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Hotspots und Coolspots

Hotspots und Coolspots

Die vielfach beschworene Todesgefahr an den Hotspots wird heißer gekocht, als sie dann in der Realität serviert wird.

Die Covid-19 Deutschland-Karte des Robert Koch-Instituts (RKI) vom März-Wochenende vor Ostern zeigt folgendes Bild:

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Größtes Sorgenkind war am Vor-Osterwochenende der im Südosten Thüringens gelegene Saale-Orla-Kreis.

Der Spitzenreiter deutscher 7-Tage-Inzidenzen war mit mehr als 500 zum Brennpunkt der Nation geworden. Bei solch galaktischen Werten schrillen alle Sirenen, ein Total-Lockdown des gesamten Kreises drängt sich als Maßnahme im pandemietrainierten Politikerhirn auf.

Weite Teile des Kreisgebietes befinden sich im Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale. Aber die dürften dann auch nicht mehr betreten werden. „Wir bleiben zu Hause“ — ihr wisst schon.

Im Landkreis leben etwa 80.000 Menschen. Diese wohnen in knapp 200 Orten und 59 Gemeinden und verstreuen sich großzügig über eine Fläche von reichlich 1.000 Quadratkilometern. Die Bevölkerungsdichte ist gerade mal halb so hoch wie im Landesdurchschnitt Thüringens. Doch dieser Umstand hat dem Landkreis augenscheinlich nicht geholfen.

Eigentlich hätte die seit der Wende kontinuierlich sinkende Einwohnerzahl doch für Entlastung sorgen müssen, schafft sie doch mehr Raum für den Einzelnen und sorgt auf natürliche Weise für „mehr Abstand“. Viele Orte haben seit der Wiedervereinigung mehr als ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Homepage des Landkreises offenbart, dass hier schon seit Monaten eine Seuche gigantischen Ausmaßes wütet … und nun einen erneuten „traurigen Rekord“ erreicht hatte.

Mehrmals wöchentlich berichtet die Pressestelle über das Geschehen, allerdings ohne interessante Details preiszugeben. So erfährt der Leser praktisch nichts darüber, wie viele schwere Fälle es gibt und wer gerade die Intensivstationen füllt. Oder wie viel getestet wurde. Die Inzidenzen sind jenseits politisch akzeptierter Bereiche. Das allein würde die ganze Tragödie zeigen.

Bis Anfang November vorigen Jahres bewegte sich der Kreis noch im unspektakulären Bereich von unter 50, im Oktober sogar unter 35. Innerhalb eines Monats stieg dann 7-Tage-Inzidenz auf mehr als 300, Ende Dezember lag sie bei 400, stellte pünktlich zu Heiligabend ein Allzeithoch auf, das aber im ersten Quartal des neuen Jahres weiter überboten wurde. Und nun — kurz vor Ostern — kennt ganz Deutschland den Saale-Orla-Kreis.

Außenseiter Spitzenreiter

Irgendwie hat es auch etwas Beruhigendes, dass der Osten wenigstens in einigen Bereichen — wenn auch nur vorübergehend — führend ist. Außenseiter-Spitzenreiter ist eine von gerade mal drei Sendereihen des DDR-Fernsehens, die bis heute überlebt haben. In der Sendung werden kuriose Rekorde vorgestellt — zum Beispiel: Wer hat die meisten Vornamen? Nun, auch die Corona-Rekorde dieser Tage haben etwas Kurioses.

Ende März 2021 — also in der heißesten Seuchenphase, die der Landkreis je erlebt hat — waren also reichlich 500 Menschen infiziert. Bis dato hatten sich die positiven Testfälle auf knapp 4.700 kumuliert. Es hat also mehr als ein Jahr gedauert, in dessen Verlauf gerade mal 5 Prozent der Bevölkerung des Landkreises nachweislich mit dem Virus in Kontakt kamen. Eine erstaunlich magere Durchseuchung durch ein doch so hochansteckendes Virus. Gut, vielleicht wurden auch viel mehr infiziert. Aber was macht das, wenn es keiner gemerkt hat? Was interessiert uns eine Dunkelziffer, wenn die im „Dunkeln“ so harmlos sind, dass sie gar nicht wahrgenommen werden?

