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Kann Veganismus die Welt retten?

Kann Veganismus die Welt retten?

Über Ernährung als Teil der kapitalistischen Wirtschaftsweise und Wege des Ausstiegs hieraus.

Redaktionelle Vorbemerkung: Wie fern, wie uneinnehmbar wirken die Festungen der Mainstream-Medienlandschaft aus junger Perspektive, wie durchgetaktet ihr redaktioneller Duktus. Gastbeitrag? Vielleicht nach drei Praktika! Doch in einer Demokratie sollten auch wir Jugendlichen ein Mitspracherecht haben. Der Rubikon setzt hierfür einen Grundstein. Unsere Jugendredaktion veröffentlicht daher in ihrer Kolumne „Junge Federn“ beständig Beiträge junger Autorinnen und Autoren, denen thematisch kaum Grenzen gesetzt sind. Wenn dich das anspricht, schreib uns gerne an: jugend@rubikon.news.

Tierschutz und Abkehr von Massentierhaltung

Losgelöst vom bloßen Trend treffen die meisten Veganer jedoch ihre Entscheidung aus ethischen Gründen. Sie empfinden Mitleid mit den Tieren und wollen mit ihrer Ernährungsweise zur Abkehr von der Massentierhaltung beitragen. Dies zeugt von einem gedanklichen Prozess und einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Dabei geht es zum Beispiel um folgende Aspekte:

Das Ausmaß, in dem wir tierische Produkte, vor allem Fleisch und Wurst, konsumieren, verlangt, dass die Tiere unter unwürdigsten Bedingungen gehalten werden müssen.

Hühner werden, um möglichst viel Profit mit ihnen zu erzielen, auf engstem Raum gehalten. Das führt zu Aggressivität unter den Tieren. Die „Lösung“ besteht nicht darin, weniger Tiere auf gleicher Fläche zu halten, sondern man schneidet ihnen die Schnäbel ab. In der Eierproduktion werden männliche Küken systematisch durch die grausame Prozedur des Schredderns aussortiert, da nur weibliche Hühner Eier legen können.

Milchkühe werden in der Regel ihr ganzes Leben lang im Stall ohne Zugang zu einer Weide gehalten, zum Teil sind sie ohne jeglichen Bewegungsspielraum angebunden. Kälbern werden ohne Betäubung die Hornansätze ausgebrannt. Die einseitige Zucht auf Milchhochleistung ist die Regel. Daher erhalten die Kühe auch nicht tiergerechtes Kraftfutter aus Mais, Soja und Raps.

Schweine sind hochintelligente und soziale Lebewesen und werden, damit wir im Supermarkt Hackfleisch für einen Spottpreis kaufen können, ebenfalls unter schlechtesten Bedingungen und ebenfalls auf engstem Raum gehalten. Ihre natürlichen Triebe werden unterdrückt und sie leiden unter Krankheiten, die zum frühzeitigen Tod führen können.

Wer heute also noch glaubt, Tiere hätten kein Schmerzempfinden und verhielten sich unsozial, um damit seinen Konsum zu rechtfertigen, wird in erster Linie uninformiert sein. Er verschließt dann allerdings die Augen vor den auf der Hand liegenden Informationen, da er weiß, dass ihn die Erkenntnis in einen inneren Konflikt bringen würde. Und es gibt sicher auch Konsumenten, die über die Lage der Tiere in der Massentierhaltung Bescheid wissen, aber aus Ignoranz nichts an ihrem Essverhalten ändern wollen.

Umweltprobleme

Ein weiterer Aspekt, sich für eine vegane Lebensweise zu entscheiden, ist die Auseinandersetzung mit den Umweltproblemen unserer Zeit.

So wurden beispielsweise im Amazonasgebiet bereits 70 Prozent des Regenwaldes für Weideflächen und zum Anbau von Futtermitteln abgeholzt. Das trägt zum Klimawandel und der Umweltzerstörung bei. Aus der Abholzung von Wäldern resultiert der nächste Punkt.

Durch die Rodung artenreicher Wälder wird vielen Tierarten ihr Lebensraum genommen. Die dort entstehenden Monokulturen bieten keinen Platz für Artenvielfalt. Auch in den Weltmeeren ist der Artenreichtum durch Überfischung stark gefährdet.

Der „Produktionsprozess“ eines Kilogramms Fleisch benötigt 15.500 Liter Wasser. Diese Menge wird gebraucht für die Bewässerung der Felder, auf denen die Futtermittel produziert werden, als Trinkwasser für die Tiere sowie für die Weiterverarbeitung der Fleischprodukte. Auch bei der Reinigung der Ställe wird Wasser benötigt. Dieses gelangt dann teilweise ungeklärt ins Grundwasser. Zudem wird das Wasser bei der Produktion von Futtermitteln in der konventionellen Landwirtschaft durch Pestizide, Herbizide und Medikamente verseucht. Zusätzlich trägt die Fleischproduktion dazu bei, dass über die Entsorgung der anfallenden Gülle auf den Feldern der Boden und das Grundwasser mit Nitraten und Phosphaten überastet werden.

