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Kollaborateure der Macht

Kollaborateure der Macht

Um die Profitinteressen der Reichen und Mächtigen zu schützen, verbreiten die Medien zur globalen ökologischen Katastrophe unterkomplexe Zerrbilder und beruhigende Halbwahrheiten, konstatiert Noam Chomsky im Interview.

Die elegante Schlichtheit seines Büros auf dem Campus — ein kleiner runder Tisch mit einigen geradlehnigen Stühlen, ein Laptop auf einem aufgeräumten Tisch — steht in Kontrast zu seinem Ruf als einem der führenden öffentlichen Intellektuellen. Nun bereits 90 Jahre alt, schreibt Noam Chomsky noch immer und hält mit einem Kollegen zusammen eine Vorlesung über Politik und globale Krisen an der University of Arizona.

Neben seiner Paradigmen erzeugenden Arbeit in der Linguistik ist Chomsky bis heute ein unverblümter und überzeugender Kritiker US-amerikanischer Außenpolitik sowie der damit verbundenen weltweiten Menschenrechtsverletzungen und militärischen Aggressionen. Mit seinem verstorbenen Kollegen Ed Herman entwickelte Chomsky ein „Propaganda-Modell“ der Unternehmens-Massenmedien, mit dem er die Fähigkeit der wirtschaftlichen und politischen Elite erklärte, ihre ideologische Legitimität aufrecht zu erhalten. Eine Reihe von „Filtern“ — Unternehmensbesitz, Abhängigkeit von Werbung, am Establishment ausgerichtete Beschaffungspraktiken, scharfe Kritik von rechts und ideologische Dogmen — führen dazu, dass die Medien als Propagandainstrumente der Reichen und Mächtigen agieren.

Robert Hackett: In den letzten Jahren haben Sie sich oft über die Ernsthaftigkeit der Klimakrise geäußert — und Sie haben verschiedene Beispiele dafür genannt, wie die Unternehmensmedien keine Notiz vom Ausmaß dieser Krise nehmen. Wie würden Sie die allgemeine Rolle der Unternehmensmedien in dieser Krise bewerten? Helfen die Filter, die Sie in Ihrem und Ed Hermans Propaganda-Modell der Medien ermittelt haben, dabei, die Unzulänglichkeiten der Medien in Bezug auf die globale Erwärmung zu erklären, oder gibt es andere Faktoren, die diese für den Journalismus zu einem besonders schwierigen Thema machen?

Noam Chomsky: Nehmen Sie eine Standard-Story. Es gibt Berichte darüber, was gerade geschieht. Wenn Sie also zum Beispiel heute die New York Times aufschlagen, finden Sie da einen recht guten Artikel zu neuen Erkenntnissen über das Schmelzen der polaren Eiskappen, der wie gewohnt drastischere Entwicklungen präsentiert als man sie eigentlich erwartet hatte — diese Art der Berichterstattung ist seit Langem typisch. Er setzt sich auch mit den voraussichtlichen Folgen des Meeresspiegelanstiegs auseinander — angesichts dessen, wie dramatisch dieser bis heute verläuft, jedoch eher zurückhaltend. Es erscheinen also regelmäßig Artikel — und somit wird die globale Erwärmung nicht ignoriert.

Wenn man sich nun aber einen Standard-Artikel über die weltweite Erdölexploration ansieht, kann die New York Times einen großen Bericht darüber auf der Titelseite bringen, wie die USA sich in Richtung dessen bewegen, was sie Energieunabhängigkeit nennen, wie sie Saudi-Arabien und Russland in der Produktion fossiler Brennstoffe hinter sich lassen und dabei neue Gebiete wie Wyoming oder den Mittleren Westen für das Fracking erschließen. Sie schreiben einen langen Beitrag, vielleicht 1.000 Wörter lang — ein solcher kommt mir in den Sinn —, und erwähnen darin die Folgen für die Umwelt oder die Schäden, die den Wasserreserven der lokalen Viehzüchter zugefügt werden, die globale Erwärmung jedoch mit keinem Wort.