Auch wenn es sich noch nicht bis zum Allerletzten herumgesprochen hat: Ein positives Testergebnis treibt zwar die Fallzahl nach oben, sagt aber ansonsten kaum etwas aus. Was wir wissen ist, dass fast alle nach Absitzen ihrer Quarantänezeit mit einem negativen Test wieder ins Alltagsleben zurückkehren, vielleicht auch ohne einen solchen. Während der Hausarrestzeit kommt es also überraschenderweise praktisch nie zu einem Krankheitsausbruch. Eigentlich wiederum kaum verwunderlich, sind doch die Teststationen ausdrücklich nur für Symptomfreie, also „gesunde“ oder „sich gesund fühlende“ Menschen gedacht. Dass aus diesen — wenn positiv getestet — in den Tagen danach Kranke werden, ist also erwiesenermaßen extrem selten, rechtfertigt aber seit inzwischen einem Jahr ganz selbstverständlich den Entzug des gesellschaftlichen Lebens. Auch die aktuell 500 werden nahezu alle in zwei Wochen wieder das machen, was sie vorher taten. Dafür werden aber andere Schnelltestopfer an ihre Stelle treten …

Die Test-Spreader

Auch im Saale-Orla-Kreis ist man überzeugt, dass viel Testen viel hilft. Es wird zwar zugegeben, dass dies „kurzfristig“ die Inzidenz erhöhen könne, langfristig aber sinnvoll sei, da man so die Infektionskette unterbrechen würde und Licht in die Dunkelziffer brächte.

Leider nur geht das „kurzfristig“ inzwischen über Monate und keiner, der seine Quarantäne hinter sich hat, kann sich beruhigt zurücklehnen. Das Ereignis ist beliebig wiederholbar. Selbst, wenn der Körper das Virus gut im Griff hat, der PCR-Test findet es. Und dann gehts in die nächste Runde. Wer sich viel testen lässt, kann so auch schnell zum Quarantäne-Experten werden.

Das Heimtückische an der Testoffensive ist nicht nur, dass sie die Inzidenzwerte künstlich nach oben treibt und zur Steilvorlage für restriktive Maßnahmen wird.

Wie Dominosteine stürzt auch alles im Umkreis eines positiv Getesteten zusammen: Familienangehörige werden in Mitleidenschaft gezogen, Arbeitskollegen, Freunde. Alle Kontaktpersonen müssen nun tun, was sie zuvor nicht wollten: Quarantäne oder Testen oder beides. Der positiv Getestete wird zum Test-Spreader. Auf einen „Infizierten“ kommen im Schnitt fast zehn Quarantänebescheide. Kitas schließen, nur weil eine Erzieherin oder ein Kind ein positives Testergebnis hatte — sonst vielleicht kerngesund, aber positiv getestet. Man stelle sich nur vor, wir würden das für alle Zeiten beibehalten. Vielleicht ruft das seit einem Jahr diskriminierte Influenzavirus irgendwann nach Gleichberechtigung und will ebenso häufig getestet werden.

Und leider kennt das Virus — darüber ist man sich einig — keine Landesgrenzen. Wer also im Nachbarlandkreis arbeitet, kann es von dort mitbringen oder auch hineintragen. Landrat Thomas Fügmann hat daher auch schon die Schuldigen ausgemacht: die Nachbarn. Also die Tschechen, Sachsen und Bayern. Von den Tschechen hätte man auch die britische Virusvariante bekommen. Dass deren Anteil inzwischen bei 80 Prozent liegt, weiß Fügmann genau, auch dass die Variante nicht nur viel ansteckender, sondern auch noch viel tödlicher ist. Die Sterblichkeitsrate sei 60 bis 100 Prozent höher, erklärt Amtsarzt Torsten Bossert seinen Bürgern und verweist dabei auf das British Medical Journal, das es schließlich wissen muss — Heimvorteil, sozusagen. Länger ansteckend sei die aggressive britische Variante außerdem, weshalb Positivbefunde nun auch länger in Quarantäne bleiben müssen, 14 Tage statt zuvor nur zehn.

