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Mensch, Schauspieler!

Mensch, Schauspieler!

Die Reaktionen auf die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen zeigen, dass die Medien als eingeschworener Kampfverbund zur Unterstützung der Corona-Maßnahmen agieren.

Gotteslästerung

Prominente glauben zuweilen und mit Recht, dass sie größere Freiheiten und mehr Einfluss haben, egal, was sie tun und sagen. Sie haben eine große Schar an Fans und Followern, manche so treu ergeben, dass sie wie Jünger überall hin folgen. Ja, Prominente können in der Tat etwas bewegen. Und gerade in Zeiten wie diesen erwartet man auch von ihnen, dass sie sich äußern und Richtung geben. Nur eben bitte richtig.

Sonst kann es heikel werden, ganz heikel. Es kann Aufträge kosten, es kann die Karriere beeinträchtigen, vielleicht beenden. Auch Prominente können auf dem Altar der Pandemie geopfert werden, wenn sie ins falsche Horn blasen. Corona frisst auch Promis wie einst die Revolution ihre Kinder.

Die Horde renitenter Schauspieler hatte es in geradezu blasphemischer Weise gewagt, auf die sie fütternde öffentlich-rechtliche Hand zu spucken und Kritik zu üben an Maßnahmen und staatshöriger Corona-Berichterstattung. Gut möglich, dass der eine oder andere Tatort-Kommissar bald in den vorzeitigen Ruhestand oder in den Innendienst versetzt wird.

Unter den reichlich 50 Abtrünnigen sind auch einige A-Promis, Schwergewichte also, die mit ihrer Fan-Gemeinschaft durchaus das Potenzial haben, einige zum Nach- und Umdenken zu bewegen. Das könnte gefährlich werden für die Verantwortlichen in Politik und Medien.

Zu den VIPs unter ihnen gehören sicher der gebürtige Dresdner Jan Josef Liefers und dessen Stiefbruder Martin Brambach, der begnadete Ulrich Tukur, dessen Film- und Fernsehschaffen Seiten füllt, ganz abgesehen von unzähligen Auszeichnungen und einer beeindruckenden Discografie. Richie Müller und Felix Klare gehören dazu, Nadja Uhl, Volker Bruch, Thorsten Merten oder der Österreicher Nicholas Ofczarek. Es sind zu viele, denen man danken müsste.

Liefers, bekannt vor allem als Autopsie-Professor und Münsteraner Tatort-Partner von Axel Prahl sowie aus unzähligen Filmen wie Knockin’ on Heaven’s Door oder Uwe Tellkamps Der Turm, ist wohl schnell zum Gesicht des Schauspieler-Aufstands geworden. Der Mann, der auch ein Asyl für Edward Snowden befürwortet, kennt sich aus mit Widerstand. Er sprach schon auf der legendären Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 — wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer. „Neue Strukturen müssen wir entwickeln, für einen demokratischen Sozialismus.“, mahnte er seinerzeit an.

Das Imperium schlägt zurück

Das WDR -Infotainmentmagazin „Aktuelle Stunde“ zeigte exemplarisch, wie man mit solch widerborstigen Frechdachsen aus dem eigenen Stall umgeht. Diese Häretiker, die nicht wie der Schuster bei seinen Leisten bleiben wollen, sich nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Mensch zeigen, und die es wagen, am Allerheiligsten zu kratzen: am Selbstverständnis der Medienmacher von Meinungsfreiheit und -vielfalt.

Und so beginnt die Sendung auch gleich mit den markigen Worten „Rechte Netzwerke, Corona-Leugner und AfD feiern die Schauspieler …“. Eigentlich könnte man hier abschalten, denn die Botschaft ist vermittelt.

Dann wird der „allseits bekannte“ Medienjournalist Stefan Niggemeier zitiert, der sich über die „eklige Ironie“ empörte. Das musste mal gesagt werden. Denn Niggemeiers Stimme hat Gewicht. Nicht gesagt werden musste, dass der Zuspruch auf der Webseite und der Ansturm auf selbige so überwältigend waren, dass sie zusammenbrach.