Und dies geschieht durch die ganze Presse hinweg, in einem Artikel nach dem anderen — in der Financial Times, der New York Times, allen großen Zeitungen. Es ist also, als gäbe es da einerseits eine Art Tunnelblick — die Wissenschaftsjournalisten sagen gelegentlich „schauen Sie, dies ist eine Katastrophe“. Aber dann wird all das in der allgemeinen Berichterstattung völlig ignoriert, in der es heißt: „Ach, ist das nicht wunderbar, wir müssen kein Öl importieren, wir werden mächtiger“ und so weiter.

Sie stellen also den Zusammenhang gar nicht her?

In ein paar Generationen kann eine organisierte menschliche Gesellschaft vielleicht nicht mehr überleben. Das müsste den Menschen ohne Unterlass klargemacht werden.

Es ist eine Art Schizophrenie, die quer durch die Gesellschaft verläuft. Nehmen wir die großen Banken, zum Beispiel JP Morgan Chase. Sie ist die größte Bank und ihr CEO, Jamie Dimon, ist ein intelligenter Mann. Ich bin sicher, dass er Grundkenntnisse über die ernsthafte Bedrohung durch die globale Erwärmung besitzt, und doch überschütten sie die Gewinnung fossiler Brennstoffe mit Investitionen — weil dies eben das Geschäftsmodell ist. Sie müssen morgen Profit machen.

Die umfassende Rolle der Unternehmensmedien bestand also darin, die Verbindung nicht herzustellen?

Ganz sicher. Ich sprach natürlich über die liberalen Medien. Wenn man sich, sagen wir einmal, Fox News ansieht, sieht es ganz anders aus: hier findet einfach keine globale Erwärmung statt. Und dies spiegelt sich tatsächlich in der öffentlichen Meinung wider. Die Hälfte der Republikaner leugnet die globale Erwärmung. Eine kleine Minderheit der anderen Hälfte nimmt an, dass die Menschen daran mitschuldig sein könnten.

Nehmen wir nur einmal die Anhörungen vor ein paar Tagen — der neue Leiter der Environmental Protection Agency, der US-Umweltschutzbehörde, soll jemand mit einer Vorgeschichte in der Kohleindustrie werden. Auf die Frage, für wie dringend er die globale Erwärmung halte, antwortete er: „Sie steht in der Rangfolge der Dringlichkeit wahrscheinlich an achter oder neunter Stelle, also weit hinten.“ In der Konsequenz wird also gar nichts getan.

Was die Medien selbst anbelangt — können hier die Arten der Filter, die Sie in Ihrem Propagandamodell erkannt haben, die Defizite erklären oder spielen da noch andere Faktoren eine Rolle?

Ja, aber dies ist nahezu transparent. Sie sind mit dem Geschäftsmodell der Unternehmen vermählt, das da lautet: Du musst morgen Profit machen — die Gesellschaft muss wachsen. Es kümmert sie nicht, welche Art von Wachstum — sie muss einfach wachsen. Und das ist wie internalisiert.

Ja, natürlich haben die Inserenten eine Wirkung, und auch die Tatsache, dass die Medien Unternehmen sind, hat Auswirkung. Aber viel tiefer liegt ein Punkt, auf den George Orwell hingewiesen hat, der meiner Meinung nach unterschätzt wird und mit dem wir uns auch tatsächlich in unserem Buch „Manufacturing Consent“ nicht auseinandergesetzt haben.

Ich weiß nicht, ob Sie je die Einleitung von „Animal Farm“ gelesen haben — wahrscheinlich nicht, weil sie unterbunden wurde. Aber sie kam ans Licht, als sie etwa dreißig Jahre später in seinen Aufzeichnungen entdeckt wurde, und es ist eine interessante Einleitung. Das Buch wendet sich an die Menschen in England und er sagt, dass sein Buch natürlich eine Satire auf den totalitären Feind sei, dass wir deswegen aber nicht in Selbstgerechtigkeit schwelgen sollten, weil — und ich zitiere — im freien England Ideen auch ohne die Anwendung von Gewalt unterdrückt werden können.

