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Neu geboren

Neu geboren

Kleine Wesen können große Gewissheiten in Frage stellen.

Es ist da! Das Kind ist auf der Welt! Erwünscht ist es, willkommen in einer Zeit, die unsicherer kaum sein könnte. Lange haben sich die Eltern darauf vorbereitet. Gewissenhaft haben sie sich informiert. Monatelang haben sie an dem Nest gebaut, das das Kind empfangen würde. Zwanzig Quadratmeter groß ist es, gezogen von 177 PS. Alles ist da: Küchen- und Badezimmereinrichtung, Raum für Essen und Schlafen, sogar eine Waschmaschine für die Windeln.

Die Schwangerschaft verläuft ohne Probleme. Bis kurz vor der Entbindung klettert die werdende Mutter behände wie eine Bergziege den steilen Weg zum Fluss hinab, auf dem man mir immer wieder die stützende Hand reichen muss. Wann kommt es?, frage ich ungeduldig. Wann es will, ist die Antwort. In meinem Kopf scheint mehr Unruhe über das Bevorstehende zu herrschen als in den Köpfen der werdenden Eltern.

So viel kann passieren bei einer Geburt! Ich spreche nicht aus eigener Erfahrung. Ich habe keine Kinder. Doch wenn ich welche hätte, dann wäre ich wahrscheinlich den traditionellen Weg gegangen. Vielleicht hätte ich eine Hausgeburt gewagt. In jedem Fall wäre ich zu den Vorsorgeuntersuchungen gegangen und hätte mir einen Mutterpass ausstellen lassen. Ich hätte das Geschlecht meines werdenden Kindes gewusst, wäre rechtzeitig in die Klinik gefahren, hätte mir wehenauslösende Hormone geben lassen, vielleicht auch eine Anästhesie. Mein Kind wäre in einem Kreißsaal zur Welt gekommen, zwischen Apparaten und Experten, die dem Neugeborenen einen Klaps gegeben und es mir gesäubert und vermessen auf den Bauch gelegt hätten.

Die volle Verantwortung

Meine Freundin hat einen anderen Weg gewählt. Es waren die angehenden Eltern, die die Verantwortung für Schwangerschaft und Geburt übernommen haben, so wie sie sie für die Zeugung hatten, bei der ebenfalls kein Experte zugegen war. Das Kind kam gegen Ende des Sommers zur Welt, in einem umgebauten Lastwagen umgeben von Steineichen und Olivenbäumen. Hebamme war der Vater. „Die beste der Welt.“

Mutter und Kind sind wohlauf. Ein gesundes Mädchen schläft an der Brust der Mutter, blinzelt, trinkt und entleert sich im Töpfchen. Das geht? Schau doch, sagt meine Freundin. Sie sieht aus, als hätte sich die Wölbung ihres Bauches nur etwas nach oben verschoben. Was vorher innen war, ist jetzt außen. Ihre erste Lebenszeit wird die Kleine überwiegend am Körper ihrer Mutter verbringen. Kein Kinderbettchen, in das man schaut, kein Kinderwagen, keine Kommoden voller Babysachen, keine Körbe voller Spielzeug, kein Babyphone.

Auf zwanzig Quadratmetern ist das Leben übersichtlich und das, was man braucht, niemals weit. Es wird kein Kinderzimmer geben, keine Zeit, in der die Eltern flüstern, weil das Kind schläft. Es wird sich in den Rhythmus der Eltern hineinleben. Kein Milchpulver wird es bekommen, keine Gläschen mit industriell gefertigten Pürees. Es wird mit dem spielen, was es findet. Und es wird viel finden in der Natur, die es umgibt. Auf weichem Moos wird es laufen lernen und mit Astwerk Königreiche bauen. Es wird Feen sehen und Zwerge, Drachen und Magier, und niemand wird ihm sagen, dass es das nicht gibt.

Lebendig

Auch ich glaube an Zauber, wenn ich Menschen sehe, die mir vorleben, was alles möglich ist. Es gibt sie noch, die Wunder des Lebens, das sich unerschrocken seinen Weg bahnt. Sie sind nicht mit den heilkundigen Frauen auf den Scheiterhaufen der Inquisition verbrannt. Die Männer, die diese Frauen der Hexerei beschuldigten, um natürliche Vorgänge durch künstliche zu ersetzen, konnten sie nicht gänzlich ausrotten. Solange es noch Menschen gibt, die der Natur mehr vertrauen als der Technik, haben sie es nicht geschafft, das Lebendige vollständig zu beherrschen.

Auf der Schwelle in eine transhumanistische Technokratie gibt es Mütter, die vom Kreißsaal in den Wald ziehen und sich auf die Kraft verlassen, die in ihnen wohnt. Ihnen geht es nicht nur darum, „bio“ zu kaufen oder eigenes Obst und Gemüse anzubauen, um hippe vegane Küche oder flotte Lastenfahrräder. Hier geht es um echtes Engagement und um eine wirkliche Veränderung der Lebensgewohnheiten. Hier geht es um Geburt und um Tod und um Leben. Um richtiges Leben.

