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Jenseits der Vernunft

Jenseits der Vernunft

Die öffentlichen Debatten zum Corona-Virus werden von irrationalen und unbewussten Motiven bestimmt.

Schon wieder wissen alle Bescheid, jede Position auf ihre Weise, und daher versucht jeder, den jeweils anders Denkenden zu erklären, was da gerade auf der Welt geschieht. Leider verstehen sich fast immer nur die Anhänger derselben Meinung richtig, weil die andere Seite es dummerweise — noch immer — nicht einsehen „will“. Deshalb legt bald schon wieder die eine oder die andere Position nach, um die jeweils konträre in ihre Schranken zu verweisen oder gar mundtot zu machen.

Eigentlich reine Energieverschwendung, doch alle öffentlichen Debatten, ganz egal in welchen Medien sie ausgetragen werden, wimmeln von dieser Ambivalenz und derart irrationalen, unbewussten Manövern.

Wie schade, gerade jetzt, wo uns eine für jeden Einzelnen spürbare, reale Bedrohung endlich einmal weltweit solidarisch vereinen und eine Überwindung der letzten global herrschenden Ideologie einleiten könnte: Diese absurde, anmaßende Verblendung einer materialistischen, kapitalistischen, auf Wettbewerb, Gewinn und Macht über Abhängige setzenden süchtigen Wachstumswirtschaft, die über sämtliche asozialen digitalen Kanäle für sich wirbt wie ein Drogendealer für seinen Stoff und dabei überall auf der Welt die Entfremdung und Zerstörung von Mensch und Natur weiter vorantreibt.

Eine derart lebensfeindliche, ausbeuterische Gesinnung hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auf unbewusste und erschreckende Weise zu einer selbstdestruktiven Logik entwickelt: Die Zusammenhänge zwischen dem Raubbau an der äußeren Natur und an der des eigenen Leibes wird längst für jeden offenkundig, der nicht wegschauen muss, weil er mit dieser Zerstörung unbewusst zutiefst verstrickt ist.

Und wenn es sich dabei um eine fatale psychodynamische Fehlentwicklung handelt, sofern wir nicht von „bösen“, verbrecherischen Unternehmern oder „teuflischen“ politischen Führern ausgehen — den „Monstern“ Hitler oder Trump, dann ist auch diese Pandemie und ihr weltweiter Umgang damit nur vordergründig mit „vernünftigen“ Strategien und bewusst geplanten Maßnahmen „in den Griff“ zu bekommen. Dann lassen sich allenfalls Symptome bekämpfen, mit Medikamenten unterdrücken oder mit Impfungen in Schach halten, doch wie bei einer Autoimmunkrankheit braucht es ein tieferes Verständnis für den gesamten Lebenszusammenhang eines aus dem inneren Gleichgewicht geratenen Systems.

Wie ein Süchtiger nichts anderes mehr im Sinn hat, als den Gebrauch seiner Droge, auf die er fixiert ist, so wird aktuell andauernd Sicherheit inszeniert und vorgegeben, in dem Maß, wie bestimmte Strategien zu „greifen“ scheinen.

Derzeit herrscht vor allem ein sklavischer Glaube an statistische Zahlendrehereien einer vermeintlich objektiven Wissenschaft. Ähnlich wie ein Süchtiger zu wissen meint, was er tut, und lange Zeit noch denkt, er könne jederzeit auch wieder aufhören, sein Suchtmittel zu benutzen.

Auf der anderen Seite sind die ideologischen Kritiker der Sucht, zum Beispiel die Psychiater, nur auf andere Weise verblendet und hinter ihrer überlegenen Inszenierung vermutlich von unbewussten Größenphantasien oder abgespaltenem Hass gegenüber diesen ohnmächtigen, süchtigen „Versagern“ getrieben. Sie meinen vielleicht, einen abhängigen Patienten mit Argumenten aufklären zu können und damit eine Verhaltensänderung bei ihm zu bewirken — predigen beispielsweise „Laufen statt Saufen!“ — oder sie verabreichen ihm gleich Medikamente und tragen damit nur zu einer Suchtverlagerung bei.

Fortschreiben der Spaltung

Die derzeit so verbreiteten Abgrenzungen zwischen seriösen und unseriösen Medien und Informationsquellen, zwischen aufrechten, widerständigen Virologen, die sich schon immer ausgekannt haben, auf der einen und den verblendeten, systemhörigen, die mit den Herrschenden im Bunde stehen, auf der anderen Seite, führen zu nichts als neuer Propaganda und einem Fortschreiben der Spaltung. Die dabei wiederum jede Seite der anderen vorwirft.

Die einzig nicht ideologische, nicht parteipolitische, nicht religiöse oder vermeintlich „wissenschaftlich objektive“ Sichtweise, wäre eine existenzielle, persönliche und zuerst und zuletzt allein subjektiv gültige.

Denn immer und überall sind es konkrete einzelne Menschen, die da mit der schöpferischen Kraft ihrer sehnsüchtigen Phantasie durch Zeit und Raum irren und ihren persönlichen Weg suchen, finden, verlieren und womöglich wiederfinden. Es sind immer konkrete einzelne Menschen mit ihrer Geschichte, ihrer Kindheit, ihren konkreten Erfahrungen, mit ihren ureigenen Ängsten, ihrer Ohnmacht, ihrem Leiden, ihren Hoffnungen, ihren Wünschen und ihren Träumen von einem guten Leben.

