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Hier mein Cluster, Herr Drosten

Hier mein Cluster, Herr Drosten

Tagebuch einer Frau, die ihren Lebensgefährten durch die Brutalität des Corona-Regimes verloren hat. Teil 3.

Folge 3:

  • Erstickende Ohnmacht
  • Es führt kein Weg zu Verbesserungen
  • Offener Brief an den Pflegedienstbevollmächtigten der BRD
  • Nur einen halben Tag in der Sonne sitzen
  • „Für Schwerstkranke und Sterbende gibt es keine Einschränkung für den Empfang von Besuch“
  • „Hausrecht“

18. Mai 2020

Habe mich auf den Brief von Gaby Baginsky an die Bundeskanzlerin gemeldet, auf Facebook, sie bangt um ihre 92-jährige Mutter, die im Heim schon aus dem Fenster springen wollte, wegen der Isolation. Gibt viele Kommentare dazu, von ebenso Leidtragenden der Aussperrung in den Heimen. Morgen fahre ich wieder hin, wie halte ich das nur selber durch.

24. Mai 2020

Heute war Friedrichs 76. Geburtstag. Bin morgens früh mit dem Zug nach Berlin (nach nicht geschlafener Nacht ...), der Fenstergeburtstag war schon vorbereitet, das heißt, der Tisch hingestellt, hinter dem Friedrich sitzen durfte. Dann kam mein Schatz, nicht gerade zurechtgemacht, in dünnem Oberhemd (und Nase putzend). Dann kamen auch Friedrichs Sohn M. und Tochter L. und ihre beiden großen Jungen. Es war dann ein buntes Geschenkeauspacken, Friedrich bekam das fertige Gedicht-Manuskript „Flo und Flöckchen träumen von der Liebe“ und ein Foto von mir, von L. eine Kiste Hosen und von M. ein Tablet, damit wir endlich selber skypen können.

Die „Kontaktsperre“ wurde dann doch hin und wieder übertreten, als beim Geschenkeübergeben die Reihenfolge — denn das sollte nur über die Schwester passieren — nicht immer eingehalten wurde. Beim Singen zur Gitarre fiel uns dann ab und zu der Mundschutz runter, und die Abstände konnten beim Fenstertanz auch nicht immer eingehalten werden: ein Corona-Geburtstag im Altenheim, wie er im Buche steht.

Friedrich strahlte glücklich über so viel liebevolles Treiben vor seinem Fenster. Wir haben „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ und „Die Gedanken sind frei“ gesungen und haben für Fremde wohl wie eine kleine Corona-Demo angemutet, so wie sie jetzt überall, meist allerdings in der größeren Variante, stattfinden. Die Medien versuchen, das totzuschweigen, dabei sind Wut und Aufbegehren kaum noch im Zaume zu halten. Die Kontroversen prallen nur so aufeinander.

Die allgemeine Lage wird immer unübersichtlicher, während das eine Bundesland vollständig lockert, zurrt das andere umso mehr wieder zusammen. Dazu kommen die Eruptionen in den Arbeitsnischen, wie zum Beispiel Schlachthöfe. Das Coronavirus weist freundlich auf die Nichteinhaltung von Arbeitsschutzbedingungen hin — mit Infektionen, vielleicht mit Toten. Und es wird weitergehen mit dem Aufstöbern von Nischen-Missständen. Und jeden Tag wachsen die YouTube-Kanäle mit neuen sogenannten Corona-Verschwörungstheorien. Dabei sind die Menschen nur auf der Suche nach Antworten in diesem staatsgemachten Wahnsinn.

25. Mai 2020

Ich muss alles genau notieren, auch um gegen die erstickende Ohnmacht anzukämpfen. Heute früh habe ich gleich das Heim angerufen, die stellvertretende Pflegedienstleiterin war am Apparat. Ich habe ihr mein Anliegen vorgetragen, Friedrich mehr als bisher zu sehen, da er unter der Isolation sehr leidet.

