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Kernkultur statt Leitkultur!

Kernkultur statt Leitkultur!

Die zweite Knacknuss – Teil 1.

Leitkultur – ein Pferd wird am Schwanz aufzäumt!

Unter Leitkultur wird alles Mögliche verstanden. Bassam Tibi (1) führte den Begriff 1996 in die Debatte ein: statt am Multikulturalismus soll sich die Politik an der Moderne orientieren - an westlich-liberalen Werten wie Aufklärung, Demokratie, Laizismus, Menschenrechten. Theo Sommer, Herausgeber der Zeit, erwartet später von Immigrierten, dass sie sich an die deutsche Leitkultur assimilieren (2). 2017 fordert Manfred Weber von der CSU im Europa Parlament, die deutsche Leitkultur sei durch eine europäische zu ersetzen: Diese „müssen wir verteidigen und, wenn möglich, global behaupten" (3).

Am NZZ-Podium in Berlin (4) werden Rechte gegen Werte ins Feld geführt: Alexander Dobrindt, Bundesminister der CSU, erachtet Werte als „Kitt der Gesellschaft“ und Deutschland als ein „Hort der Stabilität“, weil der Wertekonsens hier grösser sei als anderswo. Anton Hofreiter, vom Bündnis 90/Die Grünen, widerspricht dem bayrischen Landsmann: „Es zählen die Werte, die im Grundgesetz normiert sind. Wir brauchen keine Leitkultur darübergestülpt“.

Slavoj Žižek und der Feuilletonchef der NZZ (5) einigen sich darauf, dass in Europa die Freiheitsrechte gelten, doch der bekennende Kommunist hält fest an dem, was er als „das radikal-emanzipatorische Erbe des Egalitarismus“ bezeichnet. Gemeinsam ist all diesen Voten, dass sie aus dem globalen Hochoben kommen, wo man Rechtsstaatlichkeit und individuelle Freiheitsrechte für Universalien hält. Sarkastisch meint Rüdiger Safranski (6) zur Leitkultur: Es handle sich „nicht um einen ernstgemeinten Versuch, für die eigenen kulturellen Überzeugungen einzustehen und sie im gesellschaftlichen Miteinander für verbindlich zu erklären, sondern bloß um den Ausdruck von Ratlosigkeit.“

Persönlich zweifle ich nicht am Ernst der Disputanten. Die Ratlosigkeit hingegen ist für mich Ausdruck einer Orientierungslosigkeit, die vielschichtige Gründe hat. Nur drei seien erwähnt. Erstens ist Kultur in Europa ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen: Paul Klee, wer Hauswände besprüht, die Sängerin im Opernhaus genauso wie der Straßenmusikant – alle machen Kultur. Zweitens ist Kultur ein Erwerbszweig: Ernstzunehmender Kulturschaffender ist aber nur, wer sich mit Kunst den Lebensunterhalt verdient – sei das Paul Klee oder Weiwei.

Dem ersteren wurde der Künstlerstatus von den Nationalsozialisten abgesprochen, während der Status des letzteren u.a. honoriert wird, weil er sich als China-Opponent gebärdet. Das zeigt, dass sogar Kultur im Sinne von „reiner“ Kunst in die gesellschaftliche Machtstruktur eingebettet ist. Orientierungslos sind wir drittens, weil wir die Schatten der europäischen Kultur ausblenden – jene draußen in der Welt wie jene in der eigenen Person. Sicher, Europa ist weltweit attraktiv. Hauptattraktion sind aber nicht unsere Werte: Es ist unser Lebensstandard, der lockt! Denn hierzulande leben alle - vom Banker und Unternehmer über den Arbeiter und die Sozialarbeiterin bis hin zum Invaliden und Flüchtling – von der globalisierten Kapitalakkumulation.

Die globale Machtstruktur garantiert den Menschen in Europa derzeit einen grenzenlosen Zugriff auf die weltweiten Ressourcen, der aber in keiner Weise nachhaltig ist - weder sozial noch ökologisch.

Die propagierte Leitkultur zäumt also das Pferd gleich zwiefach am Schwanz auf. Die Idee ist doppelt strukturblind: Erstens blind für den Zusammenhang zwischen Kultur, gesellschaftlichen Machtstrukturen und Ressourcenverbrauch, zweitens blind für die psychischen Strukturen der Individuen und die entsprechenden Prozesse. Mit der Idee der „Leitkultur“ können wir weder fremde Kulturen richtig verstehen noch uns mit deren VertreterInnen adäquat verständigen.

