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Kriegsmärchen

Kriegsmärchen

Unsere Regierungen lügen für den Krieg.

Märchenstunde
von Darius Shahtahmasebi

Sollten Sie bei den aktuellen globalen Entwicklungen ein irritierendes Déja-vu erleben, kommt das daher, dass wir das alles tatsächlich schon mal erlebt haben, mehrmals sogar.

Die USA und ihre Verbündeten beschuldigen die syrische Regierung fast seit Beginn der Konflikte 2011, Chemiewaffenangriffe in Syrien durchzuführen. Im August 2012 warnte der damalige Präsident Barack Obama die Assad-Regierung, dass „eine Menge chemischer Waffen, die bewegt oder eingesetzt“ würden, die rote Linie darstelle, die eine US-Intervention veranlassen würde. (Zusätzlich deutete Obama an, nachdem er das libysche Staatsoberhaupt Muammar Gaddafi 2011 hatte ermorden lassen, dass Assad der Nächste sein würde.)

Seit Obama seine rote Linie gezogen hatte, lautete das offizielle Narrativ in etwa folgendermaßen:

„Assad entschied sich dafür, Obama den politischen Stinkefinger zu zeigen und massakrierte dann regelmäßig Zivilisten mit geächteten Nervengasen wie Sarin - trotz dieser Warnungen und aggressiver Interventionsforderungen.“

Der letzte Angriff soll angeblich letztes Wochenende im Damaszener Vorort Duma in Ost-Ghuta stattgefunden haben - nur Tage, nachdem Trump den Rückzug der US-Truppen aus Syrien gefordert hatte.

Bevor uns nun aber die Machthaber in etwas hineinziehen, das sich schnell zu einem der größten globalen Konflikte unserer Zeit zuspitzen könnte, sollten wir dieses Narrativ nochmal genau durchleuchten und das vorhandene Beweismaterial prüfen.

Eine kurze Lügen-Geschichte

Während es Hinweise auf wiederholte Chemiegas-Angriffe in Syrien gibt, haben sich die Mainstream-Medien auf vier große Vorfälle gestürzt, um Militäraktionen gegen den syrischen Staat zu rechtfertigen.

Der erste angebliche Vorfall, oder Reihe von Vorfällen, fand zwischen März und April 2013 statt. Kurz danach kündigte der UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon an, dass die Vereinten Nationen eine Untersuchung zum angeblichen Einsatz von Chemiewaffen einleiten würden. Während die USA weiterhin diese Beschuldigungen nutzten, um Druck auf die syrische Regierung auszuüben und Unterstützung für eine internationale Intervention zu gewinnen, geschahen zwei Dinge, die das Narrativ ganz schnell entblößten.

Erstens: Ende April 2013 schickten die US-amerikanischen Nachrichtendienste Briefe an Carl Levin (Demokrat, Michigan) und John McCain (Republikaner, Arizona), die besagten, die Regierung Assads „könne vielleicht“ das Nervengift Sarin „in geringem Umfang“ benutzt haben, die USA bräuchten jedoch mehr Beweise, um die notwendige Gewissheit für eine Aktion gegen die syrische Regierung zu haben, weil „Einschätzungen der Geheimdienste alleine nicht ausreichen“.

Zweitens - und am wichtigsten: UN-Ermittlerin Carla Ponte ging im Mai 2013 an die Öffentlichkeit und sagte, dass sie zwar nicht ausschließen könne, dass Regierungskräfte Chemiewaffen benutzt haben könnten, das Beweismaterial aber darauf hinweise, dass Rebellen Sarin-Gas eingesetzt hätten. Daraufhin verschwanden die Behauptungen über den Gebrauch von Chemiewaffen ganz schnell aus der Mainstream-Presse.

Del Ponte erklärte später, dass sie vor ihrem Rücktritt im September letzten Jahres genügend Beweismaterial gesammelt hatte, um Assad für Kriegsverbrechen, einschließlich der Anwendung von Sarin-Gas im Laufe des Konfliktes (einschließlich April letzten Jahres) vor Gericht zu bringen. Weiter unten werden wir auf diesem Vorfall noch einmal eingehen.

Der zweite große Angriff fand im August 2013 statt. Dieser Vorfall erfuhr große mediale Aufmerksamkeit, da die Regierung Obama die Vorbereitung eines groß angelegten Schlages plante, der die syrische Regierung schwächen sollte. Trotzdem war dies eine erst-schießen-dann-fragen-Vorgehensweise - bedenkt man, dass es noch keine Beweise für Assads Schuld gab.

