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Männerfantasien als Staatsideologie

Männerfantasien als Staatsideologie

Im Faschismus schlagen emotionale Defizite traumatisierter Männer um in politische Gewalt. Exklusivabdruck aus „Liebe, Lust und Trauma“.

Sexualität, Faschismus und Totalitarismus

In der rechtsradikalen Gesinnung, die auch in den modernen Demokratien, die allesamt der Nationenkonkurrenz dienen, leicht in den politischen Faschismus umkippen kann, wird der Mythos des starken, unbezwingbaren Mannes auf die Spitze getrieben. „Schlank und rank, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ sollten laut Adolf HitlersRede 1935 in Nürnberg die Hitlerjungen sein (1). Absolute Gefühllosigkeit und militärischer Gehorsam werden hier als das oberste Männerideal postuliert. Angst, Schmerz oder gar Mitgefühl sollen keinen Platz haben in einer völlig entpersönlichten Männerpsyche.

Vermeintliche Schwäche muss gnadenlos und mit aller Härte unterdrückt werden, bei sich wie bei anderen. Der eigene Körper soll wie eine stählerne Maschine funktionieren und dauerhaft Höchstleistungen bringen. Der faschistische Mann wird zum instinktgesteuerten Killer. Er versucht sein Ich ganz in der Identifikation mit der Idee eines rassenreinen Volkes aufgehen zu lassen. Er ist herrisch, und er unterwirft sich. Seine Lust ist sadistisch und masochistisch im Wechsel.

Haltungen des Militarismus und Imperialismus werden in diesem Kontext auch auf sexuelle Beziehungen übertragen. Kämpfen erzeugt Lustgefühle, und Sex ist Teil des Kampfes ums Dasein. Frauen sind dazu da, Männer für ihr kriegerisches Heldentum zu bewundern und sich zum Lohn für Sex zur Verfügung zu stellen. Das faschistische Weltbild beruft sich auf das vermeintliche Naturgesetz, dass nur der Stärkere überleben werde. Es könne somit auch nur einen geben, der ganz oben in der gesellschaftlichen Hierarchie stehe. Wer das schaffe, sei zurecht der allmächtige und unfehlbare „Führer“. Er müsse gottgleich verehrt werden. Unter ihm stehend gibt es die Unterführer mit ihren jeweiligen Gefolgsleuten, die sich ähnlich selbstgerecht verhalten dürfen.

Diese zur Staatsideologie erhobene Männerfantasie von absoluter Macht und Kontrolle kann ebenso von Parteien unter das Volk gebracht werden, die sich „kommunistisch“ nennen.

Was dabei herauskommt, wenn Männer die Herrschaft reklamieren, die keinerlei Verantwortung für sich selbst und ihre traumatisierte Psyche übernehmen, ist absehbar: Krieg, Chaos, Zerstörung, Unterdrückung, Lug und Betrug.

Ergänzend zu diesem Prinzip der allmächtigen Vaterfigur des obersten Staatenlenkers wird ein Mutterideal propagiert, das sich darin erfüllt, Kinder für den totalitären Staat zu gebären. Wie diese Mütter mit ihren Kindern umgehen sollen, hatte in der Zeit des faschistischen deutschen Imperialismus Johanna Haarer (1934) den Frauen in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ bis ins Detail in ihr Stammbuch geschrieben: keinen Körperkontakt, keine Liebe, Abhärtung und Frustration der kindlichen Bedürfnisse — also systematisches Erzeugen von Bindungstraumata von Anfang an.

