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Kriegsgeschrei in Aachen

Kriegsgeschrei in Aachen

Bei der Karlspreisverleihung 2018 an Emmanuel Macron wurden die „europäischen Werte“ beschworen.

Quizfrage: Welche drei Werte sind den Europäern am wichtigsten?
Suchanfrage: Finden Sie die Demokratie in der geschilderten Veranstaltung.

Dabei sein ist alles

Die Stadt Aachen hatte keine Mühen und Steuergelder gescheut, um Macron zur Karlspreisverleihung einen gebührenden Empfang zu bereiten. Dieser Preis wird von einer extra dafür gegründeten Gesellschaft in Gedenken an den Kriegsführer und Eroberer Karl der Große alljährlich Personen verliehen, die sich für ein europäisches Großreich im Sinne Kaiser Karls einsetzen. Noch vor dem offiziellen Beginn der Verleihung reihe ich mich in die Menschenmenge vor dem Rathaus ein, die auf eine weit entfernte, an dessen Front befestigte Leinwand schaut.

Doch bevor ich den Rathausvorplatz betreten darf, kontrolliert eine Sicherheitsbeauftragte der Polizei mit Handschuhen penibel den Inhalt meiner Jackentaschen. Sie erfragt noch den Inhalt meiner Hosentaschen, verzichtet aber darauf, meine Aussagen eigenhändig zu überprüfen. Die Frau neben mir muss irritiert ihre Banane in eine flughafentaugliche Sicherheitstüte stecken. Menschen mit Trinkflaschen aus Plastik dürfen allerdings unbehelligt passieren. Auf meine Bemerkung hin, dass die aerodynamischen Eigenschaften von Wasserflaschen für Würfe viel besser geeignet seien als Bananen und der Absperrbereich vor dem Rathaus sowieso zu weit sei, lächelt die Kontrolleurin entschuldigend. Sie hätte sich diese Regeln nicht ausgedacht.

Erfolgreich auf dem Rathausvorplatz angelangt, sehe ich Helene und Ansgar Klein, friedensbewegte Aktivisten, die ein großes blaues „No to Nato“-Banner entrollen, das sie – als Sitzkissen getarnt – durch die Personenkontrolle geschmuggelt haben.

Auf mindestens zwei Dächern, dem Rathausdach und einem Hausdach genau gegenüber, mache ich vermummte Scharfschützen aus, die schussbereit Gewehre auf die wartenden Menschen richten. Gut, dass unser Staat so väterlich für unsere Sicherheit sorgt.

Auf der anderen Seite des Platzes ertönt ein lautes Protest-Grölen. Auf der Suche nach dem schwarzen Block der Antifa lasse ich meinen Blick streifen, entdecke aber nur gelb-schwarz gekleidete Menschen in einer großen Zahl. Mit der Bürgerbewegung in Aachen gegen den maroden belgischen Kernreaktor in Tihange, erkennbar am gelb-schwarzen Zeichen für Radioaktivität, sympathisiert die ganze Stadt.

Die französische Regierung besitzt einen großen Teil der Aktien des französischen Energiekonzerns Engie, dessen belgische Tochter Electrabel Tihange betreibt. Einige Menschen in meiner Nähe, die auf der Video-Leinwand ab und zu einen Blick auf Angela Merkel erhaschen können und versuchen, andächtig ihrer Rede zu lauschen, beschweren sich allerdings, dass es den lauten Aktivisten nur darum ginge, ihnen dieses tolle Erlebnis kaputt zu machen.

Hinter mit empört sich eine Frau, sie könne wegen des „No to Nato“-Banners nichts sehen und das seien sowieso Spinner. Dabei verstellt mir – und damit sicher auch ihr – die große Europa-Fahne eines „Pulse of Europe“-Anhängers die Leinwand. Auch andere Bürger sind der Meinung, dass ohne Mitgliedschaft in der NATO Russland sofort Deutschland überfallen würde. „Was sind Sie fehl informiert,“ schreit Ansgar schließlich entsetzt und fragt: „Sind denn nur Bildzeitungsleser hier?“

Der Mann neben mir fühlt sich angesprochen. „Aber es ist doch offensichtlich, dass Putin aggressiv ist,“ bemerkt er. „Wegen der Krim.“ Da muss ich mich einmischen, dass ja vorher der demokratisch gewählte Präsident der Ukraine von Leuten mit Nazi-Gedankengut weggeputscht worden sei und Angela Merkel, die gerade auf der Leinwand dem anwesenden Porochenko „die territoriale und souveräne Integrität der Ukraine,“ zusichert, sofort ihre Partnerschaft angeboten hätte. „Und westliche Konzerne haben gleich Land gekauft und dort genmanipulierte Pflanzen angebaut.

