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Hilflose Helfer

Hilflose Helfer

Die Entwicklungshilfe hält nicht, was sie verspricht. Exklusivabdruck aus „Alte Seele Afrika“.

Am 10. August 2012 gab Michael Nebe n-tv ein Interview, welches sich mit dem Thema Entwicklungshilfe beschäftigte (1). Immer mehr junge erfolgreiche Afrikaner wie Dambisia Moyo (2) oder Axelle Kabou (3) sprechen sich gegen internationale Entwicklungshilfe aus. Mit Geld alleine, das meist nicht ankommt, wo es ankommen soll, kann kein Wandel herbeigeführt werden.

Das System selbst beweist diese Behauptung. Der wichtigste Faktor für Wandel ist Bildung. Die Rückständigkeit des afrikanischen Kontinents sei allzu oft auf die verfehlte Entwicklungspolitik der Geberländer zurückzuführen. Seit den 1960er Jahren sind viele hundert Milliarden Euro, genaue Zahlen kennt keiner, in die südliche Hemisphäre geflossen, ohne dass diese gigantischen Geldsummen irgendeinen Fortschritt eingeleitet hätten.

Anstelle von vorweisbaren Erfolgen nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe geht es den Menschen in der Sahelzone heute schlechter als je zuvor. Viele hundert Millionen Menschen vegetieren vor sich hin und verhungern dort, wo schon so lange so viel Geld wie Wasser im Saharasand versickert ist.

In den 25 Jahren, die Sandrine überblickt, entstand aus der Entwicklungshilfe ein neuer Dienstleistungssektor. Die ersten Entwicklungshelfer, die nach Afrika gingen, waren Brunnenbauer, Schreiner oder Landwirte mit hohen Idealen. Heutzutage werden Projekte von verschiedenen Geldgebern gemeinsam finanziert und durchgeführt. Ein Ding der Unmöglichkeit. Der bürokratische Aufwand übersteigt oft das Finanzvolumen. Strategiepapiere und Leitbilder für die Strategien werden entwickelt.

Die Managementebene besteht aus Betriebswirten und Juristen in schicken Anzügen, die sich selbst als Spezialisten der Materie bezeichnen. Man stelle sich diese Herren im Wüstensand bei 45 Grad Celsius vor, aber dort geraten sie ja nie hin.

Der eine jongliert mit Zahlen und bedient sich allerlei statistischer Methoden, bis das gewünschte Ergebnis nachgewiesen werden kann, unabhängig davon, ob es erreicht wurde oder nicht. Der andere sichert das ganze Konstrukt rechtlich ab, so dass, auch wenn das Ziel nicht mal annähernd erreicht wurde, eine maximale Ausschüttung für sie herausspringt.

Dies ist heute ja nicht nur in der Entwicklungshilfe so, das System funktioniert auf allen Ebenen in allen Bereichen. Schlimm wird es dann, wenn Menschen auf Grund dieses Systems verhungern und das nicht einmal in Betracht gezogen wird. Die gut verdienenden Manager kommen nie auch nur in den Dunstkreis eines dahinsiechenden afrikanischen Bauern irgendwo im Sahel. Was das ganze Projektgetue aber besonders verwerflich macht: Genau diese Menschen, die weniger als einen Euro pro Tag zur Verfügung haben und deren Überleben nicht gesichert ist, werden auf dem Papier als „Zielgruppe“ vorgeschoben, um eine Finanzierung in Brüssel, Washington, Bonn oder bei Bill Gates zu erwirken.

Zu den größten Geldgebern zählen neben den westlichen Staaten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds. Auf den alljährlichen Gipfeln der Wirtschaftsmächte wird gebetsmühlenartig die Mittelaufstockung für die „bedürftigen“ Länder gefordert. Doch scheinbar ohne Sinn und Zweck, wenn man nachhaltige Erfolge vor Ort sucht. Hier kommt es auf die Perspektive an, aus der man es betrachtet.

Untereinander abgestimmte Programme gibt es auch bei den chaotischen Aktionen zur Nahrungsmittelverteilung nach humanitären Katastrophen kaum. Jede Organisation kocht ihr eigenes Süppchen und lässt sich dabei nicht gerne in den Kochtopf schauen. Wenn das Geld verbraucht ist, verschwinden Projekte wie Helfer genauso schnell, wie sie gekommen sind. Spuren, die bleiben, sind meist negative Mahnmale.

