Mord mit gutem Gewissen

Um einem Menschen dazu zu bringen, einen anderen zu töten, bedarf es gezielter Manipulation.

Wie schafft es ein Soldat, Menschen zu töten, ohne dabei zum seelischen Wrack zu verkommen? Sind Soldaten Monster oder einfach nur empathiearme Karrieristen? Oder sind es Leute wie du und ich, nur geworfen in eine extreme Situation? Um Menschen zu verstehen, kann es nicht schaden, sie genauer zu betrachten. Schauen wir also in das Gesicht eines Soldaten.

Auf dem unten zu sehenden Bild erkennen wir den Kampfpiloten Captain Matt Lande. Er war damals gerade von einem mehrmonatigen Einsatz in Afghanistan und dem Irak zurückgekehrt. Matt Lande war ein F-16-Pilot der 23. Fighter Squadron und leistete „den Koalitionsstreitkräften im Irak und in Afghanistan Unterstützung“. Seine Familie empfing ihn auf der Luftwaffenbasis der US Air Force im rheinland-pfälzischen Spangdahlem. Matt Lande war sichtbar glücklich, seinen damals zweijährigen Sohn Nick wieder auf dem Arm halten zu können (1,b1).


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Warum sollte Matt Lande kein guter Vater sein, der seinen Sohn und seine Frau liebt? Ich sehe keinen Grund, an der Empathiefähigkeit des Soldaten Matt Lande zu zweifeln.

Doch im Dienst bringt er Menschen um, Menschen, die er nicht kennt und die ihm nie etwas zuleide taten.

Flieger haben es gut. Piloten US-amerikanischer Kampfflugzeuge kommen selten in die Verlegenheit einer direkten Konfrontation mit ihren Kriegsgegnern. Fast alle ihre Einsätze sind getragen von einer kompletten Luftherrschaft oder zumindest starken Luftüberlegenheit. Technologisch gesehen fliegen sie über Afghanistan in einer eigenen Welt. Immerhin sitzen sie noch im Kriegsgerät – im Gegensatz zu Drohnenpiloten, die es sich in komfortablen Bürostühlen bequem machen können. Aber sowohl die einen als auch die anderen sehen ihre Opfer nicht. Sie bekämpfen ein Ziel ohne Gesicht, in dem die Menschen zu bloßen Objekten verschwimmen und maximal für den body count gut sind (2-5,b2).


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„Normale“ Piloten töten nicht aus Mordlust. Sie tun es, um ein Wertesystem zu verteidigen, von dem sie glauben, dass es „natürlich“ ist. Sie tun es, weil sie überzeugt sind, „gute“ Menschen zu retten, wenn sie „böse“ Menschen umbringen. Was sie möglicherweise sogar bedauern, aber als unvermeidlich anerkennen. Den zu zahlenden Preis eines Krieges als unvermeidlich für das Gute hinzustellen, ist nicht nur eine Sicht pathologischer Geostrategen. Sie ist über alle Hierarchie-Ebenen der Macht hinweg ein Argument aus der Welt des Schwarz-Weiß-Denkens.

Wenn Werte nicht aus uns selbst kommen, dann kommen sie von Menschen, die bewusst oder unbewusst bestrebt sind, dass wir ihre Werte zu unseren eigenen Werten machen. Dass wir aber auch die Regeln, welche mit den Werten geliefert werden, hinnehmen. Wenn wir nicht an uns selbst glauben können, sind wir manipulierbar und glauben an das, was wir glauben sollen. Dann glauben wir auch der paranoiden Ideologie einer Kaste von Weltenlenkern, die uns davon zu überzeugen sucht, dass wir allesamt in einer Welt von Feinden leben.

Dass wir das, was unser eigenes Herz gepaart mit unserem Verstand uns sagt, dem hintenanstellen, was Ideologien uns vermitteln, ist ein untrügliches Zeichen geistiger Unterwerfung. Aber diese Unterwerfung ist eben emotional und daher ist es wenig hilfreich, sie moralisch zu verurteilen (a1). Emotionen an sich selbst wahrzunehmen und Schlussfolgerungen zu ziehen, ob es erlernte, also indoktrinierte, uns eingeimpfte sind, ist nicht trivial.

Daher rührt auch das Phänomen, dass viele Menschen zwar sehr emotional diskutieren – was der Logik oft abträglich ist – aber felsenfest davon überzeugt sind, rein rationale Argumente vorzubringen. So ist das auch mit Matt Lande. Er erkennt oder erkannte seine Opfer als Feinde, weil man ihm gesagt hatte, dass es Feinde sind und er es unreflektiert so hinnahm, als zweifelsfrei wahr annahm. Für ihn ist oder war das eine völlig schlüssige Kausalität. Das ist eine goldene Regel des Krieges: Krieger zweifeln nicht. Zweifeln kann nur der Friedliche, der Innehaltende (b3).


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Menschen wie Sie und ich bei der Arbeit: zwei US-Soldaten im Fachgespräch, während eine F-16 – so wie sie Matt Lande flog – für ihren nächsten Afghanistan-Einsatz aufmunitioniert wird.


Wenn unser Glaube eigentlich eine gelebte Ideologie ist, sitzt sie in unserem Selbst wie eine Handlungsmaxime und verbietet das hinterfragen. Sie verbietet solch einfache Fragen wie die, was ein US-amerikanischer Kampfpilot über Afghanistan, einem Land tausende Kilometer fern der Heimat, mit fremder Kultur und Menschen mit völlig anderen Lebensinhalten, was er, indem er Bomben auf dieses Land wirft und seine Bewohner tötet, tatsächlich Gutes tut – für das fremde wie auch das eigene Land. Dass er einzig deshalb tötet, weil man ihm gesagt hat, dass die Menschen da unten „böse“ und damit legitime Tötungsziele sind.

