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Kind des kalten Krieges

Kind des kalten Krieges

Ich bin ein Kind des kalten Krieges, aufgewachsen in der Nähe von Mutlangen, wo 1983 Nuklearraketen stationiert wurden.

Kind des kalten Krieges

von Moriz Wahl

Ich erinnere mich noch sehr genau an jenen sonnigen Nachmittag des 26. April des Jahres 1986. Ich war zwölf Jahre alt und spielte mit meiner kleinen Schwester im Garten, als meine Mutter das Küchenfenster im zweiten Stock öffnete und meinen Namen rief. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber der Klang ihrer Stimme, dieser Ausdruck tiefster Sorge, ließ keinen Zweifel daran, dass wir auf der Stelle hochzukommen hatten. Etwas Schlimmes war passiert: Tschernobyl.

Ich will ehrlich sein. Das Datum, ja sogar das Jahr, musste ich googeln. Was ich aber niemals vergessen werde, ist der Terror, mit dem Bewusstsein aufwachsen zu müssen, dass, wenn irgend etwas schief laufen würde, von mir und von allem, was ich kenne und liebe, nicht einmal mehr Asche übrig bliebe. Was mir heute als Terror angedreht wird, wirkt im Vergleich zu diesem Schrecken geradezu harmlos.

Nun, die Geschichte nahm ihren Lauf. Es fiel die Mauer und der Terror des kalten Krieges war vorbei.

Januar 1991. Das Ultimatum an den Irak, aus Kuwait abzuziehen, lief ab. Es würde Krieg geben. Auf Bitten eines Mitschülers sahen wir uns, ich weiß nicht mehr in welchem Fach, einen Videomitschnitt der am Abend zuvor ausgestrahlten Sendung RTL-Explosiv an. Dort lief in der oberen, linken Ecke des Bildschirms eine Uhr rückwärts bis zur Stunde Null. So wie zu Silvester. Noch 12 Sekunden, dann knallen die Sektkorken. Ich empfand dies so geschmacklos, ja
sogar boshaft bis menschenverachtend, dass ich mir nie wieder eine Sendung auf RTL angesehen habe.

Frühjahr 1999. Krieg. Dieses Mal mit deutscher Beteiligung. Dieses Mal in Jugoslawien. Wie konnte es nur so weit kommen? Nur neun Jahre nach dem Ende der Angst vor der völligen Vernichtung trugen wir Tod und Zerstörung in ein anderes Land. Was lief falsch? Ich hatte diese Regierung mit der Hoffnung auf eine bessere, friedlichere und gerechtere Welt gewählt. Stattdessen: Krieg. Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen?

Ein weiterer dieser Tage, an denen etwas passiert und man noch Jahrzehnte später genau weiß, unter welchen Umständen man von diesen Ereignissen erfahren hat, ist der 30. September 2010. Ich war nicht im Stuttgarter Schloßgarten, als Polizisten friedliche Bürger niederknüppelten, um eine zu diesem Zeitpunkt nicht genehmigte Fällung von Bäumen zu ermöglichen. Was lief falsch? Wie konnte die Presse über Jahre hinweg völlig unkritisch ein Bauprojekt als großartig propagieren, ohne ernsthaft auf die berechtigten Bedenken der Bürger, ihrer Kundschaft, auch nur einzugehen? Stattdessen hatte sie sogar noch Häme für die Opfer der Polizeigewalt übrig: selbst schuld, hättest da ja gar nicht hingehen müssen. Was ist das für ein Demokratieverständnis?

2014 kehrte der kalte Krieg zurück. Alte Erinnerungen kamen wieder hoch. Das schlug dem Fass den Boden aus. Es beleidigt meine Intelligenz, mir zu erklären, dass die Nazis jetzt die Guten sind. Das ist nicht mehr ernst zu nehmen.

So muss ich heute leider feststellen, dass über die letzten 25 Jahre hinweg ein schleichender Prozess stattgefunden hat, der die mir von den Medien vermittelte Welt von meiner Lebenswirklichkeit vollständig entfernt hat. Ein offener, konstruktiver Diskurs zu den Themen, die mir wirklich wichtig sind, findet weder in den Medien noch in den politischen Parteien statt.

Wie kann man ernsthaft über Maßnahmen gegen das Artensterben, die Abholzung des Regenwaldes oder das Schmelzen der Pole diskutieren, ohne unsere Art zu wirtschaften grundlegend in Frage zu stellen?

Wie kann es sein, dass eine permanente, massive Schleifung unserer Grundrechte nicht dauerhaft thematisiert wird?

Ist es sinnvoll, die Welt in ein riesiges Kasino für größenwahnsinnige Zocker zu verwandeln, die nicht einmal etwas zu verlieren haben, weil die Allgemeinheit für die Verluste aufkommt?

Welche Unart des politischen Diskurses ist es, Menschen, die aus einem immer enger werdenden Meinungsspektrum ausbrechen, nur noch zu diffamieren, statt sich sachlich mit deren Argumenten auseinanderzusetzen?

Sollte es einen Sinn des Lebens geben, dann ist es wohl der, zu versuchen, der folgenden Generation eine bessere Welt zu hinterlassen. Dies kann ich beim bestem Willen nicht erkennen. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir so weitermachen, dann hinterlassen wir einen unbewohnbaren Planeten.

Stattdessen wird mir ein dämliches, alternativloses "Es geht uns doch gut!" verkauft. Mir vielleicht ja, aber was ist mit unseren Enkeln?


Lügen die Medien?


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.rubikon.news/artikel/gemeinsam-verandern-wir-die-welt
(2) https://www.rubikon.news/kolumnen/leser-aktion

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