Nach Niggemeier kommt ein „Spezialist“ zur Deutung der unfassbaren Vorgänge zu Wort: der Medienwissenschaftler Alexander Sängerlaub. Dieser verkündet dann in Trainingsjacke und Mütze vor seinem Laptop sitzend, wie „stumpf und einfach formatiert“ die Auftritte der Schauspieler doch gewesen seien. Nicht nur inhaltsarm, sondern auch künstlerisch minderwertig.

Sängerlaub, dessen utopisches Politikmagazin „Kater Demos“ Wikipedia zufolge das erste deutsche Politikmagazin ist, das dem „konstruktiven Journalismus“ zuzuordnen ist — aha, jetzt wissen wir es — und das sich zur Aufgabe macht, komplexe politische Themen politikverdrossenen Menschen zugänglich zu machen, ist auch in leitender Funktion beim Berliner Thinktank Stiftung Neue Verantwortung aktiv. Er veröffentlichte dort Studien über Fake News und unsaubere journalistische Arbeit sowie — kaum überraschend — über Rechtspopulisten. Zuletzt war er als „Experte“ für den Bundestag zum Thema „Meinungsbildung und Meinungsmanipulation“ aktiv.

Keine Frage, der Mittdreißiger Sängerlaub ist trotz seiner bescheidenen Lebenserfahrung der Spezialist fürs Mediale schlechthin. Und so einer hat dann auch zur Schauspieler-Aktion erhellende Gedanken: „Als ob es so eine Art Meinungskorridor gibt in den Medien, die alle über das Gleiche berichten, als ob es keine Kritik im Land zur Pandemiebekämpfung geben würde, das ist ja alles nicht der Fall“, so Sängerlaub. Die Video-Botschaften würden „der Komplexität des Themas gerade nicht so richtig gerecht“. Aber vermutlich liegt es am schlichten Naturell und dem begrenzten Intellekt von gestandenen Persönlichkeiten wie Ulrich Tukur oder Jan Josef Liefers, die Komplexität der Pandemie nicht in einem Zwei-Minuten Video zu vermitteln.

Als Nächstes äußert sich die Politik. Ein Einspieler zeigt Jens Spahn, der ob der Ereignisse reaktionsschnell verkündet, dass überall kontrovers debattiert würde und er das auch gut fände. Dass wir schließlich in einer Demokratie leben und nicht in Weißrussland, und dass freie Meinungsäußerung zu unseren freiheitlichen Werten und Grundrechten gehöre, hatte er nicht ausgeführt. Üblicherweise kommt so ein Satz meistens noch im Anschluss.

So was passiert, wenn man den Schauspielern das Drehbuch wegnimmt

Viele aus der Show-Branche — wie viele, weiß man nicht, aber ganz gewiss sehr viele — kritisieren natürlich die Aktion. Stellvertretend kommt der, wie zuvor schon Niggemeier und Sängerlaub, allseits bekannte Regisseur Adolf Winkelmann zu Wort. Der weist für alle, die es noch nicht wussten, darauf hin, dass Schauspieler ja üblicherweise einen klugen und durchdachten Text bekämen, den sie dann auswendig lernen würden. Aber wehe, sie bekämen diesen Text nicht mehr und äußern sich womöglich als freidenkende Subjekte selbst. Dann könne es eben schlimm werden. „So was passiert, wenn man den Schauspielern das Drehbuch wegnimmt“, konstatiert Winkelmann.

Ab Minute 4:00 wird dann Jan Josef Liefers zur „Grillparty“ der Aktuellen Stunde zugeschaltet.

Kollegenschwein Liefers

„Ich will ehrlich sein mit Ihnen“, beginnt Moderator Martin von Mauschwitz das Interview „wir haben uns heute geärgert über Sie …“, als würde er mit einem unartigen Kind sprechen, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Seit 14 Monaten, so Mauschwitz, würde ein Riesenteam von vielen guten Leuten bis zur Erschöpfung arbeiten, um die Menschen im Land über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Und nun käme er daher, Liefers, ausgerechnet Liefers, der Börne aus dem Tatort, der allseits beliebte Schauspieler, der WDR-Kollege quasi. Und der würde das nun alles in den Dreck ziehen, alle seien gleichgeschaltet und regierungstreu, wie käme er denn dazu?