Orwell nennt ein paar Beispiele und gibt etwa zwei Sätze Erklärung dazu. Zum einen ist die Presse im Besitz reicher Männer, die großes Interesse daran haben, dass gewisse Anschauungen nicht veröffentlicht werden. Zum anderen spielt die jeweilige Ausbildung eine wichtige Rolle. Man geht auf die besten Schulen, wird Absolvent von Oxford und Cambridge und hat eingetrichtert bekommen, dass man gewisse Dinge einfach nicht ausspricht — und so haben sie im Denken keinen Platz mehr. Es wird einfach zu dem, was Gramsci den „hegemonialen gesunden Menschenverstand“ nennt — man redet einfach nicht darüber. Und das ist ein wichtiges Element — wie man diese Dinge einfach verinnerlicht. Menschen, die sich darüber äußern, klingen wie Verrückte.

Was wäre die Alternative für den Journalismus? Wie sollte er anders vorgehen, wenn er sich mit dem Klimawandel befasst?

Jedes einzelne Journal sollte täglich eine schrille Schlagzeile bringen, die besagt, dass wir auf eine totale Katastrophe zusteuern. In ein paar Generationen wird eine organisierte menschliche Gesellschaft möglicherweise nicht mehr überlebensfähig sein. Dies sollte ununterbrochen in die Köpfe der Menschen gehämmert werden. Schließlich gab es so etwas noch nie in der Geschichte der Menschheit.

Die gegenwärtige Generation muss eine Entscheidung treffen, ob die organisierte menschliche Gesellschaft noch ein paar Generationen überleben soll — und sie muss dies schnell tun, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben. Wir können also nicht mehr herumbummeln und um den heißen Brei herumreden.

Und der Rückzug aus dem Pariser Abkommen sollte als eines der größten Verbrechen der Geschichte angesehen werden.

Aber besteht nicht die Gefahr, die Menschen jeder Macht zu berauben, wenn man ihnen nur schlechte Nachrichten übermittelt?

Die besteht durchaus. Schlechte Nachrichten sollten mit einer Erörterung der Dinge einhergehen, die unternommen werden und unternommen werden können. Ein sehr guter Ökonom zum Beispiel, Dean Baker, hatte in einer Kolumne vor ein paar Wochen erörtert, was China gerade macht. Sie sind noch immer große Umweltverschmutzer, setzen aber auch auf riesige Programme zur Umstellung auf erneuerbare Energien — mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Staaten tun es, oder sie tun es eben nicht.

Nehmen Sie zum Beispiel Arizona, Sie fahren herum, die Sonne scheint die ganze Zeit, fast das ganze Jahr über, und nun schauen Sie sich um — wie viele Solarpaneele sehen Sie? Unser Haus in den Außenbezirken ist das einzige weit und breit, das welche besitzt. Die Leute beschweren sich darüber, dass sie im Sommer wegen der Klimaanlagen Stromrechnungen in Höhe von 1.000 Dollar monatlich zahlen müssen — aber sie installieren keine Solarpaneele. Die Elektrizitätswerke in Tucson machen es einem aber auch schwer — unserer Solaranlage beispielsweise fehlen ein paar Paneele, weil es verboten ist, zu viel Strom zu erzeugen.

Das ist bedauerlich. Wo sehen Sie jene Art von Journalismus, der die Dringlichkeit der Sache mit der Vorstellung verbindet, was getan werden kann? Wo sehen Sie das in unserem Mediensystem?

Naja, Sie finden das in kleinen Zeitungen. Es geht darum, die globale Erwärmung besonders hervorzuheben. Sie haben schon recht, wenn Sie sagen, man könne die Leute nicht ununterbrochen mit schlechten Nachrichten überfluten — dann würden sie sich abwenden. Wenn man jedoch schlechte Nachrichten mit positiven Schritten kombiniert, die unternommen werden können, sowie mit der Dringlichkeit, mit der sie unternommen werden müssen, könnte man, so meine ich, eine Wirkung erzielen.

Sind es vor allem die alternativen, unabhängigen Medien, die in ihrer Berichterstattung die Krise auch als Krise thematisieren?

