Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.
Menü
Unterstützen
Kanonenkuchen und Panzertorten

Kanonenkuchen und Panzertorten

Pro-Militarisierungs-Propaganda ist in den Medien allgegenwärtig.

Propaganda ist Alltagsrealität in den Nachrichtensendungen der korporierten Medien. Auch und gerade ARD-aktuell produziert und pflegt propagandistische Feindbilder (Islamophobie, Russophobie). Ihre Propaganda ist typisch, und sie hat eine wesentlich ältere antirussische Geschichte als beispielsweise der US-Helotenverein „Atlantikbrücke“, in dessen Intension sie heute überwiegend liegt. Diese antirussische Tradition reicht zurück in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts, in die Ära der Oktoberrevolution. Das ist an dieser Stelle anzumerken, denn wir betrachten hier eine kleine Spezialität: die russische Bezugnahme auf eine intrigante Aktion des deutschen Militärs in Russland im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs – und wie das gedenkfeiernde Russland von heute in unserer Tagesschau deswegen diffamierend missinterpretiert wurde.

Im Zuge eines Waffenstillstands hatte die kaiserliche deutsche Generalität Lenin ein reichlich ultimatives Friedensangebot gemacht, aber am 23. Februar 1918 überraschend trotzdem wieder die russischen Stellungen angegriffen. Das Gedenken an diese historische deutsche Heimtücke verlor im Laufe der Zeit an militaristischem Gehalt und nahm Volksfestcharakter an. Die Russen begehen ihren „Tag der Vaterlandsverteidiger“ heute so, wie bei uns in Deutschland der „Vatertag“ begangen wird: mit reichlich Alkohol und viel demonstrativer Lebensfreude.

Seit 1993 ist der 23. Februar in Russland offizieller Feiertag. Eine Konditormeisterin nahm ihn zum Anlass, Artilleriegeschütze und allerlei anderes Kriegsgerät in Kuchenform herzustellen und Törtchen anzubieten, die Panzer darstellten. Ein anachronistischer Ulk, „in echt“ gab es 1918 solche Panzer schließlich noch nicht – und über ästhetischen Geschmack lässt sich bekanntlich ohnehin nicht streiten.

Für die Berichterstattung aus Russland ist in der ARD der Westdeutsche Rundfunk zuständig. Er unterhält ein prächtig besetztes Korrespondentenbüro in Moskau. Es verfügte einst in personis Fritz Pleitgen, Lutz Lehmann und Gabriele Krone-Schmalz über vorzügliche und integre Journalisten. Eine prinzipiell antirussisch-propagandistische Ausrichtung wurde erst mit Korrespondenten vom Schlage Thomas Roth, Udo Lielischkies, Golineh Atai und Birgit Virnich erreicht und überdeutlich manifest.

Wie sich für solche Medienaktivisten der ARD geziemt, machte Virnich in ihrem Tagesschau-Bericht aus dem mittlerweile sehr „zivilen“ russischen „Tag der Vaterlandsverteidiger“ einen Tag des aggressiven Militarismus´, der die russische Gesellschaft gegenwärtig angeblich kennzeichne.

Die unverkennbare Absicht: einen Beitrag leisten im Rahmen der deutschen Akzeptanzstrategien für die militärische NATO-Machtdemonstration unmittelbar an Russlands Grenzen; es gilt, die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zu gewinnen für diese gefährliche Provokation, es gilt, die deutsche Hemmschwelle vor Krieg und Mord zu senken. Dabei bedient sich Virnich alter Manipulationstechniken und überspielt absichtsvoll, dass Panzer aus einer russischen Konditorei allemal genießbarer sind als die von-der-Leyen-Panzer aus den Waffenschmieden Krauss-Maffey und Rheinmetall.

Virnich wählt das „Storytelling“, sie stilisiert die Tortenbäckerei zu bellizistischer Symbolik um, zum Beweis für russischen militaristischen Ungeist im Alltag, obwohl die Konditorware ohne Weiteres auch als Ausdruck des Traums hätte dargestellt werden können, wie schön eine Welt wäre, in der es statt echter Waffen Panzer und Kanonen nur noch in Kuchenform gibt.
Virnich interpretiert die Symbolik bei ihrem Storytelling aber als aggressiv, sie knüpft damit an deutsche Empfindlichkeiten an. Mit geringstem verbalem Aufwand lässt sich ein T-34-Panzer en miniature mit Sahnehäubchen sowohl als Nascherei wie auch als militaristische Geschmacklosigkeit präsentieren. Hierzulande kann man damit anstrengungslos Abwehr und Emotionen gegen „den Russen“ erzeugen, und gemäß diesem Grundmotiv berichtet Virnich tatsächlich.

