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Knistern im Klassenzimmer

Knistern im Klassenzimmer

Nur wer Leidenschaft spürt, kann Leidenschaft vermitteln — das gilt in der Schule wie im Leben.

Wer in Biografien blättert und bei Schriftstellern schmökert, wer von seiner Schulzeit schwärmt, spürt sie immer wieder: die pädagogische Leidenschaft von Lehrerinnen und Lehrern. Diese Energie kann Kinder beflügeln und das Schulzimmer zum Schwingen bringen. Für viele war sie die entscheidende Gelingensbedingung ihres Lernens. Eine Berufsfrau erinnert sich an ihre Primarlehrerin Dora L. und erzählt: „Wenn sie von Formen und Zahlen sprach, glühten ihr die Wangen und funkelten ihr die Augen, wie wenn Kinder von Schokolade-Glace reden“ (1). Noch Jahre später sieht sie ihre Augen, fühlt die Atmosphäre und spürt die Freude am Lernen. In diesem Klassenzimmer floss Energie. Und wie! Energie erzeugt Resonanz, und Resonanz macht das Lernen regelrecht hörbar: Es knistert.

„In dir muss brennen, was du in andern entzünden willst!“

Wer an solche Momente denkt, weiß sofort: Was zwischen Menschen läuft, passiert nicht zuerst von Hirn zu Hirn, sondern von Auge zu Auge, von Ohr zu Ohr, von Sinn zu Sinn. Also körperlich und seelisch. Ich muss emotional berührt sein. Dann springt der berühmte Energiefunken auf mich über; ich lasse mich vom Unterrichtsstoff entzünden.

Wem dies zu esoterisch klingt, frage bei Dichtern nach. Auch bei ihnen taucht es immer wieder auf, dieses Zauberwort: begeistern, entflammen. „Er war ein wunderbarer Lehrer; er brannte für die Musik und steckte mit seinem Feuer uns Knaben an“, sagt der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann von seinem Musikpädagogen Pater Daniel in der Klosterschule Einsiedeln (2).

Pädagogische Leidenschaft als Triebfeder

Das Geheimnis dieses Erfolgs lässt sich wahrscheinlich auch neurologisch erklären — mit den Spiegelneuronen. Der Hirnforscher und Mediziner Joachim Bauer schreibt, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch „Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch“ (3). Unterricht als Vorgang von Angesicht zu Angesicht, als interaktiver Prozess zwischen Subjekten; die Lehrerin als Brückenbauerin ins Neue und lebensfrohe Anstifterin zum Lernen, der Lehrer als Expeditionsleiter, als zuversichtlicher Chauffeur ins Leben. Ohne energetisches Feu sacré geht das nicht.

Ich muss die Musik sein

Die Primarlehrerin Dora L. und Hürlimanns Musiklehrer würden ihren lernwirksamen und schülergerechten Unterricht ganz ohne spiegelneuronalen Überbau erklären, sonst aber ziemlich das Gleiche sagen wie der Neuro-Wissenschaftler Joachim Bauer: Entscheidend für ihr Wirken seien Energie und Empathie, Leidenschaft und Liebe gewesen sowie fachlicher Anspruch und charmante Autorität, eben: spürbare Passion für den Beruf und wertschätzender Respekt den Schülerinnen und Schülern gegenüber sowie der unbedingte Wille, sie zu fördern.

Ihrem Unterricht gaben beide eine heitere Note. Beseelt seien sie gewesen und darum bildend, mit Hingabe an die Aufgabe. Dieser Leidenschaft für die Welt entsprang ihr vitales Engagement für den pädagogischen Auftrag. Das ist die alte Idee der Pädagogik. Oder, um es mit dem Dirigenten David Zinman zu sagen: „Ich selber muss die Musik sein, die ich von meinem Orchester hören will.“

Lehren und Lernen brauchen Energie

Nicht jede Unterrichtssequenz hat konzertanten Charakter. Und nicht jede Lektion kann eine Sternstunde sein. Sie sind, wie das Aufleuchten von Sternschnuppen, nicht Alltag und nicht von langer Dauer. Das weiß jede gute Lehrerin, das ist jedem engagierten Lehrer bewusst. Lernen ist anspruchsvoll und Üben anstrengend. Sie brauchen Zucker und Sauerstoff und damit Energie, was das Gehirn zu vermeiden versucht. Das kennen alle.

Der schulische Alltag ist hoch energieaufwendig. Nicht nur für die Kinder. Spannkraft und Vitalität braucht auch die Lehrperson. In der Regel hat sie es — im Unterschied zum Arzt oder Psychotherapeuten — nicht mit einem individuellen Gegenüber zu tun, sondern mit einem Kollektiv. Schulklassen sind ein äußerst komplexes Gebilde und in ihrer Dynamik nur schwer vorhersehbar. Zu vieles entzieht sich der direkten Steuerung, zu vielschichtig ist das soziale Gefüge des Unterrichts, zu sehr unterscheidet sich das pädagogische Geschehen von einem industriellen Output-Verfahren oder technischen Vorgang, als dass es ethischen Ansprüchen und Entscheiden ausweichen könnte.

