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Kein AHA-Moment

Kein AHA-Moment

Die Legende, dass die „zweite Welle“ durch jene verursacht wird, die sich nicht an Regeln halten, hat nichts mit der Realität zu tun.

Sie habe echt die Schnauze voll, postete unlängst eine junge Frau bei Twitter. „Könntet ihr euch endlich mal an die Regeln halten, damit das endlich mal geschafft ist?“, schloss sie ihre Unmutsbekundung. — Wie sie, so sehen das dieser Tage viele. Sie wähnen sich um die Früchte ihrer Regeltreue betrogen. Für sie heißt es jetzt, möglichst schnell wieder regeln: Damit die Infektionszahlen zurückgehen, Corona ein für alle Mal vorbei ist.

Dieses falsche Verständnis pandemischer oder virologischer Dynamiken kommt nicht von ungefähr. Die Bundesregierung hat es geschürt. Sie hat dieses Narrativ in die Welt gesetzt. Den Popanz aufgebaut, dass man Pandemie regulieren könne — und sie an manchen Stellen nicht einfach nur aushalten muss. Diese Haltung hat über Monate ein falsches Bild vermittelt.

Die Mär aus dem Kanzleramt

AHA: Das ist kein Ausruf des Erstaunens oder — schroff betont — des Ertappens. Das ist die Abbreviatur des Augenblicks, die Abkürzung des Jahres 2020. Sie bedeutet Abstand, Hygiene und weil es noch was mit A sein sollte: Alltagsmaske. Nur „Maske“ wäre das Kürzel AHM gewesen. AHM klingt jedoch sehr nach Ähm, also eher nach Ratlosigkeit. Diese Blöße wollte man sich ganz offenbar nicht geben.

In der Abkürzung steckt die ganze Wahrheit deutscher Corona-Zuversicht: Wer diese drei Lettern einhält, so heißt es seit März oder April dieses Jahres, der wäre nicht nur auf der sicheren Seite, sondern helfe quasi auch, das Coronavirus auszumerzen. Nur bei Einhalten der AHA-Regel kommt keine zweite Welle, ebben die Infektionen ab, rotten wir die Pandemie aus. Daher rührt der stets wiederholte Appell: „Bleiben Sie vorsichtig!“

Als dann im Laufe des Augusts die Zahlen der positiv Getesteten erst leicht, später dann etwas stärker anzogen, behauptete die Bundesregierung, dass dies der allgemeinen Leichtsinnigkeit geschuldet sei. In jenen Wochen stiegen die vermeintlichen Infektionszahlen zwar an, aber die Ursache wurde sehr selten erwähnt: Auch die Testungszahlen legten massiv zu. Die Positivquote blieb allerdings relativ konstant, war teilweise sogar niedriger als in den Wochen zuvor, in denen es noch weniger Tests und weniger Testpositive gab. Dennoch mahnte die Regierung zur Vorsicht, riet dringend zu AHA.

Denn, dass diese einfachen Regeln nicht mehr beachtet würden, so hieß es, falle uns gerade auf die Füße. Statistisch zwar nicht haltbar, aber die Mär war schon im Lande: Jene nämlich, dass AHA die Heilslehre für unseren Fortbestand sei. Sie alleine mache die Situation kontrollierbar. Nur sie seien Garant dafür, weitere Neuinfektionen einzudämmen.

Regulierungswahn

Als dann die Zahlen wieder anstiegen — die Positivquote hat nun in der Tat zugelegt —, war für die Öffentlichkeit das Narrativ schon fix: Das muss doch an der Nichteinhaltung der Regeln liegen. Hätten wir da bloß besser aufgepasst, sähe es heute anders aus. Für diese Mär wurden Sündenböcke generiert, zunächst Auslandsurlauber — Inlandsurlauber eher nicht, sie wandelten ja auf sicheren deutschen AHA-Boden, da seien sie natürlich außer Gefahr. Später waren dann die Party People als Verursacher auserkoren.

Der Maskenverweigerer wurde nebenher zum Synonym für den Gefährder, zum virologischen Kamikazeflieger, der quasi im Alleingang die Infektionszahlen nach oben treibt. Nur die absolute Orthodoxie bei Einhaltung der AHA-Regeln könne uns für immer aus dem Höllenschlund der Pandemie erlösen.

Dieser Regulierungswahn suggeriert Kontrolle. Dass die Maskenpflicht in Verkehrsmitteln und Läden eigentlich erst einsetzte, als das Infektionsgeschehen im Frühjahr bereits abflachte, stand im Lande eigentlich nie zur Debatte. Teile einer Wahrheit, die vielleicht nicht ganz klar und deutlich daherkommt, hätten die Menschen ja verunsichern können. Dass Regelbefolgung gleich Kontrolle ist: Das war eine bequeme „Wahrheit“ — nicht wahr zwar, aber funktional.

Jedenfalls für den Augenblick, denn nun erweist sie sich allerdings als dysfunktional. Erst jetzt wird den Deutschen bewusst, dass unsere auf Kontrolle ausgerichtete Optimierungs- und Trackinggesellschaft hier machtlos ist.

Ein Narrativ, sie zu spalten

Der Feind ist nämlich in der Tat unsichtbar, Infektionsverläufe sind keine klaren mathematischen Abfolgen, unterliegen keinem Algorithmus. Sie sind vom Zufall geprägt. Die Dynamiken von Viren lassen sich nicht kontrollieren, auch nicht durch Regulierungsmethoden. Die dienen bestenfalls einer Einhegung. Vor einigen Wochen hat Christian Drosten etwas in einem Nebensatz gesagt, was kaum jemand zur Kenntnis nahm: Er sprach von Corona als einer Naturkatastrophe. Damit hat der Wissenschaftler — ob gewollt oder nicht, sei mal dahingestellt — die Machtlosigkeit des aktuellen Corona-Seuchenschutzes zugegeben.

Freilich lässt sich nun über die Qualität dieser Katastrophe debattieren. Aber das soll nicht Thema dieser Betrachtung sein. Daher lassen wir die mal so im Raum stehen. Aber klar ist damit auch, dass der große Kontrollverlust, vor dem sich allen fürchteten, nicht eingetreten ist: Es hat nie eine Kontrolle gegeben. Das Abflauen der Infektion im Frühjahr war dem pandemischen Wellenmuster geschuldet — verschiedenen klimatischen Bedingungen etwa.

Mit ausgezeichnet wirkenden Regeln hatte das vermutlich recht wenig zu tun. Wenn wir nur einmal beachten, dass ausgerechnet der Gesundheitsminister, der die Regeln ja qua Funktion wie kein anderer beachtet haben mag — so gut dies einem menschlichen Wesen nur gelingt —, sich aber dennoch mit dem Virus infiziert hat, dann sagt das doch viel über AHA aus. Sie sind eben kein Aha-Moment.

Dafür haben sie sich eine andere Wirkungsweise: Sie dienen als sozialer Sprengstoff, spalten die Gesellschaft, schaffen es, dass aus Liebgroßmütterleins plötzlich aggressive Terrier werden, sich Leute an die Gurgel gehen und keiner mehr dem anderen traut. Und falls sich jemand infiziert, wird sein Lebenswandel als ignorant und egoistisch gebrandmarkt: Denn wer sich an die Regeln hält, der bewegt sich im Safe Space — das wisse man doch schließlich …

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