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Im Schatten des Regenbogens

Im Schatten des Regenbogens

Inklusion und Toleranz werden in einer aggressiven Dauerpräsenz beschworen — diese könnte früher oder später eine Gegenreaktion hervorrufen.

Es ist circa 18 Jahre her, als ich ein Erlebnis in einem Schnellrestaurant hatte, welches heute komplett anders bewertet werden würde. Heute bekäme die Mitarbeiterin wahrscheinlich eine Auszeichnung, damals war ich sehr sauer über ihr Verhalten. Wir waren mit der Familie unterwegs, als sich ein menschliches Bedürfnis einstellte. Am Schalter des Schnellrestaurants fragte ich — im Beisein meines Mannes und meiner beiden Kinder —, ob ich, gegen Entgelt, die Toilette aufsuchen dürfe.

Die junge Frau — ich schätze, es war eine Frau — sagte, dass das kein Problem wäre, ich solle ihr nur sagen, welche Toilette sie aufsperren solle: die Herren- oder die Damentoilette (damals zwei Toiletten für zwei Geschlechter). Auch nachdem ich meinem Erstaunen und meiner beginnenden Entrüstung über ihre Frage mit einem nachdrücklichen „Wie bitte?“ Ausdruck verliehen hatte, beharrte sie darauf, von mir eine Antwort erhalten zu wollen. Ich sah ihr fest in die Augen, sagte, dass ich kurz nachsehen wolle, welche Toilette für mich die richtige wäre, und begann, den Gürtel meiner Hose zu öffnen. In stoischer Gelassenheit antwortete die Mitarbeiterin darauf, dass es nicht nötig wäre, dass ich nachsehe, ich solle ihr nur sagen, welche Toilette sie aufsperren solle.

Bunt ist gut

Aufgeschlossenheit, Toleranz, ein respektvoller Umgang miteinander und der Blick über den Tellerrand sind Eigenschaften, die man in einer sozialen Gemeinschaft nur begrüßen kann. Die Welt ist bunt und das ist gut so. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, und jede Farbe hat die gleiche Daseinsberechtigung. Einen Menschen, seine Art zu leben, seine Art, sich auszudrücken, sein Leben zu gestalten, seine Vorlieben und Abneigungen abzulehnen oder gar zu negieren, nur weil man es anders hält, es sich nicht vorstellen kann oder sich anders fühlt, ist meiner Meinung nach verkehrt. Voraussetzung dafür ist, dass das gezeigte Verhalten mich nicht direkt einschränkt. Leben und leben lassen! Insofern begrüße ich die Aufmerksamkeit der Vielfalt gegenüber sehr.

Schwarz und Weiß sind keine Farben

Um Vielfalt genießen zu können, muss es auch „langweilige“ Farben wie Schwarz und Weiß geben, die in der Farblehre streng genommen gar nicht als Farben gelten.

Besonderheiten, Minderheiten und spannende Lebensentwürfe setzen immer auch das Vorhandensein von Standards, dem Normalen — hier bitte als „der Norm entsprechend“ zu verstehen — und von langweiligen Lebensentwürfen voraus.

Wenn im Zuge der Bedeutung von Farben das Normale mehr und mehr negiert wird beziehungsweise man meint, sich fast schämen zu müssen ob seiner langweiligen Standards, die man für sich in Anspruch nimmt, dann droht man, von der anderen Seite des Pferdes hinunterzufallen.

Guten Tag, ich bin Katzenliebhaberin

Ein Mensch ist die Summe seiner Eigenschaften, seiner Geschichte, seines Geschmacks, seiner Verhaltensweisen, seiner Aktionen und Reaktionen, seiner Abneigungen und Vorlieben. Jeder Mensch ist einzigartig. Jeder Mensch hat den gleichen Respekt, die gleiche Aufmerksamkeit, die gleiche Freundlichkeit verdient. So lange, bis sich der Mensch mir gegenüber in einer Art verhält, die ich nicht mag. Weise ich den Menschen darauf hin und ändert dieser sein Verhalten nicht, so empfinde ich es als nachvollziehbar, dass er oder sie nicht (mehr) zu meinen Lieblingsmenschen zählt.

Selten stellte sich bei dieser Art, mit Menschen umzugehen, die Notwendigkeit, auch die sexuelle Orientierung zu thematisieren, ein. Ich bin es gewohnt, dass man sich mit Namen vorstellt und im Laufe eines Gesprächs langsam mitbekommt, wie der andere tickt. Dann können alle entscheiden, ob die Gespräche fortgesetzt werden, oder ob man sich nicht so gut versteht.

KatzenliebhaberInnen — ich gendere bewusst und es ist in keiner Weise zynisch gemeint! — ticken anders als HundeliebhaberInnen. Menschen, die große Terrarien haben, finden an den dort wohnenden Tieren anderes faszinierend als AquarienbesitzerInnen. Für die Menschen sind ihre Tiere wichtig, und ja, ich persönlich poste zum Beispiel manchmal Katzenvideos. Ich weiß, dass das manche nicht ausstehen können. Es gibt sogar gute und weniger gute Witze über die Art von Menschen, die in sozialen Medien Katzenvideos posten. Noch nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich deswegen diskriminiert zu fühlen oder mir für die Zukunft zu überlegen, ob ich der Nennung meines Namens den Zusatz „Ich bin Katzenliebhaberin“ verleihen sollte.

