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Leben im Überschwang

Leben im Überschwang

Am 2. Mai war „Erderschöpfungstag“.

Ein Drittel des Jahres ist erst vergangen, da titelt die deutsche Presse beispielsweise „Wir Umweltsünder“ und meint: wieder einmal ist es Deutschland gelungen, die natürlich nachwachsenden Ressourcen für ein Jahr viel zu früh aufzubrauchen; als achtes Land nach unter anderem Katar, USA, Luxemburg Österreich und Russland.

Dass der Tag dabei erstmalig wieder nach hinten gerutscht ist, hat jedoch unter Anderem mit dem milden Winter und dem damit verbundenen, gesunkenen Bedarf an Öl und Gas für Heizwärme zu tun und sollte uns daher keinen Anlass zur Freude geben, sondern uns eher besorgt stimmen angesichts des Klimawandels.

Während sich die Bundesregierung noch an einer sogenannten Energiewende abarbeitet, dabei der umweltvernichtenden Industrie – wie zuletzt der Autoindustrie in der sogenannten „Dieselaffäre“ – den Hintern pudert, und sich alle gemeinsam in autoerotischer Ekstase auf den fragwürdigen Titel „Exportweltmeister“ einen runterholen, geht es mit dem Planeten rapide bergab.

Artensterben, Umweltverschmutzung, Klimawandel, all das ist wissenschaftlich betrachtet schon beinahe ein alter Hut und dennoch aktuell wie nie. Trotzdem verhallen die entsprechenden Warnungen und Horrormeldungen jedes Jahr relativ unbeachtet und verschwinden daraufhin in den Archiven. War da etwas?

Politisches Desinteresse

Regierungen aller Länder üben sich derweil in Beschwichtigungen. Immerhin, man unterschrieb in gewichtiger Manier ein Klimaschutzabkommen in Paris und hat sich damit seiner Verantwortung entledigt. Dass vor allem die Industriestaaten die vertraglichen Vorgaben nicht einhalten scheint da schon niemanden mehr zu stören.

Man verspricht uns einen grünen Kapitalismus, der jedoch eine reine Beruhigungspille ist, um das Gewissen des Konsumenten und der Industrie nicht allzu sehr zu belasten, denn Gewissen kostet Geld. Dabei ist es nur allzu offenkundig, dass sich Umwelterhalt und Kapitalismus nicht vertragen.

Ohnehin scheint jede Beteuerung, man kümmere sich um den Erhalt der Umwelt, kaum mehr als eine Beruhigungspille zu sein, wenn zeitglich die umweltvernichtende Industrie Rekordgewinne einfährt, immer größere Landstriche der kapitalistischen Produktion zum Opfer fallen und der Konsum überflüssigen Schunds steigt.

Wachstum, so wissen die Apologeten des Systems, ist das oberste Gebot. Rücksicht auf die Umwelt stört nur bei der Generierung der Profite und die Menschen scheinen es gemeinhin akzeptiert zu haben, obwohl in Zeiten von Massenmedien und Internet niemand behaupten kann, er habe von nichts gewusst.

Wie ist es zu erklären, dass die Menschheit so ignorant ihrem eigenen Untergang entgegenkonsumiert und produziert?
Denn: dieser Untergang rückt in raschen Schritten näher. Der Klimawandel bedroht nicht nur den Menschen, sondern auch alle anderen Arten, die dieser noch großzügig am Leben lässt. So gibt der amerikanische Biologe Guy McPherson der Menschheit noch acht Jahre, bevor sie von der Oberfläche der Erde verschwunden ist, die sich bis dahin in eine leblose Wüste verwandelt haben soll. Nein, das war kein Tippfehler, er gibt Ihnen tatsächlich nur noch bis zum Jahr 2026.

Das oberste Limit setzt dagegen die Welternährungsorganisation, die in einer 2015 erschienen Studie erkannt hat, dass dem Menschen bei ungestörtem Fortgang kapitalistischer Produktionsweise noch 60 Ernten zur Verfügung stehen. Das sind von diesem Jahr an gerechnet noch 58 Ernten, und damit ebenso viele Jahre. Die Wahrheit liegt zwar vermutlich, wie immer, irgendwo in der Mitte, doch ist auch diese Mitte bereits erschreckend nah am heutigen Tag.

Dennoch scheint es niemanden genug zu interessieren, um tatsächlich Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die deutsche Wirtschaft produziert und die Menschheit konsumiert, als hätte jeder von uns noch ein paar Ersatzplaneten irgendwo im Keller liegen. Ist das noch psychologische Verdrängung oder bereits kollektiver Wahnsinn?

