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Nach Hause kommen

Nach Hause kommen

Eine etwas unheimliche Geschichte über den Grips und die Seele führt uns zur Natur des Menschen.

Es waren einmal der Grips und die Seele. Die beiden waren beste Kumpels und machten einfach alles miteinander. Sie waren ein tolles Team und erlebten viele Abenteuer zusammen.

Die Seele mochte den Grips sehr und war immer wieder fasziniert davon, was der so alles wusste. So genoss sie es, immer wieder seinen Erzählungen zu lauschen, wenn er aus seiner Bibliothek vorlas. Er war ein recht redseliger Geselle und schien über einen unerschöpflichen Fundus an allerlei Erzählungen zu verfügen.

Auch er war sehr froh darüber, dass die Seele seine beste Freundin war, denn in ihr hatte er eine tolle Zuhörerin für all seine Geschichten gefunden. Es war für ihn ohnehin einfach schön, sie um sich zu haben.

Eines Tages bemerkte der Grips ein kleines Eichhörnchen, das wohl neu im Wald war. Er hätte es gern begrüßt, doch war es wohl recht schüchtern und dazu sehr schnell, sodass er es nie zu fassen bekam. Doch er machte sich nichts weiter draus.

Allerdings bemerkte er mit der Zeit, dass er, immer wenn er nicht bei seiner Freundin, der Seele war, etwas traurig wurde. Es war, als konnte er nicht ohne sie sein. Davon umgetrieben, nahm er eines Tages all seinen Mut zusammen und berichtete der Seele davon. Er fragte sie, ob es ihr gleich ergehe.

Darauf antwortete ihm die Seele, dass ihr das zwar sehr schmeichele, sie aber, wenn sie ehrlich sei, sagen müsse, dass sie einfach immer glücklich sei, weil das Leben doch so schön sei. Das nahm der Grips so hin, wurde dadurch aber noch trauriger und traf sich deswegen nicht mehr so oft mit der Seele.

Dass die Seele ihn nicht für ihr Glück brauchte so wie er sie, ärgerte den Grips mehr und mehr, sodass er neidisch auf sie wurde und sich bald gar nicht mehr mit ihr traf. So verbrachte er seine Zeit fortan alleine in seinem Haus, indem er jeden Tag ein neues Buch las. Wenn er allerdings ehrlich war, war das lange nicht so schön, als wenn er jemandem vorlas.

Eines bitterkalten, regnerischen Abends klingelte es plötzlich an der Tür des Gripses. Es war das kleine Eichhörnchen, das pitschnass war, denn es war vor dem großen Regen nicht mehr nach Hause gekommen. Es war ganz schüchtern, doch bat es den Grips um Obdach für eine Nacht. Da tat es ihm leid und er gewährte dem Eichhörnchen für eine Nacht Unterschlupf in seinem Hause. Dieses war ihm sehr dankbar und genoss die Wärme des Ofens und die Gesellschaft des Gripses. Dieser zeigte dem Eichhörnchen seine große Buchsammlung und las ihm so einiges Interessantes daraus vor.

Nachdem er nun lange Zeit alleine gewesen war, freute ihn das sehr, denn auch das Eichhörnchen war ein toller Zuhörer und fand die vielen Geschichten, die der Grips zu erzählen hatte, ganz großartig. Am nächsten Morgen war der große Regen vorbei und die Natur leuchtete in den goldenen Strahlen der Morgensonne.

Da wurde der Grips wieder etwas traurig, da er wusste, dass sein neuer Freund, das Eichhörnchen, sicher bald wieder zu sich nach Hause gehen würde. Und als hätte das Eichhörnchen das gespürt, sagte es zum Grips, dass es seine Gesellschaft sehr genossen habe und dass seine Familie zurzeit verreist sei. Und so fragte es ihn, ob es nicht noch einen Tag und eine Nacht bleiben könne, sodass der Grips ihm noch mehr interessante Geschichten erzählen könne. Da freute er sich sehr und gewährte dem Eichhörnchen noch einen Tag und eine Nacht in seinem Hause.

Und es verging Tag um Tag und es passierte, dass der Grips und das Eichhörnchen die besten Freunde wurden und das Eichhörnchen beim Grips wohnte. Für ihn bedeutete dies zwar etwas mehr Arbeit, da das Eichhörnchen auch ein bisschen faul war und immer einen großen Appetit hatte, doch war das kein Problem für ihn, da er es schätzte, einen neuen besten Freund gefunden zu haben.

Nach einigen Wochen trauter Zweisamkeit fragte er das Eichhörnchen, ob es denn schon etwas von seiner verreisten Familie gehört habe. Da sagte es, dass seine Familie ihm geschrieben habe, dass es dort, wo sie gerade sind, so schön sei, dass sie noch etwas länger blieben. Für das Eichhörnchen sei das aber nicht schlimm, da es ja jetzt den Grips als besten Freund habe. Das freute den Grips ehrlich gesagt ein bisschen, weil er wusste, dass er so noch länger nette Gesellschaft haben würde. So verging Woche um Woche.

Eines Abends saßen die beiden wieder vor dem Ofen und der Grips las dem Eichhörnchen eine Geschichte aus einem seiner Bücher vor. Doch an diesem Abend war es irgendwie nicht so aufmerksam wie sonst. Also fragte der Grips es, wo ihm der Schuh drücke.

