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Krieg gegen die Welt

Krieg gegen die Welt

Der militärisch-industrielle Komplex ist einer der größten Umweltverbrecher des Planeten und für die globale Erwärmung und ökologische Katastrophe maßgeblich mitverantwortlich.

Über ein Jahrhundert bevor wir am Abgrund einer ökologischen Katastrophe standen, hatte Rabindranath Tagore eine Ahnung, wohin es gehen könnte. Tagore, ein indischer Autor und Kulturreformer, der in der Zeit des britischen Kolonialismus lebte, gehörte zu den Letzten einer Generation, die noch in der Lage war, die industrialisierte Welt als außenstehender Beobachter zu betrachten.

Er sprach eine der frühesten und wortgewaltigsten Warnungen über die problematische Situation einer Welt aus, die, wie unsere heutige auch, auf den Zwillingssäulen des industriellen Konsums und der industriellen Kriegsführung beruht. Auf einer Seereise nach Japan im Jahr 1916 wurde Tagore Zeuge eines unfassbaren Ereignisses, das uns heute fast banal erscheint: einer Ölpest. Für ihn war es ein erschütterndes Bild einer Erde, die durch das hemmungslose Streben der Menschheit nach Macht zerstört wurde und nunmehr mit den Hilfsmitteln der modernen Wissenschaft aufgepeppt wird.

„Bevor diese politische Zivilisation an die Macht gelangte und ihr hungriges Maul weit genug aufriss, um große Kontinente der Erde zu verschlingen“, schrieb Tagore 1917 in seinem Essaybuch „Nationalism“ „hatten wir Kriege, Plünderungen, Veränderungen der Monarchie und daraus resultierendes Elend. Aber niemals solch einen Anblick angstvoller und hoffnungsloser Gefräßigkeit, eine massenhafte Opferung einer Nation nach der anderen, solch riesige Maschinen, um große Teile der Erde in Kleinholz zu verwandeln, niemals solch schreckliche Missgunst mit all ihren hässlichen Zähnen und Krallen, die bereit sind, lebenswichtige Organe aufzureißen.“

Der Klimanotstand, in den wir uns heute hineinbewegen — das Aufreißen unserer gegenseitigen lebenswichtigen Organe — ist ein Ergebnis unserer kollektiven Unfähigkeit, Grenzen einzuhalten. Ein Wirtschaftssystem, das endloses Wachstum und endlosen Konsum verlangt, überfordert damit ständig einen Planeten, dessen Ressourcen endlich sind. Doch, wie Tagore erkannte, würde die gleiche Gier und Verachtung, die uns veranlasste, Krieg gegen die Erde zu führen, uns auch zu katastrophalen, endlosen Kriegen zwischen den Völkern veranlassen.

Als er sein Buch schrieb, war der Erste Weltkrieg bereits im Gange. Tagore betrachtete diesen Konflikt als den ersten der modernen Kriege, der uns das beträchtliche Potential aufzeigte, das wir erlangt hatten, um unsere natürliche Umwelt und unsere Mitmenschen zu zerstören. Die während dieses Konflikts entstandenen massiven Militärindustrien deuteten auf eine möglicherweise noch unmenschlichere Zukunft hin.

„Die gigantischen Organisationen, die dazu dienen, andere zu verletzen und deren Angriffe abzuwehren, die Geld damit verdienen, andere zurückzuwerfen, werden uns nicht helfen“, schrieb Tagore. „Im Gegenteil, durch ihr erdrückendes Gewicht, ihre enormen Kosten und ihre abstumpfende Wirkung auf die lebendige Menschheit werden sie unsere Freiheit ernsthaft behindern.“

Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 schrieb Tagore über die Gefahren von Militarismus, Rassenhass und über eine grausame industrielle Entwicklung, die die Natur zu verschandeln begann. Die Industrialisierung der Kriegsführung hat uns nun in die Lage versetzt, andere Menschen und die Erde selbst in einem Ausmaß zu zerstören, die sogar Tagores Warnungen übertrifft. Sogar diejenigen, die ihr Leben dem Projekt des amerikanischen Militarismus gewidmet haben, sind dabei, die Zerstörung zu erkennen, die gerade angerichtet wird. In der Zeit der Klimakrise ist der Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und der Zerstörung des menschlichen Lebens, das Tagore in seinen Schriften verurteilte, möglicherweise zum zentralen Thema unserer Zeit geworden.

