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Lob der Covidioten

Lob der Covidioten

Der Philosoph Byung-Chul Han sah den heutigen Wahnsinn bereits 2014 glasklar voraus.

Auch meine Freunde haben ihn aufgegeben. Und sie empfinden es als Fortschritt, einem naturgegebenen Lauf der Dinge geschuldet: den Menschen aufgegeben zu haben, sich selbst. Und treffe ich Freunde also, so finde ich mich in aufgegebenem Land vor. Es scheint, entgegen anderslautenden kosmischen Bestimmungen, im Wesen des Menschen angelegt zu sein, sich aufzugeben. Davon können auch meine Freunde nicht abrücken. Und dass wir als Menschen den Menschen und also uns aufgeben, dafür soll und kann kein Bewusstsein sein. Zu sehr schon sind wir weg aus uns selbst. Zu sehr schon Nummern. Daten. Dies aber ist die Voraussetzung für die Aufgabe und deren Vollzug in einem. Ein Harari und andere Diener der Herren plappern ganz aufgeregt davon. Wie kleine Buben, die ein ferngesteuertes Auto zur Weihnacht bekommen haben.

Im Gespräch — wo es dazu oder etwas Ähnlichem noch kommt, die meisten allerdings halten sich an die smarten Geräte — verweisen einige auf Tiere, auf Lebensformen, auf Organismen im Allgemeinen und betten die Aufgabe des Menschen in das Bestreben ein, jedem Anthropozentrismus zu entgleiten, den Planeten zu befrieden und also den Menschen aus sich selbst heraus- und abzuführen. Sie erkennen — zumeist noch versehen mit vermeintlich sicheren Stellen, Staatsstellen, Konzernstellen, Renten oder aber zuverlässigen Leitungen zu den Medien — in der digitalen Version der Termitenstadt, den Smart Citys, die eigene Zukunft, und sprechen diese Zukunft einem Kind gleich aus, das wichtige Begriffe, irgendwo aufgeschnappt, wiedergibt, ohne zu wissen, was es sagt. Das indes ist ziemlich das einzig Kindliche, das geblieben ist. Und vielleicht ist das gar nicht kindlich, sondern bereits Ausdruck der großen Usurpation.

Das Verschwinden des Menschen — man findet ja viele Argumente dafür, nicht wahr: die Kriege, die Lager, die Vergiftung der Erde, die Ausrottung der Tiere, das Abholzen der Wälder, die Ausbeutung aller Ressourcen — ist sodann ein seltsamer Vorgang, den man in den Achtzigern bestimmt bei einem Glas Wein schon oft durchdacht hat, niemals jedoch aber auf diese frappant leicht zu bewerkstelligende Art. Ist etwas so weit, ist es stets anders. Vom Ende der Menschheit hatte man schauderhafte Vorstellungen. Mit den Geräten, die den Abgang nun kinderleicht machen, hat sich das gekehrt. Es gleitet sich schwerelos — seit Jahrzehnten übrigens wird im Feuilleton gelobt, was leicht, und bemängelt, was schwer daherkommt — aus sich heraus und dabei stets dem Wort Fortschritt hinterher.

Ist es das Geld?

In einem Gespräch wirft der Jurist Carlos Gebauer die Frage auf (1), weshalb all dies so geschehen konnte, wie es nun eben geschah. Er meint die Reflexionslosigkeit, meint den Absturz des Denkens, ein Absturz, der uns das hirnrissigste Narrativ, das je zu historischen Zeiten aufgesetzt worden ist, die Coronapandemie, so termitenhaft hat schlucken lassen. Empathielosigkeit gegenüber Übergriffen auf alle jene, die sich aus dem Konformitätszwang herausgetraut haben, inbegriffen. Und es sei hinzugefügt: zuweilen mehr als Empathielosigkeit, zuweilen helle Begeisterung fürs Zuschlagen. Durch gepanzerte Polizei. Vor allem bei Grünen und Linken und Intellektuellen. Wolfgang Wodarg, an diesem Gespräch ebenso beteiligt, kommentiert sarkastisch mit Upton Sinclairs rhetorisch aufgeworfener Frage: „Weshalb begreifen, wenn der Lohn davon abhängt, dass du nichts begreifst.“

