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Kniefall vor der Macht

Kniefall vor der Macht

Ein Journalismus, der öffentliche Verlautbarungen nur noch unkritisch nachplappert, ist am Ende.

Zeitunglesen geht im Moment schnell. Zwei Minuten, wie in der DDR. Einmal blättern und man weiß, dass sich die Regierungsmeinung nicht geändert hat und die Medienlogik auch nicht. Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt. Ich habe letzte Woche geschrieben, wie sich Journalismus und Politik gegenseitig hochgeschaukelt haben am Imperativ der Aufmerksamkeit und dadurch eine Realität geschaffen wurde, die man jetzt nicht einmal mehr zu dritt auf der Straße erörtern kann.

Das ist der Tod von Öffentlichkeit, die online nicht wiederbelebt werden kann, weil dort Stürme drohen und so die Zwischenstufen fehlen, die Encounter (Begegnungen im Bus, in der Kneipe, auf dem Büroflur) und Leitmedien zusammenbringen. Keine Versammlungen, keine Demos. Nicht einmal mehr Graffiti. Encounter sowieso nicht. Und damit keine Öffentlichkeit.

Ich habe letzte Woche auch über die Expertokratie geschrieben, die Patrick Illinger heute in der Süddeutschen Zeitung verteidigt, und über das, was aus einer Herrschaft der Wissenschaft für die Medien folgt (vgl. Meyen 2020b). Zitat:

„Der Journalismus dankt ab und lässt die Experten gleich selbst sprechen.“

Ich habe dort auch versucht zu erklären, warum Daten und Zahlen nicht mit der Realität zu verwechseln sind (vgl. Mau 2017). Noch ein Zitat:

„Was immer wir messen, wird sozial hergestellt. Menschen legen fest, nach welchem Virus sie suchen und was passieren muss, damit sie ‚Gefunden!‘ rufen können. Hinter jeder Zahl steht ein Interesse, und sei es nur das eines Herstellers, der seine Geräte loswerden will. Daraus folgt immer: Es hätte auch anders sein können. Das klingt banal, ist es aber ganz offenkundig nicht. Sonst könnten wir gerade nicht beobachten, wie Zahlen alles umbauen, was wir bisher gekannt haben. Wir lernen: Zahlen sind nicht die Wirklichkeit. Sie erzeugen sie erst.“

Und damit endlich zu Patrick Illinger. „Wer jetzt vor einer Diktatur der Wissenschaft warnt“, heißt es in besagtem Leitartikel, „begeht einen Fehler. Es (sic!) macht die Wissenschaft zum Stakeholder, zur Interessengruppe, zu einer Strömung, der man sich widersetzen kann und vielleicht sollte. Doch das verwechselt den Boten mit der Botschaft“.

Nein. Punkt eins: Es gibt keine Botschaft ohne Boten. Punkt zwei: Die Wissenschaft, die sich nur für die Wahrheit interessiert und für sonst nichts, ist eine Schimäre.

Das „interessenlose Interesse“ oder das „Interesse an der Interessenlosigkeit“, die Idee, dass wir es hier mit Menschen zu tun haben, die „uneigennützig“ und womöglich sogar „unentgeltlich“ arbeiten: Das ist die „illusio“ des akademischen Feldes (Bourdieu 1998: 27).

Und Punkt drei: Dieses akademische Feld ist längst gekapert von den Imperativen der Wirtschaft (Geld!) und der Medien (Aufmerksamkeit!). Eigentlich sollte es deshalb selbstverständlich sein, stets die Strukturen zu hinterfragen, in denen Wissen (Illinger: „möglichst fundierte Fakten“) produziert wird. Eigentlich.

Der Reihe nach und etwas ausführlicher. Wissenschaft wird von Menschen gemacht. Menschen entscheiden, welche Fragen sie beantworten wollen (und damit auch, welche nicht beantwortet werden). Menschen entscheiden, welcher Weg zur Erkenntnis akzeptiert wird und welcher nicht und damit auch, auf welche „Fakten“ wir alle zugreifen können, wenn die Not groß ist. Die Wissenschaft ist dabei eine soziale Welt wie jedes andere Feld. Das heißt: Woran dort gearbeitet wird, hängt von der „Struktur der objektiven Beziehungen zwischen den Akteuren“ ab und vor allem davon, was am Machtpol gerade goutiert wird (Bourdieu 1998: 20). Welche Themen versprechen Verträge, die über das Jahresende hinausgehen, mit welchen Methoden muss ich forschen, um am Ende eine Professur zu bekommen oder gar den Chefposten in einem großen Institut?

Das ist die erste Agenda, noch ganz ohne den Einfluss von Drittmitteln und ohne die Gier nach Prominenz oder wenigstens nach öffentlicher (medialer) Legitimation: Wissenschaftler sind Menschen und wollen (wie alle anderen auch) ihre Position verbessern. Sie wollen, dass ihre Fragen wichtiger werden und die Mittel, mit denen sie nach einer Antwort suchen. Das gilt innerhalb einzelner Disziplinen (etwa: in der Medizin) genauso wie im akademischen Feld insgesamt. Virologie gegen Soziologie gegen Geschichte. Kurz vor Corona hatte die bayerische Regierung Unsummen für die Big-Data-Forschung angekündigt. Ein Füllhorn für die Universitäten, um der „künstlichen Intelligenz“ auf die Spur zu kommen. Mal schauen, was davon jetzt übrigbleibt.

Das führt direkt zur zweiten Agenda, die gar nicht mehr verborgen werden muss, weil die Position im akademischen Feld inzwischen auch vom Medienecho abhängt und noch stärker davon, wie viel Geld von außen eingeworben wird. Wurden Wissenschaftler noch vor zwei oder drei Dekaden als Feuilletonforscher belächelt, wenn sie allzu oft auf der Mattscheibe zu sehen waren oder in der Presse, ist öffentliche Präsenz inzwischen ein Muss für alle großen Fördereinrichtungen und damit auch für die Reputation im Feld. Man darf Christian Drosten (nur als Beispiel) nicht verübeln, dass er einen Elfmeter schießt, wenn „koan Neuer“ zu sehen ist. Man muss nur wissen, dass ihm dieses Tor hilft, das Spiel im akademischen Feld zu gewinnen.

Das sagt noch nichts gegen den Inhalt (Virologie und Epidemiologie werden auf anderen Blogs verhandelt), wohl aber etwas gegen jeden blinden Glauben an alles, was uns Menschen in weißen Kitteln erzählen. Patrick Illinger hat Physik studiert und am Cern in der Schweiz promoviert — am Machtpol des wissenschaftlichen Feldes, wo der Wunsch besonders ausgeprägt ist, die Welt „da draußen“ möge an das „interessenlose Interesse“ der Forscher glauben. Die „klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes“ von Pierre Bourdieu (1998), die ich gerade skizziert habe, stößt dort auf Ablehnung und Widerstand, weil sich die „illusio“ in den Habitus eingebrannt hat. Patrick Illinger ist aber kein Wissenschaftler mehr, sondern ein Journalist. PR ist in diesem Feld eigentlich tabu.


Quellen und Anmerkungen:

  • Pierre Bourdieu: Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes. Konstanz: UVK 1998.
  • Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp 2017.
  • Michael Meyen: Die Medien-Epidemie. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2020a.
  • Michael Meyen: Daten + Experten = Demokratie? In: Bayerischer Forschungsverbund „Die Zukunft der Demokratie“ (Hrsg.): ForDemocracy 2020b.
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