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Mein Abschied von The Intercept

Mein Abschied von The Intercept

Der Journalist Glenn Greenwald erklärt, warum er sich von dem von ihm mitgegründeten Online-Magazin trennt und eigene Wege geht.

von Glenn Greenwald

Heute habe ich meinen Ausstieg bei The Intercept, der publizistischen Website, die ich gemeinsam mit Jeremy Scahill und Laura Poitras im Jahr 2013 gegründet habe, sowie von der Muttergesellschaft First Look Media bekannt gegeben.

Der letztlich ausschlaggebende Anlass ist, dass die Redaktion von The Intercept, unter Verletzung meines vertraglichen Rechts auf redaktionelle Freiheit, einen Artikel zensierte, den ich diese Woche geschrieben habe, und sich weigerte, ihn zu veröffentlichen, wenn ich nicht alle kritischen Passagen über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden streiche, der von allen New Yorker Intercept-Redakteuren, die an diesem Zensurversuch beteiligt waren, vehement unterstützt wird.

Der zensierte Artikel, der auf kürzlich veröffentlichten E-Mails und Zeugenaussagen basiert, warf kritische Fragen zu Bidens Verhalten auf. Die Intercept-Redakteure gaben sich nicht damit einfach zufrieden, die Veröffentlichung dieses Artikels in dem von mir mitbegründeten Internet-Magazin zu verhindern, sondern verlangten auch, dass ich auf mein Sondervertragsrecht verzichte, diesen Artikel woanders zu publizieren.

Ich hatte kein Problem damit, dass sie mit meinen Ansichten über das, was diese Belege über Biden deutlich machen, nicht einverstanden waren: Als letzten Versuch der Zensur zu entgehen, ermutige ich sie, ihre Meinungsverschiedenheiten mit mir darzulegen, indem sie in eigenen Artikeln meinen Standpunkt kritisieren und den Lesern die Entscheidung überlassen, wer recht hat, so wie das jedes souveräne und funktionierende Medienunternehmen tun würde. Aber moderne Medien erörtern keinen Dissens; sie zermalmen ihn. Den Weg, den diese Redakteure als Biden-Unterstützer wählten, war also eher die Zensur meines Artikels, als sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Der zensierte Artikel wird in Kürze auf dieser Seite veröffentlicht werden — er ist bereits hier veröffentlicht, und die E-Mail-Korrespondenz mit den Intercept-Redakteuren bezüglich der Zensur sind hier. Mein Abschiedserklärung, die ich heute Morgen (29. Oktober 2020, Anmerkung des Übersetzers) an den Präsidenten von First Look Media, Michael Bloom, geschickt habe, ist nachstehend veröffentlicht.

Ab sofort werde ich meinen Journalismus hier auf Substack veröffentlichen, wohin zahlreiche weitere Journalisten — darunter mein guter Freund, der großartige und unerschrockene Reporter Matt Taibbi — gekommen sind, um Journalismus frei von dem zunehmend repressiven Klima zu betreiben, das die nationalen Mainstream-Medien im ganzen Land vereinnahmt.

Dies war keine leichte Entscheidung: Ich opfere freiwillig die Unterstützung einer großen Institution und ein sicheres Gehalt im Tausch gegen nichts als den Glauben daran, dass es genügend Menschen gibt, die an den Wert eines unabhängigen Journalismus und an die Notwendigkeit eines freien Diskurses glauben, und die bereit sind, meine Arbeit durch ein Abonnement zu unterstützen.

Wie jeder, der kleine Kinder, eine Familie und zahlreiche Verpflichtungen hat, tue ich dies mit einer gewissen Unsicherheit, aber auch in der Überzeugung, dass es keine andere Wahl gibt. Ich könnte nachts nicht schlafen, wenn ich wüsste, dass ich irgendeiner Institution erlaubt habe, das zu zensieren, was ich sage und glaube — am wenigsten dem Medium, das ich mit dem ausdrücklichen Ziel mitgegründet hatte, sicherzustellen, dass genau dies anderen Journalisten nie passiert, geschweige denn mir, geschweige denn, weil ich einen Artikel geschrieben habe, der einen mächtigen Politiker der Demokratischen Partei kritisiert, der die vehemente Unterstützung der Redakteure bei der bevorstehenden Wahl hat.

