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In der Vielfalt liegt das Glück

In der Vielfalt liegt das Glück

Friedensnobelpreisträger Till Bastian über die Kunst, nicht zu resignieren.

Herr Bastian, Sie sind Arzt, Psychotherapeut, Schriftsteller, Journalist, Philosoph, Kreistagsabgeordneter der Linken, Friedensaktivist, Vater und womöglich noch einiges mehr. Damit übertreffen Sie ja sogar das Ideal von Karl Marx, dem für alle Menschen ein Leben in der klassenlosen Gesellschaft vorschwebte. Ein jeder sollte darin ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen können: „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". Liegt in der Vielfalt das Glück?

Vielfalt ist ganz gewiss eine Voraussetzung für ein gelingendes, glückliches Leben. Monokultur ist immer schädlich und störungsanfällig, in der Landwirtschaft, in der Viehzucht – und eben auch im Seelenleben. Wir sollten uns daher bei unserer Lebensgestaltung in einer „Mehrfelderwirtschaft“ versuchen. Ein großes Vorbild für diese Lebensweise ist Goethe – ein Mann mit höchst vielfältigen Interessen, Neigungen und Begabungen. Man muss sich nicht mit ihm messen wollen, kann aber von ihm lernen, wie wichtig die Vielfalt ist und wie schädlich es ist, „alles auf eine Karte“ setzen zu wollen, zum Beispiel auf die berufliche Karriere, der alles andere untergeordnet wird. So etwas rächt sich früher oder später.

Sie waren in den 80er Jahren Geschäftsführer der „Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) und haben diese Friedensorganisation auch später noch viele Jahre maßgeblich geprägt. 1985 bekam die IPPNW den Friedensnobelpreis verliehen. Wie haben Sie diese Ehrung erlebt? Und wie hat sie die Entwicklung und die Arbeit der IPPNW beeinflusst?

Ja, ich habe 1982 auf Anregung von Horst-Eberhard Richter die Geschäftsstelle des kurz zuvor gegründeten Vereins übernommen, des westdeutschen Zweiges einer internationalen Föderation, die von den beiden Kardiologen Bernard Lown (USA) und Jewgenij Tschasow (UdSSR) gegründet worden war. Nach dem Nato-„Doppelbeschluss“ vom Dezember 1979 zur Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Westdeutschland (Pershing II und Cruise-Missiles) hatten viele Menschen zu Recht Angst vor der Gefahr eines Atomkrieges und engagierten sich politisch – unser Verein in der BRD wuchs rasch auf über 10.000 Mitglieder an. Ein Jahr nach der Zuerkennung des Friedensnobelpreises an die Weltföderation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) richteten wir in Köln den Weltkongress dieser Föderation aus – damals ganz unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Tschernobyl. Was ich bei der IPPNW gelernt habe, ist die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit – globalen Herausforderungen muss mit globalem Widerstand begegnet werden. Das wäre heute mindestens genauso nötig wie damals, allerdings sind entsprechende Organisationsformen derzeit nicht in Sicht. Immerhin, die Friedensnobelpreisverleihung 2017 an ICAN (International Campaign for the Abolition of Nuclear Weapons) macht wieder ein wenig Hoffnung. Die Atomkriegsgefahr ist jedenfalls noch lange nicht gebannt....

Sie haben 2002 eine Streitschrift verfasst mit dem Titel „55 Gründe, mit den USA nicht solidarisch zu sein“. Was hat Sie damals dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben?

Den Anlass für dieses Buch lieferte die Militärintervention der USA in Afghanistan und die Zusicherung der „bedingungslosen Solidarität“ Deutschlands in diesem Krieg durch den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Das Buch fand ein lebhaftes Echo; allerdings war es nicht einfach, sich gegen Beifall von der falschen Seite abzugrenzen, gegen jenen rechten Anti-Amerikanismus, von dem es nicht weit zum Antisemitismus ist.

Würden Ihnen wieder 55 Gründe einfallen, sich der Solidarität mit den USA zu verweigern – oder gar noch mehr?

Seither hat sich an der von mir kritisch beurteilten weltpolitischen Rolle der USA nicht viel geändert – Trump schickt jetzt sogar wieder mehr US-Soldaten nach Afghanistan, obschon der Krieg dort ja offensichtlich verloren ist. Heute, in der Ära Trump, würden mir vermutlich noch weit mehr als 55 Gründe einfallen, mit den USA nicht solidarisch sein zu wollen – und erst recht nicht bedingungslos...