Da wurde das Eichhörnchen ganz traurig und weinte und gestand dem Grips, dass es nicht die Wahrheit gesagt habe. Der war betroffen. Dem Eichhörnchen fiel es nicht leicht, doch erzählte es dem Grips, dass es ihn angelogen habe und seine Familie gar nicht verreist sei. In Wirklichkeit sei nämlich seit ein paar Wochen die Luft in der Natur so schlimm verpestet, dass all jene, die sich zu lange darin aufhielten, qualvoll ersticken müssten und dass es seiner Familie genauso ergangen sei. Wer allerdings in seinem Hause bleibe, dem geschehe nichts.

Das Eichhörnchen weinte bitterlich und schluchzte, dass es niemanden mehr habe auf der Welt außer den Grips. Da flossen auch bei ihm jämmerlich die Tränen und er umarmte das Eichhörnchen und tröstete es.

Als sich beide wieder beruhigt hatten, erklärte ihm das Eichhörnchen noch, dass kaum jemand von der verpesteten Luft wisse, damit keine Panik ausgelöst würde. Diejenigen, die zu lange in der Natur seien, würden leider ohnehin daran sterben, weil die Verpestung mittlerweile wirklich schlimm sei. Da staunte der Grips und fragte, woher es denn dann das Eichhörnchen wisse. Das erklärte, dass ihm ein anderes Eichhörnchen davon erzählt habe, dessen Vater ein Wissenschaftler sei und die nötigen Geräte besitze, um die Verpestung der Luft zu messen.

Das alles zu hören, war nicht leicht für den Grips, denn mit so etwas hatte er nie im Leben gerechnet. Gleichzeitig war er aber froh, zufällig das Eichhörnchen getroffen zu haben, das ihm mit diesen wichtigen Informationen das Leben gerettet hatte.

Und so blieb den beiden Freunden nichts anderes übrig, als sich die Zeit im Hause des Gripses so schön wie möglich zu machen. Auch das Eichhörnchen schien sichtlich erleichtert, dass die Wahrheit nun ausgesprochen war.

So zogen die Jahre ins Land. Den beiden wurde zum Glück nicht langweilig, denn die Geschichten des Gripses schienen unerschöpflich. Und da er stets auf alles vorbereitet war, weil er Sicherheit schätzte, hatte er zum Glück auch einen riesigen Essensvorrat für viele, viele Jahre im Keller.

Mit der Zeit merkte er allerdings, dass das Eichhörnchen während seiner Lesestunden nicht mehr ganz so aufmerksam zuhörte wie früher. Außerdem half es immer weniger im Haushalt und aß meistens den Großteil der Leckereien, die der Grips täglich zubereitete. Es war mittlerweile sogar ganz dick geworden.

Eines schönen Tages wurde der Grips auf einmal ganz wehmütig, da er die Natur sehr vermisste. Als das Eichhörnchen gerade zu Abend aß, schlich er zur Tür und nahm ohne nachzudenken die Klinke in die Hand, weil ihn die wunderschöne Sommersonne förmlich hinauszog.

„Haaaaalt!“, schrie da das Eichhörnchen empört und jagte dem Grips einen riesigen Schrecken ein. Daraufhin schimpfe es böse mit ihm und fragte ihn, ob er denn vergessen habe, dass die Luft verpestet sei und ob er sie beide umbringen wolle. Er würde sowieso kein Leben mehr da draußen finden, da die Natur, so schön sie auch immer noch wirke, wegen der mittlerweile hochgiftigen Luft völlig unbelebt sei.

Da kam der Grips zur Besinnung und entschuldigte sich aufrichtig beim Eichhörnchen. Dieses winkte ab, während es gierig den letzten Rest des Essens verschlang.

An diesem Tag schrieb sich der Grips hinter die Ohren, dass er so einen unüberlegten Fehler nie wieder begehen würde. Und er nahm sich fest vor, nie wieder auch nur daran zu denken, hinaus in die Natur zu gehen.

So zogen weitere Jahre ins Land. Mittlerweile war der Grips ganz dünn und hager geworden, da er dem Eichhörnchen immer mehr hinterherräumen musste und es mittlerweile fast das ganze Essen, das der Grips nach wie vor täglich mit viel Aufwandt zubereitete, alleine aß. Und weil es mittlerweile noch dicker geworden war, hatte es immer weniger Lust, dem Grips im Haushalt zu helfen.

Stattdessen kommandierte es ihn nur noch forsch herum. Auch kam es so, dass es mit der Zeit immer weniger Abende gab, an denen er dem Eichhörnchen seine Geschichten erzählen durfte. Und wenn dies doch einmal geschah, war es kaum mehr interessiert daran. Es unterbrach ihn dann oft und sagte, dass es zu müde sei, um weiter zuzuhören, und dass seine Geschichten langsam langweilten.

Eines Abends als das Eichhörnchen eingeschlafen war, nachdem es dem Grips fast das ganze Essen weggefressen hatte und er hungrig auf seinem Stuhl saß, wurde er plötzlich sehr, sehr unglücklich. Da ging er in sein Zimmer, verkroch sich in sein Bettchen und weinte bitterlich. Das Eichhörnchen wachte davon auf und lachte nur über den Grips. Es sagte zu ihm, dass er ein Weichei sei und dass er, anstatt zu weinen, ihm lieber etwas kochen solle, da es Hunger habe.

