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Mut zum Handeln

Mut zum Handeln

Wagen wir den ersten Schritt, um aus unserer Hilflosigkeit auszusteigen.

von Vera-Maria Voigt

In der Kindheit wird man oft vor Vielem bewahrt. Oft hört man den Satz: „Du bist noch zu klein“. Ich denke, jeder kennt ihn; für Kinder ist er sehr frustrierend. Diese Frustration hat lange bei mir angehalten und mich „deaktiviert“.

Aber wann, ja, wann kommt denn eigentlich der Moment, in dem man für ein Thema, für das man gerade noch zu klein war, plötzlich „groß genug“ ist? Viele Eltern verpassen diese Momente und so kommt in einigen Themen das „Groß-genug-sein“ nie. Oder erst dann, wenn man nach vielen erwachsen gewordenen Jahren genau das herausbekommt: Dass man jetzt groß genug ist.

Ich selber bin sehr behütet und glücklich groß geworden. Auf dem Land, mit Tieren, immer draußen, wenn auch nicht in einer heilen Familie. Zufrieden und gut in der Schule, alles war sortiert und unaufgeregt. Bis ich achtzehn Jahre alt war. In vielen Bereichen musste ich ab dann erwachsen werden. Plötzlich und hart.

Nun bin ich sechsunddreißig Jahre alt und werde endlich in einem Bereich groß genug, den ich mittlerweile für so wesentlich halte — gern wäre ich darin schon früher „erwacht“: aktiver Mensch zu sein. Wie wichtig!

Sind Sie ein aktiver Mensch, ein Mitbürger, ein MUT-Bürger? Oder gehören Sie noch — wie ich so lange — zu denen, die gerne sagen: „Das ist schrecklich“, „Das dürfte so nicht sein“, „Das müsste aber anders“, ...? Ich wurde in den letzten zwei Jahren durch einen lieben Mitmenschen plötzlich und schonungslos mit der Nase in den Mist gedrückt: „Hier, riech mal!“ Und ich musste lernen, dass es nicht gut riecht in dem Land, in dem ich lebe. Ja, es riecht nicht nur nicht gut — es mieft, es stinkt gewaltig!

Ich setze nun erste Schritte, wie ein kleines Kind, das anfängt zu laufen, und mache mich auf den Weg zum Erwachsenwerden. Die Dinge zu ändern, die in meiner Macht liegen. Und das genau ist meiner Meinung nach ein Schlüsselsatz:

Das zu ändern, was in meiner Macht liegt!

Ich muss nicht Politikerin werden, ich muss nicht Umweltministerin oder Bildungsministerin werden — auch wenn das die Bereiche sind, in denen ich es gerne wäre ... — nein: Auch so kann ich in meinem Umfeld die Dinge ansprechen, die Dinge zu verändern suchen, die ich ändern kann, auch ohne es gleich zu meinem Beruf oder größten Hobby machen zu müssen.

Ich kann mich aktiv in der Dorf- und Stadtpolitik bei den Bürgerversammlungen beteiligen. Ich kann in verschiedenen Themenbereichen, die mich interessieren, an Sitzungen teilnehmen, am Eltern-Lehrer-Kreis in der Schule oder beim nächsten Umweltprojekt vor meiner Haustür. Ich kann vor allem mit den Menschen reden, denn so viele von ihnen haben aus sich selbst heraus nicht den MUT. Sie haben viel mehr Zeit als MUT, viel mehr Zeit als Ahnung davon, was sie eigentlich alles mitgestalten können!

Wir brauchen MUT-Bürger, die die anderen begeistern und an der Hand nehmen können. Jeder hat Themen, für die er brennt. Diese muss man herausfinden und sich die Frage stellen, was der erste kleine Schritt in die richtige Richtung sein kann. Manche Dinge müssen mit kleinen Schritten beginnen und wenn man sich auf dem neu betretenen Boden sicher und immer sicherer fühlt, werden die Schritte langsam größer.

Gefährlich ist die Frustration, die Hilflosigkeit, die alltägliche Ablenkung, die uns stumm werden und resignieren lässt. Und dann — auch das kennt man —, wenn man erst einmal darüber spricht, finden sich plötzlich Gleichgesinnte. Oh, wie viel könnte ich hier schreiben, von all den Themen, die mir auf den Nägeln brennen, die so sehr stinken hier in unserem „sauberen“ Deutschland. Aber noch viel wichtiger — ja, der Überzeugung bin ich! — muss den Menschen MUT gemacht werden, sodass sie sich einmischen und zu Veränderungen beitragen.

MUT beginnt in einem ruhigen Herzen, in Selbstbewusstsein, Neugierde und Tatkraft und — durch Empörung! Werdet groß genug! Dafür ist man nie zu alt.

Ich fahre jeden Morgen meine Kinder in die Schule. Mit Tränen in den Augen, sehe ich regelmäßig totes Dammwild und Rehe mit gebrochenem Rückgrat am Straßenrand liegen. An einer Stelle befindet sich offensichtlich ein Wildpfad, der beim Bau der Straße nicht beachtet wurde. Achtzehn (!) Tiere wurden dort in wenigen Wochen überfahren.

Was habe ich geschimpft und dann — habe ich die Polizei angerufen. Die konnte mir nicht helfen, also bin ich zum Straßenbauamt gegangen, die haben mich zur Verkehrsbehörde geschickt. Der Antrag ist gestellt, mit den zuständigen Jägern habe ich gesprochen. Nun heißt es warten, ja, aber die ersten Schritte sind gesetzt. Es hat mich nichts gekostet außer ein paar aufschlussreiche Gespräche und ein klein wenig Zeit.

Es fühlt sich gut an, groß genug zu werden. Das hätte ich gerne früher von meinen Eltern gelernt. Wir müssen Vorbilder sein. Meine Kinder sollen keine Angst vor solchen Schritten haben. Ich möchte ihnen MUT mit auf ihren Lebensweg geben, sich nicht nur zu empören, sondern dann, als nächsten Schritt, auch zu handeln.


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Vera-Maria Voigt lebt in Norddeutschland nahe der Ostsee und wohnt und arbeitet mit ihren beiden Kindern, Hund, Pferden, Hühnern und Schweinen auf einem kleinen Hof und begeistert sich seit zwei Jahren für alle sozial-politischen und Umweltthemen in ihrer Umgebung. Sie hatte die allgemein bekannte und grassierende Krankheit der Hilflosigkeit und politischen Frustration. Nun ist sie auf dem Wege der Besserung.

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