Zeitglich versichert ein jeder, ob Politiker, Industrievertreter oder Privatperson, dass ihm am Erhalt des Planeten „für die kommenden Generationen“ gelegen ist. Welche Generationen da noch kommen sollen, ist eine Frage, die sich niemand stellt. Wenn wir das kapitalistische System nicht ziemlich bald überwinden, wird es nach meiner Generation keine Weitere mehr geben. Enkeltaugliches Wirtschaften ist dann auch nicht mehr vonnöten, meine Generation wird nämlich keine Enkel mehr haben.

Krankheit Kapitalismus

Denn es ist das entfesselte kapitalistische Produktionssystem, das nur auf die abstrakten, virtuellen Zahlen der Profite und Einnahmen schielt, das den Planeten in anziehendem Tempo verschlingt und Flüsse, Seen, Meere, die Luft und den Boden vergiftet, ganze Landstriche mit industrieller Landwirtschaft oder für den Abbau von Metallen, Kohle oder Erdöl verwüstet, und die Oberfläche des Planeten mit seinen Ausscheidungen in Form von Müll überzieht.

In diesem Hochofen der Produktion werden auch Menschen als billiger Brennstoff, soll heißen: als günstige Arbeiter verfeuert, damit das Band niemals stillstehe, die Produktionskette niemals abreiße, denn Stillstand bedeutet Verlust an dem Surrogat Geld.

Doch auch wenn nicht nur die Umwelt, die so schön fern von jedem individuellen Leben zu sein scheint, sondern auch der einzelne Mensch unter dem System leidet, so scheint es, von einigen Umweltschutzorganisationen abgesehen, keinen nennenswerten Protest zu geben. Im Gegenteil, der Mensch scheint sich in diesem System eingerichtet zu haben. Es ist einfach so schön bequem. Aber Bequemlichkeit tötet. Was schon in der Steinzeit galt, ist heute noch viel aktueller.

Die Bequemlichkeit jedes Einzelnen tötet nicht unbedingt ihn direkt, dafür aber auf lange Sicht die ganze Menschheit, und, wenn es nach Guy McPherson geht, alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten, und das schon recht bald.

Nun können wir natürlich alle kollektiv hoffen, dass er sich irrt. Das wird er aber nicht, wenn wir weiterhin unserer Bequemlichkeit frönend im System sitzen und darauf hoffen, dass „die da oben“ schon irgendwie zur Vernunft kommen. Dass auf Politiker nicht zu hoffen und von ihnen kein Wandel zu erwarten ist, haben nicht nur die Grünen in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll bewiesen; auch die Sozialdemokraten beweisen das seit über hundert Jahren. Von den Konservativen und Liberalen erwartet man ja schon nichts Anderes mehr, als dass sie einer wahnsinnig agierenden Wirtschaft bis zu den Schultern im Mastdarm steckt, wobei selbst ihnen klar sein müsste, dass es so nicht weitergehen kann.

Doch Politik findet nun einmal nur innerhalb des gegebenen Systems statt und wird daher nie auf seine Aufhebung gerichtet sein. Es ist aber dieses System, das uns in den kollektiven Omnizid treibt. Die Lösung kann also gar nicht von den Institutionen innerhalb des Systems kommen, denn man kann ein Problem nicht mit derselben Einstellung lösen, mit der man es sich eingebrockt hat.

Das System ist kein göttliches Verdikt, das vom Himmel zu uns hinabgeschickt wurde. Wir alle, ein jeder von uns, ist Bestandteil des Systems und daher eine winzige Stellschraube zu dessen Überwindung.

Der Kapitalismus stößt immer mehr an seine natürlichen Grenzen, will dies aber nicht einsehen und wächst mit zunehmender Gewalt über dieselben hinaus. Der Zusammenbruch wird wohl erst kommen, wenn auch der Mensch von der Bildfläche verschwunden ist. Darauf zu warten und zu hoffen ist also utopisch.

Eine Änderung kann nur stattfinden, wenn der Mensch dem System seine Energie entzieht und sie stattdessen auf umwelt- und menschenverträgliche Alternativen richtet, die nicht auf Profit ausgerichtet sind. Ein System, in dem jeder Mensch (nur) für Geld arbeiten muss, kann nicht die Lösung sein, denn auf diese Weise verliert ein jeder den Blick für das Wesentliche, das Wichtige: Für seinen Mitmenschen und seine Umwelt.

Was können wir selbst ändern?

