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Ist der Journalismus noch zu retten?

Ist der Journalismus noch zu retten?

Der Journalismus steckt in der Krise. Journalisten wissen das. Und alle anderen auch. Weniger klar ist, was getan werden kann, um dem Journalismus wieder auf die Beine zu helfen.

Wie bei jeder Krise ist es auch hier so: Je tiefer sie geht, desto größer die Chancen, etwas zu verändern. Und die Krise des Journalismus geht ziemlich tief. Sie reicht bis ins Mark unseres Handwerks.

Und sie beginnt mit der Verkörperung des Journalismus: dem Journalisten selbst.

1. Journalismus für den Journalisten

Das Axiom: Der Journalist ist in zunehmendem Maße überarbeitet, unterbezahlt, redaktionell eingeengt, im psychologischen Belagerungszustand und gefährdet, in der Flut kommerzieller PR unterzugehen.

Den meisten Journalisten ist ihr eigenes Fachgebiet fremd geworden. Knapp 60 % der amerikanischen Journalisten sagen, dass der Journalismus als Ganzes einfach „die falsche Richtung“ eingeschlagen habe.

Die Journalisten sind unzufriedener denn je mit ihrem Beruf. Als „sehr zufrieden“ bezeichnen sich weniger als ein Viertel von ihnen.

Zudem gibt es eine wachsende Spannung zwischen der Notwendigkeit für Journalisten, sich selbst zu vermarkten und gleichzeitig die Qualität des Journalismus zu verbessern und produktiver zu werden: 80% der Journalisten sind der Ansicht, dass die sozialen Medien ihnen bei der Vermarktung ihrer Arbeit geholfen haben, doch 75% meinen, dass sie die Qualität ihres Journalismus selbst nicht verbessert haben.

Der Journalismus wird außerdem weißer und älter. Die Zahl der US-amerikanischen Nachrichtenjournalisten, die einer Minderheit angehören, ist in den letzten Jahrzehnten von 9,5 % auf 8,5 % zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum stieg das Durchschnittsalter von Vollzeitjournalisten um sechs Jahre auf 47 Jahre an.

Edward Snowdens Enthüllungen über die Massenüberwachung haben tiefgreifende Auswirkungen auf Journalisten. Einer von sechs US-amerikanischen Journalisten vermeidet es, über ein Thema zu schreiben oder zu sprechen, von dem er vermutet, dass es dazu führen könnte, dass er selbst überwacht wird.

In Europa gaben 31% der Journalisten zu, sich dazu genötigt zu fühlen, sich aus Furcht vor Repressalien kontroversen Themen nur in abgemilderter Form zu widmen.

Außerdem werden wir immer schlechter entlohnt für unsere Mühen. Während mehr und mehr Journalisten als Selbständige und nicht mehr in traditionellen Nachrichtenredaktionen arbeiten, beträgt ihr Durchschnittseinkommen nur wenig mehr als die Hälfte dessen, was ihre festangestellten Kollegen verdienen.

Wären Journalisten eine Spezies, hätte man allen Grund zur Sorge, dass sie vom Aussterben bedroht sind. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten sind 60% der Arbeitsplätze im US-amerikanischen Journalismus verschwunden. Ähnliche Trends sind überall auf der Welt zu beobachten.

Die lokale Berichterstattung und der investigative Journalismus haben dadurch am meisten Federn gelassen.

Wir werden ersetzt von einer neuen Art von journalistisch geschulten PR-Experten. Wo Journalisten nicht Freiberufler werden, wechseln sie aus ihrem Berufsstand ganz in die PR-Branche, wo sie tatsächlich ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Die Herausforderung für Journalisten besteht darin, dass der Druck, überhaupt überleben zu können, zunehmend im Widerspruch zu den ethischen Anforderungen und dem Handwerk des Journalismus steht. Wir müssen Eigenwerbung betreiben in einer Situation, in der die Unsicherheit um sich greift und in der die redaktionellen Einschränkungen uns zunehmend einengen, unter dem Einfluss wirtschaftlicher und ideologischer Zwänge ebenso wie dem Druck des PR-Gewerbes. In diesen Zusammenhang fallen journalistische Integrität und Qualität dem schieren Selbsterhaltungstrieb zum Opfer.

