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Hassmails essen Friedenskonferenz auf

Hassmails essen Friedenskonferenz auf

Antidemokraten haben das Konzept der Wiener Friedenskonferenz zum Scheitern gebracht. Doch Absagen heißt noch lange nicht Aufgeben.

Stephan, euer erklärtes Ziel war es, Feindbilder und Berührungsängste zu hinterfragen. Nun ist die Konferenz abgesagt worden. Was ist passiert?

Am 26. Mai erschien auf einem privat betriebenen Blog ein Beitrag von einem Wiener Studenten der Politikwissenschaften, wo die Veranstaltung als Versammlung von Menschen mit „Verbindungen zum organisierten Rechtsextremismus“, „als „Chemtrailsgläubige“ und „antisemitische Verschwörungstheoretiker“ verleumdet wurden.
Ein Großteil dieses Blog-Beitrages behandelt absurderweise Menschen, die ich zum Teil gar nicht kenne und von denen nicht ein einziger mit unserer Veranstaltung zu tun hat. Also wie immer bei solchen Diffamierungsversuchen wurden Kontaktschuld und Strohmann-Argumentation als „journalistisches Stilmittel“ eingesetzt.
Dieser Blog wurde dann über soziale Medien geteilt und in einer, wie ich vermute, konzertierten Aktion an Referenten und Referentinnen unserer Veranstaltung geschickt. Darüber hinaus wurde auch auf das persönliche Umfeld dieser Menschen Druck ausgeübt. Plötzlich mussten sie sich vor ihren Arbeitskollegen und Arbeitgebern rechtfertigen. Das führte dann dazu, dass es innerhalb einer Stunde zu mehreren Absagen kam.

Kannst du etwas genauer sagen, welche Personengruppen in welchen Institutionen diesen Blog geteilt haben?

Nachdem wir gerichtliche Schritte eingeleitet haben, möchte ich dazu nicht viel sagen. Wir werden die folgenden Klagen und Strafanzeigen aber ohnehin in absehbarer Zeit öffentlich machen.

Gibt es Referenten, die von diesem Rufmord-Versuch besonders stark geschädigt werden? Welche Folgen hatten sie zu befürchten?

Getroffen hat es indirekt jeden unserer Referenten und Referentinnen. Es ist doch grotesk mitansehen zu müssen, wie Menschen wie Eugen Drewermann oder eben auch Daniele Ganser, der immerhin 2016 mit dem MENSA-Preis Deutschland ausgezeichnet wurde, dem „organisierten Rechtsextremismus“ zugeordnet werden und zusammengefasst als „antisemitische Verschwörungstheoretiker“ dargestellt werden. Dem in Tel Aviv lebenden und unterrichtenden Moshe Zuckermann macht man zu einer Art „Israelhasser“ und das, obwohl er die rechte bis rechtsextreme israelische Regierung kritisiert. Wo steht denn da eigentlich der Autor des verleumderischen Artikels?

Ich sehe da nicht mal mehr den Hauch einer Logik, da wird fern von Fakten und fern jeder wissenschaftlichen Arbeit nur noch mit Dreck geworfen.
Und mir bleibt hier nichts anderes übrig, als mich schützend vor all unsere Referenten und Referentinnen zu stellen.

Es ist schon fast eine Ironie des Schicksals, dass eine Konferenz, die sich für ein offenes und tolerantes Miteinander einsetzen wollte, nun angesichts offener Angriffe abgesagt wird. In welcher Form hat Angst hier eure Entscheidung beeinflusst?

Ich hatte Dir bei unserem letzten Interview ja erzählt, dass ich besonders darüber erfreut war, dass wir mit der Veranstaltung junge, muslimische Frauen dabei hatten, die eben nicht den gängigen Klischees entsprechen und mit ihrem starken Auftreten gewiss einige Weltbilder ins Wanken gebracht hätten.
Der Blog hat sich, im letzten Absatz, gezielt gegen die Referenten mit Migrationshintergrund gerichtet.

Mit welcher Argumentation konkret?

Der Blogger hat gefragt, warum sie bei einem „Kongress mit antisemitischen Verschwörungstheoretikern“ mitmachen – diese Frage war konkret an diese Leute gerichtet. Im persönlichen Telefonat konnte ich noch klar machen, dass diese Unterstellungen gegen uns vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Aber als dann die eigenen Arbeitskollegen Vorwürfe machten und Rechtfertigungen verlangten, kamen die Absagen.

