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Münzen und Scheine im Visier

Münzen und Scheine im Visier

Der Chef von Mastercard bezeichnete das Bargeld als „Staatsfeind Nummer eins“ — Höhepunkt einer Langzeitkampagne für seine Abschaffung.

Mastercard-Chef Ajay Banga betrachtet das Bargeld als Staatsfeind

Von 2010 bis 2020 war er Chef von Mastercard, zuvor in Topposition bei der Citi-Bank tätig, dem dazumal größten Bankhaus der Welt: Ajay Banga. Bei einem Gespräch, veranstaltet von der Stanford Graduate School of Business, verriet er, wo für ihn der Rubel rollt:

„Es gibt (…) eine einzigartige Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen, und zwar durch das wegfallende Bargeld. Es ist für mich der Staatsfeind Nummer eins“ (24. April 2014.

Visa will das Bargeld vom Markt drängen

Bargeld fällt natürlich nicht einfach so weg. Da wird schon nachgeholfen. Der Konkurrent Visa zum Beispiel versprach im Jahr 2017 fünfzig Restaurants und Lebensmittelhändlern 10.000 US-Dollar. Das Geld durfte zur Aufrüstung der Zahlungstechnologie und für eine Marketingkampagne verwendet werden. Doch unter einer Bedingung, wie das Wall Street Journal berichtete: „Im Gegenzug müssen die Unternehmen die Annahme von Bargeld einstellen.“

Visa-Chef Alfred Kelly teilte mit, worum es dem Unternehmen geht: „Wir konzentrieren uns darauf, Bargeld aus dem Geschäft zu drängen. Der wichtigste Wachstumshebel ist die Ersetzung von Schecks und Bargeld durch digitale und elektronische Zahlungen“ (The Sun).

PayPals größter Konkurrent

Dan Schulman war für das Kreditkartenunternehmen American Express tätig, bevor er 2014 als neuer Chef von PayPal vorgesehen wurde. Ein Jahr später sendete Bloomberg ein Interview mit dem Topmanager: „Der größte Konkurrent, den wir haben, ist die Verwendung von Bargeld“ (Minute 5:10).

Schulman sagte das am Rande des Forums für finanzielle Inklusion am 1. Dezember 2015. Veranstalter waren die United States Agency for International Development (USAID), also die US-Entwicklungshilfebehörde, und das Finanzministerium der Vereinigten Staaten. Viele, zum Teil sehr bekannte Personen traten dort auf:

  • Jacob Joseph Lew, 2013 bis 2017 US-Finanzminister, 2006 bis 2009 für die Großbank Citi tätig
  • Bill Gates
  • Jamie Dimon, Chef von JPMorgan Chase, dem größten Bankhaus der Welt
  • Königin Máxima der Niederlande
  • Dan Schulman, Chef von PayPal
  • Bob Annibale von der Citi

Die USA helfen der Finanzindustrie

„Inklusion“ klingt erst einmal nach einem schönen Wort. Es scheint um die Integration der Ausgeschlossenen zu gehen. Doch was verstehen die US-Behörden eigentlich darunter? Viele erinnern sich noch an das Chaos in Indien. Das war in den Tagen um die US-Präsidentschaftswahlen im November 2016. Die Regierung hatte von heute auf morgen 86 Prozent des Bargelds für ungültig erklärt.

Einen Monat zuvor verkündete die USAID-Behörde eine neue Phase der Zusammenarbeit mit dem indischen Finanzministerium. Darin kam wunderbar zum Ausdruck, worum es bei der finanziellen Inklusion eigentlich geht:

„(…) Jonathan Addleton, Leiter der USAID-Mission in Indien, lobte die Bemühungen Indiens, die finanzielle Inklusion auszuweiten und eine integrative digitale Wirtschaft aufzubauen. ‚Indien steht an der Spitze der weltweiten Bemühungen, die Wirtschaft zu digitalisieren und neue wirtschaftliche Möglichkeiten zu schaffen, die sich auch auf schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen erstrecken. Catalyst wird diese Bemühungen unterstützen, indem wir uns auf die Herausforderung konzentrieren, alltägliche Einkäufe bargeldlos zu machen‘, sagte Addleton.“

In seinem Interview mit Bloomberg brachte es der PayPal-Chef kürzer auf den Punkt: „Ich denke also, wenn man über finanzielle Eingliederung nachdenkt (...), ist das ein Slogan, um die Leute ins System zu bringen“ (Minute 5:49).

Auch der US-Finanzminister sah in Bargeld einen Feind

Offenbar kämpfen die USA im Krieg gegen das Bargeld Seite an Seite mit der Finanzindustrie. Hohe Beamte bedienen sich derselben Sprache wie ein Chef von Mastercard. Königin Máxima der Niederlande sagte während ihres Auftritts: „Ich werde nicht vergessen, dass der Vorgänger im Finanzministerium sagte, der Feind sei das Bargeld“ (Minute 31:00).

