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Journalistische Messdiener

Journalistische Messdiener

Die Medien scheuen sich, das Spiel zu entlarven, dessen Mitspieler und Profiteure sie sind. Exklusivabdruck aus „Sabotierte Wirklichkeit“.

Die Ausnahme: Ein Journalist, der eine kritische Frage stellt

„Die Chance, zur Schaffung der Wahrheit beizutragen, hängt (…) von zwei Hauptfaktoren ab, die mit der eingenommenen Position verknüpft sind: dem Interesse, die Wahrheit zu kennen und sie den anderen zugänglich zu machen (oder umgekehrt: sie sich und den anderen zu kaschieren), und der Fähigkeit, sie hervorzubringen“ — Pierre Bourdieu (1).

„Der niederländische Journalist Rob Savelberg ist mit einer einzigen Frage an Angela Merkel zum YouTube-Star geworden. Er wollte wissen, wie Merkel ausgerechnet Wolfgang Schäuble, der mal ,100.000 Mark in seiner Schublade‘ vergessen habe, das Finanzministerium überlassen könne“ (2).

Dies ist der Vorspann eines Interviews, das Die Welt mit Savelberg geführt hat. Im Grunde genommen lässt sich aus den angeführten Zeilen in verdichteter Form ablesen, warum so viele Bürger Medien kritisieren. Im Grunde genommen zeigt der „Fall“ Savelberg in anschaulicher Form, wie die Schieflagen im Journalismus unserer Zeit aussehen, und führt uns vor Augen, dass wir mit den in diesem Buch aufgestellten Thesen eines journalistischen Feldes, das dysfunktional ist und sich zu oft außerstande zeigt, einen tatsächlich herrschaftskritischen Journalismus hervorzubringen, nicht falsch liegen.

Es lässt tief blicken, dass wir in das Jahr 2009 zurückgehen müssen, also auf ein Beispiel zugreifen, das schon länger zurückliegt. In der letzten Dekade hat es, soweit mir bekannt, in Deutschland keinen vergleichbaren Fall gegeben, bei dem ein Journalist den Nichtangriffspakt zwischen Journalisten und Politikern auf eine Weise ignoriert hat wie Savelberg (3).

Was ist passiert? Es ist Oktober 2009, 12:05 Uhr. Phoenix überträgt live von der Bundespressekonferenz aus Berlin. Die neu gewählte Bundesregierung stellt ihren Koalitionsvertrag vor. Zahlreiche Medienvertreter haben sich eingefunden. Auf dem Podium sitzen Guido Westerwelle (FDP), Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU). Der niederländische Journalist Rob Savelberg meldet sich zu Wort. Er sagt zu Merkel, dass sie auf der Pressekonferenz „ziemlich viel über Geld und über die Finanzen der Bundesrepublik Deutschland“ rede. Allerdings wolle sie nun Wolfgang Schäuble (CDU) als Bundesfinanzminister einsetzen, der „im deutschen Bundestag öffentlich beteuert hat, dass er einen Waffenhändler nur einmal getroffen und dabei vergessen hat, dass er von ihm 100.000 D-Mark angenommen hat“.

Auf Telepolis hieß es damals:

„Angela Merkel zuckte zusammen, Guido Westerwelle schloss entsetzt die Augen, Horst Seehofer lachte verlegen auf: Mit einer einfachen Frage hat der niederländische Journalist Rob Savelberg die künftige deutsche Staatsführung sichtlich in Bedrängnis gebracht“ (4).

Setzen wir uns mit der Frage, aber auch mit Savelberg und seinen Kollegen im Raum näher auseinander. Eine Bitte nun an Sie, liebe Leserinnen und Leser: Schauen Sie sich bitte dieses einminütige Video der Pressekonferenz an, das Sie unter dem Link in der folgenden Fußnote finden (5). Lassen Sie die Fragen von Savelberg auf sich wirken und beobachten Sie bitte auch das Verhalten der anderen Journalisten.