Gleich kam das chefmäßige „Also das hat Ihnen doch alles auch schon Frau Soundso gesagt“. Es führte kein Weg zu Verbesserungen. Auch nicht meine Trumpfkarte, dass ich bereit wäre, mich testen zu lassen, konnte ich erfolgreich ausspielen. Mit meinem Nachbarn (Leiter des hiesigen Gesundheitsamtes) hatte ich ja schon alles abgesprochen, dass er mich unter die Kontaktpersonen mischt und ich getestet werden könnte. „Dann müssten Sie sich ja jeden Tag testen lassen“, war die Antwort auf meine Frage, ob ich ihn auf seinem Zimmer besuchen könne und eventuell bei der Betreuung mitwirken.

Warum kann ich nicht bei der Betreuung mitwirken!? Also null und nein, nur die bekannten Chef-Floskeln, sie seien ein so großes Haus, die Situation sei sowieso angespannt. Sie könne mich für Dienstag nach Pfingsten eintragen, aber Pfingsten, nein, geht nicht. Da ist kein Personal da.

Auch das Argument, dass er an Demenz erkrankt ist und daher die Isolation, vor allem die Trennung von seiner Partnerin besonders schwer verkrafte, zählte nicht.

Beim Gesundheitsamt Neukölln angerufen, erhielt ich eine ähnliche Antwort, eine Begründung der jetzigen Zwangsmaßnahmen. Nur die Frau wollte mich wenigstens trösten, sie erzählte mir ihre persönliche Geschichte, sie habe jetzt erst, nach drei Monaten, ihre behinderte Tochter im Heim besuchen können und sie konnten ein wenig durch den Garten gehen, mit Mundschutz. Sie meinte, es sei jetzt eine Zeit der Vernunft, nicht der Emotionen. Und was ist mit der natürlichen Lebenszeit, wenn sie sich dem Ende neigt? Und wir sollen warten, dass wir wieder Emotionen zulassen dürfen?

Das winzig kleine Virus, aufgebläht durch die Angstmacher, trägt den großen Sieg davon. Ich habe zur Zeit keinen anderen Wunsch, als Friedrich und mir gemeinsame, glückliche Lebenszeit zu verschaffen. Und daran werde ich alles setzen.

Die Frau aus dem Gesundheitsamt machte mir auch noch klar, wie gering meine Chancen wären, ihn nach Mecklenburg zu holen. Ich sei ja nicht mit ihm verheiratet und es müsste dann das Vormundschaftsgericht bestellt werden und wenn die Betreuerin dem nicht zustimmt, ist gar nichts zu machen, und so weiter und so fort. Das alles wäre ein langer Weg. Und außerdem seien zur Zeit die Heime auch in Mecklenburg geschlossen, nehmen wegen Corona niemanden auf. Mir schwammen noch mehr Felle davon. In meiner Not schrieb ich einen Brief an den Pflegebeauftragten der Bundesrepublik.

25. Mai 2020

Der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege
Andreas Westerfellhaus
Friedrichstraße 108
10117 Berlin

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Westerfellhaus,

Ich wende mich mit meinem dringlichen Anliegen an Sie als Pflegebeauftragten.
Mein Lebenspartner Dr. Friedrich L. lebt seit drei Jahren in einem Neuköllner Pflegeheim. Gestern beging er seinen 76. Geburtstag, zu dem seine Familie und ich, seine Partnerin, ihm durchs Fenster gratulieren konnten. Mein Partner ist an Demenz erkrankt und kann die „Sicherheitsmaßnahmen“ im Heim, die für ihn emotional nur das Abtrennen von seinen Liebsten bedeuten, und die ihm immer wieder neu erklärt werden müssen, überhaupt nicht verstehen und vor allem nicht verkraften.

Als ehemaliger Strafverteidiger und Anwalt ist das Gefühl von Freiheitsberaubung in besagten Situationen plötzlich wieder sehr immanent und übersteigt bei weitem die Angst vor einem, wie auch immer gearteten, Virus. In der Besuchsverbotszeit vor circa drei Wochen erlitt er eine Panikattacke und wurde des Abends mit dem Krankenauto in die Notaufnahme der Neurologie geschafft. Noch des Nachts zurückgekehrt, wurde ihm eine 14-tägige Quarantäne verordnet, obgleich er anscheinend nie in die Reichweite eines Covid-Erkrankten geraten ist. Das seien die Regeln.