Liefers versucht zu erklären, aber es gelingt ihm nicht, den Finger aus der Wunde zu bekommen, die er den Medienmachern offensichtlich zugefügt hat … Denn die fühlen sich zu Unrecht angegriffen. Jeden zweiten Tag kämen Kritiker zu Wort. Die Regierung würde doch so „hart“ kritisiert.

Im Übrigen sei es auch nur die eine Sache, dass „wir jetzt in den Medien bisschen sauer sind über Sie“, so Mauschwitz. Viel schlimmer ist ja etwas anderes: „Mit dem Video bedienen Sie ja auch exakt das Narrativ, die Erzählung, der Corona-Leugner und dieser rechtsextremen Lügenpresse-Schreihälse. Und die feiern Sie jetzt im Netz richtig ab.“. Und setzt vorwurfsvoll nach: „Sind Sie wirklich so naiv?“

Einfach nur naiv

Nach dem Motto, „Im Stehen Pinkeln macht man nicht, denn das hat auch Adolf Hitler gemacht“, werden Liefers und Kollegen nun klar verortet. Oder — zu ihrer Entlastung — zumindest als Naivlinge hingestellt. Doch der so Angegriffene wehrt sich.

„Schauen Sie … jetzt sagen Sie naiv zu mir. Wissen Sie, wann das letzte Mal jemand zu mir gesagt hat ‚Sie sind naiv‘? Das war ein Mitglied des Zentralkomitees in der DDR in der Schauspielschule.“

„Da sind wir weit von weg“, unterbricht ihn der Moderator. „Aber so war‘s ja“, fährt Liefers fort. „die Frage klingt genauso … Ich wollte es einfach mal sagen.“ So weit weg davon scheinen wir dann doch nicht mehr.

Die erschreckende Erinnerung wird aber nicht weiter vertieft. Derartige Parallelen will man auch nicht hören. Die sind fehl am Platze, daher gleich wieder zurück zum willkommenen Framing, das jedem droht, der fundamentale Kritik übt. „Sie haben es doch mit dem Video bedient … Sie haben es mit dem Video doch bedient …“, kommt der Vorwurf gleich doppelt und nachdrücklich, als würde er sonst den störrischen Liefers nicht erreichen können.

„Wir haben nichts ‚bedient‘ … Wir haben einfach unsere Sache gemacht, die wir machen wollten. Uns hat ja keiner aufgefordert: ‚Könnt ihr uns mal bitte bedienen‘“ … und fragt irritiert zurück: „Was ist jetzt der Vorwurf genau?“

Moderator Mauschwitz erklärt es ihm: „Wenn man es genauso macht, wie diese sogenannten Querdenker es vorgeben, dann weiß man, was passiert.“ Sprach es und wechselte zum nächsten Punkt: die Intensivstationen … und die vielen hart arbeitenden Menschen, die einfach nur verhöhnt wurden. Denn „Was anderes als Verhöhnen ist es, wenn man denen sagt „‚Ach guck mal, das sind ja so Untertanen‘“.

Gefährlich nicht, aber despektierlich

Der zunehmend verblüffte Liefers möchte wissen, wer denn das behauptet habe, bekommt aber dann klar vermittelt, dass sich diese Frage doch eigentlich erübrige. „Das kommt in dieser Aktion in vielen, vielen Videos raus … Die Leute werden doch veräppelt … Da müssen wir doch nicht darüber streiten, oder?“, so die klärende Antwort des WDR-Moderators.

