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Kolumbien: Elitär und rassistisch

Kolumbien: Elitär und rassistisch

Der große Journalist und Romancier Gabriel Garcia Márquez hätte sich „in Zeiten der Cholera“ über den Zustand seiner früheren Zeitung „El Universal“ im Grabe umgedreht.

Da gibt es eine regelmäßige Rubrik „sociales“. Und man braucht keinerlei Spanischkenntnisse, um diese Rubrik in etwa mit Soziales, Sozialpolitik, Sozialfragen, soziale Probleme, Sozialwesen, soziale Beziehungen usw. korrekt zu übersetzen. Wie täuscht sich jedoch der Leser, wenn er sich im „El Universal“ diese Rubrik anguckt.

Unter „sociales“ gibt es dort nur Fotos und Meldungen vom Wohlergehen der Schönen und Reichen, der Mercedes- und BMW-Fahrer und der Plantagen- und Yachtbesitzer dieser Welt. So gab es z. B. in der Ausgabe vom 16. Juli 2017 auf den zwei Seiten dieser Rubrik „sociales“ insgesamt nichts anderes als zwölf Hochzeitfotos von José Ramón Gómez mit Guyi Benedetti Rodríguez, einer Braut aus dem angesehenen und reichen kolumbianischen Benedetti-Clan: Hotelbesitzer, Freunde des Hafens und der Marine, Honorarkonsul, Bürgermeister ehrenhalber, Förderer der historischen Altstadt von Cartagena usw.

Wenige Seiten später gibt es im „El Universal“ die Rubrik „desportes“, also Sport, wie unschwer zu erkennen, mit Berichten aus der Welt des „beisbol“, „fútbol“ oder der „fórmula 1“. Da prangte dann am 16. Juli 2017 auf der ersten Sportseite ein großformatiges Foto der zwanzigjährigen Athletin Gregoria Gómez, früheres Modemodell und jetzige Hürdenläuferin über 100m und stolze Inhaberin lokaler und regionaler Sportpreise. Selbstverständlich ist Gregoria Gómez auf diesem Bild knapp bekleidet und sexy.

Die reiche weiße Braut Guyi Benedetti Rodríguez versus die schwarze Sportlerin Gregoria Gomez: Auch in Kolumbien gestattet eine rassistische Gesellschaft ihren schwarzen Mitgliedern den sozialen Aufstieg problemlos nur im Sport und in der Musik.

Rund 20 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung sind Nachfahren der vielen hunderttausend afrikanischen Sklaven, die seit Mitte des 16. Jhs. über Cartagena in private Haushalte, zu den Zuckermühlen und Goldminen nach Kolumbien verschleppt worden waren. Nach wie vor sind untere Dienstleistungsberufe Schwarzen vorbehalten.

Während die Afrokolumbianer als Köchinnen, Taxifahrer, Haus- und Dienstmädchen, Boten, Verkäufer im Supermarkt und Postboten schuften, bleibt die weiße Oberschicht mit ihrem guten Benehmen beim Kerzenscheindinner im vornehmen Club des centro historico in der Altstadt unter sich.

Zwar sind die Zeiten vorbei, als weiße Kolumbianer auf der Urwaldjagd mit dem nur im kolumbianischen Spanisch vorhandenen Wort „quahibóar“ einen eigenes Wort für den Sachverhalt „Indianer jagen und töten“ hatten, doch bleibt Kolumbien vom strukturellen Rassismus entlang der sozialen Grenze zwischen arm und reich geprägt. Auf Rang 95 des Human Development Index (HDI) des UN Development Programme (UNDP) gibt es in Kolumbien viele Millionen Arbeitslose, Arme und Ausgegrenzte. Nach dem kolonialen Genozid an der indigenen Bevölkerung ist deren Anteil auf 2% von 48 Mio. Einwohnern runter gerutscht.

1976 hatte Luis Ramiro Beltrán, der 2015 verstorbene und in Kolumbien lehrende Professor für Kommunikationsforschung, eine Kommunikation der Befreiung entwickelt und 1980 ein Buch mit dem selbsterklärenden Titel „Communicación Dominada“ veröffentlicht. „Dominada“ war Beltráns sprachliche Kurzformel für eine politische Theorie, in deren Mittelpunkt nach außen der Medienimperialismus der USA und im Inneren die Verdummung der lateinamerikanischen Medienrezipienten stand. Beltrán war sensibel und schlau genug, seinen eigenen kolumbianischen Medien den Vorwurf elitärer und rassistischer Berichterstattung zu machen.

