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Jeder hat den Partner, den er verdient

Jeder hat den Partner, den er verdient

Andreas Peglau im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz über die unbewussten Gründe von Partnerschaftskonflikten und mögliche Auswege hieraus.

Herr Maaz, jeder hat den Partner, den er verdient - würden Sie diesen Satz so, wie er ist, unterstreichen, oder halten Sie ihn doch eher für übertrieben?

Das ist für mich schon eine gute Metapher, weil sich da eine tiefe Wahrheit ausdrückt, die in vielen Partnerschaften zum Ausdruck kommt. Bei den Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, ist das immer so. Dieser Satz hat ja auch etwas Negatives: dass sich Menschen zusammenfinden, die etwas Belastendes, Störendes miteinander austragen – beziehungsweise gerade davon in der Beziehung festgehalten werden.

Dafür gibt es von dem Schweizer Psychotherapeuten Jürg Willi den Begriff „Kollusion“: Zwei Partner verbindet eine gemeinsame Grundstörung, die sie aber auf verschiedenen Polen austragen, die wie Schlüssel und Schloss zusammenpassen. Wenn also einer immer führen, dominieren muss, wählt er sich einen Partner, der gerne folgt, wenn einer verehrt werden will, wählt er sich einen Partner, der gerne zu jemandem aufschaut - und so weiter. Dieses Gefühl, zueinanderzupassen wie Topf und Deckel, macht nahezu die Verliebtheit aus, die anfängliche Faszination am Anderen.

Das muss man sich beispielsweise so vorstellen:

Bei beiden Partnern wurde das Bedürfnis, so wie man ist, geliebt und anerkannt zu werden, von den Eltern nicht hinreichend befriedigt. Der eine hat nun gelernt, sich Zuwendung zu erarbeiten, indem er ständig aktiv war, die Eltern unterhalten hat. Der andere dagegen bekam Anerkennung für seine Zurückhaltung, seinen Gehorsam, seine Pflegeleichtigkeit. Wenn sie sich jetzt als erwachsene Menschen begegnen, können sie diese Methoden, sich einen Liebesersatz zu verschaffen, erneut erfolgreich aneinander zur Anwendung bringen. Hätten andernfalls beide gelernt, aktiv sein zu müssen, gerieten sie ständig in Konkurrenz zueinander, statt sich näherzukommen. Wenn aber beide zum Passivsein erzogen wurden, versacken sie höchstens gemeinsam in Langeweile.

Aber eben auch für die „Schlüssel-Schloss-Partner“ ergibt sich nach einiger Zeit – vielleicht erst nach mehreren Jahren – ein Problem: Was sich zunächst so gut ergänzt hat, wird jetzt zur Belastung. Jeder hält den anderen in der einmal fixierten starren Rollenverteilung fest; eine individuelle Entwicklung ist nicht mehr möglich.

Da aber menschliche Bedürfnisse immer von polaren Gegensätzen geprägt sind – wir wollen nicht nur führen, sondern auch geführt werden, aktiv und passiv, fleißig und faul sein und so weiter – steckt in einem so einseitig orientierten Menschen immer auch die Sehnsucht, die andere Seite auch noch zu entwickeln. Aber genau damit würde er den Partner in Konflikte bringen und die Grundlage der Partnerschaft gefährden.

Reicht diese Erklärung auch aus, um beispielsweise zu verstehen, wenn ein ständig betrunkener Mann seine Frau immer wieder verprügelt und sie ihn trotzdem immer wieder aufnimmt, vielleicht sogar tröstet? Was würden Sie hier als verbindende Gemeinsamkeit ansehen?

Die Gemeinsamkeit könnte ihre Sehnsucht sein, verbunden zu sein, in einer Beziehung zu leben – die aber tragischerweise nicht anders, nicht besser gelebt werden kann als durch Helfen- und Rettenmüssen oder durch Schlimmeserdulden und Verzeihendürfen auf der einen Seite und über Sorgenbereiten, Hilfsbedürftig- oder Unerträglichsein auf der anderen Seite.