Diese Geburt hätte schiefgehen können. Es hätte Komplikationen geben können. Mutter und Kind hätten sterben können. Das Kind kann behindert sein und eine besondere Pflege brauchen. Leben ist Risiko, und es endet immer mit dem Tod. Es ist lebensgefährlich, auf die Welt zu kommen. Die Technik, die uns zwischen dem ersten und dem letzten Atemzug begleitet, ändert daran nichts. Wir können Komfort schaffen und Schmerzen reduzieren, wir können Leben künstlich verlängern — doch den Tod ausschalten, das können wir nicht.

Es gibt keine „Lebensversicherung“. In jedem Augenblick kann es vorbei sein. Je mehr wir in Stress und Angst leben, je mehr wir desinfizieren, isolieren und kontrollieren, je mehr wir industrielle Nahrung und Medikamente zu uns nehmen und je mehr wir Umweltgiften und schädlichen Strahlungen ausgesetzt sind, desto früher sterben wir. Jedes Eingreifen in die natürlichen Vorgänge des Lebens macht uns anfälliger für Krankheiten. Uns bei Geburt, Krankheit und Sterben an Maschinen anschließen zu lassen birgt immer die Gefahr, mehr Schaden als Nutzen zu bringen.

In guter Gesellschaft

So lasse ich sie reden, die Menschen, die es „leichtsinnig“ finden, „verantwortungslos“, „egoistisch“, „skandalös“ geradezu, ein Kind ohne medizinische Begleitung auf die Welt zu bringen. Haben wir vergessen, dass wir das Jahrmillionen alleine konnten? In den allermeisten Fällen brauchen wir keine weißen oder grünen Kittel, die uns ins Leben helfen. Wir wären heute gar nicht da, wenn die Natur uns nicht in genialer Weise auf die Geburt vorbereiten würde. Sie hat für alles gesorgt. Jeder noch so geringe Vorgang, der sich in unserem Körper vollzieht, ist ein Meisterwerk der Präzision, der unsere Wissenschaft nicht annähernd nahekommt. Hierzu ein kurzer Auszug aus meinem Buch „In guter Gesellschaft“:

„Wir werden durch unsere Geburt, wenn sie natürlich abläuft, perfekt auf das Leben vorbereitet. Zu unserem Schutz gibt uns unsere Mutter ihr Mikrobiom mit auf den Weg. Mit ihm bekommt der neu geborene kleine Körper die Basis für sein eigenes Immunsystem. Bis zu vier Jahre wird es brauchen, bis es voll ausgebildet und funktionstüchtig ist. Je nach Zusammensetzung der Mikroben, mit denen wir bei unserem Eintritt in die Welt in Kontakt kommen, werden sich das mikrobielle Gleichgewicht in unserem Körper und damit auch unsere Gesundheit entwickeln.

Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, erhalten diesen Schutz nicht. Anstatt der Vaginal- und Darmmikroben der Mutter bekommen sie die auf der Haut siedelnden Bakterien der bei der Geburt Anwesenden und die Mikroben aus der Luft des Krankenhauses mit auf den Weg. Für die Neugeborenen ist es nicht ideal, beim Eintritt in das Leben mit Mikroben konfrontiert zu werden, die nicht natürlicherweise zu ihnen gehören. Vor allem in den ersten Lebensmonaten sind diese Kinder viel empfindlicher und anfälliger für Krankheiten als die auf natürlichem Wege Geborenen. Sie neigen eher zu Blähungen, Koliken und Entzündungen. Ihr Immunsystem kann sich nicht so gut ausbilden, und sie haben später ein höheres Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit, Erkrankungen des Darms, Asthma und Allergien.

Einen weiteren wichtigen Schutz erhalten Neugeborene über das Stillen. Durch die bei der natürlichen Geburt aufgenommenen Milchsäurebakterien der Vaginalflora der Mutter wurden sie perfekt auf die Verdauung der Muttermilch vorbereitet. Eine Million Bakterien pro Milliliter und über 600 Bakterienarten erhält das Kind durch das Stillen. Diese helfen ihm dabei, die schützende Darmflora aufzubauen.

In den ersten Lebensmonaten und Jahren ist es für den sich ausbildenden Organismus wichtig, mit besonders vielen verschiedenen Mikrobenarten in Kontakt zu kommen. Nur so kann sich das heranwachsende Immunsystem richtig ausbilden und dem Körper den entsprechenden Schutz bieten. Besonders gut ausgestattet und geschützt sind Kinder, die mit vielen verschiedenen Pflanzen und Tieren auf einem Bauernhof aufwachsen, denn unser Immunsystem wird nur dann trainiert, wenn es mit möglichst vielen Antigenen aus der Umwelt konfrontiert wird.