Das geschieht in den alternativen Medien, ja, aber damit wird die allgemeine Öffentlichkeit nicht ausreichend erreicht. Und das gilt nicht nur für diese Krise, sondern auch für andere. Eine vergleichbare Krise ist etwa die Bedrohung durch einen Atomkrieg. Am 24. Januar sollte man einen Blick auf das Bulletin of the Atomic Scientists werfen — an diesem Tag stellen sie die Weltuntergangs-Uhr neu ein. Das ist die Atomkriegsuhr, die symbolisch verdeutlichen soll, wie groß das Risiko einer globalen Katastrophe zu einem bestimmten Zeitpunkt ist. Es ist bereits zwei Minuten vor Mitternacht. Ich weiß nicht, was sie das nächste Mal tun werden, vielleicht auf „nach Mitternacht“ stellen. Es sind ja zwei Dinge: der Atomkrieg und die globale Erwärmung. Und beide werden zunehmend unheilvoller. Es gibt aber noch mehr. Denken Sie beispielsweise an die Gefahr einer Pandemie.

Die industrielle Fleischproduktion ist vor allem unmenschlich, aber sie trägt darüber hinaus in großem Maße zur globalen Erwärmung bei. Zudem zerstört sie die Wirksamkeit von Antibiotika. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika erzeugt mutierte Bakterien, die jeglichem Antibiotikum gegenüber resistent sind und bereits in Krankenhäusern auftreten. Sie könnten eine Riesenpandemie verursachen wie die Grippe-Pandemie vor einem Jahrhundert, der zig Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Die Menschen sprechen auch über eine Migrationskrise — was geschieht, wenn Bangladesch überflutet wird und Hunderte von Millionen fliehen müssen? In Südasien geht das Wasser zur Neige — schon jetzt haben Hunderte von Millionen Menschen kaum Wasser. Mit dem Abschmelzen der Gletscher könnten sie ihre Wasserversorgung endgültig verlieren.

Was passiert dann mit der Welt? Sie geht kolossalen Problemen entgegen, und diese liegen nicht in weiter Ferne.

Gibt es bestimmte Medienkanäle, die Sie selbst als hilfreich empfinden — im alternativen oder unabhängigen Sektor oder anderswo —, wo Sie sich informieren?

Ich lese die wichtigsten Medien, aber eigentlich ist man nur mit den Wissenschaftsjournalen auf dem neuesten Stand. Das ist natürlich technisches Zeug, das man normalerweise nicht liest. Es gibt aber sehr gute Berichte in der Washington Post, der New York Times und natürlich viele in den alternativen Medien.

Glauben Sie, dass es in den USA oder anderen zumindest theoretisch demokratischen Gesellschaften möglich wäre, das Mediensystem so zu reformieren, dass diese Art des Überlebens-Journalismus besser gefördert würde?

Eine Möglichkeit wäre, wenn wirklich demokratische Gesellschaften entstünden. Nehmen wir die Wahlen — sehr überzeugende Arbeiten in den Mainstream-Politikwissenschaften zeigen, dass die Wahlen in den USA praktisch gekauft sind.

Der Ausgang der Wahlergebnisse für den Kongress oder die Exekutive lässt sich mit bemerkenswerter Genauigkeit vorhersagen — allein durch Betrachten der Variable „Wahlkampfausgaben“. Deswegen muss jemand, der ins Repräsentantenhaus gewählt wurde, bereits am Tag seines Amtsantritts damit beginnen, sich um Spenden für die nächste Wahl zu bemühen.

Währenddessen wird die Gesetzgebung von den Mitarbeitern geschrieben — mit Unterstützung der Lobbyisten der Unternehmen, die oft die Gesetze einfach selbst schreiben. Es ist zwar eine Art Demokratie, aber eine sehr eingeschränkte.

Sehen Sie, abgesehen von breiter angelegten sozialen und politischen Veränderungen, eine Möglichkeit der Medienreform? Es gibt ja, wie Sie wissen, eine Bewegung speziell für die Reform der Medien — mit Robert McChesney und anderen.

