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Kollektivschuld – der unverstandene Schatten

Kollektivschuld – der unverstandene Schatten

Niemand würde ernsthaft behaupten, ein Neugeborenes sei persönlich für die Verbrechen der Nazis verantwortlich.

Die Oberammergauer Passionsspiele gibt es seit 1634, eindrucksvolle theatralische Inszenierungen des Leidens und Sterbens Christi. Im 10-Jahres-Rhythmus pilgern große Menschenmassen aus aller Welt zum Festspielort.

Mittlerweile ist dies für die kleine Gemeinde in den Bayerischen Alpen natürlich eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle. Wirte und Hotels profitieren von den zusätzlich einströmenden Touristen. Ursprünglich gingen die Passionsspiele aber auf das Oberammergauer Pestgelübde des Jahres 1634 zurück. Für die Menschen jener Zeit war die Krankheit eine Strafe Gottes. Da wissenschaftliche Erklärungen noch nicht bekannt waren, vermutete man häufig eigene Sünden als Grund.

Die Einwohner gelobten vor Gott, regelmäßig das Evangelium des Herrn auf die Bühne zu bringen, wenn die Pest wieder aus dem Dorf verschwände. Bis heute ist es Pflicht und Ehre für viele im Ort Geborene, bei den Spielen mitzuwirken. Meine Großmutter Veronika, eine Oberammergauerin, spielte seinerzeit auch eine kleine Rolle: passenderweise die der Veronika mit dem Schweißtuch. Eigentlich eine liebenswerte Tradition, aber es haftet ihr der Charakter einer kollektiven Buße an. Das Gelübde nahm gleichsam die gesamte Nachkommenschaft Oberammergaus – zeitlich unbegrenzt – in Mithaftung für die damalige Verpflichtungserklärung.

Kollektivschuld ist insgesamt ein sehr problematisches Konstrukt, das mit viel Ungerechtigkeit und unnötiger seelischer Bedrückung verbunden ist. Wir kennen Kollektivschuld zum Beispiel als Deutsche („Tätervolk“), als Männer („Tätergeschlecht“) oder einfach, weil wir heute auf dieser Erde leben („Tätergeneration“). Was die Kollektivschuld der Deutschen am Nationalsozialismus betrifft, so sind nicht nur heutige Neonazis und Rassisten der „Nachfolge“ verdächtig, sondern auch aktive Antifaschisten und neugeborene Kinder – einfach aufgrund ihres Deutschseins.

Kollektivschuld suggeriert eine Art vererbbare Mangelhaftigkeit, unabhängig vom Einzelfall. Auf welche Weise Kollektivschuld übertragen werden kann, bleibt freilich ein Geheimnis derer, die dieser These anhängen. Sie wird ja nicht genetisch vererbt, und auch die Schuldübertragung über Erziehung und Milieu „funktioniert“ offenbar nicht lückenlos. Sonst gäbe es in Deutschland nicht so viele überzeugte Demokraten und Menschen, die die Taten der Nazis verabscheuen.

Allenfalls hätte der Begriff Kollektivschuld einen Sinn, wenn damit die Summe der schuldhaften Handlungen Einzelner gemeint ist. Wenn etwa in einem kleinen Dorf ein Außenseiter, zum Beispiel der „Dorftrottel“, von einer Horde abergläubischer Fanatiker totgeschlagen wird. Und wenn alle, wirklich alle Dorfbewohner davon wissen und dazu schweigen. Dann hätten wir es mit einem schuldigen Dorf zu tun.

In Nazideutschland ist es beinahe so gewesen, übertragen auf ein ganzes Volk. Viele wurden zu Tätern, sehr viele waren Unterstützer, noch mehr duldeten, wollten nichts wissen oder schauten weg. Aber selbst angesichts einer solchen Ansammlung von Schuld gilt, was der jüdische Schauspieler und Autor Michael Degen in seiner Autobiografie schrieb: „Nicht alle waren Mörder“. Auch wenn eine große Mehrheit schuldig ist, berechtigt das nicht dazu, die schuldlose Minderheit in Mithaftung zu nehmen.

