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Historischer Pandemie-Krimi

Historischer Pandemie-Krimi

Die Schweinegrippe-Affäre von 1976 belegt, dass Wissenschaft und Politik aus den Fehlern der Vergangenheit bis heute nichts gelernt haben.

Im Januar 1976 kam es auf dem Militärstützpunkt Fort Dix in New Jersey zu einer Häufung von Erkrankungen der oberen Atemwege. Der leitende Epidemiologe des Bundesstaates wettete mit dem zuständigen Sanitätsoffizier in Fort Dix, dass man sich mitten in einer gewöhnlichen Grippeepidemie befand. Zur Auflösung der Wette schickte der medizinische Offizier Kulturen an das staatliche Labor. Er verlor. Die Kulturen zeigten ein unbekanntes Grippevirus, das an die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta geschickt wurde und sich als Schweinegrippe herausstellte.

Damals glaubte man, dass jede Antigenverschiebung, wie es hier der Fall war, der mögliche Vorläufer einer Pandemie sei. Der damalige Direktor der CDC, David Sencer, bereitete ein Memorandum für David Mathews, den damaligen Sekretär für Gesundheit, Bildung und Soziales, vor. Das Memorandum bot vier in Regierungskreisen übliche Optionen: drei, die vom Leser abgelehnt werden sollten, und eine vierte, die vom Verfasser gewünscht wurde.

  • Die erste war „nichts tun“,
  • die zweite hieß „minimale Reaktion“,
  • die dritte war ein „Regierungsprogramm“
  • und die vierte ein „kombinierter Ansatz“, der dem privaten Sektor eine Rolle zuwies.

Das Aktionsmemorandum wurde bewusst so gestaltet, dass die erwünschte Antwort von einer bedrängten Regierung erzwungen wurde, die es sich nicht leisten konnte, dass eine Ablehung von Maßnahmen an die Öffentlichkeit gelangt.

Das Memorandum wurde bei einem Treffen mit Mathews am 15. März vorgestellt, bei dem Sencer Mathews stark unter Druck setzte.

Mathews war der Ansicht, dass es politisch unmöglich sei, Nein zu sagen, selbst wenn es nur ein entferntes Risiko gab.

Obwohl die Risiken gering waren, drängte Sencer auf die große Wahrscheinlichkeit einer Pandemie, die antigenetisch verwandt wäre mit der Grippe von 1918. Es musste innerhalb von zwei Wochen eine Entscheidung getroffen werden, um genug Zeit für die Vorbereitung, Prüfung und Verabreichung des Impfstoffs vor der nächsten Grippesaison zu haben.

Theodore Cooper, stellvertretender Sekretär für Gesundheit, Bildung und Soziales, war beeindruckt und schloss sich Sencers Sache an.

Am 22. März fand ein Treffen mit Präsident Ford statt, an dem Mathews, Cooper und andere Mitglieder der Verwaltung teilnahmen. Vor sechs Problemen wurde der Präsident nicht gewarnt:

  • mögliche schwerwiegende Nebenwirkungen,
  • die Dosierung bei Kindern,
  • die Haftpflichtversicherung,
  • Expertenmeinungen,
  • Probleme mit der Öffentlichkeitsarbeit des öffentlichen Gesundheitsdienstes
  • und mit seiner eigenen Glaubwürdigkeit.

Am 24. März um 15.30 Uhr fand im Kabinettsraum eine weitere Sitzung mit externen Wissenschaftlern statt, darunter die überzeugten Gegner Jonas Salk und Albert Sabin. Die Anwesenden, die durch eine kurze Notiz überraschend ins Weiße Haus gerufen wurden, empfanden das Treffen als „vorherbestimmt“ und „inszeniert“ und dass die Entscheidungen bereits vorab getroffen worden waren. Sie fühlten sich „benutzt". Durch Handzeichen wurde das Programm einstimmig angenommen. Ford bat um Gegenstimmen, aber es gab keine. Der Präsident sagte daraufhin, er werde die Sitzung unterbrechen und sich ins Oval Office begeben, wo jeder, der Zweifel hat, mit ihm unter vier Augen sprechen könne. Niemand tat dies. Der Präsident ging zurück in den Kabinettsraum, nahm Salk und Sabin mit sich und ging in den Presseraum, wo er das 135 Millionen Dollar teure Programm zur Impfung gegen die Schweinegrippe ankündigte, um jeden Mann, jede Frau und jedes Kind im Land zu impfen.

Der Impfstoff wurde als sicher und wirksam angesehen.

Der Rest der Geschichte ist bekannt:

  • die Probleme bei der Herstellung des Impfstoffes,
  • die Weigerung der Versicherungsgesellschaften, Haftpflichtversicherungen auszustellen,
  • die nur mäßige Reaktion der Öffentlichkeit auf das Impfprogramm,
  • das Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms und, was am auffälligsten war, das Nicht-Erscheinen eines Ausbruchs der Schweinegrippe.

Die ganze Affäre, die in diesem Buch hervorragend beschrieben wird, ist ein gutes Beispiel für die Fehlbarkeit von Expertenmeinungen und die Fehlbarkeit der Regierung.

Die Analyse „Die Schweinegrippe-Affäre“ wurde von Mitgliedern der Harvard School of Government and Public Health im Auftrag des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialministeriums in Auftrag gegeben und 1978 erstmals veröffentlicht.

Sie ist unterhaltsam geschrieben und spannend wie jeder gute Detektiv- oder Science-Fiction-Roman.

Sie sollte für Ärzte und Politiker Pflichtlektüre sein, da die US-Regierung heute vor den gleichen Problemen steht wie vor fast 30 Jahren.


Zitate aus „Die Schweinegrippe-Affäre“:

  • „Wenn die Erfahrung mit der Schweinegrippe uns etwas lehren kann, dann ist es wichtig, dass wir es auch lernen. Wenn es Fehler oder Fehltritte gegeben hat – wie gut auch immer gemeint –, ist es wichtig, daraus zu lernen, damit wir sie nicht wiederholen, weder in der Impfpolitik noch in anderen, ähnlichen Entscheidungs-Zusammenhängen.“
  • „Wenn Entscheidungen auf der Grundlage sehr begrenzter wissenschaftlicher Daten getroffen werden müssen, sollte die Bundes-Gesundheitsbehörde Schlüsselpunkte festlegen, an denen das Programm formell neu bewertet werden sollte.“
  • „Es war keine leichte Entscheidung, angesichts all der (unbekannten) Unbekannten. Sie erschien uns als eine vernünftige Entscheidung, bei der alle Risiken sorgfältig abgewogen wurden. Was uns aber fast ebenso eindringlich auffiel, war die weit offene Art und Weise, wie sie getroffen wurde – der „Sonnenschein-Ansatz“, wenn man so will.“
  • „Das, was bei der Planung des Schweinegrippe-Programms nötig gewesen wäre, war ein Tag am Tisch, um mit Murphy’s Law ein Brainstorming zu veranstalten: „Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es das auch“, um alle denkbaren Entwicklungsmöglichkeiten, die man sich vorstellen kann, zu diskutieren. Das hätte es getan. Es hätte sicherlich eine Menge der Dinge aufgefangen, die schief gelaufen sind – schließlich war es gar nicht so schwer, an sie zu denken.“


Redaktionelle Anmerkung: Das gesamte Buch kann hier und hier heruntergeladen werden.

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