Das Laufen mit dem Rollator zum Gemeinschaftsraum gehörten für ihn immer zu den schönen Abwechslungen des Tages. Bei meinem ersten Besuch nach den „Lockerungen“, — mit zwei zwischen uns gestellten Tischen —, musste er mit dem Rollstuhl abgeholt werden. Die Fähigkeit zu laufen war stark gemindert — und seine Lebenskraft. Ich bin ratlos und verzweifelt, wenn ich sehe und erlebe, mit welchen „Regeln“ die „Risikogruppen“ in den Heimen geschützt werden sollen.

Für meinen Partner hat das nichts mit Menschenwürde zu tun und wenn er diesen Brief schreiben könnte, würden sicherlich noch ganz andere Worte darin aufklingen — aber vor allem Traurigkeit und Verzweiflung darüber, wo ein freiheitsliebender Mensch am Ende seines Lebens stehen kann, unter der Maßgabe, dass der Staat ihn schützen will.

Ich möchte erreichen, dass ich meinen Partner jeden Tag sehen kann, so wie das vor „Corona“ auch der Fall war und wie es unser sehnlichster Wunsch ist — und wir mit der respektablen Angst, die das Virus uns zumutet, frei leben können.

Bitte helfen Sie uns!

28./29. Mai 2020

Eben beim Laufen durch die blühenden Maibäume, der „drastische Drosten“, ging es mir durch den Kopf. So hat es Rüdiger Dahlke gestern auf einem Video ausgedrückt. Drosten, der Wahrheitsengel scheint der perfekte Angstmacher. Nach jedem Update hat man irgendwie die Hosen voll. Im Kopf die Ehrfurcht vor seiner Wissenschaft, man möchte ja vertrauensvoll in jedes seiner Worte hineinkriechen, aber man bekommt eigentlich nur Schiss in der Hose. Wie macht der das? Und dann die Schlagzeilen, als würden die Dunkelmänner aus den Laboren jetzt endlich ans Licht drängen wollen, um ihr unbeachtet in den Kellern kauerndes Werk in der Sonne der Öffentlichkeit glänzen zu lassen — und damit Politik machen! So scheint es mir manchmal.

Und die „Kollateralschäden“ der Lockdowns sitzen in ihren Mauselöchern, gebückt, gebeutelt, todesnah. Wer rächt die Opfer des Lockdowns.

Am 29. Mai habe ich mich noch mal per E-Mail an das Gesundheitsamt gewandt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Nach heutiger Rücksprache mit dem Gesundheitsamt Neukölln, möchte ich mich mit meinem dringenden Anliegen noch mal schriftlich an Sie wenden.
Die derzeitige Situation mit den Besuchsbeschränkungen in den Pflegeheimen bedeutet eine große Härte für meinen Partner und mich. Mein Partner ist schwer an Demenz erkrankt und seit kurzem auf den Rollstuhl angewiesen. Sein Gesundheitszustand hat sich unter den neuerlichen Maßnahmen sehr verschlechtert. Wir können uns laut Besucherverordnung des Heimes nur 1/2 Stunde in der Woche sehen, das ist für ihn und auch für mich nicht mehr zu verkraften. Dazu kommt, dass ich, da ich in Mecklenburg wohne, dafür circa vier Stunden auf der Bahn bin. In meiner Not habe ich mich bereits an den Pflegebeauftragten der Bundesrepublik gewandt (Schreiben beigefügt).

Dass jetzt zu Pfingsten, wie auch an den Wochenenden, die Türen des Heimes verschlossen bleiben, ist eine zusätzliche Härte für uns.

Ich bitte Sie dringend um Ihre Unterstützung, um diese für uns unerträgliche und verzweifelte Situation zu beenden und eine Ausnahmeregelung für mich zu erwirken.