Aber die Pathologien, der Illiberalismus und die repressive Mentalität, die zu dem bizarren Spektakel der Zensur meines Artikels durch die eigene Medienplattform führten, sind beileibe nicht nur spezifisch für The Intercept. Dies sind die Viren, die praktisch jede politisch Mitte-Links-Organisation, jede akademische Institution und jede Nachrichtenredaktion des Mainstreams vergiftet haben. Vor fünfzehn Jahren habe ich begonnen, über Politik mit dem Ziel zu schreiben, Medienpropaganda und Repression zu bekämpfen, und kann — ungeachtet der damit verbundenen Risiken — einfach keine Situation akzeptieren, egal wie sicher oder lukrativ sie ist, die mich zwingt, meinen Journalismus und mein Recht auf freie Meinungsäußerung ihren abwürgenden Restriktionen und dogmatischen Diktaten zu unterwerfen.

Seit ich im Jahr 2005 begann, über Politik zu schreiben, sind meine journalistische Freiheit und redaktionelle Unabhängigkeit für mich unantastbar. Vor fünfzehn Jahren, als ich noch als Jurist tätig war, habe ich einen Blog mit der frei verfügbaren Software Blogspot erstellt: nicht in der Hoffnung oder mit Plänen, eine neue Karriere als Journalist zu beginnen, sondern einfach als Bürger, als der ich mir Gedanken darüber machte, was ich im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Terror und den bürgerlichen Freiheiten sah, und der ausdrücken wollte, was seiner Meinung nach gehört werden musste. Es war ein Liebesdienst, der auf dem Ethos des Anliegens und der Überzeugung beruhte und von der Garantie völliger redaktioneller Freiheit abhing.

Der Blog gedieh, weil die Leserschaft, die ich gewinnen konnte, wusste, dass ich selbst dann, wenn sie mit bestimmten Ansichten, die ich äußerte, anderer Meinung war, doch immer eine freie und unabhängige Stimme war, ungebunden gegenüber jeder Interessengruppe, von niemandem kontrolliert, immer um größtmögliche Ehrlichkeit bemüht hinsichtlich dessen, was ich wahrnahm, und immer offen für die Weisheit, Dinge auch anders sehen zu können. Der Titel „Unclaimed Territory“ (Nicht beanspruchtes Territorium), den ich für den Blog wählte, spiegelte diesen Geist der Befreiung aus der Geiselhaft eines jedweden feststehenden politischen oder intellektuellen Dogmas oder irgendwelcher institutioneller Restriktionen wider.

Als mir Salon (ein preisgekröntes Online-Nachrichtenportal, Anmerkung des Übersetzers) im Jahr 2007 einen Job als Kolumnist anbot und 2012 dann The Guardian, nahm ich unter der Bedingung an, dass ich das Recht habe, meine Artikel und Kolumnen — außer in eng definierten Situationen wie beispielsweise Artikel, die eine rechtliche Haftung für die Nachrichtenagentur begründen könnten — direkt im Internet zu veröffentlichen, ohne Zensur, weitgehende redaktionelle Einmischung oder sonstige erlaubte und genehmigte Eingriffe. Beide Medien haben ihre Veröffentlichungsrichtlinien überarbeitet, um diesem Umstand Rechnung zu tragen, und in den vielen Jahren, in denen ich mit ihnen zusammengearbeitet habe, haben sie sich stets an diese Verpflichtungen gehalten.

Im Jahr 2013, als ich auf dem Höhepunkt der Berichterstattung über Edward Snowden den Guardian verließ, um ein neues Medium zu schaffen, tat ich das natürlich nicht, um mir selbst mehr Beschränkungen und Einschränkungen meiner journalistischen Unabhängigkeit aufzuerlegen.