Was sehen wir? Wir sehen einen Raum gefüllt mit Journalisten. Bewaffnet mit Papier und Stiften, sitzen sie auf Stühlen und blicken nach vorne, wo auf einem Podium ranghohe Politiker Platz genommen haben. Der Anlass, die Vorstellung des Koalitionsvertrages, ist von großer Bedeutung. Eine neue Regierung wurde gebildet. Es geht darum, welche grundsätzliche Richtung die Politik einschlagen und damit in den nächsten Jahren Deutschland auch ein Stück weiter prägen wird. Anders gesagt: Dies ist einer der Zeitpunkte, bei denen es darauf ankommt, dass Journalisten nicht mit Watte werfen, sondern kritische Fragen stellen.

Rob Savelberg hat gezeigt, dass das kein Ding der Unmöglichkeit ist. Er führt uns vor Augen, wie es aussieht, wenn ein Journalist jene Schutzmauern durchbricht, die Politiker mit Journalisten gemeinsam gebaut haben. Schutzmauern, hinter denen sich all jene Grundsätze verbergen, die Medien zwingend hinterfragen müssten, es aber auch deshalb nicht tun, weil sie zu oft weltanschaulich, politisch und so weiter an diesen Grundsätzen nichts auszusetzen haben. Die (mentale) Nähe und ideologische Verbundenheit zwischen Journalisten und Politikern zeigt sich auch darin, wie eine ganze Medienlandschaft es versteht, wirklich harte Fragen an Politiker viel zu oft nicht zu stellen.

Viele Journalisten nehmen bestimmte hochproblematische gesellschaftliche Realitäten so selbstverständlich hin wie jene Politiker, die dafür gesorgt haben, dass diese Wirklichkeiten sich ausformen konnten. Die Komplizenschaft zwischen diesen beiden Gruppen kommt erneut zum Vorschein.

Wer sich erinnert, wie sich Schäuble im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre verhalten hatte, dem erscheint die Frage Savelbergs wohl durchaus berechtigt. Dennoch scheuen viele Medienvertreter die direkte Konfrontation — vermutlich käme ihnen in dieser Situation eine solche Frage nicht einmal in den Sinn. Man fährt eben einer Bundeskanzlerin Merkel und einer neuen Regierungskoalition nicht auf diese Weise in die „Parade“. Vielleicht auf eine andere Weise: ja. Aber eben nicht so, wie es Savelberg getan hat. Nur: warum eigentlich nicht?

Mit all dem, was wir in diesem Buch an Informationen zum journalistischen Feld und den Akteuren, die sich in ihm bewegen, zusammengetragen haben, können wir sagen: In der Frage ist eine Art Tabubruch angelegt. Savelberg überschreitet eine von Politikern und Journalisten „sozial ausgehandelte“ rote Linie, über die Einverständnis besteht, dass sie nicht überschritten wird. Wer das Buch bis an diese Stelle aufmerksam gelesen hat, weiß, dass diese „rote Linie“ nicht deshalb gezogen wurde, weil Journalisten und Politiker sich in einem Hinterzimmer getroffen und in einem für beide Gruppen offensichtlichen Akt die Grenzen des Angreifbaren festgelegt hätten.

Die rote Linie, die Savelberg übertreten hat, ist das Produkt eines komplexen Prozesses, der sich aus den Wechselbeziehungen zwischen Politikern und Journalisten einerseits und den Grenzen dessen, was der dominierende Habitus im journalistischen Feld leisten kann (siehe Kapitel 1.1), andererseits ergibt. Wie wir gesehen haben, fällt es dem in den Medien vorherrschenden Habitus extrem schwer, grundlegend herrschaftskritisch zu sein. Die Akteure, die diesen Habitus verinnerlicht haben, wollen Teil des „Spieles“ sein.

Sie wollen nicht aufgrund von „ungebührlichem“ Verhalten ausgeschlossen sein. Anders gesagt:

Journalisten akzeptieren die zum großen Teil von ihnen selbst in einem Akt des vorauseilenden Gehorsams gezogene „rote Linie“ in der Hoffnung — etwas zugespitzt formuliert —, Belohnung von „oben“ zu erfahren.

Wenn wir hier von einem „Akt des vorauseilenden Gehorsams“ sprechen, soll klargestellt sein, dass es sich nicht unbedingt um ein in jeglicher Hinsicht bewusstes, reflektiertes Verhalten handeln muss. Es geht um Antriebe des Habitus, die zwar einerseits sehr präsent und handlungsleitend sind, andererseits aber häufig kaum von den Trägern des Habitus reflektiert und verstehend wahrgenommen werden.