Das Geld ist eine Schicht, die es beim Abschied des Menschen von sich selbst zu beachten gilt. Aber selbst wenn es die einzige wäre, so wäre es, gerade indem es die einzige wäre, nicht die einzige. Allein das Monetäre über das Dasein als Mensch zu stellen, sprengt das Monetäre als finalen Grund. Es muss eine systematische Aushöhlung eingesetzt haben, die sich nicht nach Geld richtet. Und so ist sich mittlerweile auch mein kurdischer Freund, der bei unseren die ganze Misere verarbeitenden Gängen durch den Park in den Jahren 20 und 21 sich stets sicher war, der Widerstand käme selbst in Deutschland in Gang, sobald es wirklich an den Geldbeutel ginge, eben nicht mehr sicher. Über das Monetäre hinaus und sozusagen gegen das Monetäre verstoßend, trotz empfindlicher Einbußen also, scheinen die Massen bereit zu sein, in den Schlachthof einzutreten. Die Deutschen allen voran. Man braucht den Schlachthof anders anschreiben, ja. Aber selbst das nicht mehr groß.

Damit soll nicht gesagt sein, dass, sollten sich die Menschen nur des Geldes wegen dem Begreifen verweigern, etwas gewonnen wäre. Aber es zeigt, dass der Zustand des Bewusstseins noch viel ruinöser ist.

Nicht einmal der Verlust einer einigermaßen sicheren Existenz, spätestens seit Corona von der Politik quer durch den ganzen Westen systematisch vorangetrieben, schreckt die Massen noch auf.

Der Sedierungslevel, kein Wunder, wurde von den zuständigen Stellen für das Jahr 2020 denn auch als ausreichend beurteilt, um Maßnahmen zu implementieren, die noch 1970 oder 80 auf helles Entsetzen oder aber auch auf größtes Gelächter gestoßen wären.

Dauerentspannung und Ereignis

Wie es so kommen konnte, das hat — aufs Ungefähre hin — bestimmt mit Geld zu tun, mehr aber mit einer coolen Dauerentspannung des Geistes, die naturgemäß auf Kommando in Brutalität umschlägt, und einer damit verschränkten systematisch herbeigeführten bezugslosen unsinnlichen Belanglosigkeit monströsen Ausmaßes, angeschrieben als Überwindung von diskriminierenden Traditionen und Tabus. Kein Rassismus im Veedel, Pippi aus dem Buchregal. In der Tat wurde verengt in einem fort. Ein Tattoo-Pluralismus wurde angelegt darauf zielend, alles Abweichende zu tilgen: Werte, Ideologien, Gedanken. Der liberal-westliche Pluralismus als totalüberwachter entspannter Spielplatz ganz ohne Macht und vor allem ohne Begriff dafür. Das hat bis in die Philosophie angeschlagen, Bruno Latour, Jürgen Habermas et cetera. Eliten: eine Erfindung von Antisemiten. So lässt sich sicher leben. Demokratie und die mit ihr verschränkten Figuren: eine Theateraufführung mit Applaus und fertig. Jetzt ist fertig.

Und doch gab es einmal einen Diskurs, es gab Kritik, es gab Subversion und obgleich wohl Epiphänomen, stellt sich die Frage, die Carols Gebauer stellt. Dieser Frage und damit den Dingen, wie sie sind, auf den Grund zu gehen, hierfür besteht ein Bedürfnis. Es besteht ein Bedürfnis, Zusammenhänge aufzuzeigen. Denn der Geist ist schon fast weg und doch nicht ganz tot. Und ich denke ja auch — ganz frei von Philosophie und Systematik —, dass ein Bewusstsein für das, was geschieht und mit uns geschieht, eine erste Voraussetzung ist, den Lauf zu stoppen und die Richtung zu drehen. Zumindest Voraussetzung dafür, die Hoffnung nicht zu verlieren. Denn das, was vielleicht wirklich die Drehung auslöst, ist nicht die Erkenntnis, sondern ein Ereignis, nicht voraussehbar und den Daten verschlossen. Aber die Stellung zu halten, auf dass ein solches Ereignis, wenn es denn geschähe, noch lesbar wär und in uns überhaupt erst zum Anschlag kommen könnte, das verstehe ich als Auftrag. Wo immer angeordnet. Auftrag, hier zu sein.

Der Geist aus Südkorea und der Romantik

Und so suche ich nach Gedanken, nach Texten, nach Formen des Begreifens, nach Erkenntnis, welche die Frage von Carlos Gebauer einer Beantwortung zuführen, und werde fündig bei einem Text, der kurz vor 2014 geschrieben wurde. Diesen Text möchte ich lesen. In diesem Beitrag. Und in einigen folgenden. Angestoßen hat mich Birgit Naujeck mit zwei Artikeln über die smarte Welt (2). Diese Artikel beginnen und enden mit einem Zitat aus dem Buch „Psychopolitik“ von Byung-Chul Han (3). Und zu meiner Überraschung fand sich dieses an Umfang kleine Werk irgendwo in meinem Regal, ungelesen, ich brauchte es bloß pflücken.

