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Heimat der Tapferen

Heimat der Tapferen

Um aus der derzeitigen Eskalationsspirale auszusteigen, müssen wir versuchen, uns in die Lage des Iran hineinzuversetzen.

von Karim Sharara

Wenn man etwas aus der modernen Geschichte Irans lernen kann, dann Folgendes: Die Iraner haben gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen — und nicht auf die Unterstützung der Großmächte. Zudem hat sich im iranischen Bewusstsein eingeprägt, dass diese Großmächte den Iran jederzeit — wie tatsächlich bereits passiert — verraten werden, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Kolonialismus

Der Iran hat seinen Anteil an dem Schaden, den der Imperialismus der Welt zugefügt hat, abbekommen — die russisch-britische Kontrolle über den Iran in der Qajar-Ära, dann der Hungertod eines Fünftels der iranischen Bevölkerung in den Jahren 1917 bis 1919 durch die Beschlagnahmung von Nahrungsmitteln durch die britische Besatzungsmacht, die Irans Neutralität im Ersten Weltkrieg verletzt hatte, wie Barry Rubin in seinem „The Middle East: A Guide to Politics, Economics, Society and Culture“ auf Seite 508 dokumentiert.

Während des Zweiten Weltkriegs — ebenfalls zu einer Zeit, als Iran seine Neutralität erklärt hatte — folgte ein britischer Putsch, der den damaligen König Irans, Reza Schah, stürzte und dessen Sohn Mohammad Reza Schah auf den Throns setzte. Nicht erwähnt werden muss wohl der US-amerikanisch-britische Putsch, bei dem Hunderte getötet wurden und der den beliebten Mossadegh zu Fall brachte, weil er die iranische Erdölindustrie nationalisiert hatte — was die US-amerikanischen und britischen Interessen bezüglich des iranischen Erdöls geschädigt hätte.

Einzig während der Islamischen Revolution 1979 erlebte der Iran, wie eine tatsächliche demokratische Bewegung es bewerkstelligte, das Volk zu ermächtigen, ohne dass ausländische Mächte dies zum Scheitern bringen konnten. Und selbst danach halfen die US-Amerikaner, Europäer und sogar die arabischen Länder des Persischen Golfes (nicht mehr aufrufbar, Anmerkung der Übersetzerin) Saddam Hussein mit konventionellen und Chemiewaffen sowie mit Geheimdienstinformationen in einem Krieg, den er gegen den Iran entfacht hatte.

Verständliches Misstrauen

Berücksichtigt man diese geschichtlichen Ereignisse und zahlreiche weitere Beispiele, ist es nicht verwunderlich, dass der Iran jedem Schritt der USA oder anderer globaler Mächte, vor allem jener mit einer Kolonialherren-Vergangenheit, Misstrauen entgegenbringt. Der JCPOA (Gemeinsamer umfassender Aktionsplan, das Atomabkommen mit dem Iran) hätte wohl einen Wandel in den Beziehungen zum Iran bedeuten können — stattdessen haben sich die Europäer nicht an ihre Abmachungen gehalten und die US-Amerikaner einfach mir nichts, dir nichts das Abkommen aufgekündigt, sobald sich Trump dem Iran zuwandte.

Nicht nur das: Anstatt sich an ihre Versprechen zu halten, versuchen sie sogar noch mehr für sich aus dem Abkommen herauszuholen — sie versprechen, sie hielten sich an ihre Verpflichtungen, wenn nur der Iran zusätzlich zu dem bereits geschlossenen Abkommen noch mehr anböte. Das bedeutet, dass man vom Iran verlangt, weitere Zugeständnisse in seinem Raketenprogramm zu machen — zum Vorteil der arabischen Monarchien am Persischen Golf, bei denen sich gerade ein Trend zu verstärkter Militarisierung abzeichnet.

Was uns zur letzten Runde der Spannungen in der Region bringt.

Angesichts der dargelegten Fakten muss man vor allem verstehen, dass es der Iran mit einer Reihe von Ländern zu tun hat, die in der Vergangenheit die Fakten verdreht und nicht zu ihren Vereinbarungen gestanden haben sowie in den Krieg gezogen sind, um ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen.