In diesem Moment der tiefsten Traurigkeit, als er nicht mehr ein noch aus wusste, fiel dem Grips seine alte Kindheitsfreundin, die Seele, ein. Er hatte sie gänzlich vergessen gehabt. Doch erinnerte er sich nun wieder an sie und das löste in ihm ein so unglaubliches, unbeschreibliches Gefühl aus, dass selbst er es nicht in Worte hätte fassen können. Seine Tränen der Traurigkeit verwandelten sich in diesem Moment in Freudentränen und er spürte, ohne dass er wusste warum, was er zu tun hatte. Und so schloss er sich einfach in seinem Zimmer ein und verbrachte darin alleine den Abend.

Das fette Eichhörnchen wurde daraufhin fuchsteufelswild, schrie herum und schlug unaufhörlich gegen die Tür. Das machte dem Grips natürlich gehörig Angst, doch war das Gefühl, dass die Erinnerung an seine alte Freundin ausgelöst hatte, stärker als seine Angst.

Das Eichhörnchen wurde immer wütender und wütender und fing an, das gesamte Haus zu verwüsten. Es schlug alles Hab und Gut kaputt und verbrannte sogar seine lieb gewonnene Büchersammlung in einem großen lodernden Feuer. Furchteinflößendes Geschrei und wahnwitziges Gelächter schallten durch das ganze Haus, während das Eichhörnchen es in einem Rausch der Bosheit völlig zerstörte.

Während dieses Unheils zog sich der Gips nur seine Decke über den Kopf und wartete. Irgendwann wurde es schlagartig leiser im Haus. Das Getöse hörte auf, das markerschütternde Gelächter verstummte. Offensichtlich war das Eichhörnchen müde geworden. Und so konnte auch der Grips endlich schlafen.

In dieser Nacht schlief er so friedlich und fest, wie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Am nächsten Morgen wachte er ebenso friedlich auf. Geweckt wurde er von den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages, die durch das Fenster zart auf sein Gesicht fielen.

Er stand auf und blieb noch eine Weile an der verschlossenen Tür stehen, um zu lauschen, ob das Eichhörnchen wach war. Nachdem einige Minuten nichts zu hören war, öffnete er vorsichtig die Tür und ging ins Wohnzimmer. Was er dort sah, war eine Schneise der Verwüstung. All sein Hab und Gut lag in Trümmern und Scherben herum und in der Mitte des Raumes war ein riesiger Aschehaufen von einem Feuer, mit dem das Eichhörnchen all seine Bücher verbrannt hatte. Vom Eichhörnchen selbst fehlte jede Spur.

Plötzlich fiel ihm auf, dass die Haustür das erste Mal seit vielen Jahren offenstand. Ohne darüber nachzudenken und wie ferngesteuert lief er hinaus und vernahm das erste Mal wieder eine leise Sommerbrise auf seiner Haut. Das Gras kitzelte an seinen Füßen und er hörte die Vögel zwitschern und auch alle anderen Tiere des Waldes. In diesem Moment war er so glücklich wie noch nie zuvor in seinem Leben. Sein ganzes Haus und alle seine Bücher waren zerstört, doch machte ihm das überhaupt nichts aus.

Noch einmal lief er zurück in sein Wohnzimmer und ließ seinen Blick schweifen. Er traute seinen Augen zunächst nicht, als er mitten im riesigen Aschehaufen zwei kleine Hufeisen fand. Eine kleine Besonderheit des Eichhörnchens war es nämlich gewesen, dass es Hufe statt Pfoten hatte. Warum das so war, das wusste selbst der Grips nicht. Er nahm die bloßen Hufeisen aus der Asche und ihm wurde klar, dass sich das Eichhörnchen im Feuer selbst verbrannt haben musste.

Daraufhin ließ er diese furchtbare Verwüstung einfach hinter sich und lief los. Er lief und lief und konnte es kaum fassen, wie schön alles war. Die Farben strahlten und die Düfte schmeichelten seiner Nase. Es gab nichts, was er in diesem Moment vermisste. Während er so durch die Wälder und Felder streifte, war es für ihn, als sei er gerade gestern hier gewesen.

Da kam er irgendwann an einen Hügel, von dem er wusste, dass seine alte Freundin, die Seele, dort früher gewohnt hatte. Nun war er auf einmal ganz aufgeregt und hoffte sehr, irgendein Anzeichen von ihr hinter dem Hügel entdecken zu können. Langsam und zaghaft schaute er über die Kante und konnte es kaum glauben. Die Seele saß, wie sie das immer schon getan hatte, in ihrem Liegestuhl in der Sonne, las gerade eine Zeitschrift und amüsierte sich köstlich.

Schnell rannte er zu ihr und fiel ihr in die Arme. Die beiden herzten sich und der Grips fragte die Seele, wie es ihr gehe. Sie sagte, dass sie sich wie immer pudelwohl fühle. Dass sie sich nur gewundert habe, wo ihr Kumpel, der Grips, auf einmal abgeblieben sei. Da winkte er nur kurz ab und sagte: „Ach, nicht so wichtig.“ Und so kam wieder zusammen, was zusammengehörte.

Und zum ersten Mal im Leben des Gripses bedurfte es der Worte bald nicht mehr. Es war nicht so, dass er nichts mehr zu erzählen gehabt hätte, jedoch bemerkte er, dass für diesen Moment alles gesagt war. Und so saßen die beiden alten Freunde während dieses magischen Abends einfach nur in seliger Stille beieinander und beobachteten gemeinsam einen wunderschönen Sonnenuntergang.

Und als sie da so saßen und es schon dunkel wurde, raschelte es plötzlich leise im Gebüsch neben dem Grips. Wortlos schaute er hin. Was er dort erblickte, war so schrecklich, dass selbst wenn es möglich wäre, es mit Worten zu beschreiben, es niemand wagen würde, diese jemals in den Mund zu nehmen.