Durch Monokulturen für Futtermittel und Überweidung kommt es zur Bodenverdichtung und Erosion. Darunter leidet die Bodenfruchtbarkeit. Der Versuch, mit Düngern die Fruchtbarkeit wieder zu verbessern, führt jedoch zu anderen Problemen.

Aus den genannten Gründen der Ethik und des Umweltschutzes erscheint es also nur vernünftig, ganz auf den Verzehr tierischer Produkte zu verzichten. Ich selbst traf diese Entscheidung vor circa zwei Jahren und dachte, damit etwas zur Verbesserung unserer Welt beigetragen zu haben. Mit der Zeit kamen mir allerdings Zweifel, ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Dabei waren weniger Mangelerscheinungen, die häufig als Kritikpunkt an veganer Lebensweise vorgebracht werden, der Grund meines Nachdenkens. Vielmehr stellte ich mir die Frage, was es in der Konsequenz bedeutet, unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen vegan zu leben. Es bedeutet, auf Fleischersatzprodukte wie Tofu, Sojageschnetzeltes oder vegane Wurst von Wiesenhof zurückzugreifen. Und es heißt, Sojajoghurt, Mandelmilch und vegane Sahne auf Palmölbasis im Supermarkt zu kaufen. Und ich ertappte mich dabei, in großen Mengen Obst und Gemüse zu essen, welches vom anderen Ende des Ozeans stammte, zum Beispiel Avocados aus Mexiko. Ich ahnte, dass dies alles nicht richtig sein kann und begann, mich näher zu informieren. Dabei stieß ich unter anderem auf folgende Erkenntnisse:

Zerstörung regionaler Wirtschaften in der sogenannten „dritten Welt“

Gerade der Anbau von Soja und Palmöl ist sehr kritisch zu betrachten. Er wird beherrscht von multinationalen Konzernen. Für die riesigen Plantagen werden Regenwälder abgeholzt und kleinbäuerliche Familien von ihrem Land vertrieben und ihrer Existenzgrundlage beraubt. Eine sehr detaillierte und aufschlussreiche Dokumentation zu diesem Thema lief jüngst auf Arte und ist an dieser Stelle sehr zu empfehlen, da die Ausführungen dazu den Rahmen dieses Beitrages sprengen würden. Zudem kommt es beim Anbau von Monokulturen zum Einsatz von Glyphosat, was sowohl die Umwelt als auch die Gesundheit des Menschen belastet. Auch wenn Soja bislang vor allem in der Futtermittelproduktion benötigt wird, so stammt das Soja, welches sich in veganen Produkten befindet, oft von den selben Plantagen. Man könnte zwar argumentieren, dass Regenwaldabholzung, Vertreibung und der Einsatz von Pestiziden auf Grund der großen Nachfrage überwiegend „tierische“ Probleme sind. Doch muss man sich die Frage stellen, ob sich diese Probleme auflösen würden, wenn alle Menschen vegan leben würden. Soja wäre dann kein Futtermittel für die Massentierhaltung mehr, sondern Massennahrungsmittel für uns Menschen. An den Strukturen, die dem Sojaanbau zugrunde liegen, würde sich nichts ändern.

Weite Transportwege

Auch wenn die vegane Ernährung Umweltprobleme löst, die mit der Massentierhaltung verbunden sind, schafft sie spezifische neue. Um vegane Ernährung vielfältig und abwechslungsreich zu gestalten, wird gern auf „exotische“ Produkte zurückgegriffen. Diese weisen lange Transportwege und miserable CO2-Bilanzen auf und schaffen in den Herkunftsländern dann Probleme, wenn sie zu Massenprodukten werden. Es würde das passieren, was wir aktuell bei Palmöl und Soja erleben. Hinzukommt, dass es keinen Unterschied macht, ob das Soja, welches derzeit zu Futterzwecken übers Meer geschifft wird, dann als Nahrungsmittel diese Wege in denselben Mengen hinter sich bringen müsste.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Menschen mit einer veganen Ernährungsweise für die Tierrechte einstehen und einen Beitrag zur Verbesserung der Haltungsbedingungen der Tiere und im besten Fall zur Abschaffung der Massentierhaltung leisten. Umweltprobleme und Armut in der „dritten Welt“ lassen sich, unter den derzeit gegebenen Zuständen, aber auch durch Veganismus nicht lösen.