Seit Jahrzehnten lebt in deutschen Politikerreden der Topos von „der Verantwortung“, die Deutschland in der Welt übernehmen müsse. Besonders der frühere Bundespräsident Joachim Gauck insistierte auf dieser „gewachsenen deutschen Verantwortung“. Inzwischen ist die Bundeswehr in 19 Ländern der Welt im Einsatz. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Welcher Verantwortung kommt sie dort denn in Ihren Augen nach?

Dagegen, Verantwortung zu zeigen, ist ja nichts einzuwenden, aber ich kann einfach nicht verstehen, warum diese sich zuvörderst dadurch realisieren soll, dass man deutsche Soldaten nach Übersee schickt. Es würde von wirklicher Verantwortung zeugen, wenn deutsche Politiker sich stärker für eine gerechte Weltwirtschaft einsetzen würden und damit begännen, unsere Rolle als „Exportweltmeister“ kritisch zu hinterfragen, wenn wir den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase deutlich herunterfahren und den Verbrauch wertvoller Rohstoffe drastisch einschränken würden und so fort... Aber damals, beim Beginn des Afghanistan-Krieges, hat ein SPD-Verteidigungsminister allen Ernstes behauptet, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt, und diesen Blödsinn plappern bis heute etliche Politiker nach. Das ist, rundheraus gesagt, vollkommen verantwortungslos...

Die großen Friedensdemos in Deutschland mit Hunderttausenden von Teilnehmern liegen schon Jahrzehnte zurück. Heute gibt es zwar etliche lokale Friedensinitiativen, eine Massenbewegung allerdings fehlt. Eigentlich könnte man doch meinen, es gäbe heute eher mehr denn weniger Gründe, auf die Straße zu gehen – angesichts des Aufmarschs der NATO an der Grenze zu Russland, angesichts der „Modernisierung“ von Atomwaffen, sowie der Kriege im Mittleren Osten, an denen „der Westen“ maßgeblich beteiligt ist. Dringen diese bitteren Fakten gar nicht mehr zu uns durch?

In der Tat hat es den Anschein, als würde die übergeordnete Sichtweise, der unbefangene und zugleich kritische Blick aufs „große Ganze“, vielen Gegenwartsmenschen nicht mehr möglich zu sein. Die Menschen sind vollauf beschäftigt, jene Synchronisationsleistungen zu erbringen, die nötig sind, um im Mainstream mitzuschwimmen und nicht unterzugehen – man denke nur an die Fülle der Pin-Nummern, Geheimzahlen und Passwörter, die wir uns merken müssen... In der Freizeit kommuniziert man mit seinen Whats-App-Gruppen, twittert Belanglosigkeiten, schaut sich Youtube-Videos an und streamt sich die angesagten neuen Serien – oft genug auch alles gleichzeitig. Der Mensch, das ahnte schon Robert Musil, verirrt sich in der Wüstenei der Einzelheiten. Zur umfassenden und kritischen Perspektive auf das Weltenganze fehlen die Zeit, die Kraft und oft auch die Lust.

In einem Vortrag zitieren Sie den großen Lao-Tse: „Man muss wirken auf das, was noch nicht da ist.“ Angesichts der menschengemachten Katastrophen von Krieg, Aufrüstung, Naturzerstörung scheint das fast unmöglich zu beherzigen. Wie können wir es schaffen, uns von der Fülle der Probleme und dem Gefühl der eigenen Ohnmacht nicht lähmen zu lassen?

Gegen Resignation und drohende Verzweiflung helfe ich mir oft mit jüdischem Humor, der ja auch aus einer Situation der Ohnmacht entstanden ist. Ich halte mich an die Geschichte vom Rabbi und vom Spatz: Bei seinem Morgenspaziergang sah der Rabbiner am Wegrand einen Spatz, der auf dem Rücken lag und seine kleinen Füße mit großer Mühe gen Himmel streckte. „Was tust du denn da, min kleiner gefiederter Freund?“ fragte der Rabbi. „Ehrwürdiger Rabbi“, erwiderte der Vogel, „ich habe gehört, dass heute Gefahr besteht, dass der Himmel einstürzen könnte, und so bemühe ich mich, mit meinen Füßen diese Katastrophe aufzuhalten.“ Der Rabbi lachte: „Na hör mal zu, du kleiner Vogel, mit deinen winzigen Füßen – du willst allen Ernstes verhindern, dass der Himmel einstürzt?“ Worauf der Spatz entgegnete: „Je nun, ehrwürdiger Rabbi – man tut eben, was man kann…“
Genau so ist es – man tut, was man kann, und ob es genügt, wird sich weisen...