Blanke Panik ergriff den Grips. Es war das unversehrte, fette, kleine, gehufte und nun auch gehörnte Eichhörnchen, das ihn durchs Gebüsch mit aufgerissenen, blutunterlaufenen Augen und einer von schierem Wahnsinn und ewigem Unheil erfüllten Fratze unsagbar garstig und rotzfrech angrinste, während es seine beste Freundin, die Seele, in einem ungeheuerlichen Akt der Boshaftigkeit in sich einsog.

Eine Welle des nackten Entsetzens, der bodenlosen Verzweiflung und der schieren Machtlosigkeit fuhr ihm daraufhin in der markerschütternsten aller Weisen durch alle Glieder seines geschundenen Leibes. Die Pein in diesem Augenblick war so unaushaltbar zermürbend für den Grips, dass er sich ihr kampflos auslieferte und daran sterben musste.

Das Ende

Das Ende? Wo das Wesentliche in uns doch unvergänglich ist? Stimmt. Weiter geht‘s …

Nach seinem bitterlichen Tode fand sich derjenige, der vor seinem Tod noch der Grips gewesen war, an einem Ort wieder, der dem, an dem er gestorben war, irgendwie ähnelte. Die Seele war da. Und auch der Hügel, auf dem die beiden Freunde saßen. Der Wald und die Tiere darin waren zu vernehmen und ja, auch der Sonnenuntergang am Horizont war da. Doch irgendwie hatte sich etwas Grundsätzliches verändert.

Es war so, als würde er all dies nun erst wirklich sehen. Ganz so, als ob er die Dinge noch nie zuvor geschaut hatte. Nicht auf diese lebendige Weise, wie er es jetzt tat. Und so ahnte er, dass er die Welt bisher immer nur angeschaut hatte, wohingegen er sie nun regelrecht durchschauen konnte. Gerade so, als ob er davor nie mit ganzem Herzen hingesehen hatte.

Und so strahlten die Farben am Himmel in einer Pracht, die jenseits all seiner Vorstellungen lagen. Die Geräusche des Waldes erklangen in einer solchen Klarheit, dass es ihm vorkam, als höre er sie zum ersten Mal in seinem Leben. Es lagen eine Erhabenheit und ein stiller Frieden in der Luft, sodass er hätte meinen können, ihn förmlich (be)greifen zu können. Begeistert von dieser Herrlichkeit schaute der Grips hinüber zur Seele. Ihre Augen lachten herzlich und zwinkerten ihm allwissend zu.

Daraufhin wurde sein Blick ganz wie von alleine auf die andere Seite, ins Gebüsch geführt. Und da sah er das kleine, wiedererschlankte Eichhörnchen, wie es, so wie er selbst und die Seele auch, einfach nur dasaß und mit friedlich-schüchternem Blick durch die Blätter des Busches in die Schönheit des Sonnenuntergangs schaute. Da rollten ihm Tränen der Freude über die Wangen und Dankbarkeit erfüllte sein Herz. Er hatte „es“ nun begriffen.

Das Ende (der Geschichte)

Kurze Verschnaufpause …

Und die Moral von der Geschicht‘?

Vielleicht: Der Teufel ist ein Eichhörnchen? Wie auch immer, irgendwie scheint es den Teufel jedenfalls zu geben. Denn wenn nicht, wäre ja schon alles paletti. Und, machen wir uns nichts vor, das ist es nicht. Nicht immer oder doch? Natürlich — es könnte durchaus sein, dass dir die Gnade tatsächlich bereits zuteilwird, ein Leben ohne jegliche Ängste zu führen und im Himmel auf Erden zu wandeln.

Vermutest du, dass dem so ist, kannst du folgendermaßen überprüfen, ob es stimmt: Frage dich einfach, ob du wirklich weißt, wer du bist. Solltest du merken, dass du Schwierigkeiten mit dieser Frage aller Fragen hast, zeigt dir dies auf, dass es noch etwas zu entdecken gibt. Mit Schwierigkeiten meine ich an dieser Stelle übrigens nicht die Unfähigkeit, es auszudrücken, denn kein Mensch der Welt kann mit Worten zur Gänze formulieren, wer er ist. Mit Schwierigkeiten meine ich eher, dass du nach längerem, ehrlichem Sinnieren schwierige innere Empfindungen in dir wahrnehmen kannst.

Je feinfühliger du wirst, desto mehr wirst du merken: Je öfter, radikaler und mutiger du infrage stellst, wer du nach Meinung deines Verstandes bist, desto mehr Verantwortung übernimmt automatisch dein wahres Wesen. So wird dir mehr und mehr bewusst: Tief in dir wohnt eine sehr weise und umfassende Klarheit, die dir letzten Endes einfach alle deine Fragen beantwortet. Wenn du also glaubst, bereits im Himmel auf Erden zu sein, bist du’s noch nicht. Erst wenn du es weißt, bist du es. Dann musst du an nichts mehr glauben. Keine weiteren Fragen.

Vielleicht bist du aber auch der Meinung, derartig große Ängste zu haben, dass du ein hoffnungsloser Sonderfall bist, dem nicht mehr geholfen werden kann. Dann erinnere dich bitte daran, dass du, wenn du es einmal betrachtest, wie es ist, im Moment nichts anderes tust, als für eine Weile ein paar bedruckte und ziemlich ungefährliche Blätter Papier anzuschauen.