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Lange

31. Mai 2020

Wie schrecklich war Pfingsten! Ich hatte vorher angerufen, ob ich Friedrich nicht wenigstens einen Pfingststrauß überreichen kann, man müsse ihn ja nur runter bringen! Ich konnte es einfach nicht ertragen, am Pfingstsonntag nicht bei meinem Liebling zu sein. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass sie ihm wieder einen Katheder gesetzt haben. Die Schwester erklärte mir aufgebracht, dass sie mit dem „großen Mann“ nicht mehr zurechtkäme, er könne nicht mehr stehen und schrie vor Schmerzen. Also nicht gerade eine medizinische Indikation für einen Katheder. Sie würde sonst hinschmeißen. Sie müsste wegen Herrn L. zehn Jahre früher in Rente gehen.

Am Pfingstsonntag konnte ich für drei Minuten Friedrich sehen. Ich fuhr dafür über mehr als zwei Stunden durch Mecklenburg. Durch die geschlossene Glastür sah ich, wie er mit dem Rollstuhl herangefahren wurde. Man stellte ihn zwei Meter von der Tür entfernt ab. Mein Schatz schaute mich mit großen Kinderaugen an. Die Schwester hielt die Tür auf, mit unfreundlichem Gesicht, das „schnell, schnell“ bedeuten sollte. Friedrich war ganz sprachlos. Er hat nichts verstanden. Warum ich gleich wieder gehen musste. Ich schenkte ihm die erste Rose aus meinem Garten. Mir blutete das Herz. Es war Pfingsten, das schönste Sonnenwetter und die Natur stand in voller Blüte. Ich zog zurück durch die Hermannstraße, wie ein geprügelter Hund. Die Maske hatte ich gar nicht mehr abgenommen, es war alles egal.

2. Juni 2020

Ich hatte mich für den Besuch im Fernsehraum angemeldet, da sich aber schönes Wetter abzeichnete, habe ich noch vor Pfingsten angerufen, ob wir nicht in den Garten könnten! Friedrich hatte sich doch so sehr gewünscht, „einen halben Sommertag“ mit mir im Garten zu verbringen. Der Herr an der Rezeption sagte, kommen Sie erst mal, dann schauen wir, ob was frei ist. Es war nichts frei, aber die Dame, die jetzt an der Rezeption saß, bemühte sich, musste allerdings vorher die Chefin fragen. Man hatte Friedrich wie gewohnt in die Bibliothek geschoben und ich sollte wie im April durchs Fenster schauen. Doch wir hatten schon Corona-Mai! Ich durfte doch schon mal ins Haus! Einen Rückschritt wollte ich mir schon gar nicht gefallen lassen und ich gab meinem Unmut lautstark Ausdruck.

Die Pflegedienstleiterin kam, aufgebracht, holte den Rollstuhl aus dem Fernsehraum und jagte damit durch die Cafeteria in Richtung Hof. Da Friedrichs Rollstuhl (abermals!) keine Fußstützen hatte, hakte er mit dem Fuß hinter einen Teppichläufer und schrie auf vor Schmerz! Rücksichtslos jagte die Chefin mit dem Rollstuhl weiter, nachdem sie ihn zurechtgewiesen hatte, doch bitte die Beine anzuheben! Wie soll er denn, schrie ich aufgebracht von hinten. Es war eine furchtbare Situation, die sich dann nur noch verschlimmerte. Im Hof angelangt, stellte man zwei Tische hintereinander auf, an dem wir beide sitzen konnten. Jetzt ging die Sonne weg und Wind kam auf.

Friedrich hatte Schmerzen im Nacken. Nichts mehr mit lauschigem Sommertag! Er tat mir so leid. Der Aufpasser, der uns beigeordnet war, redete dummes Zeug. Von seiner Oma, die er auch schon sechs Wochen nicht gesehen hat, weil er sie schützen will. Er mahnte mich, den Mundschutz wieder überzuziehen. Friedrich hatte Schmerzen, kühler Wind wehte. Die ganze Situation war eine Qual, wir haben die halbe Stunde nicht mal ausgeschöpft, Friedrich war einverstanden, wieder auf sein Zimmer gebracht zu werden. Er wollte sich nur noch hinlegen.

3. Juni 2020

Wie immer rief ich ihn am Abend an. Es war furchtbar, er konnte gar nicht sprechen, er lallte nur, so als hätte er etwas getrunken. Ich bat ihn, den Telefonhörer aufzulegen, damit wir später noch einmal telefonieren. Er konnte den Telefonhörer nicht mehr auflegen. Ich hörte ihn stöhnen und schwer atmen. Ich rief die Stationsschwester an und bat, dringend nach ihm zu schauen. Ich sagte auch noch mal, dass ich gern öfter bei ihm sein möchte, Friedrich sei schwer krank.

