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Linke Spießer

Linke Spießer

Im Glauben, für ihre Werte einzustehen, verraten Linke die Freiheit. Exklusivabdruck aus dem Buch „Vom Verlust der Freiheit“.

Zum Psychogramm der Kriegsenkel, das ich in meinem vorangegangenen Werk Die Wiedergutmacher skizziert habe, gehören ein erhöhtes Anpassungsbedürfnis an den Mainstream sowie auch ein paranoider Aspekt, der dafür sorgt, sich in ständiger Defensive zu wähnen, obwohl man eigentlich längst zur den Diskurs bestimmenden Mehrheit gehört.

„Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer. (...)

Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere in der Hand. (...) Das Schlimmste an den gegenwärtigen Spießern ist nun aber nicht, dass sie ahistorisch denken, jedes (vermeintlich) verunglückte Wort zur Würde des Skandals erheben, ständig Situationen des Verdachts organisieren (Wer hat was zu wem gesagt?) oder aus den Menschen wieder reumütige Geständnistiere zu machen versuchen. Das alles ist bloß schlimm. Schlimmer als schlimm ist, dass sie sich immer noch widerständig und alternativ fühlen, obwohl sie längst einem kulturell tonangebenden Milieu angehören.

Eine unerlässliche Voraussetzung von Toleranz — und dieser Satz steht fest — liegt im ehrlichen Selbsteingeständnis von eigener Macht, auch diskursiver Macht (zum Beispiel an den Universitäten). Nur die, die wissen, dass sie über Macht verfügen, können sich überhaupt die Frage stellen, ob sie andere tolerieren, das heißt: aushalten, erdulden möchten — oder eben nicht. Hieraus folgt: Die neopuritanische Linke muss sich darüber ehrlich machen, dass ihre Adepten in vielen politisch-kulturellen Konstellationen mittlerweile zu nichts anderem als Figuren der Macht geworden sind.

Bislang versuchen sie, es wortreich zu vermeiden, doch gerade sie hätten es nötig, sich einen Satz von Adorno, einem maßgeblichen Vertreter der lesenden Linken, in Erinnerung zu rufen: Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht, die gegen Mündigkeit, also gegen die selbstständige bewusste Entscheidung jedes einzelnen Menschen, gerichtet sind — mahnte dieser nämlich streng — ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert. (...)

Dass heute die AfD bei manchen Wahlen mehr Arbeiter-Stimmen erhält als jede andere Partei, ist in jedem Fall auch ein trauriges Zeugnis für die naserümpfende, spießig gewordene Linke, die in ihren schlechtesten Momenten zugleich den Eindruck erweckt, einen Klassenkampf von oben zu betreiben: eine Rebellion der tadellosen Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie gegen das schrecklich vulgäre, unaufgeklärte und politisch unkorrekte Proletariat“ (2).

Die Verwirrung über die gelernten Kategorien „gut“, „böse“, „rechts“, „links“ ist auch deshalb so vollständig, weil sich ohne den psychologischen Mechanismus der Abspaltung kaum verstehen lässt, warum die Vertreter einer „Vier-Zimmer-Altbau-Bourgeoisie“ heutzutage als Verfechter einer neuen Weltordnung auftreten, die ebenso kulturmarxistische wie globalkapitalistische Züge trägt. Im Schlusskapitel wird noch deutlich, dass sich das politische Koordinatensystem des 20. Jahrhunderts komplett ad absurdum führt.

Auf globaler Ebene gibt das Weltwirtschaftsforum (WEF), die Vertretung der mächtigsten kapitalistischen Konsortien der Welt, sozialistische Leitideale heraus. Höchste supranationale Organisationen wie Weltgesundheitsorganisation (WHO), Internationaler Währungsfonds (IWF) und Vereinte Nationen (UN) werden von ehemaligen Kommunisten geleitet. Werbe- oder Hedgefonds-Manager aus Hamburg Eppendorf oder dem Prenzlauer Berg beklagen sich allabendlich bei einer guten Flasche Primitivo über den globalen Kapitalismus. Auf jeden Fall will man heute zweierlei: gut und solidarisch sein und Kohle machen.