Nun, streiten will Jan Josef nicht, aber etwas besser verstehen möchte er schon, was sich im Hirn seines Interview-Partners und WDR-„Kollegen“ abspielt: „Finden Sie das so gefährlich oder despektierlich und dass man so was nicht machen darf?“

Mauschwitz weist zwar dezent darauf hin, dass eigentlich er es ist, der hier die Fragen stellt, lässt selbige aber zu. „Gefährlich ist das nicht … aber despektierlich schon, weil ich sehe, was auf den Intensivstationen passiert … Und da sind da ein paar wohlsituierte Schauspieler und die sagen ‚Ach komm, wir hauen mal einen raus!‘… Wie müssen diese Menschen sich fühlen?“

Das war jetzt mal Klartext:. Also wenn es der Münsteraner Tatort-Star jetzt noch nicht kapiert hat? Hat er nicht. Er ist verwirrt: „Also was hat das … Also jetzt bin ich ratlos… Ich kann Ihnen nicht mehr folgen. Wie bringen Sie denn das in Verbindung mit den Intensivstationen und der Arbeit, die die Menschen dort machen, und den Patienten, die da liegen? Das verstehe ich überhaupt nicht.“

„Die Corona-Maßnahmen…“, erklärt Mauschwitz nun seinem offensichtlich begriffsstutzigen Schüler, „ (…) es geht ja um die Corona-Maßnahmen. Und wenn wir diese Maßnahmen nicht machen, dann laufen die Stationen da noch voller.“ Sagt es und beendet das Kapitel mit dem schwierigen Fall.

Erwähnen, Sagen und Benennen gestattet

Am Abend hat Liefers einen weiteren Auftritt. In der ARD-Talkrunde 3 nach 9 ist er zu Gast und mit ihm der frisch-erkorene Kanzlerkandidat der CDU/CSU Armin Laschet. „Wie geht es Ihnen denn jetzt?“, fragt in geradezu mitfühlendem Tonfall Tagesschau-Moderatorin Judith Rakers den zugeschalteten Liefers, als spräche sie mit einem Kind, das vor wenigen Stunden beim Ladendiebstahl erwischt worden war und nun realisiert, dass das Konsequenzen hat. Eigentlich nicht zu fassen, wo es doch aus gutem Hause stammt und es ihm an nichts fehlt.

Liefers wirkt in der Tat gezeichnet und angespannt. Man sieht ihm die Schwere des Tages an. Seine Antwort ließe sich auch mit einem „den Umständen entsprechend noch ganz gut“ übersetzen. Aber er habe seine Punkte und die würde er auch weiter vertreten. So gebe es eben auch Trauer und Leid auf der Seite derer, die unter den Maßnahmen litten … Das käme zu kurz und das ginge ihm nahe.

Dann kommt Laschet zu Wort. In gediegenem Tonfall zeigt er väterliches Verständnis für den verlorenen Sohn. Es sei berechtigt, auch die anderen Opfer zu benennen, die Kinder, die seit über einem Jahr nicht richtig zur Schule gehen könnten, die Älteren, die in Einsamkeit gestorben seien, weil sie keine Besuche mehr empfangen konnten, die Suizid-Opfer … Ja, die müsse man auch erwähnen dürfen, das müsse man sagen dürfen … in einem freien Land.

Erwähnen, Sagen und Benennen ist gestattet. Damit muss es dann aber auch gut sein.

Vorsicht Querdenker — Vorsicht falsche Seite

Außerdem, so Laschet weiter, müsse man aufpassen, nicht alle gleich in die rechte Ecke zu stellen. Von den 50 sei kein einziger „rechts“, betont er. Bei den weitgehend promifreien Querdenker-Demos ist das natürlich etwas anderes, da ist es augenscheinlich im öffentlich-rechtlichen Medienwald wie auch unter Politikern völlig legitim, eine rechte Gesinnung zu unterstellen. Und von denen distanziert sich auch Liefers. Noch ist also nicht alles verloren.

Die Querdenker-Keule scheint auch das schärfste Schwert bei der Generalabrechnung mit den prominenten Leinwandgesichtern. Da kann man sie kriegen. Ulrike Folkerts, die inzwischen die Corona-Maßnahmen wieder „absolut richtig“ findet, sei jedenfalls weit davon entfernt, „Querdenkern und Rechten Argumente in die Hände zu spielen“ und findet es „furchtbar, dass man mir das unterstellt.“ Wohl vor allem deshalb sei die Aktion „unverzeihlich“.