In der Ukraine gibt es fast nichts anderes mehr, obwohl die Leute den Dreck gar nicht essen wollen,“ mischt sich eine andere Frau ein. Diese beiden Punkte finden alle Umstehenden offensichtlich plausibel, denn sie wenden sich wieder der redenden Kanzlerin zu. „Ich habe nichts verstanden,“ beschwert sich eine Frau enttäuscht. „Sie hat, glaube ich, gesagt, dass Macron tolle Ideen für Europa hat und dass alle sich einig sind, dass alles besser wird, weil man jetzt etwas tut.“

Die gelb-schwarze Masse beginnt zu singen und die gleichfarbigen Regenschirme neben mir, deren Träger das vorherige Gegröle nervig fanden, schieben sich zur anderen Seite, um dabei zu sein. Nun ist Macron auf der Leinwand zu sehen. Seine Rede ist wegen der akustischen Mischung aus Übersetzung, französischem Original und Rauschen kaum zu verstehen. Die Menschenmenge lichtet sich etwas. Viele aber hoffen auf ein baldiges Ende der Rede, um den VIP dann in natura sehen zu können. „Ich höre mir das dann zu Hause noch einmal an,“ bemerkt jemand. „Ich nicht,“ sagt ein anderer, „vielleicht ist es ja Absicht, dass man nichts versteht. Dann fällt es nicht so auf, dass es keinen Inhalt gibt.“

Macron möchte mehr Macht für die EU

Erstaunlicherweise ist diese Rede recht interessant, wie ich später feststelle. Es lohnt sich, sie auf Youtube anzuhören.

Macron aktiviert die Bedenken der kritischen Bevölkerung, sich gegen Einflussnahme von außen stärken zu müssen. Er fordert mehr Macht, eigene Finanzen und eine stärkere Militarisierung der EU. Zufälligerweise entspricht das auch den Wünschen der US-Regierung.

Obwohl Macron seine Ideen eher als Abgrenzung zu dieser darstellt. Entgegen der Berichte einiger großer Zeitungen höre ich nirgendwo eine Anspielung auf Russland.

Inwieweit Politiker allerdings anschließend auch umsetzen, was sie wortreich vorschlagen, wird sich zeigen. Und ob eine autonome EU eher zum Wohle oder doch zur Kontrolle der Bürger genutzt wird, ist eine unbeantwortete Frage. Sind Macrons Worte ehrlich gemeint oder nutzt er nur die derzeitig real existierenden Abhängigkeiten von den USA als „äußeren Feind“, gegen den wir zusammen vorgehen müssen, als Vorwand, um einen zentralen, konzerngesteuerten Überwachungsstaat in Europa zu errichten?

Europa ganz emotional

Kurz nach Macrons Rede ist der lang ersehnte Moment gekommen. Die Rathaustür öffnet sich und Angela und Emmanuel nebst „Hofstaat“ schreiten heraus und winken freundlich den „Untertanen“ zu. Europablau gekleidete Menschen klatschen erfreut, einige winken begeistert zurück. Die Gelben tönen „Ab-schalten! Ab-schalten!“ Die meisten verhalten sich indifferent. Die Proteste in Frankreich gegen Macron und die letzte Bombardierung Syriens im Hinterkopf wissen viele nicht, was sie von der Preisverleihung halten sollen.

Ein Mann erklärt dem Reporter des Lokalradios, was für ein Gefühl es sei, diesen großartigen Mann sehen zu dürfen. Bei der Frage, was Macron Großartiges gemacht habe, zögert er. Die da oben würden es schon wissen. Der habe den Preis ja nicht ohne Grund bekommen.