2. Journalismus als Wirtschaftszweig

Das Axiom: Dass der Journalismus als Berufsstand versagt, liegt im Wesentlichen an der fehlenden Tragfähigkeit seines Geschäftsmodells.

Das heißt, dass das Geschäftsmodell des Journalismus zunehmend die Werte und Methoden verrät, die den Journalismus bedeutend machen.

Trotz massiver Steigerungen bei den Werbeausgaben werden ganze 65 Prozent des digitalen Anzeigenvolumens von nur fünf riesigen Technologiekonzernen beherrscht: Google, Facebook, Yahoo, Microsoft und Twitter.

Dieser Umstand hat neue Fragen darüber aufgeworfen, wie groß der Einfluss der Konzerne auf die Inhalte ist, die ihre User zu sehen und zu lesen bekommen.

Unterdessen gehen die Auflagezahlen der Zeitungsverlage Jahr für Jahr weiter zurück, ebenso wie das gesamte Anzeigenvolumen von börsennotierten Medienunternehmen – im digitalen, aber auch im Printbereich.

Und das, obwohl das Anzeigenvolumen im digitalen Bereich stark steigt und obwohl die Zahl der tatsächlichen Leser bei vielen Veröffentlichungen wächst.

Die Abhängigkeit von der Anzeigenwerbung und die Digitalisierung der Medien haben einen weiteren Nebeneffekt.

Inzwischen kann sich jedermann als Verleger betätigen und seine „Nachrichten“ für relativ wenig Geld einem Massenpublikum zugänglich machen.

Die Digitalisierung des Anzeigenumsatzes leistet dieser Entwicklung Vorschub. Für sehr kleine Plattformen, die ihre laufenden Fixkosten auf einem Minimum halten können, kann die Jagd nach Klickzahlen höchst profitabel sein, wenn sie Geschichten servieren, die für Suchmaschinen optimiert wurden und nur darauf ausgelegt sind, bei Google oben mitzuspielen.

Traditionelle Medienunternehmen, die diesem Ansturm von nur auf Klickzahlen ausgerichteten Wettbewerbern ausgesetzt sind, müssen plötzlich um Aufmerksamkeit ringen.

Die rasante Zunahme alternativer Medien spiegelt die Realität des ebenfalls rasant wachsenden Unbehagens der Öffentlichkeit mit den traditionellen Medien wider. Ob nun links oder rechts im politischen Spektrum, überall auf der Welt ist ein Massenpublikum hungrig auf Informationen, die ihren Ursprung nicht im Bereich der globalen traditionellen Medien haben.

Diese alternativen Medien sind entweder durch politisch oder ideologisch ausgerichtete Beteiligungen sehr gut ausgestattet – man denke an Breitbart News oder Russia Today – oder ihnen fehlt ein Umfang an Ressourcen, den man auch nur entfernt mit denen traditioneller Medien vergleichen könnte.

So oder so sind sie nur schwer in der Lage, die Integrität ihres Journalismus aufrechtzuerhalten.

3. Journalismus für die Gesellschaft

Das Axiom: All dies bedeutet, dass der Journalismus nicht mehr in der Lage ist, seine zentrale Funktion der Information und Stärkung der Bevölkerung als ein Dienst an der Gesellschaft zu erfüllen.

Statt sich an Journalisten zu wenden, um Antworten zu erhalten, hat die Öffentlichkeit eher das Gefühl, von widersprüchlichen Informationen überwältigt zu werden.

Kein Wunder, dass das allgemeine Vertrauen in Journalisten auf dem absoluten Tiefpunkt ist. Gemäß dem 2017 Edelmann Trust Barometer ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in die globalen Medien seit letztem Jahr von 51 auf 41 Prozent gesunken, auf ein Niveau, welches dem schwindenden Vertrauen in Regierungsmitarbeiter entspricht.