Ich kenne eine Fülle von Beispielen dafür, dass Menschen eine solche tiefe Sehsucht nach Zuwendung haben, dass sie lieber auch Prügel annehmen – das ist wenigstens eine Form von Kontakt – als gar nichts zu bekommen. Also, ehe man völlig alleine ist, hält man lieber an einer Beziehung fest, die wenigstens Streit und Aneinander-Leiden erlaubt.

Kann es aber nicht auch sein, dass die Frau, die das aushält, bereits in ihrer Kindheit auf das „Prinzip Schlagen“, auf Brutalität als vorherrschendes Merkmal menschlicher Beziehungen geprägt wurde und genau das jetzt unbewusst wieder sucht? Auf diese Weise erhält sie doch vielleicht wieder diesen einzigen „Liebesbeweis“, den sie je kennengelernt hat und aus dem sie vielleicht gelernt hat, wenigstens eine Art masochistische Lust zu ziehen. Anders formuliert: Sie ist nicht nur trotz, sondern auch wegen der Brutalität ihres Partners mit ihm zusammen.

Das wäre eine andere mögliche Erklärung für tragisch verlaufende Beziehungen: Das, was wir in der Psychotherapie Wiederholungszwang nennen: dass die frühen Erfahrungen, die Kinder mit ihren Eltern machen, so prägend sein können, dass sie noch im Erwachsenenleben fortgeführt werden – selbst dann, wenn sie irgendwann als unsinnig, störend oder gar selbstzerstörerisch erkannt werden.

Einmal, weil die Ursprünge längst unbewusst geworden sind. Aber vor allem auch deshalb, weil ein „besseres“ Verhalten unweigerlich damit konfrontieren würde, wie lieblos bis existentiell bedrohlich es damals in der Kindheit wirklich war. Da wird es schon verständlich, wenn viele lieber an einer unglücklichen Partnerschaft leiden wollen – ja sogar unbewusst dafür sorgen, dass es Leid und Streit gibt –, um sich damit vor den tieferen, sehr bedrohlichen Gefühlen aus der Kindheit zu schützen. Die Partnerschaft ist dann praktisch das erträglichere Ersatzleid.

Und um das nicht ertragen zu müssen, gehen wir also schöneren, sinnvolleren Beziehungen aus dem Weg, beziehungsweise sind schon nicht mal in der Lage, bei entsprechenden Partnern diese Anfangsfaszination zu entwickeln?

Ja, so ist das leider.

So erklärt sich aber auch die nahezu paradoxe Tatsache, dass viele Menschen vor nichts mehr Angst haben, als vor wirklicher Liebe und Nähe – obgleich sie sich auch nichts stärker wünschen als solche Liebe.

Immer wenn es gut und schön zu werden „droht“, wird ein Streit, eine Kränkung, ein Problem, vielleicht auch ein kleiner Unfall unbewusst provoziert – und das bisherige „Weltbild“ stimmt wieder. Denn wenn dies in Frage geriete, dann wäre ja auch die ganze bisherige Lebensgeschichte angefragt.

Sie haben mehrfach davon gesprochen, welche irrealen Erwartungshaltungen in puncto Sexualität Menschen oft haben, was sie fälschlicherweise von ihren Partnern erwarten – zum Beispiel, diese könnten ihnen den Orgasmus „machen“. Aber – so lautet Ihre therapeutische Erfahrung – ich bin auch dafür selbst verantwortlich, ich muss mich selbst „loslassen“ können. Wozu brauche ich dann noch den Partner oder die Partnerin?

Ich denke, wir müssen davon ausgehen, dass wir Menschen von Anfang an nur als soziale Wesen existieren können. Ich brauche den Kontakt, ich brauche die Beziehung zu anderen Menschen, um überhaupt zu erfahren, wer ich bin. Also: Ich kann nur im „Du“ erfahren, wer „Ich“ bin.