Wollen wir also einfach einmal die Vermutung aufstellen, dass es ihn gibt, den Unaussprechlichen. Den Verwirrer. Den Durcheinanderwerfer. Den Entzweier. Den Verleumder. Den Teufel. Irgendetwas ist es jedenfalls, das uns immer wieder lockt und blitzschnell in Versuchung führt, sodass wir unserer Wahrhaftigkeit beraubt werden, ohne es zu merken.

Etwas, das uns unterschwellig weismacht, dass wir besser dran sind, wenn wir uns von der Ganzheit unserer Seele abwenden und unsere Erfüllung stattdessen lieber in seinen Fängen suchen. Etwas, das uns heimtückisch in einen Abgrund des Dämmerschlafes stürzt und die mächtige Kraft der Angst benutzt, um uns möglichst für alle Zeiten an sich zu binden.

Vom nie enden wollenden Lärm unserer aufgescheuchten Gedanken und Emotionen völlig übertönt, scheint unsere Seele derweil ein Schattendasein zu führen und es wirkt so, als sei sie nicht mehr anwesend. Wie auch die Sonne hinter der Wolkendecke ist sie in Wirklichkeit natürlich immer da und verliert auch niemals etwas von ihrer Strahlkraft.

Diese Information bringt uns jedoch wenig, wenn wir gerade in den diabolischen Fängen des Zwielichts verstrickt sind. Wie also, um alles in der Welt, können wir uns davon befreien? Wie können wir den Teufel besiegen? Wie wäre es damit, einfach all unseren Ängsten zu begegnen?

Immerhin sind sie ja seine ultimative Waffe. Wenn wir ganz bewusst immer nur noch genau die Dinge tun, die uns Angst machen, könnten wir es vielleicht schaffen, die Waffe des Teufels zu entschärfen. Wir könnten ihm dadurch zeigen, dass sie bei uns zumindest ein Stück weit wirkungslos ist, und ihm dann frech ins Gesicht grinsen.

Irgendwann könnten wir so vielleicht all unsere Ängste überwunden haben, sodass der Teufel erkennen muss, dass wir stärker sind als er, sodass er sich letzten Endes geschlagen gibt. So könnten wir den Himmel vielleicht doch noch auf die Erde holen und ihn endlich feierlich beginnen — unseren permanenten Urlaub. Bis dahin könnten wir uns zu regelrechten Angstjägern entwickeln und es uns gönnen, uns von nun an immer genau dort hinzuwagen, wo es noch zwickt. Denn wo nichts mehr zwickt, ist ja schon alles komfortabel.

Und wenn wir dann erst einmal all unseren Ängsten begegnet sind, werden wir unsere Komfortzone auf das gesamte Universum ausgedehnt haben. Klingt das nicht erhaben? Oh ja, das tut es.

Wir könnten also die Unverschämtheit aufbringen, die Frage „Warum nicht?“ schlicht nicht mehr zu beantworten. Unsere Brillen brillieren an dieser Stelle zwar stets mit einem scheinbar nie versiegenden Fundus an Antworten und Ausreden. Doch könnten wir sie jederzeit mit einem gepflegten „Leck mich!“ in die Schranken weisen.

Und sollten wir Rückschläge auf diesem Weg erleben, könnten wir es uns erlauben, sie nicht als Bestätigung unserer Angst zu sehen, sondern stoisch bei unserer inneren Haltung bleiben und den Weg des Angstjägers tapfer weitergehen. Vielleicht könnten wir uns so eine Extrarunde durch die Hölle ersparen und irgendwann tatsächlich in den Himmel auf Erden eintreten. So könnten wir beispielsweise:

  • einen Bungeesprung machen, wenn wir Höhenangst haben
  • fliegen, wenn wir Flugangst haben.
  • auf ein möglichst großes Konzert gehen, wenn wir Angst vor großen Menschenansammlungen haben.
  • eine Spinne auf die Hand nehmen, wenn wir Spinnenangst haben.
  • zum Zahnarzt gehen, wenn wir vor ihm Angst haben.
  • in eine öffentliche Sauna gehen, wenn wir uns für unseren Körper schämen.
  • allein daheimbleiben, während alle unsere Kumpels auf der Party des Jahres sind, wenn wir Angst haben, etwas zu verpassen.
  • mit all unseren Kumpels auf die Party des Jahres gehen, wenn wir Angst vor Menschen haben.
  • weniger arbeiten, wenn wir Angst davor haben, „es nicht zu schaffen“ oder „es zu nichts zu bringen“.
  • Single bleiben, wenn wir Angst vor Einsamkeit haben.
  • uns binden, wenn wir Angst haben, verletzt zu werden.
  • etwas ändern, wenn wir Angst vor Veränderung haben.
  • nichts ändern, wenn wir Angst vor Stagnation haben.
  • uns umbringen, wenn wir Angst vor dem To…

Hoppla … hmm … oder nicht? Immerhin ist die Angst vor dem Tod ja die allem zugrunde liegende. Das wäre doch sicher praktisch, denn so hätten wir auf einen Streich gleich auch alle anderen Ängste los. Das wäre auch nicht so aufwendig wie diese langwierige Ängstejagd. Denn jetzt mal ehrlich: Es klingt ganz und gar nicht nach Urlaub, diese vielen Ängste ewig lang abzuklappern. Bis man da mal fertig ist …

Andererseits hätte Selbstmord zugegebenermaßen auch den kleinen Nachteil, dass wir unser Leben gar nicht mehr so richtig genießen können, wenn wir tot sind. Zumindest dieses nicht. Und ob wir unsere Probleme im nächsten dann wirklich komplett los sind, können wir auch nicht mit Sicherheit sagen. Wie unpraktisch.