Sie meinte, etwas schnippisch, dass ich doch wüsste, dass ich nur eine halbe Stunde in der Woche dort sein dürfe und dass sich daran auch bis heute nichts geändert hätte. Und außerdem sagte sie: „Herr L. liegt ja nicht im Sterben.“

In meiner Verzweiflung setzte ich einen sinnlosen Hilferuf auf Facebook ab und schrieb einen Brief an die Bild-Zeitung, eine Kontaktmail in der Rubrik „Bild kämpft für Sie“. Ich hatte ja von dem Fall der Sängerin Gaby Baginsky gelesen, wo Bild erfolgreich geholfen hatte! Meine Mail verschwand im Universum, ohne das je eine Antwort kam. Bild hat mal wieder nur für andere gekämpft.

4. Juni 2020

Am Morgen rief ich die Betreuerin an, doch die war nicht zu erreichen. Ich rief die Pflegedienstleitung an und erkundigte mich, wie es Herrn L. ginge. „Der wird gerade ins Krankenhaus gebracht“, hieß es. Genaueres könne mir die Betreuerin sagen. Kurz darauf rief mich die Betreuerin zurück, sie sprach von einem „kritischen Zustand“ und dass sie „alles Nötige veranlasst“ habe. Zu mehr Auskunft ließ sie sich nicht hinreißen.

Am Nachmittag telefonierte ich immer wieder mit der Notaufnahme des Auguste-Victoria-Klinikums. Immer wieder hörte ich, er sei noch unter Beobachtung, ich solle später noch mal anrufen. Es wurde spätabends, bis ich erfuhr, dass er möglicherweise einen Schlaganfall erlitten habe. Genaueres könne man mir aber erst morgen sagen, Untersuchungen ständen noch aus.

9. Juni 2020

Die nächsten vier Tage verbrachte ich in der Neurologie des Auguste-Victoria-Klinikums. Ich hatte L. gleich benachrichtigt, dass sie ihren Vater besucht, das war am Freitag. Die Diagnose wurde nicht eindeutig mitgeteilt, es sollten noch Untersuchungen erfolgen, ein weiteres CT, das den Schlaganfall bestätigen oder widerlegen sollte. Ein MRT konnte wegen seines Defibrillators nicht gemacht werden.

10. Juni 2020

Mit zitternden Knien komme ich in die Berliner Wohnung. Draußen bereitet sich ein großer Sommer vor. Friedrich hat mich ab und zu erkannt und gelächelt mit halb geöffnetem Mund, dann verschwand die Starre aus dem Gesicht, die Starre eines nahenden Todes. Friedrich war halbseitig gelähmt, das heißt, er konnte den linken Arm und das linke Bein nicht mehr selbstständig bewegen. Sein Gesicht hatte sich nicht verändert, er konnte sprechen, wenn auch nur mühsam, zumindest konnte er sich verständlich machen.

Am Vormittag war ich bei meinem Anwalt, er kam herangekarrt mit seinem Fahrrad — wie vom Himmel gekarrt. Ich schilderte ihm die Situation, dass ich nicht ins Heim darf, oder nur zweimal wöchentlich eine halbe Stunde. Er riet mir, es noch mal im Guten zu versuchen, also mit einer Person die „Macht“ hatte, wie er es ausdrückte (Tochter, Betreuerin) oder die Sache eskalieren zu lassen und Strafanzeige zu stellen. Wegen Freiheitsberaubung und Nötigung und aller im Heim vorgekommenen Delikte — vor allem vor dem Hintergrund, dass der Schlaganfall vom Heim versaut wurde, das heißt, nicht rechtzeitig erkannt und der Arzt alarmiert.