Das bedeutet auch, dass die eigene Identität variiert, je nachdem, mit wem man in Kontakt ist, dass dadurch verschiedene Seiten der eigenen individuellen Möglichkeiten anklingen oder auch zurückgedrängt werden.

Die andere Seite ist, dass wir ganz wesentliche Bedürfnisse haben, die sozialer Art sind: Ich will nicht nur geliebt werden, ich will auch lieben. Ich will nicht nur verstanden sein, ich will auch andere verstehen. Ich will nicht nur sprechen, ich will auch hören.

Es gibt Untersuchungen aus dem vergangenen Jahrhundert, die in einem Waisenhaus angestellt wurden, um festzustellen, ob es eine „Ursprache“ der Menschen gibt: Fangen Menschen von sich aus an zu sprechen, wenn sie nicht angesprochen werden?

Man hat also Waisenkinder den damaligen Anschauungen entsprechend völlig korrekt versorgt – aber nicht mit ihnen gesprochen. Diese Kinder sind alle schwerkrank geworden oder sogar gestorben.

Ein ziemlich schlimmes Experiment, finde ich. Menschen brauchen Menschen, um selber Menschen werden zu können. Aber wie wichtig ist der konkrete Partner, die konkrete Partnerin für mich? Ist es egal, ob ich mit einer 70-Jährigen oder einer 17-Jährigen, einer Zwei-Zentner-Frau oder meinem etwas schlankeren Schönheitsideal im Bett liege: Ich muss mir ja meinen Orgasmus sowieso selbst machen? Sind die, die dabei anwesend sind, völlig austauschbar?

Ja und nein. Menschen brauchen Menschen – wie gesagt. Jetzt kann man aber verschiedene Aspekte hervorheben: Männer brauchen Frauen, um sich als Mann erleben zu können, und Frauen brauchen Männer, um sich als Frau erleben zu können. Das eigene Geschlecht wird im Grunde erst richtig erfahrbar im Verhältnis zum anderen Geschlecht – aus den Unterschieden heraus.
Wenn wir jetzt noch weiter eingrenzen – auf die Sexualität –, dann muss man verstehen, dass Sexualität eben nicht nur ein biologischer Akt ist, sondern auch ein ganzkörperliches, ein seelisches, ein soziales Geschehen – und ein spirituelles. Also alle menschlichen Dimensionen sind beteiligt.

Und das bedeutet doch, dass die mögliche Lusterfahrung nicht allein von der Betätigung an den Geschlechtsorganen abhängt, sondern zum Beispiel auch davon, welche Gefühle man füreinander empfindet: Zuneigung, Zärtlichkeit, Verständnis, Liebe oder Angst und Ablehnung. Und das wiederum schafft günstige oder ungünstigere Voraussetzungen dafür, dass man sich seinen Orgasmus gestattet.

Insofern sind sexuelle Befriedigung und erfüllte Partnerschaft zunächst vom Prinzip her tatsächlich mit jedem anderen Menschen denkbar. In der Realität unserer Kultur, mit all ihren Ängstigungen und Einschränkungen, wird sich eine solche sinnerfüllte Beziehung – also eine nicht-kollusive Beziehung, in der sich die Partner im besten Sinn gegenseitig ergänzen, ermutigen, tragen – nur ganz selten spontan herstellen. In den allermeisten Fällen muss sie mühevoll erarbeitet werden.

Und da wird deutlich, dass dieses Prinzip – dass es eigentlich mit jedem Menschen möglich wäre – erheblich eingeschränkt wird durch die Frage: Mit welchem Menschen vermag ich diese Beziehungsarbeit zu leisten? Also darunter verstehe ich die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen und dabei zu erkennen und zu verstehen, welche Störungen und Behinderungen ich mitbringe und wie ich diese aushalten und bewältigen kann, ohne diese Last auf den Partner abschieben zu wollen.