Im letzten Jahr hat Gallup herausgefunden, dass die Zahl der Amerikaner, die den traditionellen Medien ihr Vertrauen aussprechen, seit dem vorangegangenen Jahr um 8 Prozentpunkte auf nur 32 Prozent der Bevölkerung gesunken ist.

Im letzten Monat hat eine Studie in Großbritannien ermittelt, dass nur 30 Prozent der Briten Journalisten trauen und 66 Prozent von ihnen meinen, dass Journalisten Fakten nicht beachteten. Die Hälfte der Befragten argwöhnt, dass sie im letzten Jahr unwissentlich fake news der Mainstream-Medien konsumiert haben.

Als Ausgleich wenden sich die Leute ihren Freunden und ihrer Filterblase in den sozialen Netzwerken zu, um Neuigkeiten zu erfahren.

Aber in dieser neuen, nur auf der Jagd nach Klickzahlen basierenden digitalen Landschaft gibt es häufig keinerlei Standards oder Regelwerke.

Verständlicherweise beklagen wir Journalisten uns wieder und wieder über das vermehrte Auftauchen von „fake news“. Dennoch gestehen wir uns selten aufrichtig ein, dass die Beliebtheit von Mikromedien ohne wirksame journalistische Standards durch die wiederholte Unzuverlässlichkeit traditioneller Medien beschleunigt wurde.

Nachrichtenzuschauer haben einfach die Nase davon voll, angelogen zu werden.

Anstatt ständig mit dem Finger auf andere zu zeigen, ist der einzige Weg, das Problem zu lösen, seine Ursachen zu erkennen.

„Ein Beginn wäre das Eingeständnis, dass das Phänomen der fake news seinen Ausgangspunkt in einem Versagen der Mainstream-Medien hat. Probleme mit Parteilichkeit und Voreingenommenheit, mit ethischen Standards im Journalismus sowie ein ungesunder Grad an Eigentumskonzentrationen haben eine Situation erzeugt, in der das Vertrauen in den Journalismus am absoluten Tiefpunkt ist“ schrieb Prof. Darren G. Lilleker vom Bournemouth University's Centre for Politics and Media Research in einer schriftlichen Stellungnahme zur „Fake News“- Anfrage des Medien- & Sport-Ausschusses im britischen Unterhaus.

Also: Die Fake-News-Krise außerhalb der traditionellen Medien wird dadurch befeuert, dass es in der Öffentlichkeit ein wachsendes Unbehagen wegen des Umstandes gibt, dass die traditionellen Medien wie ein System der Propaganda agieren.

In seiner aktuellen Studie Media Control: News as an Institution of Power and Social Control (2016) argumentiert der Professor für Journalistik der Florida International University, Robert E. Gutsche, dass die Nachrichtenmedien wie ein ideologischer Mechanismus zur Aufrechterhaltung von Narrativen arbeiten, wodurch letztendlich bestehende Machtstrukturen zementiert werden.

In den USA ist der Journalismus als Institution in sich selbst ein Machtsystem, das Rassendiskriminierung und Hierarchien verstärkt, folgert er.

Das sollte niemanden überraschen. Sechs riesige transnationale Konglomerate besitzen und kontrollieren die Gesamtheit der US-amerikanischen Massenmedien, einschließlich der Tageszeitungen, Zeitschriften, Verlage, Fernsehsender, Kabelkanäle, Hollywood-Studios, Musiklabel und beliebten Webseiten: Time Warner, Walt Disney, Viacom, Rupert Murdochs News Corp., CBS Corporation und NBC Universal.

In Großbritannien befinden sich 71 Prozent der nationalen Zeitungen im Besitz dreier riesiger Konzerne, während 80 Prozent der lokalen Zeitungen im Besitz von gerade einmal 5 Unternehmen sind.

Zentralisierte Eigentumsverhältnisse führen zu sich selbst erhaltenden und selbst zensierenden redaktionellen Strukturen, welche dann eine besondere Kultur dessen entwickeln, was als legitime Nachricht betrachtet wird.

