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Horchposten 1941

Horchposten 1941

Erinnerung als Mahnung.

Der Überfall auf die Sowjetunion trotz des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts begann am 22. Juni 1941, deklariert als „Unternehmen Barbarossa“. Weil mehrere Warnungen von Stalin ignoriert worden waren, kam er für die Sowjetunion unvorbereitet, was zu Verwunderung auf sowjetischer Seite über deutsche Truppenbewegungen vor dem Überfall führte.

Recherchiert wurden Texte und Dokumente beider Seiten und aus unzähligen Quellen von Andreas von Westphalen und Jochen Langner zusammengetragen. Darunter befindet sich auch der eingangs zitierte Mordaufruf neben Auszügen aus Hitlers Tischgesprächen in der Wolfsschanze, aber auch räsonierende Tagebuchaufzeichnungen von Zeitzeugen.

Daraus ist eine eindrucksvolle interaktive Klanginstallation entstanden, die derzeit im Willy-Brandt-Haus zu hören ist und auch in Moskau, St. Petersburg und Wolgograd gastieren wird. Die Besucher, ausgerüstet mit Kopfhörern und Smartphones, die über Bluetooth mit der Sendestation verbunden sind, können sich durch die einzelnen Stationen der „Horchposten 1941 / я слышу войну“ betitelten Installation arbeiten, die im Lichthof des Willy-Brandt-Hauses montiert ist.

Dort stehen formierte Stuhlreihen einander gegenüber. Jede Stuhlreihe ist mit einem Bluetoothsender ausgestattet, über den die Tondateien der entsprechenden Kapitel abgerufen werden. Je nachdem, von welcher Seite die Installation betreten wird, setzt sie entweder mit „Deutsches Hinterland“ oder „Sowjetisches Hinterland“ ein, gefolgt von „Deutsche Front und besetzte Gebiete“ und „Sowjetische Front und besetzte Gebiete“. In der Mitte der Installation stehen die Stühle beim Kapitel zur „Blockade von Leningrad“ einander direkt gegenüber. Immer wieder kann der Besucher die Seiten und Perspektiven wechseln, sich entweder den Führer- und Himmler-Befehlen und Berichten von Wehrmachtsoldaten aussetzen oder die Gegenseite in Form von Stalin-Dekreten, Berichten von Wassili Grossmann, Lyrik von Anna Achmatova und dergleichen mehr vernehmen. Genau auf diese bewusste Wahl kam es den beiden Regisseuren an. Denn auf beiden Seiten, daran wollen sie mit ihrer Installation erinnern, standen in erster Linie Menschen einander gegenüber.

Auf deutscher Seite führte die rassistische Entmenschlichung des Gegners zu der Überzeugung, es mit slawischen „Untermenschen“ zu tun zu haben, die entweder zu „vernichten“ seien oder als auszubeutende Arbeitskräfte der „deutschen Herrenrasse“ zu dienen hätten. Das verfing allerdings nicht bei allen und in einigen Texten klingen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des befohlenen Tuns durch. Willy Peter Reese, Verfasser eines solchen Textes, ist ein Soldat, der vermutlich 1944 bei Witebsk im Norden Weißrusslands getötet wurde. Reese stand den Nazis kritisch gegenüber, begriff sich als Romancier und verfasste während des „Heimaturlaubs“ bei seinen Eltern in Duisburg unter dem Titel „Russische Abenteuer – ein Bekenntnis aus dem großen Kriege“ ein Manuskript. Erst 2004 ist es auf Initiative von Reeses Cousine und dem Stern-Reporter Stefan Schmitz unter dem Titel „Mir selber seltsam fremd“ erschienen.

Es sind menschliche Tragödien, die manchmal deutlich aber auch oft aus Angst nur zwischen den Zeilen durchklingen. So auch auf sowjetischer Seite, wo jeder Zweifel am Sieg der Roten Armee über den Faschismus martialisch mit Erschießen oder Lagerhaft geahndet wurde, wie ein entsprechendes Dekret verkündete.

Die schmerzvolle Erinnerung an den von deutscher Seite angezettelten Vernichtungskrieg ist heute, fast 76 Jahre nach dem Überfall, angesichts neuer Spannungen und einer in der NATO geschürten antirussischen Haltung wichtig. In Moskau nahmen am 9. Mai 2005, dem Tag des Sieges über den deutschen Faschismus, US-Präsident George W. Bush, der französische Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder zusammen mit Wladimir Putin an den Feierlichkeiten teil.

Heute wäre dies undenkbar angesichts antirussischer Boykottmaßnamen und der provokanten Stationierung von NATO-Truppen an der russischen Grenze. Es ist höchste Zeit, an die so leidvolle gemeinsame Geschichte zu erinnern und den Anfängen zu wehren. „Horchposten 1941 / я слышу войну“ von Andreas von Westphalen und Jochen Langner ist dafür hervorragend geeignet. In einer linearen Montage wird es auch im Rundfunk mehrfach zu hören sein.

Als interaktive Soundinstallation:

Als Hörspiel:

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