Es gehört auch die Bereitschaft dazu, den Partner als gleichberechtigt zu akzeptierten und seine Belange und Möglichkeiten verstehen zu sollen. Beide sollten also lernen, sich aus der Rolle des Ersatzvaters oder der Ersatzmutter zu entlassen. Damit muss allerdings auch die Hoffnung endgültig aufgegeben werden, doch noch zu bekommen, was man von den Eltern nie bekam, aber so dringend gebraucht hätte.

Das bedeutet auch den Verzicht darauf, sich am Partner abzureagieren und sich rächen zu wollen für Schlimmes, was einem früher angetan worden ist. Und da es natürlich auch aktuelle, ganz reale Fehler und Böses und Schlechtes gibt, ist es mitunter sehr schwer, eine solche Gelegenheit nicht doch noch – aus der Überzeugung heraus, im Recht zu sein – zu nutzen, um nun endlich seinen Gefühlsstau abzureagieren. Die Unverhältnismäßigkeit der Reaktionen zu den gegebenen Anlässen verrät uns häufig eine solche Verschiebung. In der Beratung sage ich dazu meistens: 10 Gramm gehören dem Partner und 90 Gramm werfen Sie aus der Lebensgeschichte mit dazu!

Bei diesen Überlegungen kann deutlich werden, wie sehr ein konkreter Partner hilfreich oder belastend, förderlich oder hinderlich sein kann, um eine solche schwierige Beziehungsarbeit zu leisten. Die Bereitschaft und Fähigkeit dazu macht am Ende den konkreten Unterschied zwischen potentiellen Partnern aus.

Wie groß sind denn nach Ihren Erfahrungen in der Realität einer durchschnittlichen Partnerschaft die Chancen für eine solche Beziehungsarbeit? Können sich zwei Kaputte überhaupt gegenseitig ganz machen?

Ich sage wieder prinzipiell ja – aber unter den schon beschriebenen Bedingungen einer kollusiven Bindung sehr schwer.

Therapeutisch gehen wir mit diesem Problem so um, dass wir erst einen Partner und dann den anderen in Therapie nehmen, also erstmal jedem Einzelnen Gelegenheit geben, seine innere Problematik, die meistens auf den Partner delegiert wurde, wieder als eigene zu erkennen. Und dann – das ist natürlich der Idealzustand –, wenn beide es wollen, beide noch einmal zusammen in Therapie zu nehmen, um deutlich zu machen, wie bei ihnen konkret dieses Schloss-Schlüssel-System funktioniert, durch welche Verhaltensweisen das ausgelöst, provoziert wird. Und wie der Wiederholungszwang in ihrem Fall funktioniert.

Es gilt die Regel: In der Partnerschaft ist das eigene Problem verdoppelt. Oder: Im Streit sind immer beide gleichermaßen beteiligt. Im Grunde genommen gibt es den Fall nicht, dass einer mehr Recht hätte als der andere. Wer am Konflikt festhält, hat es offensichtlich auch nötig – so spielt das Rechthaben nur eine Nebenrolle.

Wie lässt sich das therapeutisch bearbeiten? Was unterscheidet eine solche Paartherapie von der Gruppen- oder Einzeltherapie, die Sie sonst anwenden?

Im Grunde genommen, gar nichts: Es geht darum – wie sonst auch –, das eigene Erleben und Reagieren besser zu verstehen, die lebensgeschichtlichen Hintergründe dabei zu erkennen und sich die dazugehörigen Gefühle zu erlauben. Wer fühlen kann, muss nicht mehr ausagieren. Und dieser Erkenntnis- und Gefühlsprozess geschieht in Anwesenheit des Partners.

So wächst die Chance, nicht nur die eigenen Probleme, sondern auch die des Partners besser zu verstehen und die wechselseitige Verzahnung zu begreifen. Eine reife, erwachsene Persönlichkeit zu werden, heisst in diesem Zusammenhang: den Partner nicht mehr missbrauchen zu müssen – nicht als Glücksbringer, nicht als Müllkippe, nicht als Klagemauer und nicht als Prügelsack.