Die gegenwärtige Testoffensive soll in jedem Fall fortgeführt und noch intensiviert werden. Denn in den Augen des Amtsarztes werde im Saale-Orla-Kreis zu wenig getestet. Mit den Schnelltests ginge das auch ganz gut. In Pößneck gebe es jetzt eine vierte zentrale Teststation, eine weitere ist in Vorbereitung (1). So könne die stark rückläufige Nachfrage nach PCR-Tests ausgeglichen werden, auf die offensichtlich keiner mehr Bock hat. Die in Schleiz gelegene zentrale „Abstrichstation“ — ein Kandidat für das Unwort des Jahres — hat mangels Nachfrage nur noch an drei Tagen pro Woche geöffnet (2).

Das wahre Ausmaß der Pandemie im Mega-Hotspot

Gestorben waren im Saale-Orla-Kreis seit Beginn der Corona-Zeitrechnung — also in einem Zeitraum von mehr als einem Jahr — 111 Menschen. Hier wird nun also das ganze Elend der Pandemie schonungslos sichtbar: Eine schockierende Zahl, die einem das grassierende Unwesen des tödlichen Virus klar vor Augen hält.

Ob dieses reichliche Hundert „an“ oder „mit“ Corona verstorben ist, das kann man sich theoretisch immer noch aussuchen. Praktisch wird einem die Entscheidung aber abgenommen, denn politisch opportun ist natürlich „an“. „Mit“ verharmlost nur die prekäre Situation, würde es doch andeuten, dass die mehrheitlich Hochbetagten möglicherweise infolge ihrer Vorerkrankungen oder einfach nur altersbedingt das Zeitliche gesegnet haben. Das könnte — zu Ende gedacht — zu der ketzerischen Behauptung führen, die Pandemie hätte gar nicht stattgefunden.

Unter den Opfern der Seuche waren überraschenderweise drei Viertel 80 Jahre und älter — ein Alter also, in dem man gewöhnlich nicht stirbt, es sei denn, der Tod ereilt einen nach der Impfung. Dann könnte auch das Alter der Grund gewesen sein, sehr wahrscheinlich sogar, denn die Impfung scheidet als Todesursache aus. Das hatte man schließlich lang genug getestet.

Im Saale-Orla-Kreis sind bis Ende März nur eine Handvoll Menschen „an“ oder „mit“ Corona gestorben, die jünger waren als 60 Jahre. Genau gesagt drei. Und das innerhalb eines Zeitraumes von mehr als einem Jahr! Ob diese drei nun eher vor dem Renteneintritt standen oder noch jugendlich waren, erfährt man nicht. Aber das ist angesichts der bedeutungslos niedrigen Zahl auch keine Recherche wert.

Denn zu allen Zeiten starb man leider auch schon vor der Pensionierung. Dazu bedurfte es keines pandemischen Virus. Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung, Tablettenkonsum, Bewegungsmangel und Stress haben in der Champions League der Sensenmänner auch vor Corona schon reüssiert.

Dass die 111 Gestorbenen zu einer spürbaren Übersterblichkeit im Landkreis geführt haben, darf getrost ausgeschlossen werden. Davon hätten wir dann auch sicher erfahren. Überlastete Krematorien und Friedhöfe hätten sich sofort zu Wort gemeldet. Ein Sonderbericht des Landrats auf der Homepage wäre das Mindeste an Reaktion darauf gewesen.

Auf diese Zahlen können sie bauen

Auf Platz der zwei der Hochrisikogebiete Deutschlands fand sich in der Vor-Osterwoche der Landkreis Schwäbisch-Hall, der es immerhin auf eine 7-Tage-Inzidenz von knapp 440 schaffte.

Im schwäbischen Landkreis teilen sich 30 Gemeinden und etwa 200.000 Einwohner eine Fläche von knapp 1.500 Quadratkilometern.