Der Anwalt gab mir Mut. Schon ein Anruf heute von seiner Tochter im Heim hatte funktioniert. Ich durfte zwei Stunden bei Friedrich sein — und darf jetzt jeden Tag bei ihm sein — welch eine Beruhigung, wenn auch nur zwei Stunden und nicht unbegrenzt, so wie es die neue Verordnung vorschreibt. Als ich auf der Station ankam, fragte mich gleich die Stationsschwester, wie lange ich bleiben dürfe. Ich sagte, unbeschränkt, so wie es mir mein Anwalt mitgeteilt hat und wie es in der neuen Besucherordnung (Eindämmungsverordnung vom Juni 2020) steht. Das Wort „Anwalt“ zündete und die Schwester rief gleich ihre Chefin an, die kurz darauf auch aufkreuzte und meine „Anwaltsunterlagen“ sehen wollte. Ich zeigte ihr den Ausdruck und nur den einen Satz, den ich rot markiert hatte:

„Schwerstkranke und Sterbende unterliegen keinen Beschränkungen für den Empfang von Besuch.“

Ach, ich denke, Sie haben was Schriftliches?, trumpfte sie auf. Sie dachte sicherlich an eine gerichtliche Verfügung. Ich sagte, wenn ihr der Satz nicht genüge, ziehe ich andere Seiten auf. Es sei die neueste Eindämmungsverordnung, die mir mein Anwalt überreicht hat und nach der sie handeln sollte.

Ich habe hier „Hausrecht“, war ihre Antwort, die ich schon kannte. Und wenn ich hier die „Abläufe stören“ würde — sie erinnerte an die Gartenszene, wo ich ja angeblich „Unruhe“ reingebracht habe ... —, drohte sie mir sogar mit Hausverbot.

Ich war fassungslos und wollte das Gespräch nicht mehr fortsetzen, es fand immerhin vor Friedrichs (geöffneter) Tür statt. Ich dachte, eigentlich gehört die Frau hier gar nicht her: Wie egal sind ihr doch ihre Klienten! Ich bat, das Gespräch vor Friedrich nicht weiter fortzusetzen. Die Traurigkeit überwältigte mich bei seinem Anblick, sodass ich ohnehin immerzu heulen musste und nicht mehr sprechen konnte.

Eine Schwester sagte dann später noch, dass sie drei oder vier Leute bräuchten, um Friedrich zu „drehen“. Das klang wieder wie ein Vorwurf und ich dachte, wo bin ich.
Ich brauche jetzt alle Kraft für Friedrich, meinen lieben, lieben Schatz.

12. Juni 2020

Nach einer nicht geschlafenen Nacht mit quälenden Gedanken an meinen Liebling und wie man mir die Zeit „eingeteilt“ hat, in der ich ihn auf dieser Erde noch sehen darf, mit der Begründung, man habe „Hausrecht“, trotz staatlicher Verordnungen, die mir unbeschränktes Besuchsrecht garantierten. Wie man mir „unmögliches Verhalten“ angehängt hat, ich habe also für Unruhe gesorgt bei den Totengräbern, weil ich Wünsche hatte für mich und meinen Lebensgefährten. Ich muss mir selbst immerzu vergeben, dafür dass ich ihn im Heim gelassen habe, den großen, lieben ungelenken Jungen. Dass ich ihn da nicht rausboxen konnte! Oh, mein Gott, vergib mir.

Habe eben noch mal versucht, den Neurologen Dr. D. anzurufen, die Schwester fragte nach einer Vollmacht und Schweigepflichtentbindung. Sie könne mir sonst keine Auskunft geben. He, ich wollte doch nur wissen, wie es um meinen Schatz steht und was denn getan wird für seine Genesung! Ich wollte doch einfach nur ein menschliches Wort mit dem Arzt sprechen!

Von meiner „Verbündeten“ beim Gesundheitsamt kam noch ein Anruf, dass ich mich mit einem Herrn W. kurzschließen kann, er aber das Heim auch schon über meinen Fall informiert hat, aber das Heim (sprich Pflegedienstleitung) versteht ja auch in solchen Situationen sich richtig in Position zu setzen, sprich seine Macht auszuspielen, was sie als „Hausrecht“ bezeichnen. Also wieder ist es also so, dass einem im Ernstfall niemand hilft.