Kaputte Paarbeziehungen sind meiner Meinung nach viel verbreiteter als gute therapeutische Angebote. Was lässt sich alleine machen – zu zweit?

Also diese Frage lässt sich so allgemein nicht schlüssig beantworten. Ich denke, die Bandbreite der Paarproblematik reicht von schweren Fällen, die ohne therapeutische Hilfe mit Sicherheit nicht aus ihrer Verstrickung finden, bis zu leichteren, die sich – vielleicht unterstützt durch Informationen in Büchern oder Zeitschriften – selbst helfen können.

Eine Möglichkeit, ohne professionellen Experten weiterzukommen, beschreibt Michael Lukas Moeller in seinem Buch über „Zwiegespräche“: ein relativ einfaches Reglement, um zu lernen, sich in Konfliktsituationen wechselseitig zuzuhören und von sich zu sprechen – statt immer nur über Dritte zu reden oder sich im Streit festzufahren. Ähnliches lässt sich natürlich auch in Selbsthilfegruppen praktizieren, wo man ja sehr gute Chancen hat, über den Rand des eigenen Suppentopfes, der eigenen Kollusion hinwegzuschauen und sich dabei von ähnlich Betroffenen horizonterweiternd helfen zu lassen.

Hilfreich kann es zum Beispiel auch sein, die aus der Transaktionsanalyse stammende Einteilung innerseelischer Zustände in ein Kindheits-Ich, ein Eltern-Ich und ein Erwachsenen-Ich zu nutzen – Zustände, die in jedem Menschen vorhanden sind. Ich kann also zu einem bestimmten Zeitpunkt aus meinem Kindheits-Ich heraus Sehnsüchte haben nach Schutz, Anleitung oder Hilfe.

Wenn ich das mitbekomme, kann ich zu meinem Partner sagen: Ich brauch jetzt deine elterliche Funktion, weil ich in Not bin. Also man kann es aushandeln, auf diese Weise füreinander da zu sein. Wenn man stattdessen zwar aus dem Kindheits-Ich heraus handelt, aber das nicht deutlich macht – so tut, als befände man sich auf der Erwachsenen-Ebene –, dann entstehen die Konflikte: aus der Verwirrung der beteiligten Rollenebenen.

Eine ausgewogene Beziehung dagegen wäre dadurch gekennzeichnet, dass man in etwa gleichwertig diesen Rollenwechsel nutzt: Jeder braucht immer mal wieder die Hilfe des anderen als gute Mutter oder guten Vater – und wenn es jeweils nur für eine Stunde ist.

Eine der Spielregeln in Ihrer und anderen vergleichbaren Therapien ist es, aufkommende Gefühle in die therapeutische Situation einzubringen – auf die Couch, auf die Matte oder in die Gruppe – und nicht nach außen verpuffen zu lassen. Wenn ich zum Beispiel endlich wütend genug auf den Therapeuten geworden bin, um es ihm ins Gesicht zu schreien, sollte ich nicht stattdessen diese Wut an einer Kaufhallenverkäuferin auslassen. Nur so bringe ich meine Konflikte da zum Kochen, wo sie auch sinnvoll bearbeitet werden können. Gäbe es ein Äquivalent dafür in einer „Eigen-Paar-Therapie“? Zum Beispiel, nicht zu onanieren oder fremdzugehen, wenn ich mich sexuell nicht befriedigt fühle von meinem Partner – sondern zu meinem Frust zu stehen?