Das genaue Gegenteil war der Fall: Die beabsichtigte Kerninnovation von The Intercept bestand vor allem darin, ein neues Online-Medium zu etablieren, indem alle talentierten, verantwortungsbewussten Journalisten dasselbe Recht auf redaktionelle Freiheit genießen können, auf das ich für mich selbst immer bestanden hatte. Meine Kritikpunkte am Mainstream-Journalismus und die Idee hinter The Intercept habe ich 2013 dem damaligen Chefredakteur der New York Times Bill Keller in einem Meinungsaustausch dargelegt:

„Redakteure sollten ihre Aufgabe darin sehen, soliden, höchst sachlichen, aggressiven und konfrontativen Journalismus zu ermutigen und zu stärken, und nicht darin, als Barriere zu fungieren, um den Journalismus zu kastrieren oder zu unterdrücken.“

Als wir drei Mitbegründer schon frühzeitig die Entscheidung trafen, nicht versuchen zu wollen, die laufenden Geschäfte des neuen Mediums zu führen, um uns stattdessen auf unseren Journalismus konzentrieren zu können, verhandelten wir das Zustimmungsrecht für leitende Redakteure, insbesondere das des Chefredakteurs. Die zentrale Verantwortlichkeit der Person, die diesen Titel trägt, sollte in enger Abstimmung mit uns die Umsetzung der einzigartigen journalistischen Vision und des journalistischen Wertekanons sein, auf denen wir dieses neue Medium gegründet hatten.

Zu diesen Werten zählten vor allem die redaktionelle Freiheit, der Schutz des Rechts eines Journalisten, sich ehrlich äußern zu können, und die Veröffentlichung statt Unterdrückung von Dissens gegenüber den gängigen Orthodoxien und sogar von kollegialen Meinungsverschiedenheiten untereinander. Das sollte vor allem dadurch erreicht werden, indem sichergestellt wird, dass Journalisten — sobald sie ihre wichtigste Pflicht sachlicher Sorgfalt mit journalistischem Ethos erfüllen — nicht nur die Erlaubnis, sondern die Unterstützung dafür haben, politische und ideologische Meinungen zu vertreten, die von der gängigen Orthodoxie und den Ansichten ihrer eigenen Redakteure abweichen; dass sie sich mit ihrer eigenen Stimme der Leidenschaft und Überzeugung äußern, statt in den Ton einer künstlichen, vereinheitlichten Objektivität und einer über allem stehender Allmacht verfallen zu müssen; und dass sie völlig frei von dogmatischen Überzeugungen oder einer ideologischen Agenda irgendwelcher anderer Menschen sein sollen — einschließlich derjenigen der drei Mitbegründer.

Die gegenwärtige Iteration von The Intercept ist im Vergleich zu dieser ursprünglichen Vision überhaupt nicht mehr zu erkennen. Statt einen Begegnungsort für widerstreitende Meinungen, an den Rand gedrängter Stimmen und ungehörter Sichtweisen zu bieten, wandelt sich The Intercept rapide zu nichts als einem weiteren Medium mit aufgezwungenen ideologischen und parteilichen Loyalitäten, einer starren und engen Bandbreite zugelassener Standpunkte — die vom Establishment-Liberalismus bis zum Soft-Linkismus reicht, aber immer verankert ist in der ultimativen Unterstützung der Demokratischen Partei —, einer tiefen Furcht davor, den hegemonialen kulturellen Liberalismus und die Mitte-Links-Twitterstars anzugreifen, und einem übergreifenden Bedürfnis, sich der Zustimmung und Bewunderung genau jener Mainstream-Medien zu versichern, gegen die wir The Intercept gegründet haben, um sie zu attackieren, zu kritisieren und zu konterkarieren.

Daher ist es tatsächlich ein seltenes Ereignis, wenn eine radikale, unabhängige Stimme, die in den Mainstream-Revieren unerwünscht ist, in The Intercept zu Worte kommt. Außenstehende Reporter oder Autoren ohne Anspruch auf Mainstream-Akzeptanz — genau die Leute, denen wir stärkeres Gewicht geben wollten — haben fast keine Chance, publiziert zu werden. Noch seltener kommt es bei The Intercept vor, dass Inhalte veröffentlicht werden, die nicht sehr bequem in mindestens ein Dutzend oder mehr Mitte-Links-Publikationen ähnlicher Reichweite passen würden, die älter sind als The Intercept — von Mother Jones über Vox und bis hin zu MSNBC.