Ich blättere hastig noch mal in meinen gesammelten Unterlagen und überfliege die Antwort des Pflegebeauftragten der BRD, ob irgendwo ein Gran, ein Satz zu greifen ist, der mir helfen könnte, meine Situation zu verbessern. Doch der Brief desillusioniert mich um ein Weiteres: allgemeine, wohlmeinende Floskeln, die mir nicht wirklich helfen können und lediglich meine aussichtslose Situation staatlicherseits bestätigen. Wenn ich diesen Brief dem Heim auf den Tisch lege, würde es wahrscheinlich die Situation eher verschlechtern, weil man sich noch mal — und von noch weiter oben — reglementiert fühlt.

Sehr geehrte Frau Lange,

Ich kann gut nachvollziehen, wie belastend die vergangenen Wochen mit ihren zum Teil sehr restriktiven Kontaktbeschränkungen für Sie und Ihren Lebensgefährten gewesen sein müssen und noch immer sind. Wir wissen alle, dass das Coronavirus nicht verschwunden ist und kurzfristig nicht verschwinden wird. Umso wichtiger ist es, auch in Pflegeeinrichtungen zu einem Leben zu finden, dass die Rechte und Würde der Bewohner bestmöglich wahrt. Unter Einhaltung aller nötigen Hygienemaßnahmen in Zeiten der Pandemie.

Mich erreichen zum Teil erschütternde Berichte darüber, an welche Bedingungen Besuche in einigen Einrichtungen geknüpft werden und wie gravierend die physischen und psychischen Folgen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sind. Ich stehe deshalb bereits fortlaufend mit der Gesundheitsministerkonferenz, in der die Gesundheitsminister aller Bundesländer sich austauschen im Kontakt und habe dafür geworben, den Eichrichtungen nicht nur rechtliche Spielräume zur Ermöglichung von Besuchen zu eröffnen, sondern ihnen auch pragmatische Handlungsempfehlungen für Besuchskonzepte zur Verfügung zu stellen, die die getroffenen Maßnahmen nachvollziehbar machen. (…)

Mir ist bewusst, dass hier immer wieder Abwägungen zu treffen und unter Umständen auch Auseinandersetzungen zu führen sind. Ich halte es dafür für unerlässlich, in die Entwicklung der Besuchskonzepte nicht nur die örtlichen Gesundheitsbehörden, sondern auch die Bewohnervertretungen einzubeziehen und die Besuchskonzepte auch immer wieder im Hinblick auf die Lage vor Ort zu überprüfen und anzupassen. Sollten sich Auseinandersetzungen dabei nicht klären lassen, steht Bewohnern und ihren An- und Zugehörigen die Heimaufsicht als Ansprechpartner zur Verfügung.

Ich werde auch weiterhin auf eine Umsetzung von Besuchs- und Ausgangsregelungen drängen, die eine würdevolle Pflege ermöglicht. Ich möchte Ihnen auch daher noch mal für Ihre Hinweise danken.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Westerfellhaus
Staatssekretär

Ich lege den Brief beiseite. Ein ratloses und hilfloses Gefühl der Ohnmacht überkommt mich und ich beschließe sofort, mich abzulenken. Ich mache etwas Ordnung, beruhige mein Herz und meditiere, bis ich endlich zu Friedrich kann.

Draußen klettert die Säule auf über 30 Grad. Es ist Sommer.

Es sollte unser Sommer werden.

13. Juni 2020

Heute früh hat Friedrichs Tochter angerufen, das heißt, es war schon halb zehn, ich bin gestern Abend ins Bett gefallen und von dort erst um diese Zeit wieder aufgestanden. Nach dem Besuch bei Friedrich gestern war ich dermaßen erschöpft. L. war heute Vormittag bei ihm. Gestern war er ein bisschen wacher und sah ein bisschen munterer aus.

Er lachte wieder sein so süßes Lächeln, als er mich sah. Ach, mein Schatz!!!, was durchleben wir für Tage. Immer nur wenn ich an meinen eigenen Tod denke, wird mein Herz ruhiger.

Zum Glück hat L. noch mal die Frage der Patientenverfügung angesprochen. Ich will niemanden mehr wegen irgendwas fragen müssen. Es ist nur Demütigung. Du nimmst mir jetzt diese Demütigung ab und bestimmst das Geschehen. Ich liebe dich, mein allerliebster, süßer Schatz. Und bald sind wir im Tode wieder vereint.

