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Krieger des Friedens

Krieger des Friedens

Ein Mythos der buddhistisch-hinduistischen Kosmologie erschließt einen Weg zu einem verloren geglaubten Paradies.

Es war einmal ein Land, in dem Milch und Honig fließen und die Menschen in friedlichem Wohlstand zusammenleben. Die terra promissionis, das gelobte Land, das Land der Verheißung, liegt nicht nur in Israel, sondern soll sich auch in anderen Regionen der Welt befinden. Im heutigen Iran soll der Garten Eden gelegen haben, in Ägypten das Paradies, am Äquator, an den Hängen des Weltenberges Meru im Zentrum des Universums. In vielen Kosmologien lebt die Idee eines Paradieses auf Erden, eines Ortes ohne Mangel und ohne Angst, an dem niemand frieren muss und alle zu essen haben.

Im tibetischen Buddhismus trägt das Paradies den Namen Shambhala. Nach einem hinduistisch-buddhistischen Mythos ist dieses Königreich in Zentralasien, Symbol des Friedens, der Schönheit und des Glücks, der Ursprung der durch Buddha verkündeten Lehre des Kalachakra. Hier sind alle Bewohner erleuchtete göttliche Avatare. Der Dalai Lama bezeichnet es als ein pures, reines Land, das, obgleich irdisch, auf keiner Karte verzeichnet ist. Die Ankunft des 25. Königs von Shambhala, so die Legende, soll die Dunkelmächte von der Erde vertreiben und den Beginn eines erneuten Goldenen Zeitalters einleiten.

Verdächtigter Geist

Shambhalas Wurzeln reichen in eine alte tibetische, die Sonne verehrende Religion zurück. Das bereits im 17. Jahrhundert durch den katholischen Missionar Estêvão Cacella nach Europa gebrachte Wissen wurde im späten 19. Jahrhundert durch die Gründerin der Theosophie, Helena Blavatsky, weitläufig bekannt. Im Dritten Reich sollen sich insbesondere Heinrich Himmler und Rudolf Hess für das sagenumwobene Reich interessiert haben. Vor allem Himmler war fasziniert von östlichen Religionssystemen und begeistert von der Bhagavadgita, einer der zentralen Schriften des Hinduismus, die er angeblich immer bei sich trug.

So liest sich das Kapitel zu Shambhala in der deutschen Wikipedia, der Enzyklopädie, die uns sagt, was wir wissen sollen, wie eine Auflistung gefährlichen rechtsesoterischen Gedankengutes. Adolf Hitler höchstpersönlich soll einer der Bewohner des mythischen Königreiches sein und hier darauf warten, das Vierte Reich zu errichten.

„Gewisse Persönlichkeiten des Dritten Reiches hätten sich vollständig den destruktiven Kräften Shambalhas unterstellt, und dadurch dessen Gesandten Stalin in die Hände gespielt.“

Auch der Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn im Jahre 1995 durch die AUM-Sekte wird mit dem Shambalha-Mythos assoziiert. Als Bezeichnung für Musikfestivals, Vergnügungsparks und Luxushotels wird der Name zwar leidlich rehabilitiert, doch das Tor zum Paradies bleibt verschlossen. An seinem Riegel kleben der künstliche Kitsch der Vergnügungsindustrie und der braune Dreck des Naziterrors: des Schlimmsten, was unsere Gesellschaft zu bieten hat.

Es ist immer schwieriger geworden, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, das Okkulte vom Erleuchteten, das Richtige vom Falschen. Immer mehr ist das ursprünglich Wahre, Gute und Schöne derart verdreht und besetzt worden, dass es als das Gegenteilige erscheint.

Die Schlange, ursprüngliches Symbol für die kosmische Schöpferkraft, wurde mit dem Christentum zur Repräsentation des Bösen. Aus dem Birkenbesen, ursprünglich Symbol der Reinigung, ist ein Hexenbesen geworden. Die Svastika, das kraftvolle Glückssymbol östlicher Glaubensrichtungen, wurde zum Hakenkreuz und damit auf ewig befleckt.

Von Akupunktur bis Zen-Buddhismus, von Homöopathie bis Yoga — heute gilt als rechtesoterisch so gut wie alles, was eine Gefahr für die materialistische Heilslehre sein könnte. Alles Geistige, Mythische, Geheimnisvolle ist suspekt. Spiritualität gilt als ein potenzialer Quell des Aufbegehrens gegen die bestehende Ordnung. Wer meditiert oder betet, denkt tendenziell quer. Kein eigenständiger Geist darf sich halten in der Götterdämmerung eines künstlichen Paradieses, das nach und nach alle ursprünglichen Paradiese verdrängt hat.

Krieger des Friedens

Das Königreich Shambhala, so die Legende, wird sich erheben, wenn die Welt in Gefahr ist, sich selbst durch Gier und Verderbnis zu vernichten. Dann, wenn zwei Großmächte, eine im Westen und eine im Osten, sich gegenseitig zerstören und damit das Leben eines jeden fühlenden Wesens in Gefahr bringen, werden sich die Krieger von Shambhala erheben. Dieses Aufstehen, so der tibetische Dzogchen-Meister Chögial Rinpoche, ist eine Metapher für eine innere spirituelle Reise, bei der es nicht darum geht, äußere Feinde zu bekämpfen, sondern Frieden und Einigkeit in sich selbst zu schaffen.