Die sich als Experten bezeichnenden Selbstdarsteller neigen dazu, einem ganzen Kontinent ihre Sichtweise von Effektivität, Effizienz, Fortschritt und Entwicklung als Universalschlüssel aufzudrücken, der überall passt und alle Türen öffnet.

Trugschluss? Fehleinschätzung? Ignoranz? Nein! System!

Sowohl Intelligenz, Potential und Ressourcen als auch Tradition, Glauben und Werte der Menschen in den afrikanischen Ländern werden völlig außer Acht gelassen. Aber rückblickend war das ja schon immer so.

Trugschluss? Fehleinschätzung? Ignoranz? Nein! System!

Wirtschaftliches Wachstum wird an Unbedarfte als Illusion verkauft. Die Eigenverantwortung afrikanischer Länder wird seit der Kolonialzeit untergraben. Partnerschaften auf Augenhöhe sind Augenwischerei. Hier soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass afrikanische Regierungen nicht auch eine große Verantwortung gegenüber ihren Ländern hätten. Alle Diktatoren und korrupten Regierungsbeamten haben natürlich auch Mitschuld an dem ganzen Dilemma. Aber das korrupte System ist erstens aus der Kolonialzeit heraus gewachsen und zweitens nutzen Europäer und Amerikaner gezielt die schlechte Regierungsführung in den afrikanischen Ländern bei der Ausbeutung der Ressourcen.

Gerade heute in der Flüchtlingspolitik werden wieder Deals mit Diktatoren geschlossen, um den Flüchtlingsstrom nach Europa bereits in Afrika zu blockieren. Da ist jedes Mittel recht. Darüber haben wir ja einiges gehört.

Aus dem Debakel der letzten 60 Jahre sollte endlich klar werden, dass Zusammenarbeit nicht nur auf Basis von Regierungen, sondern auf Basis von Zivilgesellschaften ablaufen sollte. Afrika muss es ermöglicht werden, eigenverantwortlich handeln zu können und nicht fremdbestimmt auf immer und ewig entmündigt zu werden.

Natürlich profitieren auch einige Afrikaner von diesem System, so wie damals in der Sklavenzeit auch, aber der riesengroße Rest geht leer aus. Eigene Kompetenz und Leistungsfähigkeit, was auch Stolz hervorbringt, sind die einzig gangbaren Wege. Afrika muss endlich seine eigene Zukunft selbst bestimmen können. Das hat vor allem mit Moral und Respekt zu tun. Ein respektvolles Miteinander beider „Welten“, wo beide voneinander lernen und davon profitieren können.

Wie funktioniert die ganze Maschinerie?

„Desertifikation“ war lange ein Schlagwort der Entwicklungshilfe, einer der Anglizismen, mit denen kaum einer etwas anfangen kann. Desertifikation bedeutet „Ver-wüstung“. Zurückgelassen in der Wüste stehen Schneeräumfahrzeuge, im Fachjargon „Weiße Elefanten“, um Sanddünen niederzuwalzen, als Mahnmale einer gescheiterten Entwicklungspolitik.

Künstlich angelegte Grünstreifen mit eingeführten Büschen gegen die Verwüstung wurden in der Sahelzone angelegt: Diese Büsche vermehrten sich nach Ende der Projekte unkontrolliert im Sahel und verdrängten die einheimische Vegetation. Schafe und Ziegen der Nomaden sterben, wenn sie diese Büsche fressen. Darüber hört man nie etwas. Wir wissen ja mittlerweile: Nach mir die Sintflut.

Die meisten persönlichen Erfahrungen hat Sandrine im Niger gesammelt und fühlt sich Land und Leuten zutiefst verbunden. 2012 musste sie erneut erfahren, dass wieder mehr als 18 Millionen Menschen im Sahel von einer Hungersnot biblischen Ausmaßes bedroht waren. Und das mit dem Wissen, dass seit der ersten großen Hungersnot 1974 mehrere Milliarden in genau diese Gebiete geflossen waren, mit dem nachhaltigen Effekt, dass die sich heute fast jährlich wiederholenden Hungersnöte immer extremere Ausmaße annehmen.