Den Schauspielern war allerdings durchaus bewusst, dass der Sturm aus dieser Richtung kommen könnte. Deutlich wird dies im Beitrag von Jens Wawrczeck. „Wenn ich Theater spiele, darf im Zuschauerraum in der rechten Hälfte niemand sitzen. Dann kommt der Beifall nur von links. Allerdings, wenn man dann unten steht, ist das ja andersrum. Dann sitzen die Leute nur rechts. Und dann darf da auch niemand sitzen. Das Theater muss ganz leer sein. Dann kommt kein Beifall von der falschen Seite. Und dann fühle ich mich sicher.“

Auch Christian Ehrich hat in seinem Clip über den „Beifall von der falschen Seite“ nachgedacht:

„Falls irgendwann die Theater wieder aufmachen (…), dann werde ich beim Theaterbesuch, wenn das Stück vorbei ist, aufstehen und ganz nach links rüber wandern. Und dann erst klatschen. Dann können alle ganz klar sehen, wo ich stehe. Das ist für die Schauspieler auf der Bühne möglicherweise irritierend. Für die kommt der Beifall von rechts. Aber, um die geht es ja nicht. Es geht um die anderen Zuschauer, dass die ganz klar sehen, wie ich dastehe. Niemand soll denken, ich würde von rechts applaudieren. Und am besten wäre es, wenn es alle so machen würden. Wenn das Stück vorbei ist, wenn der Vorhang fällt: aufstehen und rüber marschieren. Vielleicht können sogar die, die sowieso schon links sitzen, auch aufstehen, als Zeichen, und noch weiter nach links gehen, ins Foyer ausweichen. Dann können alle unmissverständlich, richtig stehend klatschen. Bleiben Sie gesund, und kommen Sie auf die richtige Seite!“

In einem späteren Interview beschreibt Ehrich die reflexartige Reaktion der Medien: „Lustigerweise oder tragischerweise zeigt das genau die Situation, in der wir jetzt sind. (…) Wenn man inhaltliche Kritik äußert und diese im Nachhinein von rechts beklatscht wird, ist die inhaltliche Kritik dann unberechtigt? Dass ich mich jetzt erklären muss, das Video wie meine Haltung, ist Teil des Problems.“ Ehrich ist kein Gegner der Maßnahmen an sich. Viele hält er für richtig, den Podcast von Christian Drosten mag er.

Auch der mutmaßliche Kopf des Projekts, der Münchner Filmemacher und Geschäftsführer der Firma „Wunder am Werk“ Bernd Wunder, bekennt: „Wir sehen uns in eine Ecke gestellt mit rechten Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Corona- und Pandemieleugnern. Nichts liegt uns Ferner. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der wir ferner stehen als der AfD.“

„Schauspieler, die bei dem Projekt mitmachten, werden zum Teil als rechtsradikal beschimpft und verunglimpft. Sie müssen um ihren guten Ruf fürchten und wahrscheinlich auch um künftige Rollenangebote“ (1).

Für Meret Becker waren das offensichtlich auch die Gründe, ihr Video zurückzuziehen. Beifall von der falschen Seite, das sei das Letzte, was sie gewollt habe … Und die Gefährdung ihrer beruflichen Existenz sicher auch nicht.

Das Nachspiel vom Schauspiel

„Die Bild-Zeitung zitierte einen inzwischen gelöschten Tweet des WDR-Rundfunkrats Garrelt Duin von der SPD, der Konsequenzen gefordert hatte: ‚Jan Josef Liefers und Tukur verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an 'den Medien' und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen. Sie haben sich daher als deren Repräsentanten unmöglich gemacht. Die zuständigen Gremien müssen die Zusammenarbeit - auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden - schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat‘“ (2).

