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Kinder des Krieges

Kinder des Krieges

Faina Savenkova, ein 11-jähriges Mädchen aus der Ostukraine, hat die Hälfte ihres jungen Lebens im Krieg verbracht. Rubikon veröffentlicht ihre Essays nun erstmals auf Deutsch. Teil 1/2.

Jeder Krieg hat viele Töne und Gesichter. Jeder Krieg bedeutet Luftangriffe, Artillerie- und Panzerdonner, Schusskanonade. Der Krieg schleicht heran und bricht über einen mit aller Wucht herein, in dem Augenblick, wenn man es am wenigsten erwartet. Man versteckt sich und zählt Explosionen. Eine. Zwei. Drei … Vorbei! Herrgott! Danke dafür!

Danach verstummen die Geschütze. Und in dieser Stille wird das Weinen eines Kindes hörbar. Leise Schluchzer, die jammerndem Miauen ähneln. Und dann beginnt ein alles übertönender Beschuss wieder … Genau deswegen sind die Kinder des Krieges still. Sie wissen, dass ihr Weinen ungehört bleibt.

Der Sommer 1941 war sehr heiß. Unter brennender Sonne verblichen die Felder und trockneten Flüsschen aus, die Nächte waren nach wie vor kalt und dunkel. Das Land lebte. Niemand erwartete, dass der Tod gerade an der Tür anklopft. Die Menschen wussten zwar, dass der Krieg alsbald beginnen kann, doch versuchten sie an etwas Besseres, an das Gute zu glauben. Wie bei uns im Jahre 2014.

Einer meiner Urgroßväter hieß Vasilij, im Jahr 1941 ist er 17 Jahre alt geworden. Er hat sich ein Jahr älter gemacht und seine Unterlagen eingereicht, um zum Studium zugelassen zu werden. Nur war es seinen Träumen nicht vergönnt, in Erfüllung zu gehen. Der Krieg brach herein. An Studieren war nicht mehr zu denken.

Der Krieg kann vieles. Er kann unzählige Menschenleben in seinen Mahlwerken zermalmen, kann Zerstörung und Hunger mit sich bringen. Der Krieg kann das Schicksal einer ganzen Generation verändern und so Brandmale und Narben in ihrem Gedächtnis hinterlassen. Aber wenn man dem Krieg Widerstand leistet, zieht sich dieser langsam zurück. Wir behalten unsere Helden in Erinnerung und vergessen niemals, wie schwer es war, den Sieg zu erringen.

War es viel oder wenig — all die Jahre, die dem friedlichen Leben abgerungen wurden? Für das ganze Volk wurde der 22. Juni zum Datum, das das Leben in ein Davor und ein Danach geteilt hatte.

All diese langen, qualvollen Jahre kämpften meine Großväter, wie andere Leute, um den Sieg und das Leben. Der Krieg prüfte sie auf Standfestigkeit, stählte ihren Charakter und machte aus ihnen Persönlichkeiten. Und ich bin stolz darauf, dass niemand von ihnen zum Verräter, zum kollaborierenden Hilfspolizisten wurde.

Mein Urgroßvater Vasilij war Artillerist. Er befreite sich, wie so viele Soldaten in der damaligen Zeit, aus der Einkesselung. Er hätte einfach aufgeben können, kämpfte sich aber zu den eigenen Einheiten durch. Nach einer Hirnkontusion floh er aus dem Lazarett und kehrte zu seinen Kameraden an die Front zurück, weil er ganz genau wusste, er verteidigt sein Vaterland, sein Heim und seine Familie. Anders hätte er es nicht machen können. Das ganze Land hätte es nicht anders machen können. Während dieser Zeit hat seine Mutter drei Todesbenachrichtigungen erhalten. Alleine die Vorstellung ist furchterregend, welche Gefühle sie jedes Mal zerrissen. Nichtsdestotrotz befreite Vasilij später Prag und diente in der Armee bis 1949.