Am Rande: Der journalistische Exzess, das heißt: Jene Berichterstattung, die so mancher Journalist an den Tag legt, wenn ein ranghoher Politiker oder ein ranghohes Mitglied „der Elite“ aufgrund eines Skandals von seinem Thron stürzt, ist jener Moment, in dem der Habitus, der normalerweise häufig im Modus des vorauseilenden Gehorsams operiert, bemerkt, dass er nun die rote Linie verschieben darf. Journalisten haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn „die Großen“ dabei sind zu stürzen. Dann wittert so mancher von ihnen, dass nun die Gelegenheit ist, „draufzuhauen“ und der Welt zu zeigen, dass man es als Journalist selbstverständlich nicht scheut, auch den Mächtigen (beziehungsweise: ehemals Mächtigen) auf die Füße zu treten.

Wir können hier auch mit den Grund dafür erkennen, warum Journalisten und Medien sich grundsätzlich so gerne an den Verfehlungen Einzelner abarbeiten, ihnen dafür aber die kritische Auseinandersetzung mit strukturellen Verwerfungen geradezu ein Gräuel ist. Die Strukturen will dieser Habitus in einer bemerkenswerten Grundsätzlichkeit nicht hinterfragen. Etwas abstrakt formuliert: An den (Herrschafts-)Strukturen richten sich die Träger dieses Habitus aus. Sie wollen sich in den Strukturen bewegen und am liebsten mit ihnen verschmelzen.

Wenn sie (Herrschafts-)Strukturen, die tief in ihren Habitus eingewoben sind, die sie akzeptieren, an die sie glauben, denen sie Respekt zollen, grundsätzlich hinterfragen sollen, dann spüren sie intuitiv, dass ihre Kritik „am Spiel“ zu ihrem Ausschluss aus „den Strukturen“ führen kann. Ebenso intuitiv „wissen“ sie um die Konsequenzen.

Die knallharte Abarbeitung an den (insbesondere moralischen) Grenzüberschreitungen einzelner Bürger dient zur Kompensierung dessen, was manche Journalisten sich aufgrund ihrer inneren Programmierung nicht trauen (und nicht können) anzugreifen (die Strukturen). Dass es sich bei diesen publizistischen Angriffen gegen jene, die plötzlich „vogelfrei“ sind (in aller Regel werden dann Politiker, Wirtschaftsbosse, oft aber auch einfache Bürger zur Zielscheibe), in Wirklichkeit um alles andere als einen herrschaftskritischen Journalismus handelt, sondern vielmehr häufig um schamlose Akte eines feigen Missbrauchs journalistischer Macht, spielt dabei für viele Medien und Journalisten keine Rolle.

Gewichtige Teile der Medien applaudieren ob des Spektakels dem- oder denjenigen, die der Beute den entscheidenden Schuss versetzt haben, dürfen nun voller Hoffnung auf eine weitere Karriere sein, während jene Medienhäuser, die bei den alljährlich stattfindenden Hetzjagden mitgemacht haben, sich gegenseitig feiern.



Quellen und Anmerkungen:

Die vollständigen Quellenangaben können dem Buch entnommen werden.

(1) Bourdieu 1993, S. 22.
(2) Schneider, Falk: „Hartnäckige Nachfrage: Journalist nervt Merkel und wird zum YouTube-Star“ Die Welt, 26. Oktober 2009. (Zugriff: 14. April 2019).
(3) Eine Glanzleistung sind sicherlich oft die Fragen, die Tilo Jung (Format: Jung + Naiv) auf der Bundespressekonferenzen stellt. Aber er bewegt sich als Vertreter eines alternativen Medienformats außerhalb der Mainstreammedien.
(4) Neuber, Harald: „Schwarzgeld war gestern“ Telepolis, 26. Oktober 2009. (Zugriff: 14. April 2019).
(5) YouTube: Merkel zu Finanzminister Schäuble und den 100 000 D-Mark. Nutzer „steavor“. (Zugriff: 14. April 2019).

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