Byung-Chul Han ist ein südkoreanischer Metallurgiewissenschaftler und Philosoph, habilitiert in Basel, seit vielen Jahren in Deutschland wirkend, zunächst als Professor, dann als freier Autor. Wenn er einen guten Draht zu den Medien zu haben scheint, dann soll ihm das auf keine Weise angerechnet werden. Immerhin, die Journalisten, die ihn interviewen oder seine Bücher besprechen, begreifen nicht, was ihnen vorliegt. Begreifen nicht, dass er ihre Tätigkeit streicht. Seine Interviews mit ihnen allerdings gleich mit und ebenso sein Schreiben im Schreibbetrieb. Aber auch das soll die Lektüre nicht verhindern, denn in seinen Zeilen findet sich Ungeheuerliches. Es findet sich das Monströse, das gesucht ist. Ich lese den Text, nicht den Autor, der es, das darf gesagt sein, als seine Aufgabe sieht, den Geist der deutschen Romantik und vielleicht des Buddhismus — ich kenne mich da weniger aus — gegen die Zeit zu setzen. Und vielleicht zu retten.

Und ich beginne nicht vorne, sondern fast hinten in seinem Büchlein. Da, wo herausgestellt wird, zig Jahre vor Corona, dass die Esken, also die SPD-Beamtin, mit dem Begriff der „Covidioten“ — naturgemäß ohne alles Bewusstsein ausgestoßen — richtig lag. Von dieser Koordinate geht meine Lektüre aus.

Lektüre in Hans Büchlein

Han schreibt: „Heute scheint der Typus des Außenseiters, des Narren oder des Idioten aus der Gesellschaft so gut wie verschwunden zu sein. Die digitale Totalvernetzung und Totalkommunikation erhöht den Konformitätsdruck erheblich. Die Gewalt des Konsenses unterdrückt Idiotismen.“

Wahrlich, so gleich und so gänzlich ohne Diskriminierung und so gewaltbereit war die Gesellschaft nie, das Spießbürgertum der Siebziger gar chaotisch dagegen. Was ist nun die Rolle des Idioten hierbei?

Han schreibt:

„Der Idiot ist ein Idiosynkrat. Die Idiosynkrasie bedeutet wörtlich eine eigentümliche Mischung der Körpersäfte und die daraus resultierende Überempfindlichkeit. Wo es gilt, die Kommunikation zu beschleunigen, stellt die Idiosynkrasie aufgrund ihrer immunologischen Abwehr des Anderen ein Hindernis dar. Sie blockiert den entgrenzten kommunikativen Austausch.“

Han weiter:

„Notwendig für die Beschleunigung der Kommunikation ist daher die Immunsuppression. Die Immunreaktion wird massiv unterdrückt, damit sich der Kreislauf von Information und Kapital beschleunigt. Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche reagiert. (...) Gerade in der Hölle des Gleichen erreicht die Kommunikation ihre höchste Geschwindigkeit.“

Immunkatastrophe „geistig“ vorerkannt

Das ist — in maximal wenigen Zeilen — keine bloße Beschreibung dessen, was abgegangen ist, vielmehr eine erklärende Beschreibung, eine Erkenntnis, ein Schlüssel. Niemals war das menschliche Immunsystem so global-systematisch ausgehebelt worden und niemals das Tempo der einzig möglichen Haltung zu allem so rasant. Und dies ganz konkret.

Konkret wurde die Menschheit auf einen Körper zusammengezurrt und konkret und mit Nadeln und begleitenden Maßnahmen wurde dessen Immunreaktion, also die Zurückweisung einer fremden, pharmazeutischen, nicht zu hinterfragenden Anordnung, außer Kraft gesetzt.

Eine Anordnung, für welche die Widerstandskraft unterdrückt und also außer Kraft gesetzt sein muss: Das ist die Anordnung der Macht. Macht aber gibt es nicht, so die Inszenierung seit Jahrzehnten, die Meldung auf den Screens.