Mit „Kernkultur“ ist das anders:

Das Konzept erlaubt, alles verstehen, nötigt aber nicht, alles zu akzeptieren; und es befähigt zu verändern – die fremden Vorstellungen und die eigenen.

Beides wird von Resultaten der Hirnforschung gestützt. Gerhard Roth (7) z. B. betont, dass Veränderungen, die über sprachliche Kommunikation erfolgen, zweierlei voraussetzen: Erstens muss sich das Gegenüber „aufgrund interner Prozesse der Bedeutungserzeugung (...) mit uns bereits in einem konsensuellen Zustand befinden.“ Denn: „Wissen kann nicht übertragen, sondern nur wechselseitig konstruiert werden.“ Zweitens: „Wir können unsere emotionalen Verhaltensstrukturen nicht über Einsicht oder Willensentschluss ändern. (...) Dies kann nur geschehen über emotional „bewegende“ Interaktion.“

Kernkultur – ganzheitlich und symmetrisch, aber eine multidisziplinäre Bastelei

Als ich die Universität in Richtung der globalen Ränder verlassen hatte, wurde mir klar: Sogar die Ethnologie stellt mir kein Kulturkonzept bereit, mit dem ich mich rasch und effektiv verständigen kann – weder mit den muslimischen Rhoingyas aus dem damaligen Burma noch mit den wilden Paschtunen aus Afghanistan. Dennoch entbot mir die Ethnologie eine Mitgift: Die Überzeugung, dass Kulturen zwar weltweit verschieden, doch „irgendwie“ gleichwertig sind.

Über mehr waren sich auch EthnologInnen nicht einig: Manche definierten Kultur als die kollektiven Glaubens-, Lebens- und Wissensformen, die Menschen im Verlauf der Sozialisation lernen und die sich von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. Andere verstanden unter Kultur nicht nur das Symbolsystem, sondern schlossen auch materiale Ausdrucksformen ein: Waffen, Werkzeuge, Kunstgegenstände.

Meine Erfahrungen in Liberia, Kamerun, im Sudan und in Mosambik sowie die Arbeit mit Immigrierten in der Schweiz bestätigten: Missverständnisse und Konflikte, die zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen entstehen, lassen sich am besten mit einem ganzheitlichen Blick verstehen und auflösen.

„Kernkultur“ stellt deshalb erstens auf ein holistisches Kulturverständnis ab, das die Technologie einschließt und beachtet, welchen Zugriff auf Ressourcen sie ermöglicht. „Kernkultur“ ist zweitens - im Sinne von Latour (8) - symmetrisch konstruiert: Orientiert an dem, was für alle Menschen gleichermaßen relevant ist, nimmt das Konzept vormoderne Gesellschaften so ernst wie modern organisierte. So können wir mit dem Konzept zwischen beiden Kontexten vermitteln und verstehen, was wir Modernen für Vergangenes halten.

Und umgekehrt: Vormoderne können erkennen, was „unsere“ Moderne ausmacht. Noch ver-rückter: „Kernkultur“ ist als abstraktes Konzept transkulturell konzipiert und anwendbar; gleichzeitig ist „Kernkultur“ angesichts der global so vielfältigen und ungleichen Kontexte stets kontextspezifisch zu konkretisieren.

Um sowohl das komplexe Ganze einer einzelnen Gesellschaft zu verstehen als auch die weltweit so heterogenen Kontexte zu berücksichtigen, waren Erkenntnisse aus vielen Disziplinen nötig: „Kernkultur“ - eine Bastelei aus Wissensbeständen der Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Ökonomie und der Rechtswissenschaft. Am besten ist’s, „Kernkultur“ als approach zu erachten: als ein Instrument, mit dem man sich den global diversen gesellschaftlichen Realitäten annähern kann. Realitäten, die sich nur plus ou moins in den Köpfen und Herzen der Individuen abbilden.