Die moralische Vertretung für möglichst exotische Minderheiten kollidiert dabei kaum mit dem eigenen Lebensstil. Fair Trade, Mülltrennung, Windstromanbieter, Hybridauto und Bioprodukte als mannigfaltiger Ablasshandel tun ihr Übriges, um kognitive Dissonanzen zu befrieden. Um das ehemalige marxistische Mündel, den einfachen Arbeiter, kümmert man sich hingegen kaum; diese Gruppe wird inzwischen eher von rechts bedient.

Der linke Rotweinschwadroneur verweigert die Anerkennung seiner realen politischen Macht allein schon deshalb, weil er damit Zielkonflikten und Verantwortung ausweicht. Anstatt sich den Niederungen einer Realpolitik zu stellen, genießt er den Schutz aller staatlichen und medialen Macht, wenn er sich als Freiheitskämpfer für eine schöne neue Welt geriert.

Um das Bild des linken Spießers von Jan Freyn aufzugreifen: Wikipedia bescheinigt Spießbürgern „geistige Unbeweglichkeit und ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen“. Dies bedeutet, dass aus einem linken Spießer jederzeit ein rechter Spießer werden kann. Den politischen Spin erhält der Spießbürger über die jeweils herrschende Medienhegemonie. Spießer und Spindoktoren bilden in jedem totalitären System eine Einheit: Eine kleine Gruppe ideologischer Vordenker erlangt mediale und politische Macht — die wesentlich größere Gruppe der Konformisten folgt.

„Ich glaube, bei der Betrachtung des Nationalsozialismus und der DDR kommt die individuelle Beteiligung zu kurz. Solche Systeme sind nicht nur denkbar durch eine auffällige, pathologische Elite, sondern nur durch ein stützendes Mitläufersystem. Ich verwende dafür den Begriff der Normopathie und meine, dass etwas Gestörtes für normal gehalten wird, wenn eine Mehrheit diese Meinung vertritt. Das hat etwas mit dem menschlichen Grundbedürfnis zu tun, zu einer Gruppe dazuzugehören. So entsteht die Gefahr, dass man auch einer kollektiv falschen Meinung anhängt. Das kennen wir aus dem Nationalsozialismus und aus dem DDR-Sozialismus. Ich erkenne das auch in dieser aus meiner Sicht narzisstischen Gesellschaft“ (3).

Sofern das System, aus welchem Grund auch immer, seinen Spin ändert, folgen die Spießbürger nach; in diesem Fall nennt man sie Wendehälse.

Ein Spießer fällt immer auf die Füße und ist immer auf der Höhe seiner Zeit. Ohne Mühe weiß er, was gerade gut und was böse ist.

Sein Bezugspunkt ist die veröffentlichte Meinung; sein Wunsch, dazuzugehören, schließt eine kritische Haltung, die mit einer tieferen Medienkompetenz einhergehen würde, automatisch aus. Dem guten Bürger reichen die Tagesschau und das heute-journal, um zu wissen, was der „Anstand“ gebietet. Dem medialen Aufruf, „Haltung“ und „Gesicht“ zu zeigen, folgt der Spießer gern, was unter Corona natürlich bedeutet, das Selbige zu verhüllen.

Wenn ich bei meinen Lesungen auf den Zusammenhang des deutschen transgenerationalen Kriegstraumas und den Übersteuerungen auf den Politikfeldern Corona, Gender, Klimaschutz und Migration hinweise, werde ich regelmäßig mit folgender Frage konfrontiert: Glauben Sie wirklich, dass ausgerechnet die Weitergabe des Kriegstraumas ursächlich für die aktuellen Verwerfungen ist? Schließlich gibt es viele westliche Nationen, auch jene, die selbst kaum Kriegsschäden erlitten haben, die von politischer Korrektheit und Schuldnarrativen beherrscht werden.