Gerade weil Kollektivschuldthesen aber so schwer begründbar sind, werden sie meist nicht offen, sondern nur unterschwellig erhoben. Die vielen abwertenden Botschaften über „Täterkollektive“, zum Beispiel Männer und Deutsche, höhlen das Selbstbewusstsein der Angehörigen dieser Gruppen schleichend aus. Selbst wenn die Vorwürfe durch Ironie abgemildert werden, wird die Kollektivverurteilung doch unterschwellig als Kränkung erlebt. So musste ich selbst folgende Erfahrung machen: Ich sah gemeinsam mit einer früheren Freundin eine Fernsehsendung über rituelle Genitalverstümmelungen an äthiopischen Mädchen an. Während der Sendung spürte ich schon, wie sich in ihr immer mehr Wut auf die Männer aufbaute, bis sie herausplatzte: „Wie fühlst du dich eigentlich als Mann, wenn du das siehst? Beschämt es dich nicht, was deine Geschlechtsgenossen mit Frauen tun?“ Mein ganzes Mitgefühl war während dieser Sendung bei den misshandelten Mädchen gewesen. Ich wäre einfach nicht auf die Idee gekommen, dass ich mit den Tätern etwas zu tun haben könnte. Um das, was ich persönlich denke oder getan habe, geht es jedoch bei dieser Art der „schematischen“ Verteilung von Kollektivschuld nicht.

Das Problem ist, dass sich Angehörige der „Täterkollektive“ oft nicht gegen die Zumutung pauschaler Schuldzuweisungen zur Wehr setzen. Der natürliche Selbstbehauptungswille, ja selbst die generelle Abneigung gegen Diffamierung sind teilweise völlig betäubt, wenn es sich um das eigene Kollektiv dreht. Dabei leuchtet es ja ein, dass ein Neugeborenes deutscher Herkunft nicht schuldiger als ein Baby französischer, russischer oder amerikanischer Herkunft ist. Ebenso wie es unsinnig ist, wenn sich ein Deutscher, der nicht unbedingt zu den hellsten Köpfen seiner Nation zählt, die Großtaten eines Beethoven, Rilke oder Dietrich Bonhoeffer an die Brust heftet. Ein Grund dafür, warum es uns schwer fällt, Kollektivschuldvorwürfe mit voller Überzeugung von uns zu weisen, ist jedoch ein Phänomen, das ich als „Potenzielle Schuld“ bezeichnen würde.

Darunter verstehe ich Schuld, die wir hätten auf uns laden können, wären wir in derselben Situation wie bestimmte Täter gewesen. Der Liedermacher Konstantin Wecker sang mit Bezug auf die Nazi-Diktatur folgende, sehr ehrliche Zeile: „Hätt’ ich zu meines Vaters Zeit dasselbe Lied geschrieben? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, ich wär sehr stumm geblieben.“ Die Frage ist berechtigt: Hätten wir uns unter Hitler der Schuldverstrickung entziehen können? Hätten wir es besser gemacht als unsere Eltern und Großeltern, die durch die Ungnade der frühen Geburt in einem schrecklichen, das ethische Empfinden korrumpierenden System groß geworden sind? Oder, um ein anderes Bespiel zu wählen: Könnten sich Frauen aller Macho-Allüren enthalten, wenn sie als Männer geboren wären? Wie wäre ein Schwarzer in der Ära Martin Luther Kings mit Schwarzen umgegangen, hätte er in einer weißen Haut gesteckt? Und wären wir selbst zu Mördern geworden, wenn wir im gleichen Familienumfeld groß geworden wären wie ein tatsächlicher Mörder?

Die meisten von uns haben keinen Menschen ermordet. Hier könnten sich aber nun Zweifel erheben. Es könnte ja sein, dass es Ihnen Sie keine große Mühe gekostet hat, unschuldig zu bleiben, weil Sie in weit günstigeren Umständen groß geworden sind als bestimmte Mörder. Das Morden ist mit Sicherheit Teil unseres menschlichen Potenzials. Unter bestimmten Umständen kann es aktiviert und zur konkreten Tat werden. Zum Beispiel, wenn wir unter extremem seelischem Druck stehen.

Vielleicht ist unsere Meinung, wir könnten niemals zum Mörder werden, so viel wert wie die Behauptung eines Achtjährigen, er würde nie ein Mädchen küssen, weil das eklig sei. Dieser Junge kennt noch nicht die Macht der Sexualität, und wir kennen noch nicht die Macht mörderischer Aggression. Täter sind nie so isoliert wie es nach außen hin scheint. In ihnen manifestiert sich vielmehr der Schatten der Wohlanständigen. Wir können davon ausgehen, dass auf einen Menschen, der tatsächlich eine Tat ausführt, hunderte kommen, die mit diesem Gedanken schon einmal spielten und die den Tatimpuls vielleicht mühsam in sich erstickt haben.