Mein anderer Urgroßvater und meine zwei Urgroßmütter waren zu klein und blieben deswegen im Hinterland. Es ist im Übrigen nicht klar, wo es schwieriger war: an der Front oder zuhause, wo sie den Erwachsenen gleichgestellt waren und sich bis zu blutigen Händen abrackerten. „Alles für die Front! Alles für den Sieg!“ Für sie waren es keine leeren Worte, daher haderte niemand mit dem Schicksal. Jeder von ihnen tat, was er konnte. Glaubten sie doch, im Recht zu sein, an die Notwendigkeit des Sieges über den Faschismus um des künftigen Friedens willen.

Irgendjemand hat den Sieg an der Front nähergebracht, manch einer tat es im Hinterland. Eins ist unverändert geblieben: Die Kinder des Krieges werden viel zu schnell und viel zu früh erwachsen. Die Heldentat unserer „Jungen Garde“ oder die zu Regimentssöhnen gewordenen Jungs sind beste Beispiele dafür. Unabhängig von ihrem Alter hörten sie auf, Kinder zu sein, träumten dennoch weiter kindisch von Bonbons und sorgenfreien Tagen. Und so wurden sie zu unsichtbaren Stützen dieses Sieges.

Heute bin ich 11 Jahre alt. Ich wohne in Lugansk, und es ist mir bekannt, was ein Artilleriebeschuss oder ein Luftangriff bedeuten. Die Hälfte meines Lebens verbrachte ich im Krieg. Ich weiß nicht, was Kinder wie ich fühlten in diesem schweren und fürchterlichen Jahr 1941, aber mir scheint es, dass dies Ähnlichkeiten zu dem hat, was die Kinder von Lugansk und Donezk jetzt durchleben.

Manchmal überkommt mich das Bedürfnis, meinen Altersgenossen aus dem Jahre 1941 einen Brief zu schreiben, ihnen viele Worte der Unterstützung zukommen zu lassen. Aber dann erinnere ich mich an ihren Lebensweg und verstehe, dass wir sie um ihre Standhaftigkeit und Selbstlosigkeit nur beneiden können. Das Leben der Kriegskinder schreibt keine Geschichten der Verzweiflung, sondern Erzählungen von Hoffnung, auch wenn sie von Tragödien durchzogen sind. Ob damals oder heutzutage — wir wissen nicht, was uns morgen erwartet; wir wissen nicht mal, ob jenes „morgen“ für uns anbricht, schreiten dennoch unbeirrt voran. Wir sind nicht gebrochen und werden mit jedem Tag stärker, weil uns Geisteskraft im Blut liegt.

Wenn ich zu den Gräbern meiner Urgroßväter komme und an sie denke, wird mir bewusst, dass ich ihren Weg weitergehen werde, denn wir gingen und gehen weiterhin in dieselbe Richtung. Ich weiß es genauso, wie sie es wussten: Früher oder später wird der Krieg zu Ende kommen, und wir werden eine neue Zukunft erschaffen.

Eine Zukunft mit Erinnerungen an den Krieg, aber mit Glauben an den Frieden. Eine Zukunft, in deren Stille das Gebet der Kinder für den Frieden erhört wird und das Kinderlachen erklingt. Denn ein Kinderlachen ist ein Vorbote für den Rückzug des Krieges.


Kurzfotostrecke „Kinder des Krieges “:

Kinderlachen als Sieg

Sowjetisches Kind zu Zeiten des Deutsch-Sowjetischen Krieges.

Kinderlachen als Sieg

Ein Standbild aus dem sowjetischen Film „One Day of War“, gefilmt von 160 Kameramännern am 13.06.1942.

Kinderlachen als Sieg

Kinder während des Deutsch-Sowjetischen Krieges.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text wurde von Vsevolod Smolianov ehrenamtlich übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert. Die Rubikon-Jugendredaktion dankt Herrn Smolianov für die Vermittlung und sein Engagement! Er kann hier kontaktiert werden.

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