Manchmal ist es dann etwas mühsam, darauf hinzuweisen, dass mir die Thesen, die den Niedergang westlicher Gesellschaften erklären wollen, durchaus vertraut sind. Tatsächlich halte ich sie sogar für überaus relevant. Natürlich ist das Problem der Selbstablehnung westlicher Gesellschaften universeller und komplexer. Autoren wie Douglas Murray, Matthias Matussek, Alexander Grau, Roger Scruton und andere äußern zu Recht den Verdacht, dass die größten zeitgenössischen Verwerfungen im direkten Zusammenhang mit der Säkularisierung stehen.

Der Aufbau einer Ersatzmoral jenseits von Religion, die Dekonstruktion fester Institutionen, Rollen- und Leitbilder und vor allem der Verlust transpersonaler Sinngewissheiten sind wesentliche Faktoren für das Entstehen eines spirituellen Surrogates: die Hypermoral. Und damit auch für die unverhohlene Renaissance neomarxistischer Politikansätze, getarnt als Gender-, Migrations- und Klimaprogramme.

Für Deutschlands Besonderheit werden außerdem der Dreißigjährige Krieg, die späte Nationalstaatlichkeit, die europäische Mittellage und die Epoche der deutschen Romantik diskutiert. All dem stimme ich ausdrücklich zu. Die Selbstzerstörung der westlichen Gesellschaften im Allgemeinen und der deutschen Gesellschaft im Besonderen ist multifaktoriell bedingt, und mein Ansatz, das Transtrauma, stellt lediglich einen weiteren Debattenbeitrag dar. Dennoch halte ich den Mechanismus für wichtig, weil er die spezifisch deutsche Übersteuerung aus einem weiteren Blickwinkel beleuchtet.

Linke Spießer, Konformisten, Wiedergutmacher, Normopathen, Mitläufer, Puritaner, Narzissten, Jakobiner, Pharisäer, autoritäre Charaktere ... Wie auch immer man die total guten Menschen der Neuzeit nennen möchte — in der politisch-medialen Klasse Deutschlands sind sie tonangebend.

„Mit einer simplen Fünf-vor-zwölf-Rhetorik will die politisch-mediale Elite in allen Lebensbereichen einen radikalen Wandel herbeiführen — mit dem Versprechen, dass man Deutschland bald nicht wiedererkennen wird. Man denke nur an die Energiepolitik ohne Atom und Kohle, die Auflösung der nationalstaatlichen Souveränität in Europa, die grenzenlose Massenmigration und die Kulturrevolution durch Gendern und Politische Korrektheit. Wer hier nicht mitkommt, den nimmt der Staat gerne bei der Hand — von der Wiege bis zur Bahre. Und wer sich weigert, sieht sich von den Gesinnungspolizisten in die rechte Ecke der ewig Gestrigen gestellt.

Das Syndrom des politischen Moralismus kann man auf die Formel bringen: je schwächer der gesunde Menschenverstand, desto stärker die Gesinnung. Und wo Gefühle statt Argumente die Debatten bestimmen, kommt es ganz unvermeidlich zur Verteufelung der Andersdenkenden. Der politische Moralist sieht im politischen Gegner einen Unmenschen“ (4).

Der viel beschriebene autoritäre Charakter nach Erich Fromm, der sich durch Konformität, Willfährigkeit und Gehorsam auszeichnet, gedeiht immer dann, wenn große Gesellschaftsteile nur mangelhaft zum Erwachsenen ausreifen konnten. Kollektive Traumata, wie der Erste Weltkrieg, führten daher geradewegs in den Faschismus. Transtraumata, die Folgen des Zweiten Weltkrieges, sind jedoch nicht minder geeignet, zeitgenössische, autoritäre Charaktere auszubilden:

„Auch Theodor W. Adorno verengte unter dem Eindruck des Nationalsozialismus das Profil der autoritären Persönlichkeit weiter auf den konservativen, prüden, menschenverachtenden und faschistoiden Kleinbürger. Allerdings zeigen die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, dass auch unter freizügigen Weltbürgern der autoritäre Charakter prächtig gedeiht. Denn gerade der progressive und engagierte Kosmopolit unserer Tage versucht, seine Ängste mittels Dogmatismus, Unterwürfigkeit und moralischer Orthodoxie zu kompensieren. Dafür klammert er sich panisch an die in seinem Milieu angebeteten Götzen, an Diversität, Offenheit und Multikulturalität.