Trotz dieser sicher interessanten Überlegungen hat es keinen Sinn, sich andauernd so zu fühlen, „als ob“. Wenn wir uns als potenzielle Hitlers und Stalins betrachten, die nur durch günstige Umstände davon abgehalten wurden, zu Massenmördern zu werden, quälen wir uns unnötig. Wir gestehen uns dann nicht einmal die Möglichkeit zu, gegebenenfalls anders gehandelt zu haben. Es ist gut, seinen eigenen Schatten ehrlich anzuschauen und über Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, nicht vorschnell zu urteilen. Unsere Selbstzweifel können wir am ehesten zum Schweigen bringen, indem wir uns gegenüber den Herausforderungen, die uns jetzt begegnen, möglichst mutig und integer verhalten. Selbstverurteilung wegen potenzieller Schuld macht dagegen keinen Sinn. Es ist noch kein Mensch an einem Mord gestorben, der „hätte geschehen können“.

Zu einer Schuldkultur – und in einer solchen leben wir nach meiner Überzeugung – gehören immer zwei Seiten: Die Neigung von Einzelmenschen und Institutionen, Schuldvorwürfe zu erheben, ist die eine Seite; die offenbar grenzenlose Bereitschaft vieler Menschen, Schuldvorwürfe auch anzunehmen, ist die andere. Warum scheinen viele Menschen die Verantwortung, die ihnen zugeschoben wird, bereitwillig zu übernehmen? Man müsste sich ja nicht jeden Schuh anziehen, der herumsteht.

Ein Grund dafür könnte in dem Wunsch bestehen, sich mächtig zu fühlen. Der König in Antoine de Saint-Exupérys Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Was für eine Machtfülle! Natürlich hätte sich die Sonne auch ohne den „Befehl“ des Königs ebenso verhalten. Das Beispiel karikiert aber äußerst gekonnt die Manie vieler Zeitgenossen, ihren „Zuständigkeitsbereich“ auf möglichst viele Bereiche zu erstrecken. Mag Eigenverantwortung auch teilweise unbeliebt sein; eng mit ihr verbunden ist Macht – die Macht über das eigene Schicksal und darüber hinaus über das Weltgeschehen. Und Macht gibt uns das beruhigende Gefühl von Kontrolle.

Hier müssen wir, ergänzend zu den vorher erklärten Begriffen „Kollektivschuld“ und „potenzielle Schuld“, noch einen weiteren „Schuldtyp“ ins Auge fassen: Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von „Schuld-Solidarität“, also freiwilliger Übernahme von Schuld aus Motiven der Liebe und Solidarität. Ein typisches Beispiel hierfür sind Schuldgefühle wegen der Verbrechen unserer Vorfahren während des „Dritten Reiches“.

Es ist gewiss richtig, sich über die Schrecknisse der Hitler-Diktatur zu informieren, sich die Schicksale der Opfer zu Herzen zu nehmen und aktiv daran mitzuarbeiten, dass dergleichen nie wieder geschehen kann. Anlass zur Nachdenklichkeit gibt es ohne Zweifel, gerade angesichts des momentanen Rechtsrucks in Deutschland. Manche Menschen, die in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind, scheinen die damaligen Verbrechen jedoch ganz besonders als etwas „eigenes“ zu empfinden. Sie betonen wieder und wieder die Kollektivschuld, indem sie ohne Unterschied die Formulierung „Wir Deutsche“ verwenden.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich teilweise, wenn es um gegenwärtige politische Themen geht. So herrscht vielfach ein großes Bedürfnis, sich „fremd zu schämen“. Wenn zum Beispiel Rechtsradikale eine Flüchtlingsunterkunft anzünden, findet sich in einer Zeitung sicher ein Kommentar mit dem Inhalt: „Es ist beschämend, dass dergleichen in unserem Land geschieht.“

Der Zuhörer bekommt so, mag er auch persönlich vollkommen unschuldig und Nazi-Gegner sein, unterschwellig vermittelt: „Ein bisschen bist du auch schuld. Wir alle sollten uns schämen.“ Es ist das gleiche „Wir“, das auch Papst gewesen ist oder Fußball-Weltmeister – nur hier ins Negative gewendet. Dieses meist ehrlich gemeinte Verantwortungsgefühl hat den Nachteil, dass es die Seele desjenigen, der Schuld-Solidarität übt, unnötig eindunkelt. Und zwar meist ohne dass die wirklich Schuldigen davon erfahren – speziell, wenn es sich um verstorbene Täter handelt. Wir nehmen eine Last auf uns, ohne dass andere Personen um eben diese Last erleichtert werden.