Konkrete einzelne Menschen versuchen überall auf der Welt ihr ureigenes Dasein unter den gegebenen Umständen zu entfalten, und sie tun das immer in einer bestimmten Gesellschaft — der Familie, der Region, des Landes, der Nation, des Kontinents, des Planeten —, in und mit der sie schicksalhaft existieren müssen. Und alle Menschen versuchen sich mehr oder weniger bewusst, ihren eigenen, persönlichen und für sie gültigen Reim darauf zu machen. Ihr Dasein den eigenen Möglichkeiten, Talenten und Fähigkeiten entsprechend zu gestalten, das anzunehmen, was unveränderbar erscheint, und womöglich zu verändern und schöpferisch zu gestalten, was in ihrem eigenen Ermessen zu liegen scheint.

Damit beginnt es, spannend und erst wahrhaft politisch zu werden. Sofern für alle von Geburt an die Existenz, Würde und Gleichberechtigung jedes einzelnen Menschen dieser Welt die einzig allgemeingültige Verbindlichkeit sein kann, die ihr Maß in sich selbst trägt und keine „objektiv gültige“ Wahrheit zu begründen vermag. Außer dieses per se in ihr liegende Paradox von der „Objektivität der Subjektivität“. Erst eine innere, existenzielle Notwendigkeit, die verbindliche Bedeutung jedes einzelnen Menschen zum Ausdruck zu bringen, hat diesen einzig verbindlichen Anspruch hervorgebracht.

Jeder einzelne Mensch vereint in jedem Moment seines Daseins die bewussten und unbewussten Dimensionen seiner Existenz in sich, die ihn handeln und entscheiden lassen. Nach „Lage der Dinge“ und gemäß seiner Mittel und Möglichkeiten. Wenn er das auf der Basis seiner persönlichen Verantwortung tut, verbunden mit der in ihm wirksamen Angst, im redlichen Eingeständnis seiner Begrenztheit, im Annehmen seiner Schwäche und Verletzlichkeit als sterblicher Mensch, wird keine Gewalt und kein Machtanspruch von ihm ausgehen.

Solidarische Weltgemeinschaft

Der Einzelne bleibt jederzeit auf die solidarische Nähe und Gesellschaft seiner Mitmenschen angewiesen, die ebenso wie er selbst darum ringen, ihre eigenen Existenzgrundlagen zu sichern und zu erhalten und die allgemeinen Lebensverhältnisse möglichst so zu gestalten, dass alle Menschen sich unter ähnlich förderlichen Voraussetzungen entwickeln können. In einer solidarischen Weltgemeinschaft gleichgesinnter Individuen, die alle das universale Menschenrecht verbindet, ihren persönlichen schöpferischen Möglichkeiten und Vorstellungen gemäß ihr „wahres“ Selbst zur Welt zu bringen. Jenseits von Entfremdung und Ausbeutung, in Würde als Subjekt des eigenen Daseins existieren zu können und sich entfalten zu dürfen.

Wenn diese Perspektive utopisch erscheint, zeigt sich daran nur, wie weit die Weltgemeinschaft sich von wahrhaftiger, existenzieller, nicht religiös, politisch oder wirtschaftlich verblendeter Solidarität entfremdet hat. Die Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung von Mensch und Natur auf der einen Seite und der Zunahme von psychosomatischen Erkrankungen, Süchten aller Art sowie Infekten, Allergien und chronisch gestörten Immunsystemen, wird längst überall offenkundig. Jeder Einzelne mag es an seinen eigenen spürbaren Überforderungen überprüfen.

Der Umgang mit dieser Pandemie spiegelt den globalen Umgang dieser entfremdeten, kranken Weltgesellschaft mit Angst, Unsicherheit, Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit der menschlichen Existenz.

Sie will sie bewusst nicht wahrhaben, weil sie sich unbewusst davon zutiefst bedroht fühlt. Daher wuchern die Spaltungen aller Art auf allen Kanälen. Und immer gibt wieder irgendwer irgendwem die Schuld, um die eigene Angst dadurch besser in Schach zu halten.

Ob diese Pandemie nun eine „relativ“ harmlose ist oder bleibt, ob sie in stärkerer Form zurückkehrt oder bald ein ganz anderes, noch weit verheerenderes Virus die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt, wird sie andere Lektionen aus dem kollektiven Unbewussten bekommen, um unter Schmerzen zu erwachen oder endgültig unterzugehen. Und zwar solange die Weltgesellschaft es auch in ihren globalen Krisen nicht schafft, gemeinsam innezuhalten, hinzuschauen und wahrzunehmen, wie blindgläubig, wahnhaft und vermessen sie seit Jahrzehnten unterwegs ist,

Wir können die Verbreitung von Seuchen für eine „Strafe Gottes“ halten, wie der Pater Paneloux im Roman „Die Pest“ von Albert Camus aus dem Jahr 1947, oder, wie der Arzt Rieux, mit dem Camus selbst im Roman identifiziert ist, für eine Herausforderung des Schicksals an den Menschen, sich gegen die Absurdität eines unbegreiflichen Leidens aufzulehnen.

So sehr Menschen von unbewussten Kräften angetrieben sind, bleiben sie doch für ihr Tun verantwortlich. Wenn die Absurdität eines von Menschen verursachten Unrechts auf der Welt uns alle und unseren „blauen Planeten“ in den Untergang zu treiben droht, ist jeder Einzelne gefordert, sich dagegen aufzulehnen. Oder zuletzt übernimmt die Natur das „Kommando“, und wir werden uns alle noch wundern, wie erfindungsreich und wirksam sie sich zu wehren weiß.

Wie heißt es so bewegend in dem visionären Film Contagion von Steven Soderbergh, aus dem Jahr 2011, mit der Stimme von Kate Winslet aus dem Off, über das in diesem Fall extrem schnell zum Tod führende Virus:

„Es erforscht uns schneller als wir es erforschen. Es mutiert.“

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