Während solcher sogenannter humanitärer Krisen im Sahel beginnt sich eine äußerst interessante Maschinerie in Gang zu setzten. Die Überproduktion an Getreide aus der entwickelten Welt, ausgewiesen mit der Aufschrift „Humanitäre Hilfe“, wird nach Afrika eingeflogen. Weizen aus dem Weizengürtel der USA, Reis aus Indonesien. Beides bereits seit Jahren, manchmal sogar Jahrzehnten in Lagern herum dümpelnd und in dieser Zeit permanent gegen Lagerschädlinge mit Giften verseucht.

Genauso wie ein Bekannter Sandrines damals in der Heimat meinte, das Fleisch von den Tieren mit Rinderwahnsinn könne man doch nach Afrika zu den Hungernden schicken. Die stürben doch eh, dann hätten sie zumindest noch ein bisschen Fleisch, quasi als Henkersmahlzeit. Der Bekannte hatte das System durchschaut. Er hätte Berater oder Gutachter werden sollen.

In solchen Krisenzeiten werden immer wieder die akuten Folgen des Hungers bekämpft. So wie das bei einem Grippemedikament der Fall ist. Die wirklichen Ursachen der Krisen werden geflissentlich außer Acht gelassen.

Der eigentliche Nutznießer der so deklarierten „Humanitären Hilfe“ ist die industrialisierte globale Landwirtschaft der entwickelten Welt. Es funktioniert folgendermaßen: Die Regierung kauft den Bauern in der entwickelten Welt ihre Überproduktion ab. Was für den Laien am Bildschirm während einer Hungersnot großmütig aussieht, ist vom moralischen Standpunkt aus betrachtet verwerflich.

Durch das System werden europäische und amerikanische Bauern mit Entwicklungshilfegeldern subventioniert. Die Bauern in Afrika werden durch dieses System nicht unterstützt, im Gegenteil, sie werden noch mehr geschwächt, da diese kostenlosen Hilfslieferungen langfristig und nachhaltig die Strukturen der lokalen Märkte zerstören und wirtschaftliches Wachstum im Keim ersticken.

Das wirklich Schlimme an dem System ist die Scheinheiligkeit. Bis heute werden, wo irgend möglich, sogenannte „cash-crops“ für den Export angepflanzt. Das sind meist Produkte wie Baumwolle oder Erdnuss, die seit der Sklavenzeit gleich geblieben sind. Wie damals wird auch heute der Rohstoff aus dem Land abtransportiert und bringt wieder verschuldete Bauern hervor, die sich auf Pump Saatgut und Pestizide gekauft haben, das sie von ihrer Ernte nicht bezahlen können. Dann kommen die Geldeintreiber der Firmen und nehmen den Bauern ihr Fahrrad oder vielleicht sogar ihr Motorrad weg, wenn sie eins besitzen, und wenn es sein muss, noch das Wellblechdach von ihrer Hütte.

Wir erinnern uns an das „land grabbing“ in Madagaskar. Aus den Erdnüssen wird in den USA dann Erdnussbutter hergestellt. Die wird zusammen mit den Weizenüberschüssen in die „Hungergebiete“ zurückgeschickt. Sandrine hat das live in Agadez miterlebt, als riesengroße Frachtflugzeuge direkt neben ihrem Haus landeten und ihren lokalen Kuppelbau aus Lehm fast zum Einsturz brachten. Vor Ort sollte die nährstoffhaltige Erdnusspaste dann denen zu Gute kommen, meist Frauen und ihren Kindern, die bereits erblindet waren, völlig lethargisch und die nie mehr ein gesundes Leben würden führen können. Die Schäden des monatelangen Darbens sind irreversibel.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) http://www.n-tv.de/politik/-Afrika-braucht-keine-Milliarden-article6934371.html
(2) Dambisa Moyo: Dead Aid, Haffmans & Tolkemitt 2009
(3) Axelle Kabou: Weder arm noch ohnmächtig, Lenos Verlag Basel 2009

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