Dies hat alarmierend konkrete Auswirkungen auf die mediale Berichterstattung über unsere dringendsten globalen Herausforderungen.

Bezüglich der weltweiten Finanzkrise hat eine neue Abhandlung der Journalism Studies die Berichterstattung über die globale Finanzkrise im Jahr 2008 in den Zeitungen des Mainstream in den USA, Großbritannien und Australien untersucht. Dabei fand man heraus, dass die Finanzzeitungen des Mainstream „die allgemeine Öffentlichkeit nicht vorwarnten; (…) ausreichende Skepsis vermissen ließen, wenn sie über finanzielle und wirtschaftliche Trends berichteten; und dass Reporter ihren Informationsquellen oft zu nahe standen.“

Doch die Abhandlung ging noch weiter zurück. Sie untersuchte auch die Berichterstattung über vorherige Ereignisse im Finanzsektor in den letzten drei Dekaden, einschließlich der Rezession in den 1990ern und der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Die Schlussfolgerung ist ernüchternd:

„Die Interviews und die statistischen Beweise zeigen, dass die journalistischen Standards in der Mainstream-Finanzpresse seit den 1980ern sinken, da die Medien zunehmendem institutionellen, ideologischen und industriellen Druck ausgesetzt waren.“

Bezüglich der globalen Armut fand eine Studie in Media & Jornalismo – ein Journal, welches vom Centre for Media and Journalism Research der portugiesischen Universität in Coimbra herausgegeben wird – heraus, dass die westlichen Medien zwar regelmäßig über Hunger, Überbevölkerung und Naturkatastrophen berichten, „sie hinterfragen aber selten die politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Strukturen, welche den weltweiten Hunger direkt verursachen und ihn kontinuierlich weiter verschlimmern.“ Armut wird als ein „dringendes Problem“ beschrieben, aber die Journalisten „(...) versagen bei der Darstellung der hintergründigen Ursachen oder dabei, Veränderungen des Status Quo anzumahnen.“

Bezüglich des Klimawandels wurde mit einem neuen, im Journal of Public Economics veröffentlichten Modell des Journalismus herausgefunden, wie die journalistische Praxis dazu beigetragen hat, die Öffentlichkeit weitgehend uninformiert über das Thema zu halten.

Im Jahr 2016 fand eine Befragung des Pew Research Center heraus, dass die Anzahl der Amerikaner, die der Aussage zustimmen, dass menschliches Verhalten zum Klimawandel beiträgt, seit sechs Jahren unverändert bei einer Minderheit von 48 Prozent liegt.

Das neue Modell (des Journalismus, d.Ü.) schließt daraus, dass die Lücke zwischen dem aktuellen wissenschaftlichen Stand und der öffentlichen Meinung entstanden ist, „(...) weil Lobbygruppen sich bemühen, die Berichterstattung zu beeinflussen und scheinbar ausgewogen Berichte zu präsentieren, die den Eindruck einer Kontroverse (in der Ursachenforschung, d.Ü.) zu erzeugen.“


Mehr fundierte Medienkritik finden Sie in unserem Buch:

Lügen die Medien?


Kognitive Fehlfunktion

Auf einer sehr grundlegenden Ebene hat das gegenwärtige System des Journalismus seit Jahrzehnten darin versagt, seine Aufgabe zu erledigen, und das Problem verstärkt sich weiter.

Die Fake News-Krise ist nicht das eigentliche Problem; tatsächlich ist sie nur ein Symptom des tieferliegenden Problems, dass die traditionellen Medien strukturell unfähig sind, den Mächtigen die Stirn zu bieten und dadurch die Öffentlichkeit politisch handlungsfähig zu machen.

Das gegenwärtige System des Journalismus ist sogar als Ganzes unfähig, eine sinnvolle Berichterstattung zu Themen wie der Finanzkrise, weltweiter Armut und Klimawandel zu gewährleisten. Schlimmer noch, es ist inzwischen zunehmend überfordert mit der sprunghaft ansteigenden Komplexität dieser Krisen und ihrer wechselseitigen Abhängigkeiten.