In der britischen Literaturzeitschrift London Review of Books (LRB) hat Journalist und Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh seine eigenen Ermittlungsergebnisse veröffentlicht: Er kommt zu dem Schluss, dass die USA bewusst versucht hätten, die Beweismittel zu fälschen, um einen Angriff gegen Assad zu rechtfertigen.

Dabei hätten sie aber nicht bedacht, dass al-Nusra (damals Syriens offizieller Zweig der al-Qaida) auch ein Hauptverdächtiger hätte sein können - wusste man doch, dass sie Zugang zu Nervengiften hatten, wie auch das Wissen, sie zu nutzen. Hersh merkte auch an, dass al-Qaida in Irak (AQI) - nun IS genannt - ebenfalls in der Lage war, Sarin herzustellen. Der IS hat Berichten zufolge mindestens 52 Mal Chemiewaffen in Irak und Syrien eingesetzt.

Außerdem haben sowohl der frühere UN-Waffeninspekteur Richard Lloyd als auch Theodore Postol, ein ehemaliger wissenschaftlicher Berater am Verteidigungsministerium und emeritierter Professor am MIT (Massachusetts Institute of Technology, Anmerkung der Übersetzerin), ernsthaften Zweifel an dem Vorfall geäußert: Die Raketen hätten eine viel zu kurze Reichweite gehabt, um aus den Gebieten abgefeuert worden zu sein, die von der Regierung kontrolliert wurden. UN-Waffeninspekteur Ake Sellström kam zu einem ähnlichen Schluss.

Laut Telefongesprächen, die von deutschen Geheimdiensten abgehört wurden, hat Assad den Chemiewaffenangriff vom August nicht persönlich angeordnet. Er hat auch in den Monaten vor dem Vorfall zahlreiche Anfragen seiner Militärkommandeure abgelehnt, Chemiewaffen gegen oppositionelle Kräfte einzusetzen.

In den darauf folgenden Jahren wandten sich die USA stattdessen an den IS, der ihnen unweigerlich einen militärischen Zugang durch die Hintertür verschaffte und es ihnen ermöglichte, ohne jegliche demokratische Kontrolle syrische Gebiete zu bombardieren. Erst als Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden war, beschlossen die USA, wieder auf Obamas langjährige Ablehnung der – allen Anschein nach – substanzlosen Behauptungen, Chemiewaffen seien eingesetzt wurden, zurückzugreifen. Natürlich wurde uns auch berichtet, dass Assad bereits seinen Vorrat an Chemiewaffen zerstört hatte, was die UN 2014 scheinbar bestätigt hatte.

Im April letzten Jahres ordnete Donald Trump ein Sperrfeuer gegen einen Luftwaffenstützpunkt der syrischen Regierung an - als Antwort auf einen angeblichen erneuten Chemiewaffenangriff. Trump befahl diese Reaktion, lange bevor eine Ermittlung durchgeführt worden war - ja mehr noch: Indem er genau den Luftwaffenstützpunkt bombardierte, der angeblich für den Vorfall verantwortlich war, zerstörte er das Beweismaterial für eine solche Ermittlung.

Mit diesem Chemiewaffenangriff setzten sich namhafte Experten auseinander, darunter der frühere Waffeninspekteur Scott Ritter sowie Theodore Postol und Seymour Hersh, der wieder einmal eine eigene Untersuchung durchführte. Postol teilte Anti-Media (alternatives Online-Nachrichtenmagazin, in dem dieser Artikel erschien; Anmerkung der Übersetzerin) letztes Jahr per E-Mail mit, dass „es an allen drei Orten absolut keine Beweise für Bombenangriffe gibt“, nachdem er einen Bericht der New York Times analysiert hatte, der die Behauptungen gegen Assad stützen solle.

Im Februar dieses Jahres dann bestätigte der US-amerikanische Verteidigungsminister James Mattis, dass die US-Regierung keine Beweise dafür hatte, dass die syrische Regierung Sarin-Gas gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt hatte.

Beim neuesten Chemiewaffenangriff ist es nicht anders. Reuters berichtete bereits, dass US-Regierungsbeamte ihnen mitgeteilt hätten, dass die USA „noch nicht eindeutig feststellen konnten, ob der Angriff von den Regierungskräften des Präsidenten Baschar al-Assad ausgeführt worden war“.

Sogar Theresa May, die britische Premierministerin und außenpolitische Hardlinerin, sagte den USA, sie brauche mehr Beweise, ehe sie eine Beteiligung an den US-Luftwaffenangriffen gegen die syrische Regierung erwägen würde.