Ihr Blick auf die angeblich militarisierte Jugend: „Die Kleinen sind früh auf den Beinen“, „die Jugendlichen zeigen den gelernten Drill“. Mit keiner Silbe klärt die Autorin, was es mit dem „Militärdrill“ an russischen Schulen auf sich hat, auf welchen historischen Erfahrungen er beruht, welchen Rang er im Schulalltag und im täglichen Leben hat usw. Rein emotional werden hier Stereotypen wie „Militarisierung, Gefahr, Machtmissbrauch“ zu antirussischen Aussagen genutzt, geradeso, als gäbe es auf deutscher Seite keinen Trend zur Militarisierung, keinen bedrohlichen und aggressiven Politikstil.

Im Gespräch Virnichs mit der Bäckerin wird offenkundig, dass der Russin die Absicht, die Zielvorgabe des Interviews nicht klar ist. Die Frau wird in dem Beitrag nicht kritisch zum Symbolgehalt ihrer Arbeit befragt, sondern sie wird benutzt, zum Objekt degradiert. Missbraucht, um der deutschen Provokateurin „Stoff“ für ihre Story zu liefern: Russland ist machohaft, machtversessen. Als Stütze für diese Assoziation dient des weiteren ein Interview mit dem Schriftsteller D. Gluchowsky. Dieser opportune Zeuge gilt als scharfer Kritiker der russischen Verhältnisse unter Wladimir Putin. Er liefert, was Virnich für ihre abfällige Story sucht: Russland sei selbst im Alltag in allen Bereichen militarisiert, brauche Feindbilder, habe keine positive Identität.

Mit objektiver Nachrichtenarbeit und Tatsachenorientierung hat solcher Journalismus nichts zu tun. Allein die Auswahl eines dermaßen einseitigen „Zeugen“, ohne Beiholung einer zweiten Ansicht, ist ein Verstoß gegen die in den Programm-Richtlinien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verankerte Verpflichtung zu objektiven Berichterstattung.

Der Virnich-Beitrag war einer von vielen Beweisen dafür, dass ARD-aktuell in der Russlandberichterstattung intensive Feindbildpflege betreibt. Mit einer offeneren Herangehensweise an das Tagesschau-Thema und mit angebrachter Rücksichtnahme auf die leidvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland – muss man wirklich daran erinnern, dass die Nazi-Wehrmacht mehr als 20 Millionen Sowjetmenschen umbrachte? – wäre es möglich gewesen, einen gänzlich anderen, versöhnlich wirkenden Beitrag über diesen 23. Februar herzustellen, im Ersten Deutschen Fernsehen mit Anstand über den russischen „Tag der Vaterlandsverteidiger“ zu berichten.

Diese Chance nicht genutzt sondern eine agitatorische Story geliefert zu haben, ist unvereinbar mit dem ebenfalls gesetzlichen Erfordernis, die Berichterstattung an den Grundsätzen der Völkerverständigung zu orientieren.

In diesem Sinne hatten wir eine förmliche Programmbeschwerde bei dem für die Nachrichtensendungen von ARD-aktuell zuständigen Rundfunkrat des Norddeutschen Rundfunks eingereicht. Antwort bekamen wir aber vom Intendanten des Westdeutschen Rundfunks, Tom Buhrow - von einem strammen Transatlantiker also. Er schreibt uns in seinem Brief:

„Sie werten die Darstellung einer Konditorei, die anlässlich der Feierlichkeiten Panzertorten herstellt als „Manipulationstechniken aus der Mottenkiste deutscher Propaganda, ...: Panzer aus Kuchen in Russland sind gefährlicher als echte von-der-Leyen-Panzer an den russischen Grenzen“. Das habe „mit objektiver Nachrichtenarbeit und Tatsachenorientierung ... nichts zu tun“.

Diese Einschätzung teile ich nicht. Der Bericht liefert eine faktisch korrekte Situationsbeschreibung der Aktivitäten in einer Konditorei im Vorfeld des Feiertages. Zudem kommt die Konditorin selbst im O-Ton zu Wort. Inwiefern hier Aussagen verfälscht oder Informationen manipuliert worden sein sollen, ist nicht nachvollziehbar.