Es mag dann auch nicht überraschen, dass das größte industrielle Militärwesen der Weltgeschichte gleichzeitig auch der größte Umweltverschmutzer der Welt ist.

Eine aktuelle Studie des Kriegskosten-Projektes der Brown University hat diese erschreckende Tatsache ans Licht gebracht: Das US-Verteidigungsministerium hat einen größeren jährlichen CO2-Fußabdruck als die meisten Länder dieser Erde. Mit einem ausgedehnten Netzwerk von Stützpunkten und Logistiknetzwerken ist das US-Militär, abgesehen von Nationalstaaten, der größte Kohlendioxidemittent der Welt. „In der Tat ist das Verteidigungsministerium der weltweit größte institutionelle Erdölverbraucher und dementsprechend der weltweit größte Produzent von Treibhausgasen“, heißt es in dem Bericht.

Wenn das Pentagon ein Land wäre, stünde es unter den größten Kohlendioxidemittenten der Welt an der 55. Stelle. Und sein Hauptzweck — Kriegsführung — ist mit Sicherheit die kohlenstoffintensivste Aktivität.

Seit dem Beginn der gegenwärtigen Ära der amerikanischen Konflikte durch den Einmarsch in Afghanistan im Jahr 2001 hat das US-Militär die gigantische Menge von schätzungsweise 1,2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre ausgestoßen. Zum Vergleich: Die gesamten jährlichen Kohlenstoffemissionen des Vereinigten Königreichs betragen rund 360 Millionen Tonnen.

Diese massive zusätzliche Belastung des Planeten könnte sich rechtfertigen lassen, würde sie im Namen von lebenswichtigen Interessen der nationalen Sicherheit erfolgen, aber die größten Komponenten beim Kohlendioxid-Fußabdruck des US-Militärs waren Kriege und Besatzungen, die fast völlig unnötig waren. Um es derb auszudrücken: Die USA haben den Planeten für Prestigeprojekte vergiftet.

Nehmen wir zum Beispiel die Besetzung Afghanistans, wo die Vereinigten Staaten nach 18 Jahren kurz davor stehen könnten, einen Friedensvertrag mit den Taliban abzuschließen. Während der anfängliche Krieg allgemein als notwendige Reaktion auf die Anschläge vom 11. September akzeptiert wurde, scheinen die beinahe zwei Jahrzehnte andauernden Kämpfe seitdem keinen politischen Zweck erfüllt zu haben. Aus amerikanischer Sicht hätte 2001 ein besseres Friedensabkommen erzielt werden können, als sich die Taliban angesichts einer internationalen Militäroffensive beinahe aufgelöst hatten.

Anstatt dann vernünftigerweise eine Vereinbarung abzuschließen und den Sieg über Afghanistan zu verkünden, beschlossen die Vereinigten Staaten, sich auf einen endlosen Krieg und eine endlose Besatzung einzulassen. Die Kosten waren fürchterlich: Die Taliban wurden aus dem Beinahe-Tod wiederbelebt, mindestens 110.000 Menschen wurden getötet, und die Umweltbelastung war enorm.

Zusätzlich zum Ausstoß von Millionen Tonnen Kohlendioxid während des Krieges hat der militärische Fußabdruck der USA noch direkter zur unmittelbaren Zerstörung der afghanischen Umwelt beigetragen.

Die Abholzung der Wälder hat sich inmitten der Kriegswirren beschleunigt und die US-Streitkräfte haben, durch Müllverbrennung und andere Maßnahmen, giftige Schadstoffe in die Luft freigesetzt, die unter Verdacht stehen, für Erkrankungen der afghanischen Zivilbevölkerung und chronische Krankheiten von US-Veteranen verantwortlich zu sein.

Die Umweltkatastrophe, die der Irakkrieg angerichtet hat, war sogar noch schlimmer. Der Krieg führte nicht nur zu einem Anstieg der Kohlendioxidemissionen durch die Aktivitäten des US-amerikanischen Militärs, sondern auch zu einer weitverbreiteten Vergiftung der irakischen Umwelt durch den Einsatz giftiger Munition und sogenannter Brandgruben auf Militärbasen, die bereits in Afghanistan zum Einsatz kamen. Die Umwelt ist an einigen Stellen so vergiftet, dass daraus erhöhte Krebsraten und schlimme Geburtsdefekte resultieren — schreckliche Einzelschicksale, die unschuldigen zukünftigen Generationen zugefügt werden. Ein britischer Arzt als Koautor von zwei Studien über die Umweltauswirkungen von US-Militäroperationen in Falludscha sagte, dass die Bevölkerung der Stadt unter „der höchsten Rate genetischer Schäden, die jemals in einer Bevölkerung festgestellt wurde“, leidet.

