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Heiße Luft in teuren Tüten

Heiße Luft in teuren Tüten

Ein Abend mit dem Glücksverkäufer Robert Betz.

Mit allem habe ich gerechnet. Nur nicht damit, dass es sehr langweilig sein könnte.

Die Stadthalle war rappelvoll und meine Neugierde hätte nicht größer sein können. Nach fast sieben Jahren intensiver Schulung in der Yogaszene lag es einfach auf der Hand, sich mal andere Gurus anzuschauen.

Robert Betz ist Psychologe, Bestsellerautor und wie man hört, kriegt man von ihm die Anleitung zur Befreiung (Erleuchtung, zum richtigen Bewusstsein et cetera) für schlappe 5.000 Euro im Transformationsseminar. Seine Bücher sind billiger, aber so richtig befreit von jedem Leid ist man doch erst, wenn man transformiert ist. Geht man den Yoga-Weg , muss man lange dafür schuften und bei den Buddhisten unter Umständen sehr lange sitzen. Da muss man doch neugierig werden!

So hatte ich brav 31,50 Euro bezahlt, saß im bequemen Zuschauersessel zusammen mit einem gemischten Publikum, mit Frauen in der Überzahl, und sortierte meine Fragen im Kopf. Ist er charismatisch? Kann er Menschen berühren? Hat er eine ernstzunehmende Botschaft? Lacht er wie der Dalia Lama? Löst er in mir etwas aus? Gibt es magische Momente? Werde ich in den Jubel der Massen einfallen , wenn die Begeisterungsstürme durch die Halle fegen? Oder tief in mein Innerstes versinken?

Tja.

Nichts dergleichen geschah. Er präsentierte eine lauwarme Mischung aus Kalendersprüchen, ein bisschen Buddhismus hier, ein wenig Yogaphilosophie da, eine Anleihe beim Konzept des inneren Kindes, der Konstruktion des Selbst und es fehlte eigentlich nur Feng Shui.

Witzchen über das Mann- und Frausein schrammten am Niveau von Mario Barth entlang. Auch die Art des Vortrages, die Methoden (wer kennt das auch, hebt mal die Hand) und rhetorischen Wendungen waren seltsam farblos und nicht sehr beeindruckend. Die Tatsache, dass er keine Fremdworte benutzt, ist wohl seiner Annahme geschuldet, das Publikum sei schlicht, aber man möchte eben alle „ ins Boot holen“.

Womit natürlich der Verkauf und die Verbreitung seiner Vorträge, Medien und Seminare gemeint ist. Es ist so eine Art spiritueller Butterfahrt.

Leihen (nicht kaufen!) Sie sich eines seiner Erfolgsbücher, lesen Sie es und dann haben Sie die anderen schon mitgelesen und wissen, was ich meine.

Zum spirituellen Kapitalismus hat Roland Rottenfußer am 7. November 2017 einen wunderbaren Artikel hier im Rubikon veröffentlicht. Wenn Sie den dazu lesen, sind Sie im Bilde und wissen etwas mehr darüber, wie Sinnsuche schon immer und heute umso stärker kapitalistischen Regeln unterworfen wurde und wird. Die Qualität des „Produktes“ spielt keine große Rolle, die Werbung muss stimmen.

Die Schamlosigkeit, mit der nicht nur von Betz riesige Geldsummen eingefahrenen werden, ist auch nicht neu – aber die Dimension. Über soziale Medien funktioniert die Werbung hervorragend und die Verkaufsstrategie der Verlage tut das Übrige. Diese Klaviatur beherrscht Betz und er kann es sich erlauben, auf eine kaltschnäuzige, gelangweilt routinierte Art und Weise seine sogenannten Botschaften herunterzuspulen.

Rausgeschmissenes Geld. Krieg ich vom Rubikon die 31,50 Euro wieder?

So weit, so schlecht.

Man könnte darüber räsonieren, warum so viele Menschen diesen Gurus hinterherlaufen.
Das Publikum an jenem Abend hatte jedenfalls keine SUVs auf dem Parkplatz stehen – aber es war auch keiner mit dem Bus gekommen, weil er sich ein Auto nicht mehr leisten kann. Der Parkplatz sieht genauso aus, wenn Hagen Rether (Ich liebe dich .) oder Volker Pispers (Wo steckt der eigentlich gerade?) sich die Ehre geben.

Man könnte das nun theologisch, soziologisch, politisch, psychologisch oder – hallo Herr G. Hüther – neurologisch untersuchen. Machen Sie das. Ist bestimmt hoch interessant und gibt Aufschluss über das Befinden der Menschen in Zeiten neoliberaler Politik in Höchstform, Kriegstreiberei und Klimawandel – hält aber niemanden davon ab, einem Guru hinterherzulaufen – egal in welcher Szene.