Mut ist erforderlich, um aus der Reihe zu tanzen, die heiligsten Glaubenssätze des eigenen Milieus infrage zu stellen und in ihr herumzustochern. Aber die Angst davor, die Wächter der liberalen Orthodoxie, insbesondere auf Twitter zu verprellen, ist das Hauptcharakteristikum der New Yorker Redaktionsleitung von The Intercept. Infolgedessen hat The Intercept seine Kernaufgabe so gut wie aufgegeben, die darin besteht, die Institutionen und die Wächter, die in seinen eigenen kulturellen und politischen Kreisen am einflussreichsten sind, herauszufordern und zu attackieren, statt sie zu beschwichtigen und zu ermuntern.

Erschwerend kam hinzu, dass The Intercept — obwohl nach und nach die Mitbegründer von jeder Art redaktioneller Arbeit oder Leitung ausgeschlossen sowie eine Entscheidung nach der anderen gefällt wurde, denen ich lautstark als Verrat an unserer Kernaufgabe widersprach — weiterhin öffentlich meinen Namen benutzte, um Gelder aufzubringen, für einen Journalismus, den ich bekanntermaßen nicht unterstütze. Absichtlich ließ The Intercept den Eindruck entstehen, dass ich derjenige sei, der für die journalistischen Fehler verantwortlich war, um sicherzustellen, dass die Schuld für diese Fehler auf mich abgewälzt wurde, anstatt auf die Redakteure, die ihre Kontrolle festigten und die dafür verantwortlich waren.

Das ungeheuerlichste, aber keineswegs das einzige Beispiel für die Ausnutzung meines Namens, um sich der Verantwortung zu entziehen, war das Debakel um Reality Winner (1). Wie die New York Times kürzlich berichtete, war das eine Story, an der ich in keiner Weise beteiligt war. Während meines Aufenthaltes in Brasilien wurde ich nie gebeten, an den Dokumenten zu arbeiten, die Winner an unsere New Yorker Nachrichtenredaktion geschickt hatte, ohne die Bitte, dass irgendein spezieller Journalist sie bearbeiten solle. Ich erfuhr erst kurz vor der Veröffentlichung von der Existenz jener Dokumente. Die Person, die diese Geschichte betreute, redigierte und überprüfte war Betsy Reed, so wie es angesichts der Bedeutung und Komplexität der Berichterstattung und ihrer Position als Chefredakteurin sein sollte.

Intercept-Redakteure waren es, die die Reporter der Story drängten, die Dokumente schnell zur Echtheitsprüfung an die Regierung zu schicken — weil sie den Mainstream-Medien und prominenten Liberalen beweisen wollten, dass The Intercept bereit war, auf den Russiagate-Zug aufzuspringen. Sie versuchten den durch meine Artikel — in denen ich meine Skepsis gegenüber den zentralen Behauptungen jenes Skandals zum Ausdruck brachte — entstandenen Eindruck zu entkräften, dass The Intercept bei einer Geschichte von so hoher Bedeutung für den US-Liberalismus und selbst für die Linke aus der Reihe tanzt. Dieser Drang — sich den Beifall genau jener Mainstream-Medien zu sichern, denen wir ursprünglich entgegenwirken wollten — war die eigentliche Ursache für die Hast und Leichtsinnigkeit, mit denen das Dokument von Winner behandelt wurde.

Aber bis zum heutigen Tag weigert sich The Intercept, öffentlich Rechenschaft darüber abzulegen, was bei der Reality-Winner-Story passiert ist: zu erklären, wer die Redakteure waren, die die Fehler machten und warum das überhaupt geschah. Wie der Artikel in der New York Times verdeutlicht, besteht diese Weigerung bis zum heutigen Tag, ungeachtet lautstarker Aufforderungen meinerseits, von Jeremy Scahill, Laura Poitras und anderen, dass The Intercept als Institution, die Transparenz von anderen verlangt, die Pflicht hat, sie selbst zu gewährleisten.

Der Grund für dieses Schweigen und diese Vertuschung liegt auf Hand: Der Öffentlichkeit Rechenschaft darüber abzulegen, was bei der Reality-Winner-Geschichte ablief, würde offenbaren, wer die eigentlich verantwortlichen Redakteure für dieses zutiefst peinliche Versagen der Redaktion waren, wodurch es ihnen nicht mehr möglich wäre, sich hinter mir zu verstecken und die Öffentlichkeit weiterhin in dem Glauben zu lassen, ich sei der Schuldige an einer Berichterstattung, bei der ich von Anbeginn an völlig außen vor war.

