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Menschen wie wir

Menschen wie wir

Der russische Präsident spricht über Familienerinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

von Wladimir Putin

Um ehrlich zu sein, sprach mein Vater das Thema Krieg nicht gerne an. Es war eher so, dass ich einfach in der Nähe war, wenn die Erwachsenen miteinander diskutierten oder sich an Dinge erinnerten. Mein ganzes Wissen über den Krieg — über das, was meiner Familie passiert war — setzte sich aus diesen mitgehörten Gesprächen der Erwachsenen zusammen. Doch manchmal gab es auch Zeiten, in denen sie direkt mit mir sprachen.

Mein Vater war Matrose. Er wurde 1939 eingezogen und diente bei einem U-Boot-Geschwader in Sewastopol. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in einer Fabrik in Peterhof, wo er mit meiner Mutter lebte. Ich glaube, sie bauten dort sogar eine Art kleines Haus.

Rettendes Schilfrohr

Als der Krieg begann, arbeitete er in einem Rüstungsunternehmen, wodurch er von der Einberufung befreit war. Trotzdem bewarb er sich für einen Eintritt in die Partei und schließlich erneut für den Frontdienst. Er wurde einem Diversionstrupp des NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten; Anmerkung der Übersetzerin) zugeteilt. Es war eine kleine Gruppe von 28 Soldaten, die ins nahe Hinterland geschickt wurden, um Sabotageakte durchzuführen — etwa um Brücken und Bahngleise zu sprengen. Beinahe sofort gerieten sie in einen Hinterhalt — jemand hatte sie verraten. Sie betraten ein bestimmtes Dorf, verließen es wieder — und als sie einige Zeit später zurückkehrten, warteten die Nazis dort bereits auf sie. Sie wurden durch den Wald gejagt.

Mein Vater überlebte, indem er sich in einem Sumpf versteckte, wo er Stunden unter Wasser zubrachte, während er durch ein Schilfrohr atmete. Das ist mir aus seiner Geschichte im Gedächtnis geblieben. Er sagte, er hätte, während er durch das Schilfrohr atmend im Sumpf ausharrte, hören können, wie die deutschen Soldaten vorbeigingen, nur wenige Schritte von ihm entfernt, und wie die Hunde kläfften...

Noch dazu war es vermutlich bereits früher Herbst, das heißt, es war bereits kalt. Ich erinnere mich auch gut daran, wie er mir erzählte, dass der Anführer seiner Truppe ein Deutscher war. Er war zwar sowjetischer Bürger, aber dennoch ein Deutscher.

Interessanterweise wurde mir vor ein paar Jahren aus den Archiven des Verteidigungsministeriums eine Akte über eben diese Gruppe ausgehändigt. Ich bewahre sie noch immer in meinem Amtssitz in Novo-Ogaryovo auf. Sie enthält eine Liste der Gruppenmitglieder — Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen, kurze Beschreibungen. Es waren tatsächlich 28 Männer, und ihr Anführer war ein Deutscher, genau, wie mein Vater gesagt hatte.

Von diesen 28 kamen nur vier über die Frontlinie zurück auf unsere Seite. Die anderen 24 wurden getötet.

Schwere Verwundung

Die Verbliebenen wurden wieder an die Front geschickt, zum Newsky Pyatachok. Das war womöglich der brutalste Ort während der gesamten Leningrader Blockade. Unsere Truppen hielten einen schmalen Brückenkopf, vier Kilometer breit und etwa zwei Kilometer tief. Er sollte als Sprungbrett für ein Brechen der Blockade genutzt werden, wozu es jedoch nie kam. Sie durchbrachen die Blockade an einer anderen Stelle. Dennoch wurde der Newsky Pyatachok lange Zeit gehalten, und es fanden dort besonders heftige Gefechte statt.

Rundum befinden sich Kommandohöhen und der Brückenkopf wurde fortwährend beschossen. Natürlich waren sich auch die Deutschen im Klaren darüber, dass es der wahrscheinlichste Ort für einen Durchbruch der Blockade war, und sie versuchten schlicht, den Newsky Pyatachok vom Angesicht der Erde zu tilgen. Es gibt Untersuchungen, wie viel Metall sich in jedem Quadratmeter dieses Landes befindet. Bis heute besteht es aus solidem Metall.

Mein Vater erzählte mir, wie er dort verwundet wurde. Es war eine schwere Verletzung und er verbrachte den Rest seines Lebens mit Granatsplittern in einem Bein, da nicht alle Fragmente entfernt werden konnten. Sein Bein schmerzte ständig und er konnte seinen Fuß nicht mehr ordentlich ausstrecken. Man hatte entschieden, die kleinen Splitter nicht anzurühren, um ein Zerschmettern des Knochens zu verhindern. Und Gott sei Dank erhielten sie sein Bein, als sie es hätten amputieren können — er hatte einen guten Arzt. Er wurde als Kriegsversehrter der Kategorie II eingestuft. Als solcher bekam er schließlich eine Wohnung.