Jaja, es gibt auch echte Gurus. Aber auch die haben etwas gemeinsam mit den selbsternannten, mit den größenwahnsinnigen, mit den korrupten, den durchgeknallten, den völlig abgehobenen, den legendären Gurus:

  1. Sie bieten einen Weg an zur Befreiung/Erlösung/ Erleuchtung.
  2. Wer den Weg schon gegangen ist, hat einen fundamentalen Vorsprung.
  3. Er ist glücklich, erfüllt, klug, gesund, vital, erfolgreich, voll verwirklicht, erleuchtet, selbstlos, gütig et cetera.
  4. Er (allein) weiß, wie genau der Weg geht.
  5. Er (allein) kann ihn dir vermitteln.
  6. Wenn du ihm folgst, darfst du auch ein bisschen vermitteln und vielleicht mitverdienen?
  7. Folgst du bedingungslos, ist der Erfolg garantiert.
  8. Stellt sich der Erfolg nicht ein, bist du nicht bedingungslos gefolgt.
  9. Er macht die Witze! Auch über sich selbst. Nicht du!
  10. Er tut alles nur aus Liebe.

Damit meint er nicht DEINE Art zu lieben, sondern eine übergeordnete, reine, echte, göttliche Liebe.

Erkennen Sie die Struktur dahinter? Heben Sie mal die Hand, wenn Sie was gemerkt haben.

Genau: Das ist ein Geschäft mit Franchisecharakter und garantierter Rendite.

Sie als Sinnsuchender haben immer mit denen zu tun, die sie niemals erreichen werden. Es ist egal, ob sie einen Meister des Yoga, der Meditation, der Kontemplation, der Selbstverwirklichung oder was immer vor sich haben: Da kommen Sie nie hin. Das eigene Gefühl der Unzulänglichkeit gibt dem ewigen Suchen und Hinterherrennen die Nahrung. Das eigene Gefühl der Minderwertigkeit, des Mangels, des Nichterfülltseins ist die Geschäftsgrundlage der spirituellen Szene. Das eigene Gefühl des Falschseins, des Nicht-Ich-Seins gibt dem Gegenüber (dem Guru) die Macht. Die Möhre baumelt immer vor dem Maul des Esels und deshalb rennt er.

In der Vermittlung der Techniken zur Befreiung und den Unterweisungen in die tiefere Weisheit der einzelnen Wege wird immer wieder betont, dass ja eigentlich alles EINS ist. Dass die Spaltung der Menschen das eigentliche Problem ist. Es wird an die Schüler appelliert, diese innere Spaltung aufzuheben bis zur höheren Erkenntnis, dass das Ich gleichzeitig das Du ist.

Aber zwischen Guru und Schüler muss natürlich die Spaltung (oben und unten, erleuchtet und nicht erleuchtet, Meister und Schüler) aufrechterhalten werden, damit der arme, unfreie Schüler den Weg gehen kann. Darin ist eine Hierarchie enthalten, die an feudale Verhältnisse erinnert: bedingungslose Treue, Ergebenheit bis zur Willfährigkeit.

Wen wundert es also, dass so viele Menschen den Gurus hinterherlaufen. Das Gefühl der Unzulänglichkeit wird in unserer durch und durch neoliberal diktierten Welt den Kindern heute schon im Kindergarten vermittelt und in der Schule manifestiert. Die tiefe Angst, am Ende nicht mehr zu genügen und deshalb den Job zu verlieren, die Wohnung, den sozialen Status und das geregelte Einkommen, sitzt den Menschen in den Knochen.

Wenn sehr reiche Menschen Angst kriegen, wechseln sie den Anlageberater, bestellen sich eine Sicherheitsfirma oder bringen ihr Geld ins Ausland. Keine SUVs auf dem Parkplatz!

Uns Normalsterblichen bleibt der Gang zum Guru. Wir glauben dann tatsächlich, dass wir einen noch besseren Job bekommen, wenn wir rausgeschmissen werden – falls wir die richtige Energie entwickelt haben. Und Herr Betz zeigt uns wie das geht.

Ach, der Herr Betz. Wahrscheinlich ist ihm auch langweilig. Er hört immer die gleichen Geschichten von Verlust, Ängsten, Krankheit und Kämpfen. Was macht er so am Feierabend, wenn er nicht gerade seinen großen Reichtum genießt? Ist er nur umgeben von Menschen, die transformiert sind und alle alten Muster abgelegt haben? Hat er alte Freunde, mit denen er um die Häuser ziehen kann?

Haben Gurus eigentlich echte Freunde? Glückliche Kinder? Und was tun sie, wenn sie krank werden? Wo sie doch völlige Gesundheit versprechen? Und wenn die Gattin fremdgeht oder sich scheiden lässt?

(Yogalehrer verheimlichen ihren Schülern, wenn sie zum Physiotherapeuten gehen.)

Fragen über Fragen, keine Antworten und keine Erleuchtung in Sicht. Offensichtlich ist die Suche nach immerwährender Glückseligkeit Teil des eigentlichen Problems.

Aber wenigstens gegen die Langeweile könnte man etwas tun. Lesen Sie mal Arundhati Roy, „Das Ministerium des äußersten Glücks.“ Ein unglaublich gutes Buch über alles im Leben.

Oder wie wäre es mit Peter Hoeg und seinen wunderbaren Büchern, die Spiritualität atmen und großes Lesevergnügen bieten. Da kriegt man in Summe für 31,50 Euro jede Menge Inspiration. Und zwar wirkliche.


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