Ein Problem, das wir hier in Europa erst ansatzweise kennengelernt haben, sind die großen globalen Flüchtlingsbewegungen. Aufgrund des Klimawandels werden sich im Laufe der nächsten Jahrzehnte voraussichtlich noch unvorstellbare Hunderte Millionen Menschen auf den Weg machen in der Hoffnung, ihrem Schicksal zu entrinnen. Welche Ideen könnten uns dabei helfen, hier im Sinne Loa-Tses jetzt schon tätig zu werden?

In der Tat, die große weltweite Wanderung steht uns vermutlich erst noch bevor – die Weltgesellschaft wird kommen, es fragt sich nur, ob dies unter schmerzhaften Kämpfen geschieht, ganz im Sinne der bekannten Prophezeiung des früh verstorbenen algerischen Muslims und Staatspräsidenten Houari Boumedienne (1927 – 1978), wenn die hartherzigen Reichen im Norden nicht mit anderen teilen wollten, würden die Habenichtse aus dem Süden eben zu ihnen kommen und ihr Land besetzen – oder ob dieser weltumgestaltende Prozess doch noch in konstruktive Bahnen gelenkt werden kann. Jedenfalls ist die Weltwirtschaft seit Boumediennes Tagen keineswegs gerechter geworden – im Gegenteil. Pointiert, aber nicht unzutreffend gesagt: Uns in den reichen Metropolen des Nordens geht es so gut, weil es so vielen im Süden sehr schlecht geht. Was da – unter anderem – nötig ist, wäre ein ökologisch orientiertes Weltbürgerrecht, das es den benachteiligten Menschen im Süden möglich macht, ihre Menschenrechte, zum Beispiel das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser, auch einzuklagen und durchzusetzen. Das geht derzeit aber nicht, weil Völkerrechtssubjekte einzig die Staaten sind. Einzelheiten zu diesem Thema finden sich in meinen Beiträgen zu dem Buch „Das Erbe des Erasmus“.

Kommen wir zum Schluss nochmal auf die eingangs erwähnte Vielfalt zurück – man hat den Eindruck, es gibt längst nur noch eine Ideologie, die alle gesellschaftspolitischen Fragen dominiert und bis in die Privatsphäre hineinregiert: Den Neoliberalismus. Empathie und Solidarität beschränken sich vielfach auf Lippenbekenntnisse. Wo sehen Sie Ansätze für einen neuen Pluralismus?

Ich glaube schon, dass es auch heute Pluralität gibt – vielleicht sogar mehr denn je. Dies auch im negativen Sinn: Esoterische, antirationale Strömungen gewinnen ja allenthalben an Boden; manchmal könnte man glauben, wir lebten in Zeiten der Gegenaufklärung. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich mit Gemeinwohlökonomie beschäftigen, die Tauschringe gründen, Dorfläden wiederbeleben und so fort... Aber all dieses Bemühen findet, das ist richtig, nahezu ausschließlich auf privater, allenfalls auf kommunaler Ebene statt – staatspolitisch spielt es keine Rolle, hier herrscht die Einheitsideologie einer großen Koalition vor, alt wie neu, und auch die GRÜNEN bemühen sich nicht mehr um echte Alternativen. Wie dem zu begegnen ist – ich weiß es leider auch nicht. Also tröste ich mich wieder einmal, siehe oben, mit dem Gleichnis vom Rabbi und vom Spatz.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Bastian!


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Dr. med. Till Bastian, geboren 1949 in München, studierte in Mainz Medizin und promovierte 1979. Er engagierte sich in der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ und erarbeitete Studien über den Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Kriegsgefahr. Nach dem Freitod seines Vaters, des Grünen-Politikers Gert Bastian, und dessen Lebensgefährtin Petra Kelly schrieb er das Buch „Die Finsternis der Herzen“. Es folgten weitere Bücher mit psychologischen Themen, darunter zuletzt „Seelenleben: Eine Bedienungsanleitung für unsere Psyche“ sowie „Die Seele als System: Wie wir wurden, was wir sind“. Zudem ist er Autor von historisch-medizinischen Sachbüchern und Kriminalromanen. Till Bastian lebt und arbeitet im Allgäu als Arzt und Psychotherapeut in der Fachklinik Wollmarshöhe.

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