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Kassandras Albtraum

Kassandras Albtraum

Die Überbringer schlechter Nachrichten ernten noch immer Spott und Hass — es sei denn, sie berufen sich auf „offizielle“ Autorität.

Hellsichtige Menschen und unbefangene Denker müssen immer wieder Desinteresse, Ablehnung und Hass erfahren. Kassandra war nicht die erste und nicht die letzte Seherin, die dieses Schicksal ereilte. Dagegen ist nicht verbürgt, dass das Orakel von Delphi oder spätere Prognosezentren den Zorn ihrer Klienten fürchten mussten. Wer dorthin pilgerte, unterwarf sich den meist mehrdeutigen, oft unheilschwangeren Prophezeiungen ohne Widerrede.

Warum ist die Wahrheit einer unautorisierten Seherin so viel schwerer erträglich als die Verlautbarung eines gottgleich inszenierten Prognosezentrums, das die Zukunft ebenso wenig kennen konnte? Warum schlägt auch heute einer noch so fundierten Abschätzung einer Einzelperson mehr Ablehnung entgegen als den luftigen Prognosen bekannter Einrichtungen mit klingenden Namen?

Damals wie heute ist der entscheidende Faktor, wer die unangenehme Botschaft überbringt.

Ablehnung entsteht immer dann, wenn unangenehme Fakten durch eine Person öffentlich gemacht werden, die gar nicht gefragt wurde. Kommt die gleiche Verlautbarung dagegen aus den Machtzentren, werden die Pobacken zusammengekniffen.

Dies zeigt sich auch in der Corona-Inszenierung. Die Verkünder immer neuer vermeintlicher Pandemiewellen oder angeblich bedrohlicher „Mutanten“ blieben bisher vom Volkszorn verschont, obwohl wahrheitswidrig stets neues Ungemach aufgetischt wurde, das dann ausblieb. Der düsteren Prophezeiung der Bundeskanzlerin, dass wir nach der sogenannten „ersten Welle“ erst ganz am Anfang der Bedrohung stünden, führte weder zu ihrer Abberufung, noch zu Aufständen. Nur, wenn der Kassandra-Ruf aus den eigenen Reihen kommt, erlauben sich viele Bürger das nötige Misstrauen gegenüber Prognosen.

Begründet wird diese Bewertung gerne mit der Glaubwürdigkeit. Diese rührt aber nicht aus einer Fachkompetenz, sondern aus der Machtstellung — ob der Kirche oder der Wissenschaft. Wo Obrigkeit draufsteht, wird dem Inhalt erst einmal Glauben geschenkt. Untertanenmentalität erklärt auch, dass weitere schlechte Meldungen überbracht werden können, selbst wenn diese im Widerspruch zu früheren Vorhersagen stehen: Maskenpflicht für Geimpfte oder mehr Krankheits- und Todesfälle in Ländern mit höheren Impfquoten. Nur unautorisierte, weil eigenständige Kassandras müssen fürchten, als unglaubwürdig zu gelten. Da könnte ja jeder kommen! Mündig fühlen sich viele Bürger nur gegenüber ihresgleichen.

Wirkliche Mündigkeit besteht aber darin, immer seinen kritischen Verstand zu gebrauchen. Vor allem dann, wenn die Botschaften von Herrschaftsorganen kommen. Der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, wie der Königsberger Philosoph Immanuel Kant das Selbstdenken definierte, kennt keine Auszeiten und keine Hierarchien. Jede andere Form vermeintlicher Mündigkeit ist nichts als Untertanengeist.

Mochte man lange die in Kants Definition enthaltene Schuldzuweisung als arrogant empfinden, da man im Angesicht eines Geschützrohrs nicht so einfach auf seiner Meinung besteht, ist dies jetzt anders. Nach sieben Jahrzehnten freiheitlicher Gesellschaftsformen und hohem Akademikeranteil hätte man einer Virusdrohung etwas entgegenhalten können und müssen. Der Spuk mit Test-„Kranken“ hätte beendet sein müssen, bevor die ersten Wasserwerfer auffuhren.

Das vorläufige Ende der Aufklärung im Jahr 2020 ist im wahrsten Sinn der Definition „selbstverschuldet“. 70 Jahre Demokratie wurden nicht genutzt, um aus Untertanen freie selbstbestimmte Bürger zu machen. Kassandra könnte heute noch immer kein Unheil verhüten.

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