Der Journalismus steckt in derselben fachlichen Überspezialisierung, die auch unsere Wissenschaften plagt, und ist deshalb größtenteils unfähig zu erkennen, wie ein gleichzeitiges Systemversagen im Klima-, Energie-, Nahrungs- und Wirtschaftsbereich Großereignisse eskalieren lässt.

Von daher hat der Journalismus als eine im öffentlichen Interesse handelnde Einrichtung aufgehört, ein Fürsprecher der Veränderung zu sein. Stattdessen geht er dazu über, ein unglückseliges, fragmentiertes Wirrwarr von in Schwarz-Weiß-Denken verhafteten reaktionären Ideologien zu sein, welche die allgemeine Verwirrung und Entfremdung ihres Publikums noch befördern.

Statt Handlungsfähigkeit erzeugt er Apathie.

Statt konstruktive Diskussionen zu ermöglichen, erzeugt er isolierte Blasen, in denen die Menschen sehr schlecht gerüstet sind für produktive Dialoge mit Menschen anderer Meinung – eine fundamentale Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie.

Als Folge davon hat er sich als unfähig erwiesen, tragfähige Alternativen zum bestehenden Zustand hervorzubringen oder zu unterstützen.

Mit anderen Worten: In diesem in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Moment von beispiellosen Krisen – in dem vielfältige systemische Herausforderungen aus den Bereichen Umwelt, Energie und Wirtschaft zusammenlaufen – genau in dem Moment, in dem die Menschheit so viel kollektiver kognitiver Klarheit wie nur möglich bedarf, ist einer der entscheidendsten Mechanismen unserer kollektiven Kognition, der Journalismus, zu einer Erweiterung und Reflexion eben dieser Krise geworden.

4. Meine Geschichte

Ich bin seit 16 Jahren freier Investigativjournalist. Wie viele andere Journalisten auch, habe ich in meinen Anfangsjahren vom Rande des Medienbetriebs aus geschrieben und mir langsam ein Portfolio erarbeitet.

Schließlich erlebte ich Anfang 2013 meinen Durchbruch, als ich angeworben wurde, im Bloggerteam des „Guardian“ mitzuarbeiten, das sich Umweltthemen widmete.

Schwerpunkt meiner Berichterstattung war die Geopolitik der Umweltkrise im Zusammenhang mit den Themen Energie, Wirtschaft und Gesellschaft.

Alles ging gut, bis zu dem Zeitpunkt, als ich ungefähr eineinhalb Jahre später einen Artikel schrieb über die Rolle palästinensischer Offshore-Gasvorkommen für den militärischen Einmarsch Israels in den Gaza-Streifen.

Am darauffolgenden Tag erreichte mich der Anruf eines leitenden Redakteurs, der mir sagte, dass mein Blog „Earth insight“ gestrichen würde. Ich war fassungslos, doch das Gespräch ließ keinerlei Verhandlung zu. Binnen Stunden erhielt ich eine formelle Mail aus der Rechtsabteilung der Zeitung mit der fristlosen – und übrigens vertragswidrigen – Kündigung.

Monatelang verharrte ich in einem Stadium der Unsicherheit, Verwirrung, Entfremdung und Verzweiflung. Ich fühlte mich, als sei ich von einer aufstrebenden Flugbahn geradewegs in eine Decke geknallt, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existierte. Und ich hatte das Gefühl, dass es nunmehr mit mir nur noch steil nach unten gehen könne.

Als mich die ersten Mails von Lesern des „Guardian“ erreichten, die mich fragten, weshalb ich nichts Neues mehr gepostet habe, fiel mir auf, dass es hier nicht nur um mich ging. Meine Leser, Leser des „Guardian“, wollten wissen, weshalb ich auf einmal verstummt war. Und sie wollten, dass ich weiterschrieb. Und ich hatte mich in diese merkwürdige Lage hinein manövriert, in der ich ihnen nicht antworten konnte, weil ich nicht damit rausrücken wollte, was passiert war, aus Furcht, damit könnte ich meine Chancen aufs Spiel setzen, mich im „Mainstream“ zu rehabilitieren.