Vierzig Jahre später beendete Omar Rincón im Juli 2017, heute ebenfalls Professor für Kommunikationsforschung in Kolumbien, Consultant bei der Zeitung „El Universal“ und der Friedrich Ebert-Stiftung, eine internationale Konferenz von Medien- und Kommunikationswissenschaftlern in Cartagena mit den Worten: „Arm ist der Mensch, der nicht tanzen kann.“ Zwischen diesem schwer erträglichen Zynismus eines auf der Kongressbühne tanzenden Rincón und Beltráns Arbeiten über Radiostationen bolivianischer Bergarbeiter oder Medien im Dienste von Gesundheitsvorsorge liegen vierzig „erfolgreiche“ Jahre einer Entpolitisierung der lateinamerikanischen Kommunikationsforschung.

Zeitungen überall auf der Welt lieben so großartige Namen wie „El Universal“. Und das bedeutet so Vieles: Universum, universal, universalistisch, ganzheitlich, umfassend, weltweit, global. Oder: „Die Zeit“ in Hamburg, „Die Welt“ in Berlin, „Der Morgen“ in Ostberlin, der „Aufbau“ in New York, die „Times“ in London, die „Prawda“, also die Wahrheit, in Moskau und „Radio Veritas“, also wiederum Wahrheit, so der Name des Radiosenders des Vatikan. Warum diese so großen Namen?

Weil solche Namen in „Zeiten der Cholera“, im „Labyrinth“, der „herzlosen Großmutter“, der „traurigen Huren“, der „Geiselnahme“, des „blutroten Morgens“ und in „Hundert Jahren Einsamkeit“ – man sagt zu all dem auch: Kapitalismus – in Anlehnung an Romantitel des großen kolumbianischen Schriftstellers und Journalisten Gabriel García Márquez daran erinnern, dass es auch einen Journalismus geben könnte, der sich so großen Werten wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Objektivität, Seriosität, Faktentreue, Präzision, Gesellschaftskritik, Menschenliebe und guter erzählerischer Qualität verpflichtet fühlt.

Gabriel García Márquez, auch er ein früherer Journalist des „El Universal“ aus Cartagena, hat theoretisch nie zwischen seinen Romanen und seinen journalistischen Arbeiten unterschieden. „Fiktionale Werke haben meine journalistischen Artikel bereichert, da sie auf diese Weise einen literarischen Wert bekamen. Und der Journalismus hat meine fiktionalen Werke bereichert, da sie auf diese Weise eine dichte Beziehung zur Realität erhielten.“ In diesem doppelten Geist erhalten die Schüler in der von Garcia Márquez in Cartagena gegründeten Journalistenschule FNPI (Fundación de Nuevo Periodismo Iberoamericano) http://www.fnpi.org) ein Training im Storytelling.


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In Kolumbien ist Gabo – so Gabriel Garcia Marquez’ geläufiger Kurzname – ein Volksheld. Jeder der zahllosen Straßenbuchhändler, die in Cartagena oder Bogotá ihre Bücher auf dem Pflaster eines Bürgersteigs auslegen, hat einige der zahllosen Romane des Literaturnobelpreisträgers im Angebot, hat sie selber gelesen und kann stolz ein paar Sätze dazu sagen. (Wäre so etwas in Deutschland auch für den Literaturnobelpreisträger Günter Grass denkbar?) Doch Gabo hätte sich im Grabe umgedreht, hätte er die Ausgabe des „El Universal“ vom 16. Juli 2017 in seinen Händen halten müssen. Denn ihm war politisch sehr klar und sehr bewusst, um was es in der Medienpolitik Kolumbiens und Lateinamerikas eigentlich geht:

„Demokratische Kommunikationsstrukturen sind für die Menschen in allen Teilen der Welt eine nationale und internationale Notwendigkeit. Förderung des Zugangs, der Teilnahme, der Dezentralisierung, des offenen Managements und die Verteilung der derzeit in den Händen kommerzieller oder bürokratischen Interessen konzentrierten Macht sind von weltweiter Bedeutung. Das ist besonders in Ländern der Dritten Welt, in denen repressive Minderheitsregierungen an der Macht sind, das Kernproblem.“

„Una luz democratica!“ So heißt die große headline auf Seite eins dieser Ausgabe des „El Universal“ vom 16. Juli 2017. Auf Deutsch: „Ein demokratisches Licht geht auf!“ Doch was meint „El Universal“ hier mit luz, also Licht, Erhellung, Glanz, Klarheit, Erkenntnis oder Aufklärung? Am 16. Juli 2017 meinte „El Universal“ damit ein Treffen der venezolanischen Opposition gegen Maduros Referendum zu der Verfassungsgebenden Versammlung vom 30. Juli 2017. Doch die politische Hilfe der kolumbianischen Oberschicht für die zur Zeit in Bedrängnis geratene venezolanische Mittel- und Oberschicht wäre eine andere, eine weitere Geschichte…


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