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Menschlichkeit first

Menschlichkeit first

Als neuer Finanzminister sollte Christian Lindner in wirklich hilfreiche Projekte investieren, nicht in Aufrüstung — offener Brief einer Bürgerin.

Sehr geehrter Herr Finanzminister Christian Lindner der 14.,

entschuldigen Sie bitte, dass ich mir den Spaß gemacht hab mit der Nummer 14 hintendran. Damit ist natürlich keine irgendwie geartete Nähe zu Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai Lama, gemeint. Sie sind der 14. Parteivorsitzende der Freien Demokratischen Partei, und der Dalai Lama ist eben der 14. Lama (Meister) einer Linie von „ozeangleichen Lehrern“, deren Wirkung in der Welt sehr tief und sehr weit ist. Wie der Ozean eben. Nun wünschte ich mir dergleichen von Ihnen auch, das wäre ja schön. Ob man wohl als junger Finanzminister von Deutschland auch so eine tiefe und weite Welle erzeugen kann? Darüber wollte ich gerne mit Ihnen sprechen.

Ich beschäftige mich ja schon länger mit Finanzfragen. Weil ich schon sehr früh das viel geschmähte Bauchgefühl hatte: Da stimmt was nicht! Früher meinte ich immer, der Zins sei das Übel allen Übels. Inzwischen bin ich der Meinung, wenn mit Zins gemeint ist, dass die Dienstleistungen der Banken damit honoriert werden, dann erhebe ich dagegen keine Einwände. Nur über die Höhe ließe sich streiten, 2 Prozent höchstens, würde ich sagen. Und wer die zahlt und wer nicht, darüber könnte man auch streiten. Oder sprechen halt, man muss ja nicht immer streiten, so wie in diesen schrecklichen Talkshows.

Irgendwann habe ich aufgehört, mich mit Politik — gar mit Finanzpolitik — zu beschäftigen, das war etwa um 2012 herum. Die gut dokumentierte Bürgerbewegung der Alternativgelder war soeben kolossal gescheitert. Und das, obwohl überall in der Republik als Antwort auf die damalige Finanzkrise Notgeld eingeführt worden war, Regionalgeld wie etwa der unsterbliche Chiemgauer, der kauzige Ammerlech-Taler und das künstlerbunte Rheingold und wie sie alle hießen. Wunderbare Studien, von Hochschulen begleitet — in welchen Schubladen sind die eigentlich verschwunden?

Könnten Sie bitte mal in den Schubladen Ihres nigelnagelneuen Schreibtisches nachschauen, ob Sie da was finden können? Vielen Dank. Vielleicht war die Mühe der freien Bürger und Bürgerinnen ja doch nicht ganz umsonst gewesen, damals.

Politik ist irgendwie ähnlich langsam unterwegs wie eine Schnecke — mit einem Haus auf dem Rücken, wo so eine herrliche Spirale eingebaut ist. Bis „Die da oben“ in der Politik was machen, verrecken wir hier unten an einem Schlamassel sondergleichen…

Haben Sie diese Worte soeben gehört? Sie stammen nicht von mir. Sie wurden mir eingegeben. Tut mir leid, wenn Sie dadurch berührt wurden. Wenn nicht, lesen Sie den Satz bitte ein zweites Mal: „Wir verrecken hier unten an einem Schlamassel sondergleichen …“

Egal. Eigentlich wollte ich Sie einfach nur bitten, mir zu helfen.

Ich bin Autorin, bisher hab ich elf Bücher geschrieben. Mein zwölftes Buch könnte so ein Briefwechsel sein: „Die Bürgerin und der Finanzminister“ oder „Gespräche mit der Macht“ — so die Arbeitstitel. Aber dies nur nebenbei.

Es wäre ja spannend, wenn Sie mir auch antworten würden. Aber dazu müsste mein Brief erst einmal zu Ihnen durchdringen. Wir werden sehen.

Also, es geht darum: Eine junge Frau, die sich im Schreiben von Theatertexten übt, hat mich um eine Rückmeldung gebeten. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Begriff „Giralgeld“ nicht so ganz geläufig ist. Im Verlauf des Stückes behauptet ein B ständig, dass ein anderer ihm etwas schuldet. Und zwar Giralgeld. Oder Schuldgeld. Solche Worte tauchen da auf, wenn ich mich recht entsinne. Da möchte ich Sie um eine Erklärung bitten. Wer, wenn nicht Sie, könnte besser erklären, wo dieses Schuld- oder Giralgeld eigentlich herkommt. Ich persönlich hätte ja lieber ein Geschenkgeld als ein Schuldgeld. Aber dies nur nebenbei.