Emsig wie der Schwabe ist, hat er bereits fast alles versucht. Für alle Bürgerinnen — und auch Bürger — gebe es nun auch ein kostenloses Covid-19-Testangebot. „Machen Sie mit! — so heißt es im Aufruf des Landrats an alle. „Je mehr Menschen sich im Landkreis testen lassen, desto besser. Mehr Tests bedeutet: mehr Sicherheit, mehr Schutz und weniger Übertragungen des Virus.“ So einfach ist das. Denn, so stellt der Landrat fest: „Der Unmut in der Bevölkerung nimmt deutlich zu.“ Die Gemüter seien „überstrapaziert“. Ob daran sein kostenloses Testangebot etwas ändern wird?

Alle seine Bemühungen, den gebeutelten Landkreis einer besonderen Hotspot-Kur zu unterziehen, und vor allem seine Forderung nach mehr Impfstoff seien abgeblockt worden, verteidigt sich der Landrat. Alles, was er machen könne, sei eben Testen, Testen, Testen. Und so sollten doch nun bitte alle — auch ohne Anmeldung — zur Festhalle, ins Kulturhaus, in die Mehrzweckhallen, zum Muswiesengelände oder zu Drive-in-Stationen kommen. Am besten jede Woche, solange die Gemüter diese Strapaze ertragen. Das bringt mehr Sicherheit, ganz bestimmt. Und — auch ganz bestimmt — sinkende Inzidenzwerte.

Dennoch wird das kaum reichen. Daher bliebe nur noch der Corona-Notruf an die hohe Politik für eine Hotspot-Strategie. Und so flehen Kreistag und die 30 Kommunen ganz direkt Jens Spahn und Winnie Kretschmann um Hilfe an. Sie mögen doch bitte endlich den Landkreis zur „Chefsache“ machen. Man habe doch so vorbildlich reagiert, Kitas geschlossen, Maskenpflicht für alle Schüler — und auch Schülerinnen —, die 5. und 6. Klassen bleiben zu Hause (Fernunterricht), tags und nachts gilt Ausgangssperre, mit ein paar Ausnahmen — Frische-Luft-Schnappen ist auch dabei. Glück gehabt. Es gebe inzwischen „flächendeckende Testzentren“. Und auch die „Quarantäneüberwachung“ wurde „verstärkt“.

Trotzdem — so die ernüchternde Feststellung — hätten die Maßnahmen das Infektionsgeschehen nicht erkennbar eingedämmt. Man sei jetzt mit dem Latein am Ende. „Die Pandemie bekommen wir nur mit mehr Impfungen in den Griff“, folgt man dem Merkel‘schen Credo und schreit nach der Wunderwaffe. Denn hier ist tatsächlich noch Luft nach oben. Das Kreisimpfzentrum in Rot am See sei nur zu 20 Prozent ausgelastet. Daher die klare Forderung: mehr Impfstoff, damit schnell 70 Prozent der Bevölkerung „durchgeimpft“ werden können. Dann werde der Landkreis endlich aufatmen können.

Seit Beginn der Corona-Zählung sind 174 Menschen gestorben — an, mit, von, über, unter, auf, hinter oder zwischen Covid. Ein Promille der Bevölkerung und doch kennt man aktuell nur noch einen Farbton: Rot.

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Gute Nacht Blaufelden

Mittendrin statt nur dabei: Blaufelden. Die idyllische Gemeinde im Land der Burgen und Schlösser ist voller Naturschönheiten … und hat nun den Inzidenz-Spitzenplatz im Landkreis inne. Sagenhafte 38 Fälle schraubten den Inzidenzwert auf astronomische Höhen von mehr als 700.

Heute angenehm und liebenswert“, heißt es auf der Homepage der Gemeinde. Das kulturelle Angebot sei vielfältig und das Vereinsleben mit mehr als 50 Vereinen äußerst rege. Das ganze Jahr über gebe es ein reichhaltiges Freizeitprogramm, Volksfeste und Märkte … Nun: Das war einmal — vorübergehend geschlossen, bis auf Weiteres. Der Veranstaltungskalender der Homepage zeigt nur noch die anstehenden Gemeinderatssitzungen.

Dabei kann die 5.000-Seelen-Gemeinde kaum noch was tun. Die niedrige Einwohnerzahl erweist sich als gravierender Nachteil: Jeder Infizierte treibt den Inzidenzwert um 20 nach oben, denn dieser bezieht sich immer auf 100.000 Einwohner. Bei drei positiv Getesteten ist der „kritische“ Wert von 50 bereits überschritten und Blaufelden kann dichtmachen: Hotspot.