Dies ist nur ein Beispiel für das frustrierende Dilemma, dass eine Redaktion meinen Namen, meine Arbeit und meine Glaubwürdigkeit ausnutzt, mir aber zunehmend jede Möglichkeit verweigert, ihre journalistischen Auftrag und ihre redaktionelle Ausrichtung zu beeinflussen, während sie gleichzeitig eine redaktionelle Richtung eingeschlagen hat, die meinen Überzeugungen komplett entgegensteht.

Trotz alledem wollte ich The Intercept nicht verlassen. Während das Medium verkam und seine ursprüngliche Zielsetzung aufgab, kam ich zu der — vielleicht rationalisierten — Überlegung, dass ich alles andere schlucken könnte, solange The Intercept mir zumindest weiterhin die Ressourcen zur Verfügung stellt, um einen Journalismus gemäß meinen persönlichen Überzeugungen zu betreiben, und nicht in meine redaktionelle Freiheit eingreift oder sie behindert.

Aber die rigorose Zensur meines Artikels in dieser Woche — über das Hunter-Biden-Material und Joe Bidens Verhalten hinsichtlich der Ukraine und China wie auch meine Kritik an dem Versuch der Medien, in einer zutiefst unheiligen Allianz mit Silicon Valley und der „Geheimdienst-Gemeinde“ die Reihen zu schließen und die Enthüllungen zu unterdrücken — verschwand für mich die letzte Rechtfertigung, an die ich mich hatte klammern können, um zu bleiben. Diese Zensur bedeutete, dass dieses Medium nicht nur anderen Journalisten die redaktionelle Freiheit nicht gewährt, die ich mir vor sieben Jahren so hoffnungsfroh vorgestellt hatte, sondern dass sie selbst für mich nicht mehr gültig ist. In den Tagen vor einer Präsidentschaftswahl werde ich quasi davon abgehalten, Ansichten zu äußern, die irgendwelche Redakteure in New York als unangenehm empfinden, und jetzt muss ich mich beim Schreiben und in meinen Berichte gewissermaßen an ihre parteiischen Wünsche und ihr Eifer anpassen, für einen bestimmten Kandidaten zu votieren.

Zu sagen, dass solch eine Zensur für mich eine rote Linie darstellt, eine Situation, die ich niemals akzeptieren würde, koste es, was es wolle, wäre ein Understatement. Für mich ist frappierend, aber auch ein Spiegelbild unserer gegenwärtigen Diskurskultur und des illiberalen Medienumfeldes, dass mich mein eigenes Medienunternehmen bezüglich Joe Bidens zum Schweigen gebracht hat.

Zahlreiche weitere Episoden trugen ebenfalls zu meiner Entscheidung bei, The Intercept zu verlassen: die Reality-Winner-Vertuschung; die Entscheidung, Lee Fang im Stich zu lassen und ihn sogar zu zwingen, sich zu entschuldigen, als ein Kollege versuchte, seine Reputation zu zerstören, indem er ihn öffentlich, grundlos und wiederholt als Rassist brandmarkte; die Weigerung, über den täglichen Verlauf der Assange-Auslieferungsanhörung zu berichten, weil der freiberufliche Journalist, der eine hervorragende Arbeit leistete, politisch geschmacklos war; sein völliger Mangel an redaktionellen Standards, wenn es um Standpunkte oder Berichte geht, die den Ansichten seiner liberalen Basis schmeicheln — The Intercept veröffentlichte einige der naivsten und unwahrscheinlichsten Behauptungen zum maximalen Russiagate-Wahn und übernahm empörenderweise die Führung bei der falschen Brandmarkung des Hunter Biden-Archivs als „russische Desinformation“, indem in gedankenloser und unkritischer Weise — ausgerechnet — ein Brief von ehemaligen CIA-Beamten zitiert wurde, der diese grundlose Unterstellung enthielt.