Allmählich dämmerte mir, dass eine Rückkehr zum traditionellen Hamsterrad eines Freiberuflers und die Bemühung, mich selbst zu „rehabilitieren“, indem ich mir für meine Arbeit einfach ein neues Mainstream Zuhause oder mehrere davon suchte, nicht die Antwort war.

Denn die Entscheidung des “Guardian” war symptomatisch für eine grundsätzliche Tatsache: Selbst eine der besten liberalen Zeitungen der Welt war letzten Endes außerstande, einen Journalismus zu tolerieren, der sich um eine systemische Diagnose und eine Prognose für die größten globalen Herausforderungen der Menschheit bemühte. Wenn das derzeitige System des Journalismus dazu nicht in der Lage ist, was für einen Sinn hat er dann überhaupt?

Als ich meine Erfahrung mit dem „Guardian“ öffentlich machte, schlug ich den Weg ein, der zu dem führte, was ich jetzt mache. Ich entschied mich dazu, neue Wege und neue Modelle von Journalismus zu erforschen. Ich erkannte, dass es einfach nicht reichte, nur mehr passiv als Rädchen in der Maschine dahinzutrudeln, weder reichte es mir, noch wurde es den Journalisten, dem Journalismus selbst, den Menschen oder auch dem Planeten gerecht.

Ich erkannte, dass ich eine Wahl hatte und ich erkannte meine Stärke. Entweder konnte ich weiterhin vor mich hin wursteln und mich darüber beschweren, dennoch Rädchen in der Maschine sein, Teil der Maschine und machtlos, irgendetwas daran zu ändern, während ich zugleich mir selbst gegenüber so tat, als stünde ich irgendwie außerhalb.

Oder ich konnte die nackte Wahrheit erkennen, sie als diese akzeptieren und sie dazu verwenden, den Journalismus von innen heraus zu erneuern.

Eine Krise bietet die Chance zu Veränderung. Die Verbannung ist eine notwendige Vorstufe für die Rückkehr zu vergessener Weisheit. Ein Zusammenbruch ist nicht das Ende der Welt, sondern das Ende einer alten Welt, das den Weg freimacht, um eine neue Welt zu erschaffen.

Die Weisheitstraditionen der Welt erzählen tiefgründige Geschichten, die diese grundlegenden Wahrheiten anerkennen.

Die Bhagavad Gita erzählt die Geschichte des Kriegers Arjuna. Just in dem Moment, als Arjuna seine Armee in einen verheerenden Krieg führen muss, fühlt er sich gelähmt und überwältigt von der Szene vor seinen Augen.

Und doch unterhält sich Arjuna ausgerechnet in den Wirren und der Desorientierung dieses Augenblicks eines Zusammenbruchs voll Selbstzweifel mit seinem Wagenlenker Lord Krishna - der den Urgrund jeglicher Existenz darstellt – und er beginnt, die Welt zu sehen. Mittels dieses Dialoges verlernt Arjuna, wie er sich selbst und die Welt zu sehen gelehrt worden war und erkennt mit nie dagewesener Klarheit, dass man Befreiung in etwas völlig Unvorhersehbarem finden kann und zwar, indem man die Bindungen an die Dinge, die man wahrnimmt, löst, so dass man in die Lage versetzt wird, in einem Raum reiner Hingabe zu handeln.

In der Bibel und im Koran finden wir die Geschichte des Propheten Jonas (Jusuf im Arabischen), der von der göttlichen Macht beauftragt wird, der Stadt Ninive von Liebe, Großzügigkeit und Mitleid zu künden. Als die Bürger die Botschaft vehement ablehnen, ist Jonas desillusioniert und gibt auf. Er flieht und landet auf einem Handelsschiff inmitten eines heftigen Sturmes. Die Seeleute werfen ihn über Bord als Opfer für ihre Götter und Jonas wird, unerklärlicherweise, von einem riesigen Wal verschluckt.