An grundlegenden Strukturen und transkulturellen Gemeinsamkeiten orientiert, leistet also das Konzept dreierlei: Erstens erfasst es in einer jeden Gesellschaft deren normierte Werte, die kontextspezifisch verortet sind und entsprechend eingefordert werden. Zweitens lassen sich die unterschiedlich konkretisierten Kernkulturen über transkulturelle Gemeinsamkeiten horizontal vermitteln: Moderne und vormoderne Ordnungsvorstellungen werden gegenseitig anschlussfähig.

Denn nur die erkannten transkulturellen Gemeinsamkeiten erlauben jene konsensuelle Verständigung, die Veränderungen und gelingendes Zusammenleben bringt. Drittens erfasst das Konzept auch die Schatten, die mit der Idee der Leitkultur verdrängt werden: Weil westliche Wohlfahrtsstaaten auf grenzenloses Wachstum abstellen, ist auch die moderne Kernkultur umzubauen, sollen auf unserem Planeten künftige Generationen friedlich zusammenleben.

Dazu braucht’s eine Komplexitätsintelligenz, die der neoliberalen Polarisierung und Entsolidarisierung die Stirne bietet und stattdessen mit der gemeinsamen Arbeit an einer sozial und ökologisch nachhaltigen Zukunft beginnt.

Kernkultur - am kollektiven und individuellen Überleben orientierte Rechtsvorstellungen

Was heißt das: „Kernkultur“ ist transkulturell und symmetrisch konstruiert?

Es gibt keine Gesellschaft ohne Ordnungsvorstellungen. „Kernkultur“ erfasst allerorts nur die verbindlichen Ordnungsvorstellungen: das Recht einer Gesellschaft - allerdings auf spezielle und selektive Art. Speziell, weil „Kernkultur“ berücksichtig, was der Westen ausblendet: Jedes Recht ist zweiseitig angebunden.

Zum einen an jene Moralität, die in einer Gesellschaft mehrheitlich vertreten wird; zum andern an die Technologie und politökonomischen Verhältnisse, in deren Rahmen die kollektiven Ordnungsvorstellungen umgesetzt werden können.

Selektiv, weil das Konzept nur erfasst, was transkulturell wichtig ist: Um alle Gesellschaften und Individuen am gleichen Maßstab messen zu können, interessiert sich „Kernkultur“ nur für Rechtsvorstellungen, welche die Befriedigung der unelastischen Bedürfnisse (9) organisieren.

Am kollektiven und individuellen Überleben orientiert, involviert „Kernkultur“ drei Ebenen:

Erstens: Mit Blick auf die individuelle Ebene werden nur Ordnungsvorstellungen fokussiert, die sicherstellen sollen, dass die Gesellschaftsmitglieder elementare Bedürfnisse befriedigen können. Zu diesen unelastischen Bedürfnissen gehören transkulturell:

  1. die physiologischen Bedürfnisse wie Hunger und Durst, aber auch Sexualität etc.;
  2. die Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit vor Übergriffen oder Katastrophen etc.;
  3. die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Zuneigung, nach Austausch und Solidarität etc.

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Diese drei werden überall als überlebensrelevant taxiert, weil die Menschen sterben, wenn sie ihre unelastischen Bedürfnisse nicht befriedigen können.

Zweitens: Auf der Ebene der Gesellschaft werden die Chancen, die unelastischen Bedürfnisse sicher zu stellen, transkulturell in Form von vier Kernaufgaben organisiert (vgl. Abb. 1)

Drei dieser Kernaufgaben zielen direkt auf die Befriedigung der unelastischen Bedürfnisse: 1) Produktion und Konsum, 2) Schutz und Sicherheit, 3) Solidarität und Umverteilung.

Die vierte Kernaufgabe, Erziehung und Ausbildung, ist kein Bedürfnis, sondern eine soziale Notwendigkeit: überall werden die Nachkommen so erzogen, dass sie später in der Lage sind, alle vier Kernaufgaben in angemessener Weise zu erfüllen. Damit die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse möglichst umfassend und verlässlich organisiert werden kann, werden in allen Gesellschaften Kernrollen generiert.

Kernrollen sind transkulturell aus den verbindlichen Verhaltenserwartungen gestrickt, die sich auf die Erfüllung der vier Kernaufgaben richten. Selbstverständlich bilden sich um dieses Ziel auch Institutionen heraus. Weil Institutionen aber global sehr vielfältig sind und sich auf Unterschiedliches richten, werden sie im Konzept der Kernkultur nicht systematisch erfasst. Institutionen sind aber wichtig und ihr Sinn und Zweck ist von Fall zu Fall zu prüfen.