Sie insinuieren darüber hinaus, Frau Virnich habe die interviewte Konditorin über das Thema des Gesprächs nicht wahrheitsgemäß aufgeklärt. Auch diesen Vorwurf weise ich nach Rücksprache mit der Redaktion entschieden zurück. Selbstverständlich hat Frau Virnich den Gegenstand ihrer Berichterstattung im Kontext der Dreharbeiten der Protagonistin gegenüber transparent gemacht.

Des Weiteren kritisieren Sie, dass in dem Beitrag der Putin-kritische Schriftsteller Gluchowsky zu Wort kommt. Sie bezeichnen ihn als „opportunen Zeugen”, der „erwartungsgemäß genau das, was Frau Virnich für ihre abfällige Story” brauche, liefere.

Auch hier ist nicht erkennbar, inwiefern die Aussagen des Schriftstellers zu einer tendenziösen oder falschen Berichterstattung beitragen sollten. Buhrow weiter:

"[...] die kritische Grundhaltung des Schriftstellers [...] ist [...] eine nachrichtlich ebenso legitime Stimme innerhalb des Berichts wie die der Konditorin, die den Feierlichkeiten deutlich positiver gegenübersteht. [...] Im Ergebnis zeigt sich anhand beider Interviews in Verbindung mit den Schilderungen der Korrespondentin ein nachvollziehbares Bild der Stimmung in der russischen Gesellschaft [...]. Der Vorwurf, es werde eine agitatorische Story geliefert und manipulative Berichterstattung betrieben, ist vor diesem Hintergrund an keiner Stelle nachvollziehbar. [...]“

Buhrow ist von Haus aus Journalist. Er weiß, wie man um den heißen Brei herumredet. Wenn es nicht um subtile journalistische Formen von Kriegstreiberei ginge, könnte man Späße über diesen Repräsentanten der ARD machen. Uns war deshalb nicht nach Lachen zumute. Wir schrieben dem WDR-Rundfunkrat, es könne schwerlich angehen, dass der Transatlantiker Buhrow den Missbrauch des öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Journalismus' als Propagandawaffe gegen Russland auch noch formell rechtfertige.

Buhrow, vormals USA-Korrespondent mit entsprechender Sozialisation, könne kein objektiver Gutachter in eigener Sache sein. Dass er, einstmals Festredner der Atlantik-Brücke bei der Verabschiedung des US-Botschafters Phil Murphy, nunmehr zu entscheiden habe, ob ein Beitrag über ein russisches Ereignis tendenziös und russophob sei, das wirke geradezu unanständig.

Der Hamburger Journalist Hermann Gremliza hat die Umtriebe deutscher Schmocks kürzlich treffend beschrieben: „1914, unter ihrem glorreichen Kaiser, kämpften die Zeitungen gegen den ‚Zarendreck, Barbarendreck / Peitscht sie weg! Peitscht sie weg’ (gedichtet von Alfred Kerr für die ‚Frankfurter Zeitung’, die seriöse Vorgängerin der seriösen Nachfolgerin ‚Frankfurter Allgemeine’), 1941, unter ihrem geliebten Führer, gegen den Bolschewismus der slawischen Untermenschen und seit ein paar Jahren, als ‚der freieste Staat in der deutschen Geschichte’ (Zitat: alle), gegen Putin, den ‚Wiedergänger des Zarismus’ (‚Welt’ und alle andern) und seinen bolschewistischen Barbarendreckskreml.

Das heißt: immer in der gleichen Konstellation, immer im Bund mit den nationalistischen Polen, den Balten, den Ukrainern, immer im selben Aufmarschgebiet und mit dem guten Gewissen eines Wohltäters, der sein Leben für die Menschheit opfert. Und immer um dasselbe: das endlose Land, seine Schätze und Arbeitskräfte am deutschen Wesen genesen zu lassen beziehungsweise sich anzueignen.

Es gibt, so der langen Rede kurzer Sinn, nicht den geringsten Grund, der Presse, ihrer Freiheit und ihren Freiern mit dem Respekt zu begegnen, den das Publikum dem Pfleger und der Krankenschwester schuldig bleibt. Die Medien sind Teil des gesellschaftlichen und des staatlichen Herrschaftsapparats. Die Moral, die sie für sich reklamieren, ist, wie’s beliebt: Fake News oder Lüge.

Dem pflichten wir bei. Doch was schert das einen Buhrow und seinen Rundfunkrat? Die Antwort darauf finden Sie in den Sendungen der Tagesschau.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
Creative Commons Lizenzvertrag

Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen möchten, können Sie hier eine Spende abgeben. Da wir gemeinnützig sind, erhalten Sie auch eine Spendenquittung.