Zurück zur Natur

Wenn nun aber klar ist, dass es nicht mehr tragbar ist, sich von Produkten aus Massentierhaltung zu ernähren, „Scheuklappenveganismus“ aber keine Patentlösung ist, sollte man deshalb resignieren und glauben, als Einzelner könne man doch nichts verändern? Oder ist die Ernährungsweise nicht doch ein Bereich, in dem man jeden Tag etwas zur Verbesserung der Situation von Mensch und Natur beitragen kann? Dabei sollte man sich bewusstmachen, dass nicht Massentierhaltung oder Veganismus selbst das Problem sind, sondern die kapitalistische Wirtschaftsweise, unter der die Nahrungsproduktion stattfindet. Es geht also darum, auch bei seiner Ernährung auf Produkte zurückzugreifen, die nicht aus Kreisläufen stammen, die dem unendlichen Wachstumszwang unterliegen. Dabei ist es ökologisch und ökonomisch am wertvollsten, regionale Wirtschaften zu unterstützen und damit zu stärken. Es kommt vor allem darauf an, dass wir den Konsum tierischer Produkte drastisch reduzieren, denn nur dann können Tiere artgerecht gehalten werden. Für mich persönlich ist es ethisch vertretbar, tierische Produkte zu essen, solange die Tiere in Würde leben. Wer sich generell gegen das Halten und Töten von Tieren ausspricht, wofür es auch gute Gründe gibt, müsste sich also letztlich regional vegan ernähren. Wem dies konsequent gelingt, vor dem kann ich nur den Hut ziehen.

Allerdings ist es auch schwierig, beim regionalen Bauern vollständig zu durchschauen, woher er seine Futter- oder Düngemittel bezieht und welche kommerziellen Absichten er verfolgt. Der sicherste Weg besteht also darin, selbst in den Garten zurück zu finden. Hierfür gibt es in der Stadt und auf dem Land und unabhängig von der finanziellen Situation verschiedenste Möglichkeiten: Wer ein eigenes Grundstück hat, muss sich keinen englischen Rasen halten, sondern kann einen Nutzgarten mit Obststräuchern und -bäumen, Gemüsebeeten und einem Hasenstall anlegen. Wer in einer Mietwohnung lebt, kann für wenig Geld einen Kleingarten pachten und sich dort sein kleines Paradies errichten. Die Tomatenpflanze auf dem Balkon kann schon ein Anfang sein. Darüber hinaus gibt es in vielen Großstädten Gartenprojekte, an denen man sich beteiligen kann.

Gemeinsam ist all diesen Möglichkeiten nicht nur die reine Selbstversorgung. Es steckt viel mehr dahinter und dies ist der eigentliche Clou beim Ausstieg aus marktwirtschaftlichen Strukturen: Es entstehen Beziehungen zwischen Menschen, die bislang vereinzelt waren. Das Erlebnis, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen und dabei zu erleben, wie etwas Gutes für die Umwelt und einen selbst entsteht, macht Mut und gibt Zuversicht. Wir lernen wieder, die Natur nicht nur als Ware zu begreifen, sondern sie als unseren größten Schatz zu verstehen. Ganz nebenbei erlernen wir handwerkliche Fertigkeiten, die wir Fachidioten scheinbar schon verloren haben. Das Glücksgefühl, das man erlebt, wenn die selbst gesetzten Radieschen aus der Erde sprießen, die selbst gezimmerte Gartenlaube steht oder die Himbeeren nach dem gelungenen Verschnitt prächtige Früchte tragen, ist unbeschreiblich. Und Tieren, mit denen man zusammenlebt, erweist man automatisch Respekt und ist dankbar für die Verbundenheit, die man spürt. Mit einer solchen Grundhaltung ist es schier unmöglich, Tiere gedankenlos zu töten und zu essen.

Tiere und die Erde erfüllen mehr als nur das Grundbedürfnis nach Nahrung. Sie zeigen uns den Weg zu uns selbst.

Zum Abschluss empfehle ich noch eine leckere vegane Rezeptidee für jeden Anlass:

Vegane Buletten

Das brauchst du für ca. 8 Stück:

So geht’s:


Nina Forberger wurde 2001 in der Nähe von Dresden geboren und besucht derzeit die 11. Klasse eines Gymnasiums. Neben dem Tanzen, ihrem langjährigen Hobby, hat sie schon früh das Schreiben für sich entdeckt. Von der 8. bis zur 10. Klasse schrieb sie für die Schülerzeitung der Schule, fühlte sich dort allerdings eingeschränkt. Das politische Interesse kommt aus der Familie, den letzten Anstoß zum kritischen Denken lieferte ihr Fabian Scheidlers Buch „Das Ende der Megamaschine“. Über das Verfassen eigener Texte positioniert sie sich politisch. Sie möchte nach bestandenem Abitur zunächst ein Jahr als Lehrerin im Ausland arbeiten.

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