Drittens: Auf der globalen Ebene gilt: Gesellschaften machen sich transkulturell und seit Jahrtausenden die Ressourcen in ihrem Umfeld mit Technik verfügbar. Unterschiede in den lokalen Ressourcen und in der Technologie waren entscheidend dafür, wie die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse organisiert und die Kernkultur konkretisiert werden konnten.

Deshalb die einstige Vielfalt im Erdenrund. Der Kapitalismus aber hat inzwischen einen globalen und monetär organisierten Zugriff auf die Ressourcen durchgesetzt - mit dramatischen Konsequenzen: über Kapital, Maschinen, Erdöl setzen moderne Gesellschaften für sich einen grenzenlosen Zugriff durch; in vormodernen Gesellschaften hingegen ist der Zugriff limitiert: Fehlt das Geld, erfolgt er primär lokal und basiert auf menschlicher oder tierischer Muskelkraft.

Weshalb geraten Gesellschaften derzeit zunehmend in Konflikt?

Ein wichtiger Grund: In modernen und traditionalen Kontexten sind Kernkultur und Kernrollen unterschiedlich konkretisiert. Ein weiterer Grund: Der Zugriff auf die Ressourcen wird ständig kompetitiver und ungleicher. Die Hyperglobalisierung bringt armen Ländern das land grabbing sowie Konzentrationsprozesse. Kleinbäuerliche Subsistenzbetriebe werden vom entgrenzten Markt und Kapital aufgerieben, die Besitzer oder deren Kinder wandern ab - zunächst in die Stadt, wo kaum Erwerbsarbeit zu haben ist, später dann nach Europa.

In Europa indessen stillen wir unsere Konsumbedürfnisse in Shopping-Malls. Mitten im Winter sind da frische Kefen aus Kenia und Tomaten aus Marokko zu kaufen: Waren, die nur dank Kapital, Maschinen, Erdöl zu haben sind; Ressourcen, die „vor Ort“ all jenen fehlen, die mit wenig oder keiner Kaufkraft ausgestattet sind. Der Grund für den gefährlichsten Konflikt: Strukturblind für die Voraussetzungen, auf denen moderne Rechtsstaatlichkeit samt Grundgesetz basieren, geht man im Westen blauäugig und zwar von rechts über liberal bis links von universellen Rechten aus: unsere Rechtskultur und moderne Individualrechte sollen global durchgesetzt werden.

So ziehen wir blauäugig in neue Kriege: mit Bomben und Drohnen sollen jene, die traditional orientiert, weil vormonetär organisiert sind, in die Moderne geprügelt werden. Wir entfesseln damit jenen Teufelskreis, von dem in der ersten Knacknuss die Rede war. Wohlgemerkt: Es ist wichtig und dringend nötig, dass die Menschen an den weltwirtschaftlichen Rändern besser gestellt werden und in den Genuss von Menschen- und Grundrechten kommen. Doch ohne eine grundlegende Veränderung von Weltwirtschaft und globaler Wirtschaftsstruktur geht das nicht!

Kernkultur – kontextspezifisch realisiert und bedeutsam

Zuerst eine Klärung: Der Approach der Kernkultur dient wie die Idee der Leitkultur dazu, ein wenig Ordnung zu schaffen im chaotischen Fluss der Dinge. Denn zwischen Individuen, Gesellschaften, Weltwirtschaft gibt es so wenig klare Grenzen wie zwischen unelastischen Bedürfnissen, Recht und Moralität, Ressourcen und Technologie oder wissenschaftlichen Disziplinen. Aber: „Kernkultur“ ist stets strukturbezogen und leistet Präziseres als „Leitkultur“.

Ein näherer Blick auf die zweigeteilte Welt

Kernkultur und Kernrollen unterliegen in armen Ländern ganz anderen Rahmenbedingungen als in Europa. In Abb. 1 ist links ein armer Staat, rechts ein westlicher Wohlfahrtsstaat abgebildet. Der dicke Querbalken zeigt - in Termini von Kernkultur - einen gewaltigen Bruch in der Welt.