Die Shambhala-Krieger haben es auf niemanden abgesehen. Sie ziehen in keine Schlacht. Es geht ihnen nicht um die Eroberung fremder Territorien, sondern allein um den Frieden im eigenen Reich. Sie tragen keine Uniform, keine Abzeichen, keine Waffen, die sich gegen andere richten. Die Veränderung und die Heilung, um die es ihnen geht, kommen aus ihnen selbst heraus. Das ist es, was sie so gefährlich macht. Sie ergeben sich keiner äußeren Kontrolle und lassen sich vor keinen Karren spannen.

Shambalha-Krieger sind unregierbar. Denn sie handeln nicht aus der Angst vor dem Tod heraus, sondern im Vertrauen in das Leben.

Sie wissen, dass alle Waffen aus Geist gemacht sind und auch vom Geist wieder abgebaut werden können, so wie sie wissen, dass die zerstörenden Kräfte nicht von außen kommen, sondern ihnen selbst entspringen. Es sind ihre eigene Gier, ihr eigener Hass, ihre eigene Angst, denen sie in den äußeren Ereignissen begegnen. Kein Angriffssystem der Welt kann sie besiegen. Allein sie selbst sind dazu in der Lage, diese Gefühle in sich loszulassen und aufzulösen.

Unbesiegt

Die Shambalha-Krieger machen Krieg wieder zu dem, was er ursprünglich bedeutet: Anstrengung, Bemühen, Streben. Sie ziehen ihr Schwert nicht, um zu töten, sondern um das Richtige vom Falschen zu trennen. Die Waffen, die sie benutzen, werden wieder zu Werkzeugen. Mitgefühl und Erkenntnis ist ihr Name. Mitgefühl ist notwendig, um offen für das Leid anderer zu sein. Doch Mitgefühl allein reicht nicht aus. Der Schmerz, den wir um uns herum wahrnehmen, kann uns überwältigen.

Wir brauchen auch das Erkennen, das unserer Herzenswärme Struktur gibt. Unsere leidenschaftlichen Herzen müssen verstehen, dass alles miteinander verbunden ist und der äußere Kampf seinen Ursprung im Innen hat. So ergänzen sich Erkenntnis und Mitgefühl. Erkenntnis allein ist zu kühl und zu distanziert. Sie braucht die Wärme und die Kraft des Mitgefühls. Beide zusammen ergeben weise Aktionen, die den ganzen Planeten verwandeln und heilen können.

Jede einzelne Handlung, die mit reiner Absicht unternommen wird, jeder Gedanke um das Wohl eines anderen Lebewesens, erzeugt eine Welle der Heilung in der Welt, die weit größere Auswirkungen hat, als wir es uns vorstellen können. Als immerwährendes, aus sich selbst heraus schaffendes sogenanntes autopoietisches System kann jeder Einzelne von uns einen Prozess der friedlichen Umwandlung anstoßen, der die Welt zu einer ganz anderen macht, als von der elitären Agenda des Great Reset vorgesehen.

Heilung durch Meditation

Der zentrale Glaubensinhalt der Shambhala-Lehre ist die dem Menschen natürlicherweise innewohnende Güte. In ihr gibt es keinen Sündenfall, keine Flucht aus dem Paradies, keinen strafenden Herrgott, kein Zölibat, keine Kreuzzüge, keine Inquisition, keine Schuld und keine Schande — all das, was den Menschen niedrig und gemein hält. Als ständig sich entwickelnde und hochbegabte Wesen sind wir richtig so, wie wir sind. Das erfahren wir in der Meditation. Nicht wir sind verkehrt. Die Welt ist es.

Der Meditation zugrunde liegt das achtsame und bewusste Atmen. Das haben wir verlernt. Nur so war es möglich, uns die Masken aufzuzwingen. So haben uns die Maßnahmen ins Bewusstsein zurückgerufen, was wesentlich ist.

Tiefes Atmen ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen. Wie eine Säule steigt der Atem in uns auf und erfüllt Brustraum, Bauch und Rücken. Bis in die Extremitäten hinein können wir ihn spüren. Die Gedanken und Gefühle, die vorbeikommen, werden nicht verdrängt, sondern begrüßt, und dann wieder losgelassen.

Es geht zu wie auf einer Party: Wir klammern uns nicht an jedem Gast fest, der durch die Tür hereinkommt. Wie Wolken am Himmel ziehen die Gedanken durch den Kopf, verformen sich, türmen sich, lösen sich wieder auf. Gefühle durchströmen den Körper, und wir setzen ihnen keinen Widerstand entgegen. Was auch immer es ist: Es wird angenommen und wieder losgelassen. So hilft uns Meditation, ganz und gar präsent zu sein, dort, wo unser Bewusstsein ist, und dort, wo wir handeln können: in der Gegenwart.

Hier findet der Shambhala-Krieger in seine Kraft. Hier ruht seine Macht. Im Kontakt mit der geistigen Welt erlebt der Meditierende, dass er mehr ist als sein physischer Körper, und wächst gewissermaßen über sich selbst hinaus. Er erkennt, dass es eine Stimme in ihm gibt, die nicht von seinem Ego ausgeht, und einen Raum, in dem es um mehr geht als um die Erfüllung seiner körperlichen Bedürfnisse. Hier kommt er in seine Schaffenskraft. Hier öffnet sich das Tor zu dem Paradies, das er verloren glaubte.


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