Ich weiß, es klingt banal, wenn ich das sage, aber — selbst trotz all dieser Enttäuschungen und Fehlschläge — gehe ich jetzt und schreibe dies mit echter Wehmut, nicht mit Wut. Dieses Medium ist etwas, in das ich und zahlreiche enge Freunde und Kollegen einen enormen Teil unserer Zeit, Energie, Leidenschaft und Liebe investiert haben.

The Intercept hat Großartiges geleistet. Seine Redaktionsleiter und die Manager von First Look haben die schwierige und gefährliche Berichterstattung unterstützt, die ich im vergangenen Jahr mit meinen mutigen jungen Kollegen bei The Intercept Brasil zur Aufdeckung der Korruption auf höchster Ebene der Bolsonaro-Regierung geleistet habe, und sie standen hinter uns, als wir Todes- und Gefängnisdrohungen ausgesetzt waren.

Einige meiner engsten Freunde arbeiten weiterhin bei The Intercept, hervorragende Journalisten, deren Arbeit — wenn sie die redaktionellen Widerstände überwindet — in mir nichts als die höchste Bewunderung hervorruft: Jeremy Scahill, Lee Fang, Murtaza Hussain, Naomi Klein, Ryan Grim und andere. Und ich hege weder persönliche Feindseligkeiten gegen irgendjemanden dort noch den Wunsch, The Intercept als Institution zu schaden.

Zu Betsy Reed, eine außergewöhnlich kluge Redakteurin und ein sehr guter Mensch, habe ich eine enge und wertvolle Freundschaft entwickelt. Und Pierre Omidyar, der Gründer und Herausgeber von First Look, hielt sich stets an seine persönliche Zusage, sich nie in unseren redaktionellen Prozess einzumischen, selbst wenn ich Artikel veröffentlichte, die direkt im Widerspruch zu seinen starken Überzeugungen standen, und auch nicht, wenn ich andere von ihm finanzierte Institutionen angriff. Ich gehe nicht aus Rache oder wegen persönlichen Zwists, sondern aus Überzeugung und mit gutem Grund.

Und keiner meiner Kritikpunkte ist spezifisch für The Intercept. Im Gegenteil: Dies sind die wütenden Kämpfe um freie Meinungsäußerung und das Recht auf eine abweichende Meinung, die innerhalb jeder größeren kulturellen, politischen und journalistischen Institution toben. Das ist die Krise, in der sich der Journalismus und im weiteren Sinn die Werte des Liberalismus befinden. Unser Diskurs wird zunehmend intoleranter gegenüber abweichenden Ansichten, und unsere Kultur verlangt mehr und mehr Unterwerfung unter vorherrschende Orthodoxien, die von selbst ernannten Monopolisten der Wahrheit und Gerechtigkeit auferlegt und von Armeen des Online-Kontroll-Mobs unterstützt werden.

Und nichts wird von diesem Trend stärker gelähmt als der Journalismus, der vor allem die Kompetenz der Journalisten erfordert, die Machtzentren anzugreifen und zu verärgern; heilige Wahrheiten zu hinterfragen oder abzulehnen; Fakten auszugraben, die sogar (vor allem) die geliebtesten und mächtigsten Figuren negativ darstellen; und Korruption aufzuzeigen, ganz gleich, wo sie zu finden ist und ohne Rücksicht darauf, wer von ihrer Aufdeckung profitiert oder beschädigt wird.

Vor meiner außergewöhnlichen Erfahrung in dieser Woche, von meinem eigenen Online-Medium zensiert zu werden, hatte ich bereits die Möglichkeit der Gründung eines neues Mediums sondiert. Ich habe einige Monate lang mit einigen der interessantesten, unabhängigsten und dynamischsten Journalisten, Autoren und Kommentatoren quer durch das gesamte politische Spektrum intensiv darüber diskutiert, ob es möglich ist, die Finanzierung für ein neues Medium sicherzustellen, das darauf angelegt wäre, diese Trends zu bekämpfen. Die ersten beiden Absätze unseres Arbeitspapiers lauten wie folgt:

„Amerikas Medien befinden sich in einem polarisierten Kulturkampf, der den Journalismus zur Anpassung an Narrative von Stammeszugehörigkeiten und Gruppendenken zwingt, die oft von der Wahrheit entkoppelt sind und Perspektiven bieten, die nicht die breite Öffentlichkeit, sondern eine Minderheit von hyper-parteilichen Eliten widerspiegeln. Die Notwendigkeit, sich an höchst restriktive und künstlich kulturelle Narrative und parteiliche Identitäten anzupassen, hat ein repressives und illiberales Klima geschaffen, in dem riesige Bereiche der Nachrichten und der Berichterstattung entweder nicht stattfinden oder durch die verdrehteste und realitätsfernste Brille präsentiert werden.

