirtschaft der USA, ideales Investitionsziel für globales Kapital, einschließlich des europäischen. Das Imperium wird zwar sein Lieblingsprojekt Ukraine verlieren. Aber es wird niemals zulassen, dass ihm auch der europäische „Garten“ abhandenkommt.


Redaktionelle Anmerkung:

Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „The ‚War of Terror‘ may be about to hit Europe“ bei Press TV. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.


Quellen und Anmerkungen:

Anmerkungen des Übersetzers:

(1) Aufgrund einer viel zitierten Passage aus der Pressekonferenz Joe Bidens mit Olaf Scholz vom 7. Februar 2022 gibt es kaum noch Zweifel an der Täterschaft der USA. Gesagt wurde Folgendes: Joe Biden: „Wenn das passiert (gemeint war die russische Invasion in die Ukraine), dann wird es kein Nord Stream 2 mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.“ Eine Reporterin: „Wie wollen Sie das anstellen — das Projekt ist doch unter deutscher Kontrolle?“ Joe Biden: „Ich verspreche Ihnen — wir werden in der Lage sein, es zu tun.“ Einen Videomitschnitt dieser Passage finden Sie hier.

(2)EU-Chefdiplomat Josep Borrell prägte in einer Rede vom 15. oder 16. Oktober das Bild von Europa als Garten, der von bedrohlichem Dschungel umgeben ist.

(3)Der Autor benutzt wahrscheinlich die Fahrenheit-Skala, auf der die Raumtemperatur etwa bei 70 Grad liegt.

(4) Anders als die meisten Länder kann Russland weder ausgehungert noch von wichtigen Rohstoffen abgeschnitten werden, weil es alles im eigenen Land produziert beziehungsweise vorfindet. Die einzige Bedrohung, die Russland nicht ignorieren kann, ist die Bedrohung durch Atomwaffen.

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