Wohlgemerkt: Das muss noch nicht mal an einem Tag passieren. Für die Inzidenz hat der Ort ja schließlich sieben lange Tage Zeit. Und last, not least — auch wenn es keiner mehr hören mag — diese drei, die es braucht, um eine 7-Tage-Inzidenz von 60 zu erzeugen, sind wahrscheinlich noch völlig symptomlos. Aber zum Glück kommt nun ja der Testbus nach Blaufelden.

Die Coolspots

Scrollt man das RKI-Dashboard nach unten, nähert man sich den weniger heißen Flecken der Republik.

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Doch unten angelangt stellt man enttäuscht fest: So richtig „cool“ ist das nicht. Wenn man bedenkt, dass Inzidenzwerte von zehn oder gar null von manchen Politikern und Tierärzten angestrebt werden, so ist das Ergebnis eher ernüchternd. Und so zeigt die Karte des RKI in aller Farbenpracht den Ernst der Lage an: Man vermisst Grün-Töne und White Spots. Gespielt wird auf der Klaviatur zwischen Orange und Dunkelrot.

Dennoch sei die neugierige Frage erlaubt: Wer sind die Besten unter den Schlechten?

Friesisch herb

Völlig unerwartet und kaum zu glauben sticht ein Landkreis alle aus: Nordfriesland. Der nördlichste Landkreis Deutschlands war vielleicht selbst dem Virus etwas zu weit. Oder es hat sich zwischen Halligen und Wattenmeer verlaufen.

Im Kreisgebiet, in dem die Anzahl der gesprochenen Sprachen sogar die der aktuell umlaufenden Corona-Mutationen übersteigt, tummeln sich 167.000 Friesen auf 2.000 Quadratkilometern und verteilen sich dabei auf unglaubliche 133 Gemeinden.

Da man immer von den Besten lernen soll, lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Und hier zeigt sich: Der Ostfriese sollte nicht übermütig und leichtsinnig werden. Schon ein paar Jever im Freundeskreis könnten den Landkreis über den kritischen Inzidenzwert katapultieren. In Flensburg ist das schon spürbar. Der Inzidenzwert liegt hier über 100.

Anders als bei den fleißigen Schwaben findet man — nach zugegeben zeitlich begrenzter Suche — leider keine Inzidenz-Zahlen für die einzelnen Gemeinden. Vielleicht wäre das auch nicht ratsam. Denn während die für ostfriesische Verhältnisse „bevölkerungsreichen“ Orte wie die Städtchen Husum und Niebüll oder die Insel Sylt einen positiven Testfall noch verkraften können, bedeutet das für eine spärlich bevölkerte Gemeinde wie Bordelum schon fast das Aus. Jeder positiv Getestete würde den Inzidenzwert um 50 erhöhen.

Vorsicht Gröde

In Klanxbüll reicht ein Infizierter, um den Inzidenzwert um 100 nach oben zu treiben, in Kotzenbüll schon um 500, in Westerhever wären es 1.000. In diesen dürftig besiedelten Gemeinden reicht also ein Einziger aus, um sie zum Mega-Hotspot und Notstandsgebiet zu machen. Drakonische Maßnahmen wären dann wohl unausweichlich: Ausgangssperre und Vollverriegelung 24 Stunden; Essen nur noch online mit Ablage an der Haustürschwelle; Vollschutz-Anzug für alle, die Kontakte nicht vermeiden können; großräumige Absperrung des Seuchengebiets und weit sichtbare Warnschilder am Ortseingang.

Der Ort Gröde — der rein zufällig vier der fünf Buchstaben des bayerischen Ministerpräsidenten im Namen trägt — ist ganz besonders gefährdet. Ein positives Testergebnis unter den Einheimischen dürfte den Ort mit einer Inzidenz von mehr als 9.000 ins Guinnessbuch der Rekorde beamen.

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Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Bevölkerung am 30. Juni 2020 nach Gemeinden und Kreisen.