Es war unsere erste eigene Wohnung — ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment. Bevor wir die Wohnung bekamen, lebten wir in einer Gemeinschaftswohnung im Stadtzentrum. Und nun mussten wir, wenn nicht ganz bis in die Randbezirke, doch in ein neugebautes Viertel ziehen. Das passierte nicht unmittelbar nach dem Krieg, sondern als ich bereits für den KGB arbeitete. Damals bekam ich keine eigene Wohnung, doch mein Vater erhielt endlich die seine, und das war Grund zu großer Freude. Er berichtete das Folgende darüber, wie er verwundet wurde:

Zusammen mit einem Kameraden führte er einen kleinen Einsatz im Hinterland der Deutschen aus — sie krochen über den Boden, weiter und weiter. Und dann wird die Geschichte gleichzeitig komisch und traurig. Sie erreichten einen deutschen Bunker, aus dem ein riesiger Kerl trat und den Blick direkt auf sie richtete. Sie konnten nicht aufstehen, da sie im Visier der Maschinengewehre waren. „Der Mann betrachtete uns sehr aufmerksam“, erzählte mein Vater. „Er holte eine Granate hervor, dann eine zweite, und warf beide Granaten auf uns. Nun, und dann...“ Das Leben ist so einfach und doch so grausam.

Unverhoffte Begegnungen

Was war sein größtes Problem, als er das Bewusstsein zurückerlangte? Die Tatsache, dass es bereits Winter war. Die Newa war zugefroren, und er musste irgendwie auf die andere Seite kommen, um Hilfe und eine ordentliche medizinische Versorgung zu finden. Doch er war nicht in der Lage zulaufen.

Er schaffte es zwar, seine Leute auf dieser Seite des Flusses wiederzufinden. Doch es gab nicht viele, die bereit waren, ihn auf die andere Seite zu bringen, denn dieser Teil der Newa bot keinerlei Schutz vor Artillerie und Maschinengewehrbeschuss. Die Chance, das andere Ufer zu erreichen, war sehr gering. Doch aus reinem Zufall tauchte einer seiner Nachbarn aus Peterhof auf. Und dieser Nachbar zögerte nicht, ihn über den Fluss zu schleppen — tatsächlich schleppte er ihn den ganzen Weg bis zum Krankenhaus. Sie schafften es lebend. Der Nachbar wartete beim Krankenhaus und vergewisserte sich, dass er operiert wurde, dann sagte er: „Du wirst nun leben, doch ich mache mich auf den Weg, um zu sterben.“ Und so ging er von dannen.

Ich fragte meinen Vater später, ob dieser Mann wirklich gestorben war. Er sagte, er hätte nie wieder von ihm gehört, und glaubte, dass er tatsächlich getötet worden war. Er konnte dieses Ereignis nie vergessen, und es quälte ihn sehr. Ich erinnere mich, dass er irgendwann in den frühen 1960ern — ich erinnere mich nicht an das genaue Jahr, da ich damals noch sehr jung war — plötzlich nach Hause kam, sich hinsetzte und zu weinen begann. Er war seinem Retter in einem Laden in Leningrad wieder begegnet. Wie ihre vorige Begegnung war es reiner Zufall — die Wahrscheinlichkeit dafür, dass beide Männer zur selben Zeit denselben Laden betreten würden, lag bei eins zu einer Million. Sie trafen sich später erneut bei uns zuhause.

Putins Bruder starb mit 3 Jahren

Meine Mutter erzählte mir, wie sie meinen Vater in dem Lazarett besuchte, in dem er nach seiner Verwundung lag. Sie hatten einen kleinenSohn, erst drei Jahre alt damals — damals, während der Blockade und Hungersnot. Mein Vater gab ihr heimlich seine Krankenhausrationen, damit sie damit zuhause ihr Kind versorgen konnte. Als er begann, vor Hunger in Ohnmacht zu fallen, erkannten die Ärzte und Krankenschwestern, was vor sich ging, und verhinderten weitere Besuche meiner Mutter.

Dann wurde ihr das Kind weggenommen. Wie sie sich später erinnerte, gab es keine Ankündigung. Es war ein Versuch, kleine Kinder vor dem Verhungern zu retten. Die Kinder wurden in Heime gebracht, um danach evakuiert zu werden. Die Eltern wurden nicht einmal gefragt.