Es kann viel getan werden. Das System muss in vielerlei Hinsicht bedeutsam, ja radikal verändert werden. Die Medienreform gehört dazu. Bob McChesneys wichtige Arbeit hat da Vorbildcharakter.

Es gibt Dinge, die getan werden können. Die wachsende Monopolisierung der großen Medien ist, wie Sie wissen, eine schwerwiegende Angelegenheit, aber wenn Sie Ben Bagdikians Buch über das Medienmonopol um 1980 herum ansehen, existierten da noch etwa 50 Nachrichtenquellen — heute sind wir nur noch bei einem halben Dutzend.

Das Profit-Modell durch Werbevermarktung in den Medien hat den Journalismus untergraben. In den Anfängen der USA erkannte die Regierung die Wichtigkeit einer freien und unabhängigen Presse und subventionierte Dinge wie kostenlose Postzustellung als Mittel zur Schaffung einer unabhängigen Presse.

Erst kürzlich habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen — „The Framer´s Coup“ von Michael Klarman. Es ist heute eines der besten Bücher über die Entstehung der US-Verfassung — es berichtet im kleinsten Detail über die damaligen Diskussionen, die sehr beeindruckend sind.

Damals gab es Broschürenliteratur, Schriften der unabhängigen Presse. Menschen brachten sich ein und Farmer sowie Handwerker und alle anderen gaben ihren Senf dazu — ein Vorbild für Diskussionskultur.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts existierte eine sehr lebendige gewerkschaftliche und ethnische Presse, die sehr interessante Dinge tat. Sie brach mehr oder weniger unter der Konzentration des Kapitals sowie aufgrund des Werbeträger-Modells zusammen. Dasselbe geschah auch in England, wenngleich die Presse in England sogar noch länger durchhielt — bis in die 1960er Jahre hinein.

Setzen Sie viel Hoffnung auf Alternativen im Internet und die sozialen Medien?

Es besteht Hoffnung, aber die sozialen Medien waren und sind ein zweischneidiges Schwert. Sie erzeugen ganz deutlich eine Art Echokammer, eine Blase. Wir tun es alle — wir werden von den Dingen angezogen, an die wir glauben, und hören dann keine anderen Ansichten, unsere eigenen werden nur verstärkt. Das macht eine Interaktion aber fast unmöglich.

Manches davon ist ganz schön schockierend. Ich las vor kurzem ein paar Statistiken und es stellte sich laut neueren Umfragen heraus, dass sich der Anteil der US-Amerikaner, die die großen Medien als Hauptinformationsquelle nutzen, im einstelligen Bereich befindet, bei etwa 6 Prozent. Die meisten gehen zu den sozialen Medien, die die Nachrichten nicht produzieren, sondern filtern und auch keine Reporter draußen im Feld haben.

Und dann gibt es natürlich Neuerungen wie Talk Radio und Fox, die neu sind. Sie sind einfach nur bösartige Propagandasysteme, die nicht einmal vorgeben, etwas anderes zu sein.

Dies ist die dunkle Seite. Die gute Seite ist, dass es die sozialen Medien sind, mit deren Hilfe man sich heute organisiert. Auf diese Weise kann man andere Menschen erreichen, mit ihnen zusammenkommen, und sie sind ein sehr wirksames Instrument.

Praktisch jedes Sich-Organisieren funktioniert auf diese Weise. Selbst das Lehren — Lehrer kommunizieren oft mit ihren Schülern über die sozialen Medien. Das ist es, was alle machen. Wenn man über den Campus läuft, hängt jeder an einem Gerät. Eine Universität — ich glaube, es war die Duke University — ließ Sprüche wie „Schau hoch!“ auf den Bürgersteigen anbringen, weil alle beim Herumlaufen nach unten blicken.

Man kann nicht mit Bestimmtheit sagen, was die Folgen sind. Man sieht Teenager beispielsweise in einem McDonalds an einem runden Tisch sitzen und es finden zwei Gespräche statt: eines in der Gruppe, und eines, das jede Person mit wem auch immer am Telefon führt. Das zerstört einfach wichtige soziale Bindungen.