Als er auf den Grund des Meeres sinkt, ist Jonas gefangen in der Dunkelheit, verbannt in einen Zustand der Verzweiflung, dem Vergessen anheimgegeben. In den Tiefen der Meere, umhüllt von äußerster Dunkelheit, erkennt Jonas seine eigene Mitschuld an seinem Schicksal.

Er erkennt nicht nur, dass er den Städtern gegenüber ungerecht war, indem er seine Mission aufgab, sondern dass er eben dadurch die Situation schuf, in der er sich nun befindet. Und dennoch erkennt er, dass just die Verbannung in den Bauch des Wales seine Rettung war. Dadurch wurde er vor dem Sturm gerettet. Und erst in dieser Finsternis fand er die Stärke zu reflektieren, zu lernen und wahrhaftig zu sehen.

So beginnt also Jonas’ Rückkehr. Schließlich taucht der Wal wieder auf und Jonas wird wieder an der Küste abgesetzt. Seiner selbst immer noch unsicher, kehrt Jonas nach Ninive zurück und ergreift abermals die Gelegenheit, seinem Auftrag gemäß die Botschaft zu verkünden. Diesmal merkt er, dass die Stadt dafür empfänglich ist.

„Plötzlich wird man vom System ausgespuckt. Wenn man das überlebt, verändert sich etwas tief in einem drin. Man ist frei. Man erkennt, was Macht ist und was die Illusion von Macht. Es eröffnet sich einem ein völlig neues Feld von Möglichkeiten.“

Die Krise des Journalismus ereignet sich zu einem wahrhaft historischen Zeitpunkt, einem Zeitpunkt, an dem die Menschheit einem beispiellosen Zusammentreffen globaler Krisen in den Bereichen Ökologie, Energie und Ökonomie gegenübersteht. Schlagen wir angesichts dieser Krise der Zivilisation einen Pfad des Business-as-usual ein, wird der Planet bis zum Ende dieses Jahrhunderts zunehmend unbewohnbar, nicht nur für unsere Spezies, sondern für alles Leben auf der Erde.

Während der sich beschleunigenden Krise kollabiert der kollektive Erkenntnisprozess unserer Spezies, der auf medialen Plattformen, Werkzeugen und Institutionen beruht, die wir zum Kommunizieren nutzen und um Informationen zu teilen.

Doch nur, wenn wir wahrhaft imstande sind, die Krise kollektiv zu erkennen und zu verstehen, werden wir die Kraft haben, darauf eine sinnvolle Antwort zu finden. Die Herausforderung für den Journalismus betrifft also alle Menschen und den Planeten.

Mehr könnte nicht auf dem Spiel stehen. Was also ist der nächste Schritt?

5. Die Lösung

Unsere Analyse zeigt, dass das derzeitige System des Journalismus nicht funktioniert:

  1. Das gegenwärtige System des Journalismus funktioniert nicht als Beruf.
  2. Das gegenwärtige System des Journalismus funktioniert nicht als Geschäftsmodell.
  3. Das gegenwärtige System des Journalismus funktioniert nicht für die Gesellschaft.

Und es ist erkennbar, dass der Hauptgrund für das Nicht-Funktionieren des Journalismus in der Art und Weise liegt, wie das System des Journalismus in seiner aktuellen Form konzipiert ist.

Deshalb lässt sich der Journalismus nicht innerhalb des bestehenden Systems “reparieren”. Anstatt zu versuchen, den Journalismus innerhalb eines kaputten Systems zu retten, dessen Struktur von Grund auf und inhärent schadhaft ist, müssen wir den Journalismus von Grund auf neu konzipieren. Und das heißt: Wir müssen ein neues System errichten.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel "How to fix journalism. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ebenfalls ehrenamtlichen Rubikon-Lektoratsteam lektoriert.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizensiert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
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