Ein Großteil dieser Auswirkungen kann auf den Einsatz von Munition mit abgereichertem Uran durch die US-Streitkräfte zurückgeführt werden. Trotz des Versprechens, den Einsatz einzustellen, stellte eine Studie der unabhängigen Überwachungsgruppe Airwars und der Zeitschrift Foreign Policy fest, dass das Militär die giftige Munition während seines jüngsten Bombeneinsatzes in Syrien weiterhin einsetzte.

Die Tatsache, dass der Hauptfaktor des Klimawandels die Emission fossiler Brennstoffe ist, verleiht diesen Kriegen eine weitere düstere Ironie. Seit Jahrzehnten wird der starke militärische Fußabdruck der USA im Nahen Osten durch die Notwendigkeit gerechtfertigt, den Zugang zu den Ölreserven der Region aufrechtzuerhalten.

Die industrielle Gewinnung genau dieser Reserven ist einer der Hauptfaktoren der globalen Kohlendioxidemissionen.

Mit anderen Worten, wir haben getötet, sind gestorben und haben die Umwelt verschmutzt, um den Zugang zu denselben giftigen Ressourcen sicherzustellen, die am meisten für unsere Klimazerstörung verantwortlich sind. Es bedurfte dieser perfekten Symmetrie zwischen industrieller Kriegsführung und industrieller Ausbeutung der Erde, um die unsägliche Notlage herbeizuführen, der wir uns jetzt gegenübersehen.

Die Phänomene endloser Krieg und Klimawandel haben von einer weiteren gemeinsamen Schwäche profitiert: der öffentlichen Gleichgültigkeit. Um es deutlich zu sagen, es ist nicht so, dass es die Leute nicht interessiert. Vor Beginn des Irak-Krieges gingen Millionen auf die Straße, um in einem letzten Versuch die Invasion zu verhindern. In den USA gibt es seit Jahrzehnten eine dynamische Umweltbewegung.

Mit der Zeit sind die im Ausland tobenden Kriege und Berichte über entfernte ökologische Katastrophen allerdings zu Nebengeräuschen geworden. Selbst heute, da wir uns echten Katastrophen gegenübersehen, steht keines der Themen im Vordergrund unserer medialen oder politischen Diskussionen. Zum Teil scheint das daran zu liegen, wer bisher gelitten hat. Genauso wie vor allem fremde Länder von den schrecklichen Kriegslasten betroffen sind — ebenso wie ein kleines Freiwilligen-Militär aus den USA — hat das Frühstadium der Klimakrise vor allem entfernte Gebiete mit einer braunhäutigen Bevölkerung wie Brasilien, Bangladesch, die Malediven und die Bahamas in Mitleidenschaft gezogen. Solange die Krise vom Festland der Vereinigten Staaten fern bleibt, scheinen selbst Menschen, die über solche Nachrichten traurig sein könnten, diese nicht als Notfall zu begreifen.

Früher oder später wird der Notfall jedoch auch bei uns ankommen. In diesem März erreichte der Gehalt an atmosphärischem Kohlendioxid einen Spitzenwert von 415 Parts per million. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was dies bedeutet: Das letzte Mal war die Atmosphäre vor 800.000 Jahren so kohlenstoffhaltig. Zu dieser Zeit war der Südpol eine gemäßigte Zone, in der Wälder wuchsen und die durchschnittliche globale Temperatur lag um 3 bis 4 Grad Celsius höher als heute. Der Meeresspiegel lag etwa 18 Meter höher. Ohne drastische Anstrengungen für negative Nettoemissionen — ein Beenden der Kohlendioxidemissionen und eine Verringerung der Kohlenstoffmenge, die sich bereits in der Atmosphäre befindet — sind wir auf dem Weg, einen solchen Planeten zu schaffen. Stattdessen steigen die weltweiten Nettoemissionen weiter an.