Tja, und jetzt? Irgendwie scheinen wir in einer Zwickmühle zu sein. Bringen wir sie zum Malen …

Showdown, Baby!

Ich möchte es nicht verheimlichen: Wir sind auf unserer Reise kurz vor der herausforderndsten aller Stromschnellen angekommen. Daher könnte es im Folgenden gut möglich sein, dass du in schwerwiegende Turbulenzen kommst. Ich empfehle dir daher, dein Boot beim Lesen durch größte Aufmerksamkeit und volle Hingabe so stabil wie möglich zu halten. Es wird kein Zuckerschlecken. Ich möchte ehrlich sein. Das Kommende gleicht einem Himmelfahrtskommando.

Deine Überlebenschancen sind spärlich. Ich weiß, dass ich dir das zu Beginn unserer Reise so nicht gesagt habe. Aber dann wärst du bestimmt gar nicht erst mitgekommen. Verdamme mich, wenn du willst. Jetzt hilft es nichts mehr. Ich kann für nichts mehr garantieren. Doch auch wenn es paradox klingt: Solltest du das Tal vor dir tatsächlich irgendwie überleben, bist du übern Berg. Auf geht’s!

Nach Hause kommen

Stelle dir dich selbst als ein Haus vor. Die Zimmer, aus denen du bestehst, darfst du in deiner Vorstellung nun mit all jenen Aspekten deines Lebens füllen, die für dich von Relevanz sind. Relevanz sowohl angenehmer als auch unangenehmer Art.

Das Wohnzimmer könnte beispielsweise für deine Familie stehen. Das Schlafzimmer für deinen Partner. Das Kinderzimmer für deine Kinder. Das Büro für deinen Job. Der Partyraum für deine Freunde. Der Hobbyraum für deine Heiligtümer. Die Küche und das Bad für deinen Körper.

Weitere Zimmer könnten stehen für deinen Besitz, deine Werte, deine Philosophie, deine Spiritualität, deine Stärken, Fähigkeiten und Talente, deine Schwächen, Fehler und Unzulänglichkeiten, deine Erfolge und Misserfolge, all deine schönen und unschönen Erinnerungen und Erfahrungen, deine Pläne, Ziele, Visionen und Träume, deine Nationalität, deine Kultur, deine Ethnie, dein Geschlecht und dein Alter.

Du darfst aus so vielen Zimmern bestehen, wie du möchtest. Deiner Vorstellungskraft sind keine Grenzen gesetzt. Gehe in aller Ruhe und Achtsamkeit vor und bewege dein Bewusstsein von Zimmer zu Zimmer in dir.

Es gibt keine Eile. Visualisiere und sinniere eine Weile bildhaft darüber. Nehme Raum für Raum wahr in dem Haus, das du bist. Wie sieht es darin aus? Wie fühlt es sich an? Wie riecht es? Was hörst du? Wer begegnet dir? Wie unterscheiden sich die Stimmungen in den verschiedenen Zimmern voneinander? Gibt es auch so etwas wie Unbehagen, das sich hier und da meldet? Scheinen einige Zimmer vielleicht etwas unordentlich oder schmutzig zu sein, wenn du genau nachschaust?

Nimmst du, wenn du ganz ehrlich bist, die Tendenz wahr, manche Türen in dir lieber öffnen zu wollen als andere, weil manche Räume einfach sauberer, aufgeräumter, behaglicher und sicherer wirken? Vielleicht gibt es auch so manches Zimmer, dessen Türe du am liebsten gar nicht erst öffnen würdest, weil du weißt, dass es vor Dreck und Chaos regelrecht überquillt?

Spüre jetzt hinein. Nimm dir ruhig einige Zeit dafür. Höchstwahrscheinlich wird es so sein, dass du nicht jede Tür in dir gleich gern öffnest, nicht wahr? Das ist okay, denn der Schmutz und die Unordnung, die manche Zimmer einfach ungemütlich machen, sind deine Ängste. Und kein Haus der Welt kann jemals absolut lupenrein sein.

Du als das bewusste und lebenswillige Haus hast dich jedoch nun dafür entschieden, einen allumfassenden Hausputz durchzuführen, denn du hast eine Mission — den Sieg über den Teufel. Du hast dich also zum tapferen Angstjäger auserkoren und machst es dir nun zur Aufgabe, möglichst all deine Ängste regelrecht wegzuwischen. Du weißt zwar, dass das erst einmal kein Urlaub sein wird, doch weißt du auch: Der wird kommen.

Und auch wenn du weißt, dass kein Haus der Welt jemals absolut lupenrein sein kann, ist dein Ziel dennoch, den Schmutz in dir wenigstens zu neunundneunzig Prozent zu beseitigen. Und wer weiß, vielleicht wischst du das letzte verbleibende Prozentchen dann ja auch noch weg. Das bist du dir einfach wert. Es war nun lange genug chaotisch und dreckig in dir. Immerhin bist du das Haus. Wäre es da nicht eine Schande, wenn du dich vor lauter Angst so manchem Teil von dir nicht mehr öffnen könntest?