Gendern aus Respekt

Genauso wenig kann ich die mitunter heißblütig geführten Diskussionen über das Gendern im Schriftlichen verstehen. Wenn ich weiß, dass ich durch die Weigerung gendergerechter Sprache unter Umständen Personen brüskiere und das nicht möchte, so kann ich darauf achten, mit einem Sternchen zu zeigen, dass ich niemanden ausgrenzen will. Punkt. Ende der Diskussion.

Es mag für viele neu und ungewohnt sein, aber das waren heute salonfähige Tattoos, Piercings und Modeerscheinungen auch einmal. Die Welt verändert sich.
Wenn ich mir heute unsicher bin, wie ich eine Person richtig anspreche, so frage ich sie. Höflich und interessiert.

Ich empfinde es als nicht richtig, stur an etwas festzuhalten, was andere verletzen könnte.

Als Frauen anfingen, sich bilden zu wollen, Schulen zu besuchen, zu studieren, zu wählen, da waren die Argumente ähnlich, und es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis es zu etwas Selbstverständlichem geworden ist. Das muss sich bei der Anerkennung der Vielfalt von Persönlichkeiten nicht wiederholen.

Ich bin prüde

Dennoch stelle ich fest, dass ich wohl etwas prüde bin. Bisher war ich der Meinung, dass meine sexuellen Vorlieben und Präferenzen, mein Geschlecht nur von zweitrangiger Bedeutung sind, da zum einen jeder Mensch gleich respektvoll behandelt werden sollte und zum zweiten dieses Thema etwas Intimes darstellt.

Sex, das eigene Sexualleben, die damit verbundenen Bedürfnisse, deren Erfüllung oder Nichterfüllung waren und sind für mich nicht unbedingt die Themen, die ich bei einem Businessmeeting mit KollegInnen oder in der Öffentlichkeit führen möchte.

Dass ich verheiratet bin (mit einem Mann), dass ich zwei Kinder habe, die mittlerweile erwachsen und auf herkömmliche Art und Weise entstanden sind, bekommen meine GesprächspartnerInnen früher oder später mit, wenn sich das Thema ergibt.

Um die sich aufbäumenden gedanklichen Wogen etwas zu glätten, muss ich gestehen, dass ich auch in anderer Hinsicht wohl prüde bin, denn ich empfand auch schon immer die öffentlich gestellte Frage an ein frisch verheiratetes Paar, wann es denn jetzt Nachwuchs gäbe, ob dieser geplant wäre und ob man schon fein „üben“ würde, als peinlich und übergriffig. Hier kann ich mich nur wiederholen: Das ist Privatsache, und als außenstehende Person werde ich das schon mitbekommen.

Frei sein

Wenn Menschen sich so ausleben können, dass sie nicht (mehr) das Gefühl haben müssen, im eigenen Körper eingesperrt zu sein, nur um in die Gesellschaft zu passen, dann ist das absolut begrüßenswert.

Wenn Menschen glücklich miteinander sind, dann ist das ein Gewinn. Wenn Menschen einem Kind ein Zuhause bieten, ist das wunderschön. Wenn Menschen sich in Liebe begegnen, so geht einem das Herz auf.

Dabei ist mir vollkommen egal, welcher Buchstabe des Alphabets für die Geschlechtsbezeichnung dieser Person gerade passt und ob die Person Hosen oder Kleider trägt. Freiheit, Farbvielfalt, Liebe und Offenheit sind immer ein Gewinn für eine Gesellschaft, und diese Eigenschaften sollen gefördert werden, damit Liebe wachsen darf.

Menschen, die sich angenommen fühlen, die mit Selbstvertrauen agieren, die nicht das Gefühl haben, in dieser Welt keinen Platz zu haben, tragen viel dazu bei, dass wir uns alle wohlfühlen können.

Nicht vernachlässigen

Es ist eine Sache, Vielfalt anzuerkennen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, und es ist eine andere Sache, Menschen mit der Dauerpräsenz dieser Themen auf die Nerven zu gehen.

Ich fühle mich mitunter auch heute noch etwas peinlich berührt, wenn ich diverse Themen in Dokus sehe, und ich finde auch nicht, dass ich alles über alle möglichen Bettspiele (nicht Brettspiele!) wissen muss. Vielleicht möchte ich das auch gar nicht, so wie manche Menschen keine Katzenvideos sehen wollen. Deswegen sind weder KatzenliebhaberInnen schlecht, noch Katzen falsch, noch muss ich mich zurückgesetzt fühlen, wenn sich nicht jeder für meine fünf Katzen interessiert. Es interessiert sich auch nicht jeder für Kinder, Aquarien oder den Dänemark-Urlaub.

Entspannt

Ich würde mir einen entspannten und respektvollen Umgang der Menschen miteinander wünschen, ohne Indoktrinierung oder Missionierung.

Was mich interessiert: Gibt es eventuell eine Studie, die untersucht, inwiefern die Dauerpräsenz dieser Themen a) hilfreich und b) von den Menschen, die es betrifft, überhaupt gewünscht ist?

Manchmal befürchte ich, dass der Schuss nach hinten losgehen könnte. Wenn man zu viel mit einer Sache konfrontiert wird, so wird man ihr überdrüssig und lehnt diese ab. Und genau das soll doch wohl nicht passieren, oder?

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