Ihr Sohn wurde dort krank — meine Mutter meinte, es sei Diphterie gewesen — und überlebte nicht. Meinen Eltern wurde nicht einmal gesagt, wo er begraben wurde, und sie fanden es nie heraus. Erst letztes Jahr haben ein paar Leute, die ich nicht kenne, in Eigeninitiative die Archive durchsucht und dabei Unterlagen über meinen Bruder entdeckt. Und es war wirklich mein Bruder, denn ich wusste, dass meine Eltern nach der Flucht aus Peterhof vor den näher rückenden deutschen Truppen bei einem ihrer Freunde gelebt hatten — ich wusste sogar die Adresse.

Sie lebten am sogenannten „Wodny-Kanal“. Korrekterweise würde es „Obwodny-Kanal“ heißen, doch in Leningrad nennt man ihn „Wodny-Kanal“. Ich weiß sicher, dass sie dort lebten. Es stimmten nicht nur die Adresse des Hauses, aus dem er abgeholt wurde, sondern auch der Vorname, Nachname, Vatersname und das Geburtsdatum. Natürlich war es mein Bruder. Er war auf dem Piskarjowskoe-Friedhof begraben — sogar die genaue Grabstelle war angegeben.

Meinen Eltern wurde nichts davon mitgeteilt. Offenbar waren damals andere Dinge von höherer Priorität.

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Es stimmte also alles, was meine Eltern mir über den Krieg erzählt hatten. Kein einziges Wort war erfunden. Kein einziges Datum war verrückt worden. Alles, was man mir über meinen Bruder, den Nachbarn und den deutschen Gruppenkommandanten erzählt hatte, stimmte — alles war auf glaubwürdige Weise belegt. Nachdem ihnen mein Bruder weggenommen worden und meine Mutter ganz allein zurückgeblieben war, war mein Vater endlich wieder in der Lage, auf Krücken zu laufen, und so er kehrte er heim. Als er auf sein Wohnhaus zulief, sah er, dass Sanitäter Leichen aus dem Gebäude trugen. Eine erkannte er als meine Mutter. Er ging auf sie zu und es schien ihm, dass sie noch atmete.

Er sagte zu den Sanitätern: „Sie lebt noch!“ — „Sie wird es nicht schaffen“, erwiderten sie. „Den Transport wird sie nicht überleben.“ Da griff er die Sanitäter mit seinen Krücken an und zwang sie, meine Mutter zurück in ihre Wohnung zu tragen. Sie sagten zu ihm: „In Ordnung, wir werden tun, was du willst, aber denk daran, dass wir in den nächsten zwei bis vier Wochen nicht mehr vorbeikommen werden. Du musst dann allein zurechtkommen.“ Mein Vater pflegte meine Mutter wieder gesund. Sie lebte bis zum Jahr 1999. Er starb Ende 1998.

Nachdem die Blockade aufgehoben worden war, zogen sie in die Provinz Twer, die Heimat ihrer Eltern, und lebten dort bis Kriegsende. Mein Vater hatte eine recht große Familie. Er hatte sechs Brüder, von denen fünf im Krieg getötet wurden. Das war eine Katastrophe für die Familie. Auch die Verwandten meiner Mutter kamen ums Leben. Ich war ein spätgeborenes Kind — meine Mutter war 41 Jahre alt, als sie mich zur Welt brachte.

Unsere Situation war kein Einzelfall. Am Ende gab es keine Familie, in der nicht jemand gestorben war oder die nicht unter Kummer, Unglück und Tragödien gelitten hatte. Dennoch empfanden meine Eltern keinen Hass gegenüber dem Feind, was schlicht unfassbar ist. Um ehrlich zu sein, kann ich es noch immer nicht völlig verstehen. Meine Mutter war im Allgemeinen eine sehr weichherzige und gütige Person. Ich erinnere mich, wie sie sagte:

„Nun, welchen Hass kann man gegenüber diesen Soldaten empfinden? Sie waren einfache Leute und auch sie starben im Krieg.“

Es ist schon erstaunlich. Wir wurden mit sowjetischen Büchern und Filmen erzogen und empfanden sehr wohl Hass. Doch solche Gefühle hatte sie aus irgendeinem Grund nicht in sich. Ich kann mich noch immer sehr gut an ihre Worte erinnern: „Nun, was kann man gegen sie sagen? Sie waren ebenso harte Arbeiter, genau wie wir. Sie wurden schlicht dazu gezwungen, an die Front zu gehen.“

Dies sind die Worte, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere.


Wladimir Putin ist der Präsident der Russischen Föderation. Er wurde am 7. Oktober 1952 in Leningrad geboren.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „'Life Is Such a Simple, Yet Cruel Thing' By Vladimir Putin — Family Memories of WW2“. Er wurde von Melina Cenicero aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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