Han nimmt es 2014 vorweg, nicht die Macht und ihre Ausführenden in erster Linie, obgleich er von „Regime“ und „Machttechniken“ spricht — dazu alsbald mehr —, aber die Immunsuppression. Nimmt vorweg, dass es die Immunreaktion sein muss, die zu unterdrücken ist, weil die Immunreaktion qua Widerstand die Beschleunigung (Effizienz, Optimierung) aufhält, eine Beschleunigung, die als solche allein und einzig sich selbst als Zweck haben kann — der Philosoph Paul Virilio setzt Beschleunigung mit Krieg gleich: Beschleunigung ist die höchste Gewalt — und jeden Inhalt streicht: jede Reflexion, jede Kritik, jede potenzielle Gefahr für das Kapital, ein Kapital, das seinerseits, weil ständig flüchtend vor dem Machtverlust, am Ende einzig und allein in der Beschleunigung aufgeht beziehungsweise diese ist. Dass es den Menschen bei diesem Prozess — ins Nichts — hinausschleudern muss, das versteht sich.

Das Immunsystem als letzte Hürde, von Byung-Chul Han 2014 ausformuliert. Das ist es, was den Menschen vor seinem Verschwinden bewahrt. Die Hürde wurde genommen. 2020. Wir sind am Ende. Diese Lektüre aber bleibt uns noch. Und vielleicht noch einiges mehr — immerhin: Die Impfquoten sind nicht überall hoch.

Hölle des Gleichen

Den Prozess hin zum Gleichen beziehungsweise zum Digitalen — in Gestalt der Beschleunigung und gemäß Virilio also des Krieges — werden wir später, wenn wir bei Hans Buch vorne einsetzen, genauer betrachten. Denn diese „Hölle des Gleichen“ — in materialisierter Form: das Digitale — ist Voraussetzung für unser Einverständnis aller — ich betone: aller — mit der Immunsuppression und jeder anderen jeglicher Logik entbehrenden Erzählung. Und mehr noch als Einverständnis: Die Menschen ergeben sich klatschend und stampfend und identifikatorisch der Aushebelung ihres Immunsystems, sehen darin ein Heilsversprechen, von (Pharma-)Priestern verkündet, ein Heilsversprechen, das kein Ausscheren duldet — Solidarität — und für das die Stempel wieder hervorgeholt werden.

Und genau in dieser Hinsicht leistet der Text von Han Entscheidendes. Er fokussiert nicht auf Geopolitik und Geheimdienste, nicht auf „Täter“, stellt — was in gewisser Hinsicht falsch sein mag — auch bestimmte Strategien des Regimes als auslösende Faktoren oder Ursachen infrage — zum Beispiel Schockstrategien —, allein um herauszustellen, was auf Seite der Menschen konkret und wirklich abgeht und abgegangen ist. Was mit dem Bewusstsein geschehen ist, sodass es so ungeheuerlich kommen konnte, wie es gekommen ist.

Die dem neoliberalen, feudalkapitalistischen System inhärente Notwendigkeit der Aushebelung des Immunsystems, 2020 im globalen Maßstab vollzogen, nimmt Han in wenigen Zeilen also vorweg und unterstreicht damit, dass dieses für viele überraschend über die Welt hergezauberte „Ereignis“ im Grunde eintreffen musste.

Und dies nicht aus Pandemie- und verwandten Katastrophenübungen folgernd — bei Han ist das kein Thema —, den Tod des Immunsystems und damit des Menschen stellt Han vielmehr als notwendig letzte geistige Figur eines Machtstrebens heraus, das in der „Hölle des Gleichen“ endet. Das smarte Endgerät, auch bei den Coronawiderständlern jederzeit in Händen, spielt da eine entscheidende Rolle.

Idiot als Zerstörer des Gleichen

Die Rolle des Idioten, aus der Gesellschaft verbannt, ist damit nun vorgezeichnet: Der Idiot ist die Störung der Beschleunigung. Er betreibt die Hintergehung des Unhintergehbaren, er stellt sich quer zum Gleichen und zur Gleichgesinnung, betreibt die Stärkung der immunologischen Abwehr. Die Rolle des Idioten ist jene, welche die Praxis der Freiheit verteidigt. Wie gesagt, eine Esken konnte nicht wissen, dass sie mit dem Begriff des „Idioten“ erkenntnistheoretisch richtig lag.