Man darf die indische Hungersnot im Zweiten Weltkrieg nicht vergessen — verursacht dadurch, dass Nahrungsmittel von Indien nach Großbritannien importiert wurden, was zum Tod von mehr als zwanzig Millionen Indern führte. Winston Churchill äußerte sich folgendermaßen hierzu: „Ich hasse Inder. Sie sind ein animalisches Volk mit einer animalischen Religion. Die Hungersnot haben sie sich selbst zuzuschreiben, weil sie sich wie die Karnickel vermehren.“

Nach solchen geschichtlichen Erfahrungen und in einer derart explosiven Umgebung — in der die USA und ihre Verbündeten erst kürzlich die Nachbarn im Osten und Westen besetzt und Militärbasen errichtet haben —, verwundert es nicht, dass der Iran als stabilstes Land der Region sich zum Selbstschutz eher auf Abschreckung und Verteidigungsfähigkeiten verlässt, anstatt Zugeständnisse zu machen, die seiner Sicherheit schaden könnten. Und dies auch noch an Mächte, deren Wort man erfahrungsgemäß nicht vertrauen kann.

Eine weise Entscheidung

Der Iran traf eine weise Entscheidung, als er die RQ-4-Drohne abschoss. Normalerweise führt der Abschuss einer militärischen Überwachungsdrohne nicht zu einer militärischen Eskalation, jedoch zu einem Anstieg der Spannungen. Teheran hat damit erfolgreich jeglichen Angreifer — ob nun die USA oder ein anderes Land — gewarnt, dass er nicht bereit ist, in Sachen Sicherheit oder Nationalstolz Kompromisse zu schließen. Obwohl die USA behaupten, die Drohne sei über internationalen Gewässern geflogen — 8.000 Meilen von US-Territorium entfernt —, wurden die Trümmer seitdem von iranischen Behörden in iranischen Gewässern geborgen.

Die Weisheit dieser Entscheidung liegt darin, dass der Iran die beabsichtigte Warnung verlauten ließ, ohne eine Eskalation zu verursachen — was sicher der Fall gewesen wäre, wenn er ein bemanntes Militärflugzeug abgeschossen hätte, das sich in der Nähe der Drohne aufgehalten hatte. Diese Nachricht hat Trump ganz klar empfangen und äußerte sich diesbezüglich den iranischen Behörden gegenüber anerkennend.

Abgesehen davon — und obwohl der Iran juristisch berechtigt war, eine Drohne abzuschießen, die sich in seinem Luftraum aufhielt, der sich 12 Seemeilen jenseits seiner Grenzen erstreckt — hat der Iran auch das Recht, von jedem Flugzeug, das sich in der Nähe seines Territoriums aufhält, eine Identifikation zu verlangen. Im Vergleich dazu erstrecken sich US-Luftwaffen-Identifikationszonen über 200 Meilen jenseits der US-Grenzen und jede nicht identifizierte Drohne, die sich so nahe an der US-Grenze befindet, wird so gut wie sicher abgeschossen — so bezeugte es ein ehemaliger Navigationsoffizier der US-Luftwaffe.

Selbst wenn die US-Version der Ereignisse der Wahrheit entspräche, wäre der Abschuss dieser nicht identifizierten Drohne durch den Iran legal und berechtigt die USA nicht, Vergeltungsmaßnahmen „in Notwehr“ zu ergreifen — weil der Abschuss keine Todesopfer gefordert hatte.

Ein selbstbewusster Iran

Außerdem zeigte der Iran anderen Ländern deutlich, was er unabhängig erreichen konnte — allein gestützt aufs eigene Potential. Er schoss ein Fluggerät der führenden Militärweltmacht ab, weil dieses den Luftraum des Landes verletzt hatte — und er tat dies ohne zu zögern, weil er sich selbst als wirklich „souverän“ betrachtet. Wenngleich die USA dem Iran mit ihrer Militärmacht und ihrer Präsenz in der Region drohen mögen, hat das iranische Raketenprogramm dem Iran ermöglicht, diese [US]-Stärke in eine Schwäche zu verwandeln, weil sich somit US-Stützpunkte und 25.000 US-Soldaten in Zielreichweite [von Irans Raketen] befinden.

Ein Krieg mit dem Iran würde die ganze Region verheeren. Ein Krieg mit dem Iran, der Hisbollah, den Volksmobilmachungskräften (Al-Haschd asch-Schaʿbī; Anmerkung der Übersetzerin) und den Ansarullah nützt niemandem, und nur Gott weiß, was der Iran noch als Überraschung für konspirierende arabische Monarchien parat hat. Ein kluger Schachzug wäre es, den JCPOA wiederherzustellen, um weitere Eskalationen der Region zu verhindern.


Karim Sharara ist ein Doktorand aus dem Libanon, der seit 2013 in Teheran lebt und dort Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Iranische Studien“ studiert.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Taking a Minute to Walk in Iran´s Shoes“. Er wurde von Gabriele Herb aus dem ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

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