Wir müssen uns von dem Ballast des Kapitalismus, all der nutzlosen Produktion und der Entkopplung von der Natur befreien. Damit kann jeder für sich alleine anfangen, indem er seine Umwelt und seine Mitmenschen in den Blick nimmt, sich überlegt, was er tatsächlich zum Leben braucht, und was ihm von der kapitalistischen Vermarktungsmaschinerie nur aufgeschwatzt wurde. Ein guter Anfang ist hierbei die eigene Müllvermeidung, die jeder umsetzen kann.

Ein jeder kann sich Gedanken darüber machen, inwieweit er selbst dem System seine Energie zuführt, wie er zu dessen Erhalt tagtäglich beiträgt, und dann einen Weg finden, diesen Beitrag auf eine zukunftstaugliche Alternative zu lenken. Die Gedanken sind schließlich frei.

Ein Wandel benötigt weiterhin zunächst eine umweltverträgliche Landwirtschaft, die regionale und saisonale Ernährung für jeden möglich macht. Er benötigt Konsumverzicht und Müllvermeidung, Transportverzicht, Produktionsverzicht und eine Menge Aufmerksamkeit und Bewusstsein.
Den Verzicht zu predigen ist niemals verlockend, doch die Alternative ist der kollektive Untergang.

Verzicht bedeutet hier außerdem rein materiellen Verzicht. Das bedeutet nicht, dass die Menschen hungern, frieren oder unter Brücken schlafen müssen. Es bedeutet, sich von dem aufgezwungenen Ballast zu befreien und emotionalen, zwischenmenschlichen Reichtum wiederzuentdecken, indem man sich mit den Menschen in seiner Umgebung verbindet und die Schönheit der (restlichen) Natur wieder wahrnimmt.

Verzicht bedeutet auch: Verzicht auf überflüssige Arbeit. Der größte Teil der heutigen Arbeit findet im Alleingang statt, um die Profitinteressen einiger Weniger zu bedienen, nicht jedoch, um die Ernährung der Menschen sicherzustellen. Im Gegenteil, immer mehr Menschen können sich trotz Arbeit immer weniger leisten, leben in Armut, immer bedroht von Hunger, Obdachlosigkeit und Ausgrenzung.

Ist das ein System, in dem wir leben möchten? Gibt es keine menschlichere Alternative? Eine Alternative, welche unseren Planeten schont, und tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig ist, sowohl ökologisch als auch sozial? Oder können wir uns ein solches System schon nicht mehr vorstellen, weil wir zu lange in den Gegebenheiten gelebt haben?

Um diese zu überwinden, ist es eine wichtige Grundlage, die seelischen Abgründe, die das kapitalistische System in jedem Einzelnen gerissen hat, zu schließen. Diese Abgründe sind es, die der Mensch mit sinnentleertem Konsum, Geldgier und Arbeitsfetisch zu schließen versucht, sie sind es daher auch, die das System am Leben erhalten.

Die Schuld an den Missständen der Gesellschaft trifft daher auch nicht irgendwelche einzelnen Politiker, Manager oder Investmentbanker. Diese vollstrecken nur die Logik des Systems, verzweifelt bemüht, ihre eigenen Abgründe mit Geld und Macht zu füllen. Die Schuld trifft uns alle, die wir es dem Kapitalismus tagtäglich erlauben, diese Abgründe in unsere Seelen zu reißen, und dessen Angebote der Kompensation wir dann annehmen, anstatt uns um die Ursachen dieser Abgründe zu kümmern.

Da sich der Autor dieser Zeilen der menschlichen Trägheit und Bequemlichkeit bewusst ist, weiß er genau: Zu all dem wird es nicht mehr kommen, und die Menschheit produziert, konsumiert und exportiert sich fröhlich ihrem Untergang entgegen. Daher kann man am Ende nur zynisch applaudieren und sagen: Glückwunsch, Menschheit.


Felix F., Jahrgang 1992, ist ein Schreibattentäter, der sich auf Anraten seines imaginären Psychologen das Elend der Welt in vielfacher Weise von der Seele schreibt und froh darüber ist, im Rubikon eine Lagerstätte für das kristalline Endprodukt seiner fluiden und dilettantischen Gedankengänge gefunden zu haben. Hauptberuflich ist er besorgt um den Zustand der Demokratie und des Planeten, als Hobby studiert er Jura. Die Hoffnung in die Menschheit hat er zwar schon längst feierlich zu Grabe getragen, er kann sich aber seines natürlichen Dranges, seine Ansichten in Worte zu kleiden, nicht erwehren.

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