Diese Zweiteilung blendet zwar die real existierende Vielfalt aus (10), doch lassen sich damit die derzeit global konfliktivsten Differenzen herausarbeiten und verstehen: Oberhalb des Balkens leben die Menschen in einer Welt, die monetär organisiert ist: mit modernen Kernrollen und Ordnungsvorstellungen, die Ober- und Mittelschichten in armen Länder genauso wie in unserem Wohlfahrtsstaat.

Unterhalb des Balkens überleben die Menschen mit vormodern konkretisierten Kernkulturen. Die Kernaufgaben sind hier zwar weltweit vielfältig, aber allerorts entweder gar nicht monetär oder aber nur prekär auf der Basis von Erwerbsabgaben organisiert.

So zieht sich der Bruch zwischen der modern und der vormodern organisierten Welt mitten durch die armen Länder. Während er dort seit Dekaden für interne Spannungen und Konflikte sorgt, machte er uns hierzulande bislang nur dann zu schaffen, wenn Menschen, die in einer vormodernen Kernkultur sozialisiert wurden, ihren Weg bis nach Europa fanden.

Seit den 1990er Jahren herrscht jedoch Krieg zwischen den Kapitalzentren und den weltwirtschaftlichen Rändern – höchste Zeit, um zu Raison zu kommen.

Der grosse Bruch - am Leben über dem Balken illustriert

Die Menschen sind hier modern, ob sie in Europa, in Kamerun oder Pakistan leben. Modern, weil sie formell in die Kapitalzirkulation integriert und die Kernaufgaben über monetarisierte Kernrollen und Institutionen gesichert sind. Mit Ausnahme von Eltern- und Hausfrauenpflichten werden hier alle vier Kernaufgaben von bezahlten Professionellen erledigt.

Deshalb sind die Erwerbs- und Berufsrollen jene Kernrollen, mit denen sich die Individuen identifizieren - für alle verbindlich organisiert, aber gleichzeitig hierarchisch geordnet und asymmetrisch bewertet.

Noch konkreter. Hier herrscht Rechtsstaatlichkeit: Der Staat organisiert Schutz und Sicherheit und setzt sein Gewaltmonopol mit Polizisten und Richtern und auf der Basis von Gefängnis- und Geldstrafen durch. Hier gibt es überfamiliale Solidarinstitutionen: Alters- und Invalidenrenten, Arbeitslosen- und Krankenkassen. Auch der überfamiliale Ausgleich ist staatlich organisiert: z. B. in Form von Sozialhilfe, die Fürsorgeämter und Sozialarbeitende an die Armen abgeben.

Hier gibt es Spitäler, Krippen, Schulen, Ausbildung für alle - bestellt mit gut ausgebildetem und bezahltem Personal. All das funktioniert, weil und so lange die Bevölkerungsmehrheit eine formelle Erwerbsarbeit hat und die Kernaufgaben monetär organisiert werden können, d.h. finanziert über Erwerbseinkommen und Löhne, Steuererträge und andere monetäre Abgaben.

Auf dieser Basis sind im Wohlfahrtsstaat individuen-zentrierte Grundrechte etabliert und die Menschen an individuellen Freiheitsrechten orientiert. Verwandtschaft und Geschlecht werden irrelevant. Stattdessen sind hier professionelle Zugehörigkeit, berufliche Pflichten, ein entsprechendes Berufsethos und inzwischen die Geschlechtergleichstellung verbindlich.

Die Welt „unter“ dem Querbalken sieht anders aus

Trotz der kulturellen Vielfalt und den aktuellen Resten von Lokalkultur, die es „vor Ort“ gibt, gilt für alle, die ins globale sozioökonomische Unten verwiesen sind: Sie müssen mit einem limitierten Zugriff auf Ressourcen und mit vormodernen Ordnungsvorstellungen überleben. Vormodern konkretisierte Kernkulturen sind entweder an nicht oder an prekär monetarisierten Kernaufgaben orientiert.

In armen Staaten überlebt die Bevölkerungsmehrheit also mit einer Kernkultur und mit Kernrollen, die vormonetär organisiert sind: Generationen-, Geschlechts- und Verwandtschaftsrollen sichern hier das Überleben. Deshalb bleiben die traditionalen Kernrollen verbindlich und sind - wie bei uns die Berufsrollen! - hierarchisch geordnet und asymmetrisch bewertet.