Ja – das wäre ein Beispiel dafür, dass ein Reglement immer sinnvoll sein kann, dass man – wie auch in der Therapie – zunächst auf der Erwachsenenebene eine Vereinbarung treffen muss. Diese kann individuell natürlich sehr unterschiedlich sein, hat aber immer zum Ziel, dass sich überhaupt erst Material anhäuft, das bearbeitet werden kann

Lässt sich das bisher Gesagte in etwa auch so auf den Punkt bringen: Zunächst austauschbare Partner treffen aufeinander – fasziniert von der jeweils anderen Störung, die so gut zur eigenen passt. Entweder sie verharren in dieser Umklammerung – und haben dann eben „den Partner, den sie verdienen“. Oder sie arbeiten miteinander an sich selbst und an ihrer Beziehung und haben dann eben auch – aber diesmal im positiven Sinne – die Partnerschaft, die sie sich verdient, erarbeitet haben. Und dann wären sie ja wohl auch nicht mehr so einfach austauschbar füreinander.

Das ist gut zusammengefasst. Dann wird der Partner zu einer echten Bereicherung: ein Helfer zur Auflösung der alten Verstrickungen, ein Gegenüber als Chance für neue Erfahrungen und Möglichkeiten und ein bezogener Mensch, um sich zu finden und zu verwirklichen – die wichtigste Grundlage für individuelle und gesellschaftliche Gesundheit.

Ich möchte abschließend noch auf eine andere Ebene von Partnerschaft zu sprechen kommen. Seit Sigmund Freud sind wir mit der Auffassung konfrontiert, dass alle menschliche Beziehung mehr oder weniger direkt sexuell ist – weniger direkt, wenn sie sublimiert, verfeinert oder umgelenkt wird auf Ersatzobjekte. Freud war der Meinung, dass solche Art Liebesbeziehungen verantwortlich sind für Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, für Arbeitsbeziehungen, für die Beziehungen zwischen Führern und Geführten, für das Entstehen der menschlichen Kultur überhaupt. Schon von daher ließe sich über Partnerschaft sehr viel allgemeiner reden, als wir es bisher getan haben.
Sie selbst haben auch schon sinngemäß davon gesprochen, dass jedes Volk den Führer hat – oder die Regierung – den bzw. die es verdient. Haben die Deutschen 1933 Adolf Hitler verdient, wir Ostdeutschen bis 1989 Erich Honecker und alle zusammen jetzt Helmut Kohl? Wenn das auch kollusive Beziehungen sind, wäre eine Beziehungsarbeit doch wohl dringend notwendig.

Macht ist immer verdächtig auf abgelenkte „libidinöse“ Strebungen, ein – meist bedenklicher – Versuch, Liebesdefizite zu kompensieren. Und Menschen, die in Führungs- und Machtpositionen kommen, verkörpern häufig vorherrschende Meinungen und Haltungen, sie sind wie ein Brennpunkt, in dem das Allgemeine und Unbewusste sich klarer konturiert und entzündet.

Durch die abnorme Persönlichkeit Hitlers drängten die aufgestauten destruktiven Kräfte der Deutschen zur Entladung. Es musste praktisch ein Psychopath zur Macht gebracht werden, der in der Lage war, das Schreckliche zu vollziehen – Krieg, Rassenwahn und Holocaust, die den Menschen eine Orientierung nach außen verschafften, und ihnen ersparten, die eigenen innere aufgestaute Not zu erleiden. Im Moment kann man vergleichbare Wechselbeziehungen zwischen dem offenbar psychisch kranken Schirinowski und Millionen von Russen beobachten, die unerträgliches inneres Elend (die innerseelische, zwischenmenschliche und soziale Not innerhalb von Russland) gerne nach außen projizieren und transportieren möchten.

In Honecker verkörperte sich die kleinbürgerliche Enge und Starre, das seelische Eingemauertsein der Menschen und Kohl drückt den, für westliche Lebensart typischen, unerschütterlichen Glauben an unaufhaltsamen Erfolg aus – der schon längst wieder zur Gefahr geworden ist in einer Zeit, da nur noch radikales Umdenken unser Überleben sichern könnte.