Oh ja, das wäre es. Daher verlierst du keine Zeit und legst los. Du ziehst in den Kampf gegen den Teufel. Du weißt, dass es Angenehmeres gibt, doch weißt du ebenso, dass es nichts hilft. Immerhin hat ja mal jemand gesagt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Wo sich dein altes Ich noch oft in einem relativ sauberen Raum bequem gemacht hat, um sich vor der unangenehmen Begegnung mit dem teuflischen Dreck zu drücken, wird sich ihm dein neues Ich jetzt mutig annehmen, auf dass es dem Schmutz ein für alle Mal an den Kragen gehe.

Und wie du Zimmer für Zimmer in dir fleißig schrubbst, fegst und ausmistest, merkst du, dass jeder Raum aufs Neue eine gehörige Portion Überwindung kostet. Doch merkst du ebenso, wie dein Gemüt immer dann, wenn du erst einmal angefangen hast, schon leichter wird und vielleicht sogar so etwas wie Zufriedenheit empfindet.

Doch es bleibt ein Auf und Ab. Immer wieder entdeckst du doch noch ein kleines Kämmerlein, das du ganz vergessen hast und das noch ziemlich verdreckt ist. Allerdings bleibst du tapfer, denn schließlich hast du Sauberkeit und Ordnung in dir mehr als verdient. Also weg mit dem Dreck! Eiserne Disziplin und stoisches Durchhaltevermögen kennzeichnen deinen Weg. Jeden Tag.

Und tatsächlich — nach jahrelangem inneren Wienern kommt der erhebende Tag, auf den du immer gewartet hast. Es ist der Tag, an dem sich deine Tapferkeit, Mühe und Disziplin wahrlich auszahlen. Du hast jedes Zimmer in dir mehrfach kontrolliert. Es scheint also zu stimmen. Du kannst es noch gar nicht richtig fassen und traust dich kaum, es auszusprechen, doch lässt du nun los und erlaubst dir anzuerkennen: Du bist zu neunundneunzig Prozent aufgeräumt und sauber. Wow! Du hast es dir verdient. All die Mühe war es wert. Du kannst dir wahrlich sicher sein. Es ist vollbracht. Welch feierlicher Augenblick.

Und so findest du dich schließlich wieder als ein wunderschönes, lichtdurchflutetes und tatsächlich fast zur Gänze staubfreies Haus. Besser geht’s nicht. Nach Jahren fleißigsten inneren Reinigens ist der Moment für die Belohnung gekommen. Denn wer sät, der auch erntet. Ist es nicht atemberaubend schön? Oh ja, das ist es. Du hast Blut, Schweiß und Tränen vergossen, doch hast du es endlich geschafft.

Es ist offiziell: Der Teufel ist besiegt. Du bist angekommen bei dir selbst. Du hast dich all deinen Ängsten gestellt und bist nun ein freies Haus voller Licht, Liebe und Lebensfreude. Die Türen aller Zimmer sind geöffnet. Die Schatten der Vergangenheit sind nicht mehr. Das Leben als permanenter Urlaub kann in diesem Augenblick feierlich beginnen. Halleluja! Lobpreiset den Herrn!

Und so lebst du nun als dieses liebevolle und friedliche Haus, in das nun ebenso auch der liebe Gott persönlich einziehen könnte, und genießt einfach jede einzelne Sekunde in vollen Zügen. Dir wird die Gnade zuteil, das Glück selbst gepachtet zu haben. Welche Herrlichkeit. Ja, welche Pracht. Oh ja, welch Liebreiz doch dein frohlockendes Herz durchdringt. Ist es nicht die schiere Wonne, die das Leben ist? Ja, das ist es. Das … ist es. Wahrlich ist es das.

Die Sonne scheint durch die blitzblanken Fenster und alle deine Zimmerpflanzen sprießen nur so, regelrecht inspiriert von der ungezügelten Lebensfreude, die in der Luft liegt. Du stehst in einer Wolke der Glückseligkeit, die wahrlich ihresgleichen sucht.

Sekunde um Sekunde. Minute um Minute. Stunde um Stunde. Tag um Tag. Woche um Woche. Monat um Monat. Jahr um Jahr. Und ja, es ist ein unaufhörliches Jubilieren. Ist es das nicht? Oh doch, das ist es. Mit der Zeit stellt sich zwar so etwas wie eine leichte Gewöhnung dieses zweifellos sagenhaften Zustandes ein, doch könnte dies mitnichten etwas an der schlichten Pracht und dem tiefen Frieden ändern, der wahrlich in dir wohnt. Oh nein, nicht einmal im Entferntesten könnte es das. Niemals mehr. Denn, wie sollte es das auch können?

Das wäre ja gar nicht möglich, weil sich, wie gesagt, keinerlei Schmutz mehr in dir befindet. Wagt es etwa jemand, das anzuzweifeln? Hat da etwa jemand was dagegen? Wie auch immer, der hat dann offensichtlich nicht richtig zugehört, denn es wurde ja nun oft genug klar und deutlich kommuniziert, dass es so ist. Und sowieso: Jedes einzelne Zimmer wurde akribisch gesäubert und mehrfach kontrolliert. Es kann also gar nicht sein. Und würde irgendjemand Dahergelaufenes behaupten, dass dem nicht so ist, wäre das nur ein armseliger Lügner.

Was es nur für erbärmliche Gestalten gibt. Da müht man sich jahrelang ab, sodass man sich seinen lieben Frieden redlich verdient hat, und nichts wird einem gegönnt. Bemitleidenswert! Gott sei Dank musst du dich nicht mehr mit solchen Arschlöchern abgeben, nicht? Und scheiße, was müffelt hier eigentlich so? Pfui Teufel! Wie lange soll das denn noch gehen? Am Arsch sollen sie dich alle lecken. Es kann überhaupt nicht müffeln, denn du bist mit Abstand das sauberste Haus der Straße, verdammt noch mal!!!