Ironischerweise ist das Pentagon, angesichts seiner eigenen Rolle diesen Notfall herbeizuführen, eines der wenigen Bollwerke gegen die Leugnung des Klimawandels, die die amerikanische Regierung derzeit erfasst hat. „Die einzige Abteilung in Washington, die sich ganz klar mit der Idee befasst, dass der Klimawandel real ist, ist das Verteidigungsministerium“, sagte Oberst Lawrence Wilkerson, ehemaliger Stabschef von General Colin Powell.

Das US-Militär bereitet sich auf eine düstere Zukunft mit klimabedingter politischer Instabilität, Nahrungsmittelknappheit, Ressourcenkriegen und massiven Flüchtlingsbewegungen vor. Angesichts der strategischen Bedrohung, die die eigene Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen darstellt, wurden sogar Schritte unternommen, um die eigenen Energiequellen zu diversifizieren.

Doch selbst diese begrenzten Bemühungen stießen bei der Trump-Administration auf Widerstand. Die Marine hat kürzlich eine Arbeitsgruppe wieder aufgelöst, die die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen sollte, und untergräbt damit ein Minimum an Anstrengungen, um die Auswirkungen eines steigenden Meeresspiegels und schmelzender Eiskappen vorherzusagen. Mit den Worten des ehemaligen Konteradmirals, der die Bemühungen der Marine in Bezug auf den Klimawandel bis 2015 leitete, „endete die Arbeitsgruppe, meiner Meinung nach, ohne vollständige Einbindung von Überlegungen zum Klimawandel.“

Wir neigen dazu, das 20. Jahrhundert hauptsächlich als einen materiellen Fortschritt zu betrachten. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, dass es auch eine Ära war, die uns Blutvergießen in einem historisch beispiellosen Ausmaß bescherte. Das Potential der modernen Wissenschaft war endlich mit der ursprünglich dunklen Seite der menschlichen Natur verbunden.

Das Ergebnis war die brutalste Gewaltperiode in der Geschichte der Menschheit. Die Zahl der Todesopfer ist heute kaum noch nachvollziehbar, doch allein der Zweite Weltkrieg — mit seiner industriellen Dämonologie aus Panzern, Bombenflugzeugen, Giftgas und Atomwaffen — hat über 70 Millionen Menschen getötet. Der Krieg hat Umweltschäden verursacht, die es nie zuvor gegeben hat. Die nuklearen Explosionen in Hiroshima und Nagasaki gaben uns erste realistische Einblicke, wie die Zivilisation selbst enden könnte. Wir sind aus dieser Katastrophe irgendwie wieder herausgekommen. Wir könnten jetzt geradewegs in eine viel größere hineinlaufen.

Das Abschmelzen der Arktis schafft nicht nur einen ökologischen Notfall, sondern — in den Augen amerikanischer, russischer und chinesischer Militärkommandeure — auch ein potenzielles neues Schlachtfeld. Angesichts eines Planeten, der eindeutig an die Grenzen der Misshandlungen stößt, die er noch ertragen kann, werden immer noch die Grundlagen für weitere Ausbeutung und Gewalt gelegt.

Rabindranath Tagore starb zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, bevor dieser seinen schrecklichen nuklearen Höhepunkt erreichte. Viele Jahrzehnte zuvor hatte er bereits vorausgesehen, was unbegrenzte Gier, militärische Expansion und Verachtung für die Umwelt für den Planeten bedeuten würde — es sei denn, wir würden einen Weg finden, uns von diesem Kurs abzuwenden. Mehr als ein Jahrhundert später klingen seine Worte fast prophetisch. Es gibt endlich erste Anzeichen einer wirklichen Bewegung gegen den endlosen Krieg und den Umwelt-Nihilismus, die uns an diesen Abgrund gebracht haben. Tagore ließ es nicht an Klarheit darüber fehlen, wo wir uns befinden werden, sollten wir versagen.

„Wenn dies auf unbestimmte Zeit so weitergeht und die Rüstungsgüter sich selbst zu unvorstellbaren Absurditäten ausweiten und Maschinen und Lagerhäuser diese schöne Erde mit ihrem Dreck und Rauch und ihrer Hässlichkeit einhüllen“, warnte Tagore, „dann wird es in einem Massenselbstmord enden.“



Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „War on the World — Industrialized Militaries Are a Bigger Part of the Climate Emergency Than You Know“. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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