Den Begriff der Kollusion haben Sie in ihren Büchern auch auf das Verhältnis DDR-BRD angewandt. Zwischen „Ost“ und „West“, „Sozialismus“ und „Kapitalismus“ insgesamt, hat das ja offenbar auch so funktioniert. Damit wurden offensichtlich gigantische destruktive Kräfte gebunden, die sich jetzt meiner Meinung nach freier entfalten können – zum Beispiel in Bürgerkriegen oder den erschreckenden Wahlerfolgen nationalistischer, „rechter“ Parteien in Italien oder Russland. War die Auflösung dieser Kollusion trotzdem ein Fortschritt? Oder ist – wie in einer schlechten Psychotherapie – der Patient Menschheit mit zu viel auf einmal freigesetzter Emotion überfordert worden und gerade dabei, psychotisch zu werden?

Natürlich sind einfache Rückschlüsse aus der individuellen Psychodynamik und aus der Paardynamik auf gesellschaftliche Prozesse nicht möglich. Wenn dabei die Komplexität der Vorgänge nicht außer acht gelassen wird, sind solche Schlussfolgerungen dennoch hilfreich – weil wir davon ausgehen müssen, dass eine große Zahl von Menschen in einer Gesellschaft (in totalitären Regimen mehr noch als in einer Demokratie) in ähnlicher Weise manipuliert und entfremdet sind.

Und das bedeutet ja auch – trotz aller oberflächlichen Pluralität –, dass sie ihr Denken und Handeln immer wieder in die gleichen Richtungen lenken und dadurch die Ausformung der gesellschaftlichen Organisation wesentlich auf die einzelnen Menschen zurückwirkt. Dieses Zusammenspiel von geltenden gesellschaftlichen Normen und individueller Entwicklung ist zum Beispiel für Nationalsozialismus und „real existierenden Sozialismus“ anhand der „autoritären Persönlichkeit“ gut zu beschreiben und zu verstehen. Und im Moment müssen wir auch problematische Zusammenhänge dieser Art in der auf Wachstum, übermäßige Leistung und Konkurrenz orientierten Demokratie zur Kenntnis nehmen.

Wir müssen also begreifen, dass das Schicksal eines politischen Systems ganz entschieden von den vorherrschenden Charakterstrukturen der Menschen abhängt und das zunächst rein äußere Veränderungen – zum Beispiel von einer Diktatur zu einer Demokratie – noch längst nicht bedeuten, dass die Menschen dadurch innerlich wirklich freier würden. Ganz im Gegenteil ist zu fürchten, dass die eingeschränkte innere Freiheit eine enorme Behinderung darstellt, die äußere Freiheit auch ausfüllen zu können.

So ist es überhaupt kein Wunder, dass gerade jetzt radikale Tendenzen wieder aufflackern: Die unbewältigte innere seelische Destruktivität bricht wieder durch, sie war nur polizeistaatlich unterdrückt oder durch Wohlstand abgelenkt oder kompensiert. Und wenn solche Kompensationen wegfallen, bricht in der Tat eine sehr gefährliche Zeit an, weil die Menschen in ihrer Labilisierung neuen Halt suchen, neue Gründe und Erklärungen brauchen für ihre Destruktivität – bevor diese erneut eingebunden wird. So entstehen Feindbilder.

Wir können das auch in Partnerschaften beobachten, wenn sich plötzlich aus geringem Anlass tiefer Hass gegen einen Partner entlädt. Hier setzte ich mit meinen Überlegungen für eine „therapeutische Kultur“ an: Diese destruktive innerseelischen Vorgänge müssen aufgedeckt und abgebaut werden – sonst werden neue gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Menschen nahezu unvermeidlich.

Redaktionelle Anmerkung: Der Text ist die bearbeitete Fassung einer Jugendradio-DT-64-Sendung, die am 28.4.1991 ausgestrahlt wurde.


Foto: Hans-Joachim Maaz

Dr. med. Hans-Joachim Maaz ist Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. Von 1980 bis 2008 war er Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniekrankenhaus in Halle an der Saale. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, so unter amderem "Der Gefühlsstau", "Der Lilith-Komplex", "Die narzisstische Gesellschaft" sowie "Das falsche Leben".

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