Da öffnet sich am Himmel plötzlich die Wolkendecke und inmitten eines Meeres aus weißem Licht erscheint der Herrgott höchstpersönlich und spricht:

„Sag mal, bist du noch ganz sauber? Soll ich dir mal sagen, was an dir so stinkt? Es ist der unaushaltbar widerliche Gestank der Leichen, die in deinem Keller liegen und dort verrotten. Schon seit Jahren tun sie das. Was glaubst denn du, warum du nie Besuch bekommst? Das Einzige, was bei dir frohlockt, ist Fäulnis und Verwesung. Deine Bude stinkt zehn Meter gegen den Wind. Schon die ganze Zeit. Es grenzt an ein Wunder, dass du das nicht gemerkt hast. Und ich sage dir all dies in dieser schmerzhaften Deutlichkeit nur aus einem einzigen Grund: weil ich dich bedingungslos liebe.“

Was sagt der denn da? Haha, das kann nicht sein. Außerdem: Welch Unerhörtheit, in einem solchen Ton mit dir zu sprechen, nicht?! Wenn der wüsste, wen er vor sich hat.

Voller Empörung und natürlich über jeden Zweifel erhaben, greifst du jetzt zu anderen Mitteln. Er hat es wohl nicht anders gewollt: Du kaufst dir nun Raumspray. Das wurde in der Werbung übrigens auch immer so gelobt. Du setzt dein bestes Lächeln auf und sprühst dich von oben bis unten damit ein.

Nach einiger Zeit allerdings ist auch dieses aufgebraucht und du kannst so langsam nicht mehr leugnen, dass du wirklich bestialisch stinkst. Langsam, aber sicher kommst du ins Grübeln. Was ist da faul an dir? Nicht wenig, wirst du zugeben müssen. Schimmel und Fäulnis kriechen nun aus dem Keller langsam an den Wänden hinauf und besetzen nach und nach schleichend einen Raum nach dem anderen. Du versuchst noch das eine oder andere, um dieses entsetzliche und widerwärtige Treiben an dir zu stoppen. Doch bleibt dir schließlich nichts anderes mehr übrig, als dir selbst bei jedem noch so widerwärtigen Detail deines langsamen und sicheren Verfalls machtlos zuzuschauen.

Da stehst du nun, als verrottendes, stinkendes Haus und weißt weder ein noch aus. Es ist die absolute Aussichtslosigkeit. Die schiere Scheußlichkeit. Die pure Verzweiflung. Die ultimative Zwickmühle.

Und wo du da so vor dich hin gammelst, aus nichts anderem mehr bestehst als einem unbezwingbaren Berg an Scheiße, und sich die Hoffnung in unerreichbaren Sphären zu befinden scheint, tut sich vor dir auf einmal ein gewaltiger Riss in der Erde auf. Und unter ohrenbetäubendem Getöse von gewaltigem Donner und grellem Blitz fährt der Leibhaftige selber aus den unendlichen Abgründen der Verdammung empor und erscheint zu deinem blanken Entsetzen direkt vor dir aus einer Wolke von Schwefel, Asche und Feuer.

Und da passiert es …

Du gibst

die Hoffnung

auf.

Ganz.

Du gibst dich geschlagen und fällst einfach in dich zusammen.

Das wars. Du, das Haus, bist nicht mehr.

Es ist vorbei.

Es ist vorbei. Und geht doch weiter. Nur dass alles anders ist. Und unerklärlicherweise gleichzeitig alles gleich. Alles, was da ist, ist unverfälschte Nichtheit. Doch wie geht das? Wie kann diese Nichtheit da sein, wenn doch nichts mehr da ist? Es scheint ein in sich unlösbares (Un-)Ding der Unmöglichkeit zu sein und ist doch möglich. Denn das, was noch da ist, wenn alles weg ist, ist das Gewahrsein selbst, welches bezeugt, dass alles weg ist. Es ist die Wachheit an sich, die das Nichts als solches wahrnimmt.

Es ist pures Bewusstsein, welches in der Gewissheit verharrt, dass jetzt alles vorbei ist. Und damit für immer. Also nie. Gleichzeitig. Es ist die ewig-lebendige Instanz inmitten des allumfassenden Todes. Diese Instanz bist du. Willkommen in der Unsterblichkeit. Willkommen bei dir.

Und so wird dir plötzlich sonnenklar, dass du in Wirklichkeit niemals ein Haus gewesen bist, sondern die ganze Zeit über nur in einem gewohnt hast. Und diese kleine, aber alles entscheidende Erweiterung in deiner Wahrnehmung ermöglicht dir die völlig überwältigende und absolut lebensverändernde Freiheit, einfach zur Haustüre hinauszugehen.

Hiermit öffnest du die Tür und gehst hinaus. Du findest dich wieder an einem Ort, wo auch nur der Versuch zu putzen oder aufzuräumen lächerlich erscheint. Dort, wo Schmutz und Dreck nichts Unerwünschtes mehr ist, weil er als die Grundlage allen Lebens begriffen und „Erde“ genannt wird. Dort, wo sich alles von selbst ordnet, ohne dass nachgeholfen werden müsste. Dort, wo alles ist, wie es ist: in der Natur. In der Natur des Menschen.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Permanent Vacation: Eine Erinnerung an die Zeitlosigkeit“ von Andreas Schnitzer.

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