Biologisch Mutter zu sein, ist in diesem Denken per se schon eine Auszeichnung. Jegliche Form von liebevoller Mütterlichkeit ist fehl am Platz. Daher muss das Kind seine Mutter verehren, allein weil sie es geboren hat. Gleiches gilt dem Vater gegenüber: Er ist der Erzeuger, und das genügt, um ihm für immer dankbar sein zu müssen. Das „Geschenk des Lebens“ ist um jeden Preis anzunehmen: Jeder muss zugleich bereit sein, sein Leben im Kampf für Volk und Vaterland zu opfern. Ehe und Familie stünden im Dienste der Volksgemeinschaft, die sich im permanenten Konkurrenzkampf und Krieg mit den sie umgebenden Ländern befinde.

Dazu werden totale Institutionen geschaffen, die jegliche Individualität und Subjektivität im Keim ersticken. Für lustvolle Sexualität und zärtliche Liebe gibt es keinen offiziellen Spielraum mehr. Für die Soldaten werden bei Bedarf vom Staat Bordelle zur mechanischen Triebabfuhr eingerichtet. Die Vergewaltigung der Frauen der „Feinde“ ist eine unausgesprochene Kriegstaktik und wird politisch gefördert oder zumindest stillschweigend geduldet.

Die Trauma-Überlebensstrategie, mit allen Mitteln zu versuchen, die totale Kontrolle über das eigene Innenleben und die Außenwelt zu bekommen, wird durch die aktuelle technologische Revolution weiter auf die Spitze getrieben.

Was George Orwell in seinem Roman 1984 im Jahr 1948 noch als Utopie beschrieb (2), ist mittlerweile Realität geworden. „Big Brother is watching you“ kann durch überall installierte Kameras, Spähsoftwares in Computern und durch Smartphones flächendeckend realisiert werden. Staaten und Wirtschaftskonzerne haben so den totalen Zugriff auf die Privatsphäre von jedem einzelnen von uns. Sie manipulieren unsere Psyche für die Zwecke ihres Machterhalts und ihrer Freiheit, sich gemeinschaftlich erzeugten Reichtum privat anzueignen (3).

Wirft man nur einen kurzen Blick auf die Biografien und die Kindheits- und Jugendgeschichten der Männer, die im Jahr 2019 an der Spitze der mächtigsten, weil mit den meisten Waffen ausgestatteten Nationen auf diesem Erdball stehen — Donald Trump, Vladimir Putin und Xi Jinping —, schaut man in einen Abgrund von Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit, körperlichen Gewalterfahrungen und psychischen Demütigungen (4). Was bliebe uns allen an Unheil erspart, wenn unsere politischen Führer gereifte Menschen wären, die in sich selbst ruhten, statt den gesamten Globus mit ihren Trauma-Überlebensstrategien und der Reinszenierung ihrer eigenen fürchterlichen Kindheitserfahrungen in Angst und Schrecken zu versetzen? Wer mit Atomwaffen droht, ist ein potenzieller Selbstmörder.

Dass solche traumatisierte Menschen es schaffen, mit millionenfacher Unterstützung ihrer jeweiligen Anhänger an der Spitze zu stehen, ist für mich ein weiterer Beleg dafür, wie traumatisiert diese Gesellschaften sind, denen sie vorstehen.

Einer meiner Grundüberzeugungen ist: Ein Mensch, der sich seinen eigenen schmerzvollen psychischen Realitäten stellt, kann nicht totalitär und noch nicht einmal autoritär sein. Er wird keine Systeme ins Leben rufen und am Laufen halten, die der Mehrheit der Menschen Elend, Versklavung und Tod bringen. Er braucht keine äußeren Feinde, um sich von seinem inneren Terror abzulenken. Wer anfängt, Mitgefühl mit sich selbst zu haben, hat es auch für andere. Er kann wieder klar zwischen Opfersein und Tätersein trennen — in sich selbst wie im Außen (5).



Quellen und Anmerkungen:

(1) Roddewig, 2012.
(2) Orwell, 2002.
(3) Mausfeld, 2018.
(4) Lee 2018; Fuchs 2019.
(5) Ruppert 2018.

Das Literaturverzeichnis mit den vollständigen Quellenangaben finden Sie im Buch.

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