Ich lese Ihnen jetzt mal den Prolog der jungen Dame vor. Ich finde ihn geradezu göttlich! Die junge Frau hat echt was auf dem Kasten. Hören Sie gut zu. Ja, natürlich hat jeder einen anderen Geschmack, wenn es um Kunst geht. Also hören Sie:

„Bei politischen Entscheidungen geht es um Macht.
Macht kommt von „machen“.
Fast jede Entscheidung ist politisch.
Was machst du?
Was isst du?
Was ziehst du an?
Was machst du mit anderen Menschen?
Was machst du mit dir selbst?
Nutzt du deine Macht für oder gegen dich selbst und andere?“

Die junge Frau, ich glaube, sie ist noch nicht einmal 30, stellt wirklich tiefsinnige Fragen. Finden Sie nicht auch? Jede dieser Fragen kann man sich selber jeden Tag immer wieder stellen. Aber gut wär schon, wenn zum Beispiel das neue Lieferkettengesetz nachgebessert und auch umgesetzt wird. Ich glaub zwar schon, dass das gar nicht so einfach ist. Aber was man will, das kann man auch. Meistens jedenfalls. Oder manchmal wenigstens. Jedenfalls, wenn die Not sehr groß ist, dann kommt auch Hilfe herbeigeeilt. Meistens. Man muss nur warten können. Und nicht aufgeben. Zwischendurch soll man auch mal ruhen.

Was das Lieferkettengesetz mit Ihnen als Finanzminister zu tun hat? Keine Ahnung. Könnte ja sein, dass der Finanzminister nicht nur der oberste Buchhalter ist, sondern auch ein Gestalter. Der Hüter der Kasse! Ah! Der Hüter der Kasse! Das Wort gefällt mir! Wir als Staat kaufen und verkaufen nur noch nach ganz besonderen Merkmalen. Zum Beispiel fragen wir nach: Ökologisch nachhaltig? Fairtrade? Menschenwürde? Kinderarbeit? Kriegstreiberei? So Zeug halt. Sie wissen schon, was ich meine.

Also, wenn ich Hüterin der Kasse wäre, ich wär da rigoros! Beispiel Waffen verkaufen. Nach Saudi-Arabien? Oder nach Ägypten? Und nein, auch nicht über Umwege! Überhaupt nicht! Ich bin doch nicht blöd! Wenn „die anderen“ — in dem Fall zum Beispiel die Familie Saud — Waffen haben, dann könnten die Sauds diese eines Tages auch gegen mich selber einsetzen. Um mich davor zu schützen, dass die Sauds mich angreifen mit den Waffen, die ich ihnen selber zuvor verkauft habe, muss ich mir selber auch Waffen kaufen. Das führt zu immer mehr Waffenhandel. Ein geschlossener Kreislauf.

Wem dient das? Also mir als Bürgerin gewiss nicht. Hab ich was davon? Außer Kriegsgefahr und, wenn's blöd läuft, auch richtigen Krieg, und Flüchtlinge kommen von dort, wo der Krieg schon ausgebrochen ist, wo ich dann schauen muss, wie ich die unterbringen kann und versorgen. Ich hab rein gar nichts davon. Nicht, dass ich wüsste.

Falls Sie sich also bei mir beliebt machen möchten, sperren Sie die Kasse zu, wenn es um Waffen-Ein- und -Verkäufe geht. Das ist jetzt nur ein Beispiel. Oder wenn es um zukünftige Kriegseinsätze geht. Geldhahn zudrehen, bitte!

Und dann als Nächstes die BürgerInnen fragen. Hätte „die Politik“ damals schon auf Volkes Stimme gehört, hätte es vermutlich kein Mitmachen beim Krieg in Afghanistan gegeben. Wir waren mit einer großen Mehrheit dagegen. Und die BürgerInnen in Afghanistan wären wahrscheinlich auch dagegen gewesen. Menschen sind normalerweise nicht scharf auf Krieg.

Ich bin eingefleischte Pazifistin! Ich pfeif auf Krieg. Will ich nicht und brauch ich nicht! Weder hier noch anderswo! Und Sie als Finanzminister könnten da was bewirken! Den Hahn abdrehen! Und Ende Gelände! So könnte es doch gehen!

Der Hüter der Kasse! Also mir gefällt das Wort. Vielleicht könnte man ein Märchen daraus machen:

Es war einmal ein junger Königssohn, der wanderte hinaus in die Welt, um seine Freiheit zu finden. Eines Tages fand er eine Kasse im Waldboden vergraben. Der Schlüssel steckte noch. Er nahm die Kasse heraus, öffnete sie und war fortan ein reicher Mann. Er wurde „der Hüter der Kasse“ genannt. Ob er die Freiheit gefunden hat?

Mit freundlichen Grüßen

PS: Was war eigentlich in der Kasse?

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