14. Juni 2020

Ich sitze seit zwei Stunden wie auf Kohlen. Überlege, was ich anziehe, google nach Schlaganfalltherapie. Habe eine Hotline angerufen, eine Telefonnummer notiert, L. geschrieben, dass sie die Betreuerin auf Reha-Maßnahmen ansprechen soll.
Alles Tätigkeiten der Ohnmacht.

Der Tornado gestern über dem Heim. Er kam zur Abendbrotzeit. Die Schwester wollte mich gerade auffordern zu gehen, die genehmigten zwei Stunden waren um, es war 17.10 Uhr. Dann brach das Unwetter los. Sie kam wieder und sagte: Das nehme ich jetzt aber auf meine Kappe! Bleiben Sie noch bis halb sechs. Würden Sie ihm dann bitte das Abendbrot reichen? Oh, wie gerne, wie gerne!!! (Wie trefflich heult es sich unter der Maske.)

Das Unwetter ging zum Glück etwas länger, ich konnte meinem Schatz das Abendbrot reichen, es war ein göttlicher Augenblick, ein seliger, völlig beglückender Moment meines Lebens, so stark empfand ich das Glück. Danke Kosmos, sagte ich, Danke!

Und ich dachte auch an die Schwester, unter welchen Druck sie ihren Dienst tun muss und wie wenig sie eigentlich entscheiden kann. Aber diesmal hatte sie für mich entschieden und für ihren kleinen Mut bin ich ihr dankbar.

14. Juni 2020

Heute hat Friedrich ein halbes Gedicht gelesen, immerhin, er hat gelesen, er kann also lesen. Eine Schwester meinte, dass ich ihm guttue, immerhin! Und er hat wieder Erdbeeren bekommen und heute auch noch Käsekuchen.

15. Juni 2020

Hatte eben ein Gespräch mit Losang Kjabtschuk, einem Mönch der Klosterschule in Kreuzberg, sie liegt gleich neben der Berliner Wohnung meiner Freunde aus Irland, die ich für meine Aufenthalte in Berlin nutzen konnte. Er hat mich noch mal bestärkt, keine Negativität mehr zuzulassen und das Beisammensein mit Friedrich voller Zuversicht und Freude zu genießen. Irgendwann müsse sowieso einer von uns gehen und er wird uns in seine Gebete einschließen. In dem Moment dachte ich, das muss ja gar nicht Friedrich sein. Ach, wenn es nicht Friedrich wäre! Eben flog ein Rabe von der gegenüberliegenden Seite der Straße auf meinen Balkon zu, wo ich gerade mein Frühstück aß. Ich merke, wie meine rechte Hand beim Schreiben zitterte.

Es ist 13.30 Uhr am 15. Juni 2020 im Leben. Mein Schatz ist noch auf der Erde. Gleich fahre ich los, mit Gesichtsmaske, einem Blumenkörbchen, Erdbeermus mit Banane, Smoothie.

Abends

Ich sitze hier in der Kreuzberger Wohnung in meiner Meditationsecke und denke an Friedrich. Ich denke an den vertrauten Körper und wie schwer es ist, mich von diesem Körper zu verabschieden.

Heute habe ich ihn wieder durchmassiert, sein trauriges flügellahmes linkes Ärmchen massiert. Einmal wollte er sich hochstemmen aus dem Bett, er wollte los mit mir, an die Sonne! Immerhin eine Aktivität seines Körpers, die erste vitale, die ich erlebe, seit er nach dem Schlaganfall wieder hier im Heim liegt. Aus der Schwester war mal wieder nichts herauszubekommen. Und wenn ich Fragen habe, soll ich mich an die Pflegedienstleiterin wenden. Meine Fragen sind zu Ende.


Redaktionelle Anmerkung: Dieses auf Rubikon veröffentlichte Tagebuch erscheint unter dem Titel „Lockdown im Seniorenheim“ voraussichtlich im Juni mit zusätzlichen Fotografien und Texten als erweiterte Buchausgabe im Autorenverlag Sabine Lange, sabinelange.com.

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