Es könnte vielleicht eine potenzielle Ressource sein — alternative Medien, die das Internet für den Austausch über das Klima nutzen.

Blogs, Truthout, Truthdig, Common Dreams, Democracy Now und viele andere bringen alle Arten von Informationen, die kein Fernsehsender vermittelt.

Diese Kanäle sind also potenziell außerordentlich nützlich. Aber auch das hat diesen negativen Aspekt — von den Mächtigen des Silicon Valley wegen der Werbevermarktung unter Druck gesetzt zu werden, weil man diese dauernd aufgezwungen bekommt. Man sucht bei Google etwas und wird überflutet von Dingen, die man kaufen sollte, das ist der Einfluss der großen Werbetreibenden.

Wie müssen die Bedingungen aussehen, um eine wirkungsvolle Reaktion auf die Klimakrise zu ermöglichen?

Ich denke, es bedarf einfach einer kraftvollen Massenbewegung, die die Medien durch konstanten Druck dazu zwingt, sich mit der Krise, die wir erleben, auseinanderzusetzen — oder die einfach Alternativen schafft, die den Informationsmarkt beherrschen. Und wir haben keine Zeit zu verlieren. Dinge wie die Subvention von unabhängigen Medien also — dies ist keine utopische Idee, es geschah bereits in den Anfängen der USA. Oder die Art von Graswurzelbewegung, deren Entwicklung zum Beispiel Bob McChesney und andere vorantreiben.

Und dies alles ist dringend notwendig. In den letzten Jahren begann ich meine Kurse damit, den Studenten klarzumachen, dass sie eine Wahl treffen müssen, die noch niemand in der Geschichte der Menschheit treffen musste. Sie müssen entscheiden, ob die organisierte menschliche Gesellschaft überleben soll. Selbst als die Nazis wüteten, war niemand mit dieser Entscheidung konfrontiert. Jetzt schon.

Gibt es, abgesehen von den Medien, noch andere allgemeine Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um die Klimakrise zu bewältigen?

Es gibt einige Gruppen, die einen groß angelegten Aktivismus organisieren, so zum Beispiel Earth Strike, welche eine Reihe von Aktionen planen.

Die erste hat bereits stattgefunden — große Demonstrationen in vielen Städten in dem Bestreben, daraus einen Massen-Generalstreik entstehen zu lassen. Die Extinction Rebellion aus England ist in derselben Absicht hierhergekommen.

Diese dramatischen Aktionen sind jedoch, wie Demonstrationen generell, wirkungslos, wenn sie Einzelereignisse bleiben. Sie müssen der Stimulus für das konstante Sich-selbst-Organisieren und für einen Lernprozess sein, der sich im täglichen Leben widerspiegeln muss.

Ich komme wieder auf das zurück, worüber wir vorhin gesprochen hatten — Tucson und die Solarpaneele. Die Menschen müssen endlich verstehen, dass sie so etwas tun müssen, und zwar schnell — und dass es ihnen nicht schadet, sondern ihr Leben verbessert.

Zum Beispiel spart man damit sogar Geld. Allein die psychologische Hürde jedoch ist eine Blockade, die besagt, „ich kann da nicht hinsehen, ich muss bei den üblichen Vorstellungen bleiben, und dies ist irgendwie etwas so Radikales, dass wir davor Angst haben müssen“.

Sie muss durch ständige pädagogische und organisatorische Tätigkeiten überwunden werden — so, wie sich auch jede andere Bürgerbewegung entwickelt hat, die Bürgerrechtsbewegung, die Antikriegsbewegung, die feministische Bewegung: dauerhaft, oft in kleinen Gruppen, aus denen dann für den Aktivismus größere Gruppen wurden. Gelegentlich veranstalten sie dramatische Aktionen wie eine Demonstration — dies jedoch nur, um eine kontinuierliche Aktivität anzuregen.

Und wir dürfen nicht mehr warten.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.



Robert Fleischer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers: Die Sache mit dem Klimawandel


Redaktionelle Anmerkung: Dieses Interview erschien unter dem Titel „‚In a couple of generations, organized human society may not survive‘“ zuerst bei „Canada‘s National Observer“ . Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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