Dem Ich ein Gegenüber sein

Lehrerinnen und Lehrer müssen darum im persönlichen Kontakt führen. Wie eine Chorleiterin, wie ein Dirigent. „Pädagoge“ entspringt dem griechischen paid-agogein, „Kinder führen“. Führen, nicht nur betreuen und begleiten. Erziehung und Unterricht lassen sich nicht auf Empathie allein reduzieren. Dazu gehören — als zweites Standbein — Gegenhalten, Intervenieren, Konfrontieren. Lernen erfolgt auch am Widerstand.

Gute Lehrerinnen, pflichtbewusste Lehrer wissen: Dissenserfahrungen sind existenziell. Junge Menschen wollen nicht einfach bestätigt werden in dem, was sie schon sind und haben. Sie wollen herausgefordert werden und auf Widerspruch stoßen. Aber auf eine Art von Widersprechen, das sie ergreift, bewegt und ernst nimmt. Mit humaner Energie das Andere aufzeigen und so Resonanzen auslösen.

Widerstand aushalten kostet Energie

Am Widerstand wachsen wir, nicht an Watte und Wolle. Das ist für Lehrpersonen anspruchsvoll, kostet Energie und erzeugt Gegendruck. Auch von Seiten der Eltern. Ihre Ansprüche steigen. Nicht wenige sehen Schule gerne als niedere Serviceleistung des Staats, berappt aus ihren Steuergeldern. Gemäß dieser Kioskmentalität haben Lehrer den Nachwuchs fit zu trimmen für den globalen Wettbewerb. Das Gymnasium muss es sein. Notfalls hilft der Anwalt.

Das zehrt und verbraucht Energie. Empathie und Widerstand gleichzeitig; verstehen und nicht mit allem einverstanden sein. Achtsam sein und gleichzeitig Disziplin verlangen, das Kollektiv im Auge behalten und jeden Einzelnen im Blick haben. Die Lehrerin arbeitet im widersprüchlichen Feld von Freiheit und Ordnung; das Wirken des Lehrers bewegt sich zwischen Sozialisation und Individuation, zwischen kultureller Integration und Vermitteln von Lerninhalten sowie Einüben von Können — und natürlich zwischen den Momenten des Gelingens und des Scheiterns.

Spannkraft und Energie fürs Mögliche finden

Diese Dilemmata lassen sich nicht auflösen. Lehrpersonen müssen sie aushalten, reflexiv handhaben und daraus die pädagogische Spannkraft und Energie fürs Mögliche und Alltägliche gewinnen. Das ist nicht immer leicht, der Idealfall nie Realität, aber er bleibt als Aufgabe. Darum wohl hätten Lehrerinnen und Lehrer den „schönsten, schwierigsten und schwersten Beruf der Welt“, schreibt Thomas Hürlimann in seinem heiter-klugen Essay „Die pädagogische Provinz“ (4).

Dieser Beruf führt junge Menschen ins Leben. Er muss darum Leben ermöglichen. Denn ohne Leben ist Lernen nicht möglich. Leben aber lebt von Resonanzen. Leben braucht Beziehungen. Es ist die Qualität dieser Beziehungen, die dem pädagogischen Alltag die humane Energie und so das Lernwirksame vermittelt. Darum gilt wohl weiterhin die Kernbotschaft: Pädagogik vor Technik (5).


Quellen & Anmerkungen:

(1) Stephan Ellinger, Johannes Brunner: Alp-Traumlehrer. Von flüchtigen Fledermäusen und multikulturellen Frohnaturen. Studierende erinnern sich. Teilheim: Gemma-Verlag, 2015, S. 75. Der Name ist fiktiv.
(2) Thomas Hürlimann: Bringen wir den Ton zum Klingen!, in: NZZaS, 25.10.205, S. 71.
(3) Ludger Kowal-Summek, Neurowissenschaften und Musikpädagogik. Klärungsversuche und Praxisbezüge. Köln: Springer, 2016, p. 141.
(4) In: Thomas Hürlimann: Der Sprung in den Papierkorb. Geschichten, Gedanken und Notizen am Rand. Zürich: Ammann Verlag, 2008, p. 108f.
(5) Klaus Zierer: Lernen 4.0. Pädagogik vor Technik. Möglichkeiten und Grenzen einer Digitalisierung im Bildungsbereich. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2018, S. 114.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Wenn es im Klassenzimmer knistert”und wurde vom Rubikon Korrektorat(https://www.rubikon.news/kontakt) lektoriert.

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