Diese trivial-mathematischen Zahlenspiele zeigen die ganze Absurdität des Inzidenzwerts. Sie sind zugleich ein Plädoyer für Eingemeindung und Zusammenschließung von Landkreisen, denn das senkt den Inzidenzwert ganz bestimmt.

Für den Moment steht fest: Die Schleswig-Holsteiner, sonst in der Republik politisch kaum wahrgenommen, reüssieren in der Corona-Phase des Vorfrühlings. Die Landkreise Plön und Ost-Holstein folgen auf weiteren Spitzenplätzen unter den Coolspots Deutschlands. Aber wartet ab, bis der Sommer kommt …

Ein kleiner Blick in die Welt

Es liegt auf der Hand, dass körperliche Nähe bei respiratorischen Erregern das Ansteckungsrisiko erhöht. Abstandhalten gilt daher als eine der wirksamsten, am einfachsten umzusetzenden und am wenigsten repressiven Maßnahmen, um sich oder andere zu schützen. Mit einer solchen „Maßnahme“ kann fast jeder leben.

Außer, es geht eben nicht … , weil es nämlich einfach zu eng wird.

Mongkok, auf Hongkongs Halbinsel Kowloon gelegen, beherbergt auf nur einem Quadratkilometer mehr als 130.000 Menschen, zweifellos einer der am dichtesten besiedelten Flecken Erde. Nur zur Erinnerung: Im heißesten aller Hotspots in Deutschland, dem Saale-Orla-Kreis mit einer Inzidenz jenseits der 500, leben gerade mal 80 Menschen auf einem Quadratkilometer — 80 versus 130.000.

In Tin Shui Wai, im Hongkonger Yuen Long District, teilen sich knapp 300.000 Menschen eine Fläche von 4,3 Quadratkilometern. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 68.000 pro Quadratkilometer. In dieser Landschaft aus Wohnblocktürmen sind Abstandsregeln sinnlos. Wer im Aufzug in den 56. Stock (oder so) fahren will, wird nie allein sein. Ähnlich dicht leben die Menschen auf Ap Lei Chau, einer der Inseln Hong Kongs. Dort leben 87.000 Menschen auf 1,3 Quadratkilometern.

Ganz Hongkong verzeichnet bis heute kaum mehr als 200 Todesfälle.

Während alle möglichen Virusmutationen über die Britischen Inseln oder weit entfernt gelegene Länder wie Südafrika und Brasilien ihren Weg mühelos ins reiche Deutschland finden, verschonen sie weitestgehend diejenigen Teile der Welt, in denen es an Wirten nur so wimmelt.

Die philippinische Hauptstadt Manila ist eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Auf einer Fläche von weniger als 40 Quadratkilometern leben 1,8 Millionen Menschen. Besonders drängen sie sich im Tondo District, wo 630.000 auf nur 9 Quadratkilometern hausen. Der Distrikt ist zugleich das ärmste und unterentwickeltste Gebiet des Landes. Manila hatte bis heute knapp 5.000 Todesfälle, die mit Corona in Verbindung gebracht wurden.

In den Slums der kenianischen Hauptstadt Nairobi, besonders bekannt sind Mathare und Kibera, vereinen sich ebenfalls katastrophale hygienische Verhältnisse mit hoher Bevölkerungsdichte. Weil keiner richtig den Überblick hat, schwanken die Bevölkerungsangaben extrem und zeigen allein dadurch schon die Dimension des Problems. Mathare nimmt eine Fläche von circa 3 Quadratkilometern ein, ob aber 150.000 oder 500.000 dort leben, weiß keiner so genau. Entsprechend könnte die Bevölkerungsdichte deutlich über 100.000 pro Quadratkilometer liegen. Auch in Kibera schwanken die Angaben stark und reichen bis zu 700.000 Einwohner. Die Fläche ist ähnlich groß wie die Mathares. Jens Spahn und Co können die dortige Bevölkerung gern von der Sinnhaftigkeit von Abstandsregeln überzeugen.