Vorab auf dem Land ist die Bevölkerung noch mit traditionalen Rollen identifiziert und kommunitär, d. h. am Kollektiv orientiert. In den Städten hingegen hält sich der arme Teil der Bevölkerung mit informellen Jobs über Wasser und mixt sich ein Gebräu von traditionalen Vorstellungen und hybriden Zutaten, die oft den Charakter von Trugbildern haben: Magie und Sektierertum feiern dann Urstände.

So oder so sind die kernkulturellen Vorstellungen durchwegs am Prekariat orientiert. Abgesehen von den rudimentären Bildungsinstitutionen sind die Kernaufgaben auch für den armen Teil der Stadtbevölkerung ungenügend organisiert, staatliche Ausgleichs- und Solidarinstitutionen fehlen ganz, in den Slums regiert oft eine Mafia.

Zur Illustration: zwei traditional organisierte Kernaufgaben


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Was leistet das Konzept der Kernkultur für die interkulturelle Verständigung?

Wo immer Menschen, die in vormodernen Kernkulturen sozialisiert wurden, auf andere treffen, die in einer modernen Kernkultur aufgewachsen sind, passieren interkulturelle Missverständnisse und Konflikte. Deshalb zurück zur eingangs gestellten Frage: Wie können wir uns mit den Neulingen so verständigen, dass sie lernen, die modernen Grundregeln zu verstehen und zu akzeptieren? Antworten darauf sind zwischen die folgenden Beispielen eingestreut.

Interkulturelle Missverständnissen – Beispiele auf globaler und nationaler Ebene

Interkulturelle Missverständnisse entstehen in Situationen, in denen Neulingen das Verständnis für moderne bzw. monetär organisierte Institutionen und Kernrollen fehlt:

Aufmerksame LeserInnen realisieren: Das professionelle Vorgehen wurde im Rückwärtsgang beschrieben. Die Stationen nochmals – jetzt aber in der richtigen Reihenfolge:

  1. Zuallererst die dem Neuling eigenen Vorstellungen und Geschichten abholen: Sie gestatten jene emotional bewegende Interaktion, die ihm später die wünschbare Veränderung erlaubt.
  2. Sich konsensuell darüber verständigen, was hüben und drüben gleich, was unterschiedlich ist;
  3. die Integration in die moderne Kernkultur ermöglichen, indem wir aufzeigen, was in der Schweiz oder in Deutschland fürs konstruktive Zusammenleben geboten und unverzichtbar ist.

Interkulturelle Konflikte sind schwieriger zu bewältigen – einige Beispiele

Wer in einer vormodernen Kernkultur aufgewachsen ist, hat deren Regeln internalisiert und kann diese weder von heute auf morgen hinter sich lassen noch moderne Ordnungsvorstellungen auf Anhieb verstehen. Dabei sind moderne und vormoderne Kernkulturen beidseitig moralisiert. Kein Wunder also, dass es zu heftigen interkulturellen Konflikten kommen kann.

Rückblick und Ausblick

Zurück zur Leitkultur. Selbstverständlich sind die gemeinsamen Werte wichtig und der „Kitt einer Gesellschaft“. Doch ohne Verrechtlichung sind sie gar nichts. So haben denn beide recht: Bundesminister Dobrindt und Hofreiter, der Fraktionssprecher vom Bündnis/Grüne. Aber sie mögen sich noch lange streiten: Sie streiten gewissermassen verkehrt.

Es verhält sich umgekehrt: Werte sind leichter transkulturell zu verorten als das Recht, denn dessen Normierung hängt von den wirtschaftlichen und technologischen Möglichkeiten ab und stellt auf unterschiedlich konkretisierte Kernkulturen und Kernrollen ab.

So sind Kulturen weltweit verschieden und doch „irgendwie“ gleich: Überall sind Werte eher am Wünschen orientiert – das ist kostenlos und eher den Individuen frei- und anheimgestellt. Das Recht hingegen ist eine Institution - für alle verbindlich, kollektiv normiert und getragen.

So hat Hofreiter zwar recht: Die Grundrechte sind in Europa verbindlich. Sie zeigen Werte an, die bei uns kollektiv normiert und finanziert sind. Für die Regionen „vor Ort“ gilt dasselbe und doch anderes. Deshalb ist die monetär organisierte Kernkultur bzw. sind die „normierten Werte“ an die Neulinge zu vermitteln. Das gelingt über die transkulturellen Gemeinsamkeiten, die auf der Wertebene gelten und die hier wie dort leichter auszumachen sind.