Sein zeitgeistiger Habitus kaschiert dabei nur unzulänglich, dass er sich damit ebenso einer autoritären Ideologie unterwirft wie sein biederer Vorgänger — nur dass diese eben nicht prüde und verklemmt daherkommt, sondern spaßorientiert und scheinbar weltoffen“ (5).

In diesem Buch möchte ich aufzeigen, dass es in Deutschland aufgrund dieses neoautoritären Zwangscharakters kaum resiliente Kräfte gibt, den Bestrebungen supranationaler Organisationen zu widersprechen. Zugunsten einer großen Transformation, die das Weltwirtschaftsforum The Great Reset nennt, nimmt Deutschland eine Vorreiter- und Schlüsselposition ein, da viele deutsche Babyboomer aufgrund ihres Transtraumas noch immer von Schuldkomplexen beherrscht werden und gleichzeitig unter enormem Konformitätsdruck stehen. Die zentralen Narrative und Problemfelder, die im Zusammenhang mit dem globalen Strukturwandel stehen, sind:

  • Abbau vieler Grund- und Bürgerrechte im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen, Tracking-Apps, Schaffung einer weltweiten digitalen Identität, Lockdown und Reisebeschränkungen, Massenimpfung, Maskenzwang, Social Distancing,
  • Instrumentalisierung und Überdehnung des Rassismus-Begriffs, Idealisierung von Fremdkulturen und Multikulturalismus bei gleichzeitiger Verteufelung der eigenen Identität, positive Diskriminierung gegen „alte weiße Männer“,
  • Gender-Mainstreaming und Diversity-Management, Feminisierung der Gesellschaft, Dekonstruktion von Geschlecht und Familie, Betonung von Intersektionalität sowie Minderheitenkulte,
  • Dekonstruktion religiöser Sinngewissheiten und Postulat einer menschengemachten, CO2-bedingten Klimakrise als spirituelle Schuld-Sublimierung und neue Welt(untergangs-)Religion, Idealisierung eines naiven humanistischen Universalismus sowie von One-World-Ideologien,
  • Bargeldabschaffung und zentralistische Finanzpolitik, sozialistische Grundkonzeptionen in der staatlichen Geldwirtschaft, selbstzerstörerische „Euro-Rettung“ sowie Geldmengenvermehrung und Nullzinspolitik,
  • Negierung der Folgen einer unkontrollierten Migration mit Überlastung der Sozialsysteme, Kriminalitätsanstieg und Islamisierung, Verleugnung der demografischen Fakten und der Realität von Parallelgesellschaften,
  • „Kampf gegen rechts“ statt Kampf gegen Radikalismus, Abschaffung von Meinungspluralität, Stigmatisierung und Ausgrenzung regierungskritischer Meinungen, Diffamierung klassisch liberal-konservativer Positionen als „rechtsradikal“, Inkaufnahme und Förderung einer polarisierten Gesellschaft, mediale Manipulation durch Framing-, Nudging- und Gaslighting-Techniken.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://europa-verlag.com/Buecher/6567/VomVerlustderFreiheit.html
(2) Jan Freyn: „Die digitalen linken Spießer“ Zeit, 18. Juli 2020.
(3) Hans-Joachim Maaz: „Ostdeutsche sensibler bei Veränderungen“, Ntv, 28. September 2020.
(4) Norbert Bolz: „Die Propagandisten des permanenten Ausnahme-Zustands“, Achgut.com, 7. Dezember 2020.
(5) Alexander Grau: „Der autoritäre Charakter ist zurück: warum es ein neues (und anderes) 68 braucht“, Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 2020.

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