Es ist in der Tat die Frage, ob die Seite, auf der man als Schauspieler und Mensch zu stehen glaubt, (noch) die richtige ist, und ob diejenigen, die sich so demokratisch geben, es auch wirklich sind. Dazu bedarf es mehr als des Nachdenkens über Pandemie-Maßnahmen. Es ist ein Nachdenken über Machtstrukturen, Profitinteressen und das grundsätzliche Verständnis von freiheitlichen Werten und einer Demokratie, die noch nie Basisdemokratie war.

Corona spaltet die Gesellschaft, auch die der Schauspieler

Der Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie Ulrich Matthes konnte sich in der 3sat-Sendung Kulturzeit minutenlang über die Abtrünnigen echauffieren. Gleichermaßen wütend, enttäuscht und konsterniert sei er. Er habe kein Verständnis für all das und redet sich die Wut aus dem Leib, zuweilen kaum zu stoppen von Moderatorin Cécile Schortmann, die ihn mehrfach unterbrechen muss.

Da würde der Eindruck erweckt, die Maßnahmen wären oktroyiert, eine Corona-Diktatur im Gange — für Matthes völlig absurd. Es stimme auch nicht, dass es keine Kritik gebe. Auf allen Kanälen würde kritisiert, auch scharf. Dass die Kritik — gerade aus dem Kulturbereich — dabei auf völlig taube Ohren gestoßen ist, fände er zwar auch nicht gut, aber als „Untertan“ habe er sich dennoch nie gefühlt. Ihm wurde seine kritische Meinung nie abgeschnitten.

Offensichtlich hat Matthes seine Film-Rolle als Propagandaminister Joseph Goebbels im Spielfilm Der Untergang nicht geholfen, um fundamentale Angriffe auf Demokratie und Grundgesetz zu erkennen.

Der Rahmen für öffentliche Kritik ist ganz offensichtlich eng gesteckt und begrenzt sich auf Umfang und Ausgestaltung von Maßnahmen: zu hart, zu weich, zu wenige, zu viele, zu lang oder zu kurz.

Das Grundsätzliche zu hinterfragen und hinter den Vorhang dieses Theaters zu schauen, gelingt Matthes nicht.

Ganz intensiv: Von Betten und Patienten

Auch Matthes bemüht die angespannte Situation auf den Intensivstationen und die vielen Menschen, die gestorben seien, mehr als 80.000 inzwischen. Gerade angesichts dieses Leids empfinde er die Aktion als besonders zynisch gegenüber den Opfern, ihm käme dabei „die Galle hoch“.

Dass die Situation auf den Intensivstationen keineswegs so prekär ist, wie sie uns immer wieder vermittelt wird, haben zuletzt Sahra Wagenknecht und vor allem der Journalist Robert Fleischer in beeindruckender Weise aufgezeigt. Die Intensivbettenbelegung hat sich in den vergangenen zwölf Monaten praktisch kaum verändert, der Anteil der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen ist zudem bescheiden gering, und die Zahlen des DIVI-Intensivregisters sind durch Mehrfachzählung infolge der Verlegung von Intensivpatienten zudem aufgebläht.

Was sich geändert hat, ist die Zahl der verfügbaren Intensivbetten. Denn diese wurden massiv abgebaut, auch und gerade zu einer Zeit, als die „Zweite Welle“ im Herbst von den meisten bereits erwartet wurde. Fleischer zeigt anschaulich, dass eine Auslastung der Intensivstationen von 75 Prozent im ökonomischen Interesse der Krankenhäuser liegt und diese daher je nach Lage Intensivbetten auf- und abbauen, um diese Grenze nicht zu unterschreiten. Denn nur dann erhalten sie nach dem Krankenhausfinanzierungsgesetz staatliche Förderung. All das weiß Matthes sicher nicht. Aber Wissen ist eben auch eine Holschuld.

Was er wissen sollte: Die mehr als 80.000 angeblich an Covid-19 Gestorbenen sind eben lange nicht alle Covid-19-Opfer. Vermutlich ist es sogar nur ein ganz geringer Teil von ihnen, wenn man bedenkt, dass die allermeisten sehr alt und vorerkrankt waren. Aber genau diese Art der Kritik hat nie die Eintrittskarte für den öffentlichen Debattenraum erhalten.