Bei noch lebenden Tätern hat Schuldsolidarität noch einen weiteren, erheblichen Nachteil: Nehmen wir einmal einen alltäglichen, weniger drastischen Fall. Ein älterer Bruder übernimmt die Schuld für einen jüngeren, der beim Nachbarn eine Fensterscheibe eingeschossen hat. Vielleicht tut er es aus wirklicher Liebe und Fürsorge, weil er meint, die Bestrafung durch seinen Vater besser wegstecken zu können als der „Kleine“. Vielleicht will er dem Anderen aber auch eine Dankesschuld aufdrängen und erwartet eine Gegenleistung: etwa, dass der Jüngere ihm sein neues Smartphone leiht oder ihm künftig mehr gehorcht. Klar ist in jedem Fall: Wer sich Schuld „anmaßt“, raubt dem wirklich Schuldigen die Möglichkeit, seine Taten und deren Folgen angemessen zu bearbeiten. Die echte Schuld des Jüngeren gegenüber dem Besitzer des beschädigten Fensters bleibt unbearbeitet. Stattdessen wird eine falsche Schuld kreiert: gegenüber dem Bruder, der die Schuld stellvertretend trägt.

Es lohnt sich darüber nachzudenken, ob Schuld-Solidarität nicht auch in manchen anderen Fällen nach einer Belohung „schielt“. Jeder möchte ja eine Spur im Leben anderer Menschen hinterlassen, ähnlich einem Fußabdruck im Schnee. Dies kann durch positive wie durch negative Taten geschehen. Wer eine Schuld auf sich geladen hat, dessen Existenz hat wenigstens einen Unterschied gemacht – und sei es auch wegen einer Schuld, die gar nicht wirklich zu dem betreffenden Menschen „gehört“. Ein weiterer Grund für Schuld-Solidarität kann sein, sich als ein besonders eifriger Büßer darzustellen und auf diese Weise in der Gemeinschaft Anerkennung zu finden.

Wichtig ist uns aber, festzustellen: Wer sich schuldsolidarisch verhält, verdient in der Regel Sympathie. Er sollte dann jedoch dazu ermutigt werden, sich selbst nicht unnötig zu belasten. „Schuldanmaßung“, also als dem Ego kommende Schuldübernahme, um sich wichtig zu fühlen, ist eher ein Randbereich des Themas. Wer sehr selbstkritisch ist, kann vielleicht Spuren davon bei sich entdecken. Allerdings sollte man vorsichtig damit sein, diesen Vorwurf gegen andere zu erheben. Jeder muss eine solche Einsicht gegebenenfalls in sich selbst finden.

Natürlich geht es nicht immer um die Taten der Vätergeneration in der Nazizeit. Und nicht für jeden ist politisches Engagement in einem „linken“ Milieu lediglich ein Weg, um unbewusste Schuldgefühle aufzuarbeiten. Generell kann übernommene, übertragene oder selbst verursachte Schuld aber zu einem übermäßigen Aktivismus führen, der einer Bußübung gleichkommt und im Burnout mündet. Wenn es wahr ist, dass Schuldgefühle und die Neigung, die eigene Lebendigkeit durch ein Übermaß an Arbeit zu ersticken, miteinander zusammenhängen, so kann man vermuten, dass es sehr viele Menschen mit Schuldgefühlen gibt. Denn wir leben in einer Arbeits- und Pflichtgesellschaft.

Es ist zunächst wichtig, solche Zusammenhänge zu erkennen. Dann haben Betroffene die Chance zu verstehen, dass sie nicht länger verpflichtet sind, für Taten zu büßen, die sie nicht begangen und nicht gewollt haben und in keiner Weise hätten verhindern können – dazu gehört im übrigen auch der Tod Jesu, dessen Blut ja kirchenoffiziell für jeden einzelnen Gläubigen vergossen wurde. So wichtig soziales Engagement auch ist – Engagierte sollten Sorge tragen, sich nicht gänzlich vom Dienst an anderen „auffressen“ zu lassen. Dann können sie auch damit beginnen, zu tun, was für sie zuvor undenkbar gewesen ist: gut und liebevoll mit sich selbst umzugehen.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch „Schuldentrümpelung – Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien“ von Monika Herz und Roland Rottenfußer, erschienen beim Goldmann Verlag (256 Seiten, 9.99 Euro, ISBN: 10-3442221838).

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