Wenn ein Kind alle möglichen Gegenstände in den Mund nimmt, dann hilft das nicht nur bei der Erkundung der Umwelt und dem Wachstum der Zähne. Durch die Bekanntschaft mit den Mikroben seiner Umgebung stimuliert und stärkt das Kind ebenfalls sein Immunsystem. Zu viel Hygiene oder gar Isolation sind daher auch hier ungesund. Der Kontakt zu anderen Kindern ist nicht nur für die Entwicklung des Sozialverhaltens wichtig. Er bietet ebenfalls die Möglichkeit, sich mit den in den meisten Fällen harmlos verlaufenden Kinderkrankheiten wie Röteln, Masern, Mumps und Windpocken anzustecken. Sie sind die natürlichen Etappen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Nach durchstandener Krankheit sind wir in unserer Entwicklung zumeist einen Schritt weiter und ein Leben lang gegen die Erreger immun“ (1).

Ausprobieren

Es bedarf einer Menge Unvoreingenommenheit, Offenheit, Entschlossenheit, vor allem aber Mut und Lebensbejahung, um seiner Intuition zu folgen und im wahrsten Sinne des Wortes seinem Bauch zu vertrauen. Wir brauchen viel Selbstvertrauen und Experimentierfreudigkeit, um uns nicht Bange machen zu lassen von den Normierten und Formierten, den Ängstlichen, Zaudernden und Bequemen, den Miesmachenden, Hochnäsigen und Vernichtenden, die sich einbilden, alles besser zu wissen.

Wir wissen es nicht besser als die Natur. Probieren wir es aus! Machen wir unsere eigenen Erfahrungen! Wir müssen ja nicht gleich unsere Kinder alleine gebären. Vielleicht fangen wir damit an, uns nicht ständig den schützenden Hautfilm kaputt zu desinfizieren und die schädlichen Masken vom Gesicht zu nehmen. Vielleicht lassen wir wieder ausreichend Sauerstoff in unser Gehirn fließen. So können wir wieder besser sehen und klarer denken. Vielleicht gehen wir dann wieder aufeinander zu, ohne vor dem anderen zurückzuweichen, weil er uns seine Mikroben übertragen könnte. Denn er wird es tun, so oder so. Keine der aktuellen Maßnahmen wird uns davon abhalten, uns gegenseitig anzustecken.

„Es gibt keine Grenzen, die die Mikroorganismen nicht überwinden würden. Im Gegensatz zu uns können sie in so gut wie jedem Milieu überleben. Sie sind absolut überall. Ein Team von der staatlichen Universität Pennsylvania hat gemeine Hausfliegen daraufhin untersucht, ob diese für den Menschen gefährliche Mikroben transportieren. Sie tun es. In einer anderen Studie haben sich Forscher dafür interessiert, ob es auch in der Atmosphäre in 3.000 Meter Höhe Mikroben gibt. Es gibt sie. Sie besiedeln inzwischen sogar unsere Raumstationen. Zwischen 260 Millionen und 7 Milliarden Mikroben landen pro Quadratmeter täglich auf der Erde. Wie ein steter Regen fallen sie auf uns hinab. Keine Kuppel, kein Sicherheitsbunker, keine Schutzkleidung könnten sie daran hindern, zu uns zu gelangen“ (2).

Neue Zeit

So wie wir dem Tod nicht entweichen können, so können wir auch dem Leben nicht entfliehen. Vielleicht interessieren wir uns nun einmal dafür, was auf der anderen Seite los ist, bei denen, die wir als Echo von Politik und Leitmedien als verantwortungslose und gefährliche Egoisten bezeichnen, als asoziale Idioten, homophobe Rassisten, Rechtsextreme, Antisemiten. Eine von ihnen hat gerade bewusst alleine ihr erstes Kind auf die Welt gebracht.

Die jungen Eltern werden das neue Leben schützen vor dem Zugriff des Staates, vor genetischen Experimenten und digitaler Kontrolle. Dieses Kind soll nicht einer transhumanistischen Technokratie in die Hände fallen und zu einem programmierbaren Ding werden, das wie ein Biocomputer ein- und ausgeschaltet werden kann. Dieses Kind soll leben! Es soll sich anstecken dürfen. Es soll die Kinderkrankheiten durchleben dürfen und dadurch eine natürliche Immunität erhalten, die es ein Leben lang schützt.

Dieses Kind wird mit der Natur leben, nicht gegen sie. Mikroben gehören zu seinem Leben wie die Steine, die es auf seinem Weg findet, die Tannenzapfen und Pusteblumen, die Tauperlen und Federwolken. Es wird lernen, respektvoll mit seiner Umgebung umzugehen und das Lebendige als das zu erkennen, was es ist: seine Familie. Hier geht es nicht darum, sich gegenseitig zu vernichten, sondern darum, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

Mögen sie ein langes und erfülltes Leben vor sich haben, die Neugeborenen dieser turbulenten Übergangszeit. Mögen sie mitwirken am Aufbau einer Welt, in der das Lebendige geachtet wird und in der für alle Platz ist, einer Welt, in der die Menschen sich darüber bewusst werden, wer sie sind: Holobionten, biologische Systeme, die sich aus einer Vielzahl verschiedener Lebensgemeinschaften zusammensetzen, Bindeglieder zwischen materieller und geistiger Welt, Antennen zwischen Irdischem und Himmlischem, Flimmerhärchen auf einem Planeten, der leben will.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Kerstin Chavent: In guter Gesellschaft. Wie Mikroben unser Überleben sichern, Scorpio 2020.
(2) ibid

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