Und doch bereiten sich die USA und ihre Alliierten auch ohne diese Beweise auf einen militärischen Schlag vor (der Artikel datiert vom 11. April - inzwischen hat der Angriff ja bereits stattgefunden, Anmerkung der Übersetzerin). In beiden Fällen hatte es unter der Trump-Regierung in den USA ernsthafte Debatten darüber gegeben, Syrien in Frieden zu lassen - und Assads Reaktion darauf war es dann, in gleicher Weise darauf zu reagieren, nämlich Zivilisten zu vergasen. Sollen wir etwa glauben, er sei wirklich so schwachsinnig? Oder so teuflisch böse?

Selbst wenn Assad für die Chemiewaffenangriffe verantwortlich sein sollte - was dann?

Vorausgesetzt wir haben nichts übersehen, liefert das zur Verfügung stehende Material keinerlei Beweise dafür, dass die Regierung Assad in den oben genannten größeren Vorfällen Sarin-Gas eingesetzt hat. Bedenken wir, dass sich die Mainstream-Medien und die Kriegshetze betreibenden Politiker vor allem auf diese Vorfälle beziehen, wenn sie ihre neokonservativen Pläne verfolgen, die schon vor über einem Jahrzehnt in Stein gemeißelt wurden.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Assads Streitkräfte irgendwann einmal Chemiewaffen eingesetzt haben könnten - warum aber führen die Medien und Regierungen immer die Fälle an, die nie zweifelsfrei bewiesen werden konnten? Alle vier dieser übertrieben hochgespielten Geschehnisse wurden entweder von den Geheimdiensten selbst oder von Experten auf diesem Gebiet (und sogar von US-Verteidigungsminister James Mattis selbst) angezweifelt.

Lassen Sie uns trotzdem, um der Argumentation willen, einmal annehmen, die syrischen Regierungsstreitkräfte seien für den abscheulichen Angriff verantwortlich. Was dann?

General Martin E. Dempsey, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs, kündigte warnend an, dass die USA 70.000 Bodenkräfte brauchen, um die syrische Luftwaffe erfolgreich zu vernichten. Erinnern wir uns - das war, bevor sich Russland in den Konflikt eingeschaltet hatte. Dies bedeutet, dass man nun noch mehr einsetzen müsste, um die syrische Regierung wirklich zu besiegen.

„Assad hat zweifellos monströse Verbrechen begangen, und ich bezweifle auch nicht, dass er dazu fähig ist“, teilte Noam Chomsky vom MIT am Dienstag Anti-Media per E-Mail mit, „aber mehr als das weiß ich nicht sicher. Selbst wenn Assad verantwortlich sein sollte, gibt es wohl keine Militäraktion, die eine bereits schreckliche Situation nicht noch verschlimmern würde - sehr verschlimmern vielleicht sogar. Im Gegensatz dazu gäbe es andere Abscheulichkeiten in der Region, gegen die wir sehr wohl etwas ausrichten könnten - indem wir uns daraus zurückziehen, wie im Jemen.“

Anders ausgedrückt: Selbst wenn Assad sich einiger der schlimmsten Verbrechen schuldig gemacht haben sollte, haben die USA kein Recht, ihn dafür zu kritisieren oder dagegen einzuschreiten - bedenkt man, wie die USA weltweit Gräueltaten unterstützen. Israel mäht gerade unbewaffnete Protestierende und Journalisten in Gaza mit Scharfschützen nieder. Saudi-Arabien löscht gerade weiter den Jemen aus. All dies geschieht mit der vollen Unterstützung der USA, die derzeit in sieben Ländern der Region (einschließlich und vor allem in Syrien) Bomben abwerfen und unter der Zivilbevölkerung großes Leid verursachen.

Wie Chomsky Anti-Media gegenüber erklärte:

„Um es in den so typisch prägnanten Worten meines verstorbenen Freundes und Mitarbeiters Ed Herman zu sagen: Es gibt sinnvolle Opfer (ihre) und sinnlose Opfer (unsere), es gibt schändliche Blutbäder (ihre) und harmlose, fördernde Blutbäder (unsere) … und die logische Konsequenz ist, dass all die, die dem Pfad grundlegender Moral folgen, ignoriert oder diffamiert werden.“


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Darius Shahtahmasebi ist Japanologe und Anwalt und schreibt zu außenpolitischen Themen auf www.antimedia.com. Man kann ihn auf Patreon unterstützen: https://www.patreon.com/thetvsleaking.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „There’s a Good Chance We’re Being Lied to About the Chemical Attack in Syria“. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam korrigiert.

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