Das Böse im Außen zu bekämpfen, stärkt das vermeintlich Gute in uns. Wer braucht mehr diesen Halt als ein Soldat?

Oder sind wir allesamt mehr oder weniger Soldaten, weil wir doch dieses Gut-Böse-Muster kollektiv eingeimpft bekamen, das die Bösen schuldig macht und uns zu den vermeintlich Guten treibt, damit wir nicht plötzlich auf der bösen Seite geortet werden?

Weil das so ist, können sie, die Kampfpiloten und erst recht Drohnenpiloten, das Töten ausblenden und das eingebrannte Narrativ, für eine gute Sache zu kämpfen, für sich selbst weiterleben. Piloten im Afghanistan-Einsatz, so wie Matt Lande, haben keine Möglichkeit, die Matrix zu verlassen, wenn sie nicht auf andere Art und Weise in Dissonanz zu ihren Einsätzen geraten. Dazu aber bedürfen sie ein Mindestmaß an kritischer Selbstreflexion, die in der Lage ist, eine von außen eingebrachte ideologische Vorgabe auszuhebeln.

Diese Menschen benötigen zusätzlich die Zeit und die Gelegenheit für den entscheidenden Kulminationspunkt, um die eigene Rolle als Tötungsmaschine für fremde Interessen erkennen zu können. Wenn das nicht in Form eines traumatischen Ereignisses passieren soll, sind wache, mutige, friedliche Menschen unverzichtbar. An dieser Stelle kommen Menschen ins Spiel, die glaubwürdig Frieden leben und artikulieren, die mit Achtung und Verstehen, doch gleichzeitig authentisch den kleinen Krieg der Menschen hinterfragen, der doch die großen Kriege erst möglich macht.

Was für mich außer Frage steht, ist die Sinnlosigkeit einer Verurteilung. In ihr steckt das Wort urteilen. Wir urteilen über Dinge und Wesen. Über zeigt das außerhalb, ja sogar die eigene exponierte Stellung gegenüber Jenen, über die ein Urteil zu fällen ist. Verurteilungen sind in Politik und Medien – und nicht nur dort – in aller Munde. Sie stellen der Friedensfähigkeit einer Gesellschaft ein schlechtes Zeugnis aus.

Außer der damit zugeschnittenen Freiheit für die eine Seite und dem nun latenten Anspruch darauf für die jeweils andere Seite hat sich mit einer Verurteilung rein gar nichts verändert – vor allem nicht im bewussten, hinterfragenden, wahrhaft tief empathischen Denken. Verurteilen ist ein dienstbares, disziplinierendes Instrument der Macht. Doch dem Frieden sind wir damit keinen Schritt näher gekommen.

Verhindern wir damit wenigstens, dass zukünftig Familienväter, ihnen unbekannte Familien mit einer durch Macht besorgten Legitimation umbringen?

Das bezweifle ich zutiefst.

Was also tun?

Was würden Sie irgendeinem Matt Lande sagen, wenn Sie ihn persönlich kennenlernen dürften? (a2)

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam.


Quellen und Anmerkungen:

(a1) Ironischerweise ist die moralische Verurteilung auch nichts anderes als eine emotionale Reaktion, die uns vor dem in uns Dissonanz Erzeugenden schützen möchte.
(a2) Wüsste ich Matt Landes Adresse, würde ich ich ihm diesen Artikel in einem Brief zusenden. Doch gibt es unzählige Matt Landes – auch in Deutschland.
(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.
(1) 6.9.2006; http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_06/LP09606_060906.pdf
(2) 20.9.2018; https://www.nytimes.com/2018/09/20/us/politics/military-body-count-afghanistan.html
(3) 30.11.2018; https://www.iraqbodycount.org/
(4) 11.9.2012; https://www.csis.org/analysis/back-body-count-lack-reliable-data-wars-iraq-afghanistan-and-pakistan
(5) Lutz Herden; 16.2.2010; https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/body-count-in-helmand
(b1) Ein aus Afghanistan zur US Air Base Spangdahlem (Rheinland-Pfalz/Deutschland) zurückgekehrter F-16-Pilot begrüßt seinen Sohn; Air Force Print News Today / AFPN; 04.09.06; http://www.af.mil/
(b2) US-Soldat am Steuerpult einer Predator-Drohne; Originalquelle: US Air Force; entnommen bei: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Obamas-Regeln-fuer-Morde-per-Drohne-veroeffentlicht-3289548.html?view=zoom;zoom=1; am 30.11.2018; Lizenz: Public Domain
(b3) U.S. Army Gen. John Nicholson, commander of Resolute Support Mission and U.S. Forces Afghanistan, speaks with U.S. Air Force Maj. Greg Balzhiser, a 555th Expeditionary Fighter Squadron F-16 Fighting Falcon pilot, about the capabilities of the F-16 at Bagram Airfield, Afghanistan, May 13, 2017. During his visit, Nicholson spoke with Airmen from the 555th EFS about the F-16 and what it brings to the counterterrorism fight in Afghanistan. (U.S. Air Force photo by Staff Sgt. Benjamin Gonsier); Quelle: CENTCOM, http://www.centcom.mil/MEDIA/IMAGERY/igphoto/2001747012/
(Titelbild) Denkmal, US-Soldaten, Kind; Autor: skeeze (Pixabay); 3.8.2015; Quelle: https://pixabay.com/de/kinder-stehen-suchen-soldaten-creed-870356/; Lizenz: CC0 Creative Commons