Die Rocinha Favela in Rio de Janeiro gilt als größte Favela Brasiliens. Auf weniger als einem Quadratkilometer finden hier — offiziellen Angaben zufolge — 70.000 Menschen Platz. Allerdings schätzen andere die Zahl der Einwohner Rocinhas auf bis zu 250.000. Dies würde eine unglaubliche Bevölkerungsdichte von nahezu 300.000 Einwohnern pro Quadratkilometer bedeuten. Jeder Einwohner hat also nur reichlich 3 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Wohlgemerkt, die Menschen leben dort nicht in Hochhäusern wie in Hongkong. Sie drängen sich weitestgehend auf einer Ebene. Schönen Gruß nach Deutschland, wo ein Kunde im Supermarkt 20 Quadratmeter Platz beanspruchen muss, um das Seuchengeschehen in den Griff zu bekommen.

Der Dharavi Slum in Indiens Hauptstadt Mumbai ist der wahrscheinlich am engsten bewohnte Ort der Welt. Die Bevölkerungsdichte übersteigt die Manhattans um das Zehnfache. Auf etwa 2 Quadratkilometern leben je nach Schätzung bis zu einer Million Menschen. Die Bevölkerungsdichte ist mit 300.000 pro Quadratkilometer vermutlich sogar konservativ geschätzt. In Marine Lines, einem anderen Distrikt Mumbais, leben auf 1,8 Quadratkilometern über 200.000 Einwohner. In Kotwali Thana, in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, wohnen auf nur 2 Quadratkilometer mehr als 200.000 Menschen. Allerdings sind die Zahlen stark veraltet und dürften tendenziell noch viel höher liegen.

Wer die Corona-Todeszahlen dieser extrem dicht besiedelten Orte googelt, wird zumeist nicht fündig. Ein Grund: Im gesamten Land gibt es kaum registrierte Todesfälle.

In Bangladesch mit seinen 160 Millionen Einwohnern sind es bis dato gerade mal 9.000. Nicht zu vergessen: über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr.

Einfach mal nachdenken

Die eingangs vorgestellten deutschen Inzidenz-Spitzenreiter sind vergleichsweise spärlich besiedelt. Dennoch ächten wir sie als „Hotspots“. Gleichzeitig macht das Virus scheinbar einen großen Bogen um die am dichtesten bevölkerten Regionen der Erde, die es eigentlich als Mega-Hotspots täglich in die Eingangsmeldung der Tagesschau schaffen müssten. Denn wirklicher Schutz ist dort zumeist nicht möglich: kein Abstand, kaum Hygiene und erst recht unzureichende medizinische Versorgung, keine Krankenversicherung, Krankenhäuser und Intensivbettenkapazitäten. In Ermangelung all dessen müssten die Todeszahlen durch die Decke schießen.

Nicht selten wird der — allerdings unpassende — Vergleich zur Spanischen Grippe gezogen, die seinerzeit 20 bis 50 Millionen Menschen das Leben gekostet haben soll. Doch damals lebte nur ein Viertel der heutigen Bevölkerung auf dem Planeten und auch lange nicht so dicht aufeinander. Angesichts dessen findet ein pandemisches Virus heute ungleich günstigere Bedingungen für seine Verbreitung vor. Die Toten müssten sich also gerade in den dicht besiedelten Gebieten nur so türmen, da die ach so effektiven und notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie dort gar nicht umsetzbar sind und auch nicht existieren. Das sollte uns zu denken geben.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.saale-orla-kreis.de/de/pressemitteilungen/kostenloser-buergertest-im-saale-orla-kreis-wird-erweitert.html Kostenloser Bürgertest im Saale-Orla-Kreis wird erweitert. 24. März 2021 — Corona-Schnellteststation in Pößneck geht am Sonnabend in Betrieb / Umzug und Erweiterung in Schleiz / Testangebot in Neustadt und Bad Lobenstein in Vorbereitung.
(2) https://www.saale-orla-kreis.de/de/pressemitteilungen/saale-orla-kreis-liebaeugelt-mit-ausweitung-von-schnelltests.html Saale-Orla-Kreis liebäugelt mit Ausweitung von Schnelltests. 4. März 2021 — Dezentrale Anlaufpunkte für regelmäßige, kostenlose Corona-Schnelltests sind auch im Saale-Orla-Kreis ein Thema / Nachfrage nach PCR-Tests rückläufig / 42 Neuinfektionen zu Donnerstag.

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