Dass der eine Schauspieler zukünftig nicht mehr mit dem anderen spielen wird, ist zu vermuten. Wie sonst überall in der Gesellschaft findet die Spaltung auch unter den Schauspielern statt.

Auf „breite Kritik“ sei die Aktion bei vielen Kolleginnen und Kollegen gestoßen. Christian Ulmen schämte sich sozial-medial und Elyas M'Barek sah nur den hilflosen Zynismus der Beteiligten. Andere fanden es nur „peinlich“ und konnten vor Entrüstung kaum glauben, was da vor sich gegangen war. Nora Tschirner hat offenbar eine besonders hohe Meinung von den Akteuren, denen sie Zynismus und Handeln aus Langeweile bescheinigt (2). Da fehlt einem die Fantasie für den nächsten gemeinsamen Spielfilm unter Schauspieler-Kollegen.

Satiriker Jan Böhmermann geht noch weiter und meint, dass die Videomacher nicht alle Nadeln an der Tanne hätten und ruft mit #allenichtganzdicht dazu auf, diese für „bekloppt“ zu erklären. Kein einziges Video hätte seiner Meinung nach die Berechtigung, angeschaut zu werden. Stattdessen solle man sich zur Meinungsbildung mal die ARD-Doku über die Intensiv-Station 43 der Berliner Charité ansehen. Dann wüsste man Bescheid.

Ebenso meinungsüberlegen fühlt sich der frühere VIVA-Moderator Tobias Schlegl, seines Zeichens im Nebenberuf Notfallsanitäter und damit prädestiniert für die „richtige Wahrheit“. Die Zyniker könnten sich „ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben“, twitterte er.

Worum es geht

„Es geht um die Art, wie Staat und Bürger interagieren, und um die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen“, heißt es auf der Website der kritischen Schauspieler:

„Es geht darum, dass Kritik am Lockdown ein legitimer Standpunkt ist, der sich mit Argumenten und Fakten untermauern lässt.

Es geht um den Blick auf die Schäden, die die Corona-Maßnahmen auf vielerlei Art anrichten.

Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche um einen wichtigen Teil ihres Lebens betrogen werden.

Es geht darum, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Es geht um eine Rhetorik von ‚Wir‘ und ‚Gemeinsamkeit‘, die schon deswegen falsch ist, weil offensichtlich nicht ‚wir alle‘ da ‚gemeinsam‘ drinstecken, sondern in sehr unterschiedlichem Maße: Die Schere von Arm und Reich geht immer weiter auf.

Es geht am Ende auch um den bekannten Slogan: Leave no one behind.

Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen, die verstummt sind.

Uns geht es darum, endlich offen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander zu reden.“

Besser könnte man es nicht ausdrücken. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

Man kann nur hoffen, dass sich die mutigen Schauspieler ihre Aufrichtigkeit bewahren, dass sie nicht reihenweise umfallen. Denn es mag eine Zeit kommen, in der auch sie gefragt werden, wie sie sich damals verhalten haben. Wahrheit braucht manchmal eine Zeit, um ans Licht zu kommen. Aber diese Zeit wird kommen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.n-tv.de/politik/Kopf-von-allesdichtmachen-ist-unbekannt-article22510487.html n-tv.de: „Das Theater muss leer sein“ — Kopf von #allesdichtmachen ist unbekannt. Von Barbara Mauersberg, 23. April 2021.
(2) Ebenda.
(3) #allesdichtmachen: Mehrere Schauspieler distanzieren sich von eigener Aktion | ZEIT ONLINE Zeit Online: #allesdichtmachen — Mehrere Schauspieler distanzieren sich von eigener Aktion. Schauspielerinnen wie Ulrike Folkerts und Meret Becker bitten um Verzeihung: Sie hatten mit Clips unter dem Hashtag #allesdichtmachen die Corona-Politik kritisiert. 23. April 2021

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