Da fast alle größeren Medieninstitutionen bis zu einem gewissen Grad von dieser Dynamik erfasst sind, besteht ein tiefes Bedürfnis nach Medien, die ungebunden und frei sind, die Grenzen dieses polarisierten Kulturkampfes zu überschreiten und sich der Forderung einer Öffentlichkeit zu stellen, die nach Medien hungert, die nicht nur für eine Seite spielen, sondern die Linien der Berichterstattung, des Denkens und Recherche verfolgen, ganz gleich wohin diese führen, ohne Angst davor, kulturelle Heiligtümer oder elitäre Orthodoxien zu verletzen.“

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dieses ehrgeizige Projekt verwirklicht werden kann. Und theoretisch hätte ich bis dahin bei The Intercept bleiben können, mit der Garantie eines festen und sicheren Einkommens für meine Familie, wenn ich die Diktate meiner neuen Zensoren geschluckt hätte.

Aber ich wäre zutiefst beschämt, wenn ich das täte, und ich glaube, dass ich meine eigenen Prinzipien und Überzeugungen verrate, die ich bei anderen anmahne. Daher habe ich beschlossen, in der Zwischenzeit in die Fußstapfen zahlreicher anderer Autoren und Journalisten zu treten, die wegen verschiedener Formen der Ketzerei und abweichender Meinungen aus den zunehmend repressiven journalistischen Kreisen ausgeschlossen wurden und hier Zuflucht suchen.

Ich hoffe, die Freiheit, die diese neue Plattform bietet, nutzen zu können, nicht nur, um weiterhin den unabhängigen und schonungslos investigativen Journalismus und die unverfälschten Analysen und Meinungsäußerungen publizieren zu können, die meine Leser inzwischen erwarten, sondern auch um einen Podcast zu entwickeln und das YouTube-Programm „System Update“ weiterzubetreiben, das ich Anfang dieses Jahres gemeinsam mit The Intercept ins Leben gerufen habe.

Um das zu verwirklichen, brauche ich Ihre Unterstützung: Menschen, die den Newsletter dieser Plattform abonnieren können oder sich anmelden , werden es ermöglichen, dass meine Arbeit gedeihen und weiterhin gehört werden kann, vielleicht sogar mehr als zuvor. Ich habe meine journalistische Laufbahn in Abhängigkeit von der Bereitschaft meiner Leser zur Unterstützung eines unabhängigen Journalismus begonnen, den sie für dringend unterstützungswert halten. An diesem Punkt meines Lebens ist es beängstigend, aber auch sehr anregend, zu jenem Modell zurückzukehren, bei dem man nur Rechenschaft der Öffentlichkeit ablegt, der ein Journalist dienen sollte.


Glenn Greenwald, Jahrgang 1967, ist ein US-amerikanischer Journalist, Blogger, Autor und Rechtsanwalt. Er war Kolumnist bei The Guardian und seit 2014 Mitherausgeber und Hauptautor des Online-Magazins The Intercept. Derzeit veröffentlicht er seine Artikel auf Substack. Seit der Aufdeckung der NSA-Affäre wurde er mehrfach für seine journalistische Tätigkeit ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis . Greenwald hat mehrere Bestseller veröffentlicht, unter anderem „How Would a Patriot Act?“. Er lebt in Rio de Janeiro, Brasilien.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst auf substack.com unter dem Titel „My Resignation From The Intercep“. Er wurde von Matthias Thomsen aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzerteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratteam lektoriert.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Anmerkung des Übersetzers: Reality Leigh Winner war Mitarbeiterin des US-Geheimdienstes und wurde im Juni 2017 verhaftet unter dem Verdacht, einen Geheimdienstbericht über Details russischer Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 an The Intercept weitergegeben zu haben.

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