Mit dem Vorgänger kann nur Timothy Geithner gemeint sein, Obamas Finanzminister der ersten Amtszeit. Geithner gehört auch zu den Mitgliedern der berüchtigten G30-Gruppe. Dort plaudert die Finanzbranche mit den Zentralbanken. Fernab der Öffentlichkeit natürlich.

Mastercard, der Feind der Armen?

Michael Miebach ist der Nachfolger von Ajay Banga. Einst war er — wie sein Vorgänger auch — in leitender Funktion bei der Citi tätig., außerdem bei der britischen Großbank Barclays. 2016 schrieb er Folgendes (ich übersetze):

„Zwei Milliarden Menschen (…) haben kein Bankkonto. (…). Und es geht nicht nur darum, ein Konto zu haben — es geht darum, ein Konto zu verwenden. (…). Warum ist das alles so wichtig? Es ist wichtig, weil Bargeld der Feind der Inklusion ist. Es ist wichtig, weil Bargeld der Feind der Armen ist.“

Bargeld der Feind der Armen? Müssen arme Menschen dafür zahlen, dass sie Bargeld besitzen? Nein, Bargeld gehört zum Eigentum und ist daher natürlich gebührenfrei. Fließen Steuergelder in die Herstellung von Banknoten und Münzen? Nein, denn die Zentralbank finanziert sich selbst. Beschert das Bargeld der Gesellschaft einen gewissen Arbeitsaufwand? Ja, vor allem dem Einzelhandel und den Banken entstehen Kosten für das Bargeldmanagement. Mitarbeiter müssen bezahlt werden.

Und wie ist das Ganze, wenn es nur die Mastercard gibt? Dann zahlen die Armen Gebühren an einen US-Konzern. Die Mitarbeiter im Inland werden nicht mehr benötigt. Das Geld fließt ins Ausland.

Und nebenbei büßt der Verbraucher die Kontrolle über seine Ausgaben ein. Karten und Handyzahlungen sind ungreifbar und intransparent.

Viele Studien haben gezeigt, dass die Verschuldungsgefahr ansteigt. Den Armen geht es noch schlechter.

Die Erfindung des Dreckbargelds

2013 bemühte Mastercard ein Labor der Universität Oxford damit, die Keimzahlen auf Banknoten verschiedener Währungen festzustellen. Von Euroscheinen konnten im Schnitt 11.000 Bakterien gewonnen werden. Diese geringe Zahl zeigt, dass Bargeld ein relativ unfruchtbares und sauberes Medium ist. Trinkwasser aus der Leitung ist mit Zehntausenden Bakterien je Milliliter angereichert. Ein Gramm Joghurt kann eine Milliarde von ihnen enthalten. Mikroben sind die Grundlage des Lebens. Wir sind umgeben von ihnen. Ohne sie geht es nicht. Unser Immunsystem kann ohne ihre Anwesenheit nicht korrekt arbeiten.

Natürlich hat Mastercard weder Smartphones noch Bankkarten oder Geheimzahltasten untersuchen lassen. Das Ergebnis wäre interessanter gewesen, denn Bakterien lösen sich von glatten Oberflächen viel leichter ab.

Leider gelang es dem Kreditkartenkonzern mit seiner Kampagne, weltweit für Sensationsmeldungen zu sorgen: Der Eindruck entstand, eine seriöse Oxfordstudie habe aufgezeigt, dass von Bargeld eine Gesundheitsgefahr ausgeht. Medien in unter anderem Großbritannien, Amerika, Spanien, Japan, der Schweiz, Ukraine und Russland berichteten.

Seinen Erfolg verwertete Mastercard in den Folgejahren. Auf einer Grafik des Unternehmens, offensichtlich bestimmt für das Teilen in den sozialen Medien, heißt es: „Was denken Sie, wann die Nutzung des #Dreckbargelds mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt sein wird?“

Aktiv werden für den Erhalt des Bargelds

Sie haben gesehen, dass sich die Finanzindustrie nicht unbedingt ehrenhaften Zielen verpflichtet fühlt. Es tobt der War on Cash. Man sagt, im Krieg sterbe die Wahrheit als Erstes. Doch es stimmt auch, dass eine Wahrheit in einem Augenblick alle Lügen vernichten kann. In diesem Sinne bitte ich Sie, sich an der Aufklärung über den individuellen und gesellschaftlichen Nutzen des Bargelds zu beteiligen:

  • Verbreiten Sie gute Recherchen zum Thema Bargeldabschaffung. Brisante Artikel gibt es regelmäßig auf Bargeldverbot.info und bei Dr. Norbert Häring.
  • Verteilen Sie Flyer. Das Flugblatt „Bargeld und unsere Freiheit sind in Gefahr“ können Sie kostenlos bestellen oder selbst ausdrucken.
  • Sie dürfen an der Kasse nicht mit Bargeld bezahlen? Teilen Sie Veranstaltern und Ladeninhabern freundlich, aber bestimmt mit, dass Sie sich nicht eher wieder blicken lassen werden, bis die Möglichkeit wiederhergestellt ist, bar zu zahlen. Aktueller Fall: die von Mastercard mit gesponserte Stuttgarter Jazz Open.
  • Zahlen Sie, wo immer es geht, bar.
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