„Pulse of Europe“-Aktivisten verteilen selbst gebackene „Macrönchen“, Kokosmakronen, die die emotionale Bindung an Europa stärken sollen. Sehr lecker. Da ich diese Idee sympathisch finde, frage ich eine Frau mit Europafahne, wie „Pulse of Europe“ denn die CETA- und Glyphosat-Abstimmungen sähe. Sie schaut irritiert und verweist mich an den Mann neben ihr. „Sie sind doch bestimmt für Demokratie, oder?“, fragt er mich zurück. „Schon, wenn sie denn funktionieren würde.“ „Aha.“

Jetzt hat er eingeordnet, was ich für eine bin. „Wir sind auch der Meinung, dass Europa reformiert werden muss, aber erst einmal müssen wir dafür sorgen, dass es nicht auseinander bricht, sonst ist nichts mehr da zu reformieren.“ Er hat auch eine konkrete Idee, wie dies zu tun sei. „Wir wollen demnächst kleine Hausparlamente von circa acht Leuten überall im Land anregen. Deren Ergebnisse sollen protokolliert, zentral gesammelt und dann an die Politiker weiter gegeben werden.“ Er ist davon überzeugt, dass sich die Politiker in Zukunft mehr am Volkswillen als an den Lobbyisten orientieren würden. Ich finde, auch wenn ich nicht so recht daran glauben kann, sind Diskussionen über unterschiedliche Weltbilder durchaus sinnvoll, wie dieser Tag zeigt.

Also schließe ich noch eine Frage an:

„Sind Sie für Europa oder die EU?“

„Europa!“

„Gehört Russland auch dazu?“

„Nein! Auf gar keinen Fall!“

„Warum nicht?“

„Also die Ukraine gehört auf alle Fälle dazu. Da war ich mal. Die denken so wie wir.

Aber die Russen … Die sind völlig anders.“
„Wie denn anders?“
„Ich war noch nie in Russland.

So genau weiß ich das nicht. Aber die finden diesen autoritären Putin gut. Der ist doch ein Populist. Und die Polen haben auch Angst vor ihm.“

Leider muss mein Gesprächspartner dann gehen, so dass ich meinem Befremden keinen Ausdruck verleihen kann. Es ist ja wenigstens eindeutig, dass die USA nicht zu Europa gehört, ob mit oder ohne Populisten. Beim letzten Blick auf den sich leerenden Platz bleibt mir unverständlich, warum die US-Flagge neben den Flaggen der europäischen Länder an einer Fahnenstange gehisst wurde.

Die europäischen Werte

Was sind denn diese „europäischen Werte“, die Frau Merkel und Herr Macron engagiert an unseren Grenzen und weit darüber hinaus verteidigen wollen und die die Europa-Aktivisten zu retten versuchen?

Das Bundesamt für politische Bildung hatte in einer Umfrage, welche persönlichen Werte den EU-Bürgern am wichtigsten seien, folgendes Ergebnis erhalten (1):

  1. Menschenrechte
  2. Frieden
  3. Respekt gegenüber menschlichem Leben

Werte für die man Menschen in ihren Heimatstädten bombadiert und Flüchtende ertrinken lässt.

Macron und Merkel wollen für deren Erhalt eine europäische Armee für 20 Prozent der Haushaltsausgaben aufbauen, während täglich Tausende Kinder, angeblich alternativlos, verhungern.

Und inwiefern sind diese Werte „europäisch“? Haben Menschen außerhalb der EU nicht den Wunsch, in Frieden, Sicherheit und Würde zu leben? Was sollen die medial erzeugten Feindbilder und die künstliche Abgrenzung der sogenannten „europäischen Wertegemeinschaft“ zum Rest der Welt?

Wie wäre es, wenn wir einfach anfangen würden, unsere Werte auch zu leben? Sie haben sicher ein paar nette Worte und ein freundliches Lächeln übrig für die unbekannten Menschen, die Ihnen auf der Straße, im Geschäft oder im Wartezimmer begegnen, speziell auch für Menschen, die hier nicht heimisch sind. Und Sie haben auch bestimmt eine helfende Hand für alle, die ein wenig Hilfe benötigen, auch wenn sie nicht darum bitten. Und vergessen Sie nicht den Wert der „Toleranz“, gerade bei Diskussionen mit den Bewohnern des medial erzeugten Paralleluniversums. Sie werden sehen, wie ansteckend gelebte Werte sein können.

Bei der nächsten Politiker-Vorführung könnten wir dann alle, Deutsche, Franzosen, Ukrainer, Russen, Amerikaner und Araber, Kokosmakronen teilend auf dem Rathausplatz sitzen und Herrn Macron und Frau Merkel einladen, sich einfach dazuzusetzen.

Viel Spaß bei der Einführung der menschlichen Werte in unserem Land!


Quellen und Anmerkungen:

(1) http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70649/persoenliche-werte

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