Anzunehmen, die Rechtsformen der westlichen Kapitalzentren seien universell, ist, wie erwähnt, blauäugig und verkennt die Realität. Es ist diese irrige Annahme, die den Krieg zwischen Zentren und weltwirtschaftlichen Rändern entfesselt hat. Ich habe vor vielen Jahren davor gewarnt (16) – leider vergeblich.

Im ersten Teil der Knacknuss „Kernkultur“ habe ich die kollektiven Ordnungsvorstellungen und das individuelle Verhalten auf die gesellschaftlichen Strukturen bezogen, in denen Menschen leben - eine unzulässige Vereinfachung: Sie reflektiert n u r die eine Seite der Realität.

Sobald wir Individuen vor uns haben, sind wir mit einem Paradox konfrontiert: Die Einzelnen sind von ihrer Gesellschaft bzw. von jener Kernkultur geprägt, in der sie aufgewachsen sind. Sie können sich allerdings auch gegen die offiziellen Ordnungsvorstellungen stellen oder - frei und „für sich“ - völlig neue Regeln erfinden oder erschwindeln.

Die individuen-zentrierte Musterung und Verwurzelung des Verhaltens wird im Teil 2 der Knacknuss „Kernkultur“ diskutiert: Ich werde dann nach den psychischen Strukturen und der psychologischen Dynamik fragen, die Menschen auszeichnen – individuell, transkulturell und kontextspezifisch. Zusammenführen kann ich das Paradox allerdings nur, weil jede Arbeit mit Menschen sowohl Wissenschaft als auch Kunst ist.


Literaturhinweise:

(1) Bassam Tibi: Multikultureller Werte-Relativismus und Werte-Verlust. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52–53/96, S. 27–36
(2) Theo Sommer: Einwanderung ja, Ghettos nein - Warum Friedrich Merz sich zu Unrecht auf mich beruft. ZEIT 47/2000
(3) German Foreign Policy: Europas Leitkultur, 08.06.2017: 2
(4) Neue Zürcher Zeitung: Der Wert von Werten. NZZ-Podium Berlin, 23.09.2016: 5, https://www.nzz.ch/international/aktuelle-themen/nzz-podium-berlin-nzz-podium-berlin-ld.118202
(5) NZZ: Der Philosoph Slavoj Žižek im Gespräch: Liberal? Gott bewahre! 30.01.2016: 35, https://www.nzz.ch/feuilleton/liberalgott-bewahre-1.18685968
(6) NZZ: Rüdiger Safranski: «Die Angst vor dem politischen Islam ist da, doch singt man laut im Walde». 06.05.2017: 38, https://www.nzz.ch/feuilleton/boerne-preis-traeger-ruediger-safranski-die-angst-vor-dem-politischen-islam-ist-da-doch-singt-man-laut-im-walde-ld.1290527
(7) Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt a.M. 2001: 450/456
(8) Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Frankfurt am Main 2008.
(9) Abraham Maslow: "A Theory of Human Motivation" (1943). In: Psychological Review. 50 (4): 370 – 96, https://en.wikipedia.org/wiki/Maslow%27s_hierarchy_of_needs
(10) Verena Tobler: Kernkultur – ein Approach für interkulturelle Verständigung und Integration. In: Pädagogik & Erziehung, Jg. 34,Nr. 1 2008 http://www.kernkultur.ch/resources/Artikel/VerstaendigungPSYCHO.pdf
(11) J.R. Rogge: Too many, too long: Sudanese Twenty-Year Refugee Dilemma. New Jersey 1985: 88
(12) J. R. Rogge: Too many, too long: Sudanese Twenty-Year Refugee Dilemma. New Jersey 1985: 97
(13) Verena Tobler: Wege gegen die Ausländerfeindlichkeit 1993.
(14) Verena Tobler. Die Perspektiven der interkulturellen Auseinandersetzung. http://www.kernkultur.ch/resources/Instrumente/IKIPerspektiven.pdf
(15) Verena Tobler: Die Taliban verstehen: Plädoyer für einen fruchtbaren Umgang mit Traditionalisten, http://www.kernkultur.ch/resources/Artikel/DieTalibanverstehenNZZ.pdf

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