Byung-Chul Han führt aus:

„Angesichts des Kommunikations- und Konformitätszwanges stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. (...) Der Idiot ist ein moderner Häretiker. Häresie bedeutet ursprünglich Wahl. Der Häretiker ist also jemand, der über eine freie Wahl verfügt. Er hat den Mut der Abweichung von der Orthodoxie. (...) Der Idiot als Häretiker ist eine Figur des Widerstandes gegen die Gewalt des Konsenses. Er rettet den Zauber des Außenseiters (4). Angesichts des zunehmenden Konformitätszwanges wäre es heute dringender denn je, das häretische Bewusstsein zu schärfen. Der Idiotismus opponiert gegen die neoliberale Herrschaftsmacht, gegen deren Totalkommunikation und Totalüberwachung.“

Damit ist auch klargestellt, dass es sich beim Durchgriff, der seit 2020 vor allem in der westlichen Welt erfolgt, nicht um einen kommunistischen oder sozialistischen handelt, wie das immer wieder postuliert wird. Für die Erzählung und die Glättung und die Verschleierung bedient sich das Regime sozialistischer Kitschelemente, das Regime und der Prozesses indes sind feudal-kapitalistischer Art.

Lars von Trier hat 1998 den Film „Idioten“ gedreht. Immerhin war das Thema als Filmtitel und Inhalt noch gegeben, wenngleich von Trier seinen Ausschluss aus dem zulässigen Meinungskorridor schon damals immer wieder mal riskiert hat wie kaum ein zweiter der international „angesehenen“ Filmregisseure und insofern bestimmt nicht das Paradigma in diesem Industriezweig abgibt. In diesem Film, in dem „Normale“ „Geistesgestörte“ bis zur Echtheit spielen, wird die subversive Funktion vorgeführt. Der Widerstand, der sich im idiotischen Verhalten zeigt, ist ein Widerstand, der die Konsenszusammenhänge de-konstruiert, bloßstellt und so dem Bewusstsein zuführt. Der Idiot vollzieht eine Analyse der herrschenden Bedingungen. Und muss — da hat Esken natürlich recht — aus Sicht des Regimes vernichtet werden.

Der Idiot als Erkenntnistheoretiker ist — gerade im Hinblick auf die Zusammensetzung der aktuellen Bundesregierung ist diese Grenzziehung wichtig — das Gegenteil des Irren. Er ist aber nicht per se gegen Muster gewappnet, gegen die er opponiert. Er entstammt zuweilen selbst der Macht und in Triers Film spielen die Idioten ja nur. Die meisten jedenfalls. Das streicht die zersetzende und also de-konstruierende Funktion der Idiotie aber keineswegs.

Was wir nicht wissen: Ob die Covidioten das Blatt noch wenden können. Aber das ändert nichts an der Würde des Idiotismus in einer Zeit totaler Gleichgesinnung. Und wenn Han — so viel sei vorweggenommen — nicht erkennt, dass Idioten, die nicht spielen, nicht smart getilgt werden, sondern einen martialischen Preis für ihre Praxis der Freiheit bezahlen, einen Preis, der aus feudal-absolutistischen Zeiten in die Smartheit überführt worden ist, schmälert dies den Erkenntniswert seiner Ausführungen im Hinblick auf die Frage von Carlo Gebauer „Wie konnte es so kommen?“ nicht.

Wir werden in Byung-Chul Hans „Psychopolitik“ lesen, denn es postuliert nicht nur bereits 2014 die Immunsuppression als global angepeiltes Ereignis, stellt nicht nur den Idioten als Freiheitskämpfer dagegen und heraus, es begründet, weshalb alles mit uns so kommen konnte.


Byung-Chul Han „Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken


Quellen und Anmerkungen:

(1) Vergleiche https://www.rubikon.news/artikel/wertlose-auswertung
(2) Vergleiche https://www.rubikon.news/artikel/smarte-politik und https://www.rubikon.news/artikel/smarte-politik-2
(3) Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Frankfurt 2014.
(4) Bezeichnend, dass dem Außenseiter in der populären Musikkultur der Sechziger bis in die Achtziger ausdrücklich Tribut gezollt wurde. Stars inszenierten sich nicht bloß als Außenseiter, sie waren zuweilen wirklich solche oder kamen zumindest als Außenseiter in die Szene. Und nicht wenige Songs behandelten das Thema des Außenseiters, es fällt mir gerade „The Outsider“ des relativ durchschnittlichen und wenig extravaganten Sängers und Rockmusikers Ian Hunter ein. Heute ist der Außenseiter der Nazi, und selbst Stars, die ihre Anfänge in jenen Außenseiterzeiten hatten, inszenieren sich unentwegt als Vorzeigefiguren des erlaubten Meinungskorridors.

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