Das heißt, das Schreiben eines einzigen Bloggers hat durch seine Verbreitung im Schneeballprinzip eure Veranstaltung gekippt?

Nein. Das war ja nicht alles. Es wurden eben auch Privatnachrichten und E-Mails an die Referenten verschickt. Und auch an deren Kollegen.

Kannst du etwas zu Absendern und Inhalten dieser mails sagen?

Ich bitte um Verständnis, dass ich dazu nicht viel sagen kann. Wir haben versucht möglichst viel zu dokumentieren, und es ist uns gelungen, zumindest ein paar zentral beteiligte Personen auszumachen, die über ihre sozialen Medien diesen Beitrag verbreitet haben, manche unreflektiert, manche aber auch aktiv unterstützend.

Was schätzt du, wie viele Absender in etwa haben sich an diesem mailing beteiligt? Wie erklärst du dir diesen enormen Aktionismus?

Laut dem Zähler des Blogbetreibers wurde der Artikel über 400 Mal geteilt, allerdings nur wenig davon auf facebook oder twitter. Ich vermute, dass er in geschlossenen Gruppen als auch über Mailinglisten versandt wurde.
Der Artikel selbst ist so derartig absurd in seiner Methodik und zeigt eben auch die selbstgefällige Überheblichkeit, mit der hier agitiert wird und ähnlich arrogant lief dann eben die Weiterverbreitung.

Verteidiger der oben genannten sogenannten Querfront-Vorwürfe beharren ja oft darauf, dass man sich kritisches Nachfragen nun einmal gefallen lassen müsse.

Mit einem fairen kritischen Nachfragen hat das, was wir erlebt haben, wenig zu tun. Es ist ja nicht so, dass ich nicht versucht hätte, mit ein paar von diesen Leuten in das Gespräch zu kommen, um sie darauf hinzuweisen, was sie hier eigentlich machen – vergebens.

Haben alle Referenten diese mails bekommen?

Ja. Und ein paar von ihnen sind dann eben eingeknickt und so wurde mit der unfairen Aktion das Konzept der Veranstaltung gesprengt. Die Idee zum Austausch und der Versöhnung zwischen den Kulturen war so nicht mehr möglich.

Weil sich vor allem die muslimischen Referenten zurückzogen?

Ja, es wurde auch zum Beispiel direkt versucht, Natasha Kelly aus der Veranstaltung zu drängen, aber die ließ sich, vielleicht aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung als gestandene Antirassistin nicht so leicht beeindrucken.

Dennoch, um unser Konzept aufrecht zu erhalten, hätten wir mehr muslimische Referenten haben müssen. Ich hab natürlich versucht, einen ebenbürtigen Ersatz zu finden, aber in so kurzer Zeit war das nicht möglich.
So entschieden wir uns zur Absage.

Heißt das jetzt, eine solche Konferenz ist heute nicht mehr möglich, und man sollte sich von der Idee einer kulturübergreifenden Versöhnung verabschieden?

Natürlich nicht! Die Absage heißt ja nicht, dass wir das Projekt komplett aufgegeben haben. Die Referenten und Referentinnen stehen geschlossen hinter der Idee.

Auch die, die momentan abgesagt haben?

Ich kann hier nur eine Vermutung anstellen. Für ein paar dieser Frauen war diese Kampagne durchaus ein Schockerlebnis, und ich fürchte, die haben wir verloren.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ich weiß, dass diese Aktion auch, aber nicht nur, in den muslimischen Communities in Wien für Aufsehen gesorgt hat.
Wir haben auch hier eine breite Solidarität erfahren dürfen und auch in Erfahrung bringen können, dass diese Gruppen oft von ähnlichen Netzwerken diffamiert werden. Da sind auch Überschneidungen zu unseren Verleumdern zu vermuten.
Für die Zukunft freuen wir uns darauf, gemeinsam für eine friedliche Gesellschaft weiter zu streiten.
Die einzige Sorge, die ich in dem Zusammenhang vielleicht habe, ist, dass wir auf den bisherigen Ausgaben sitzen bleiben. Aber hier tröstet mich mein Anwalt, der ausgesprochen souverän ist, zwar nicht überall meine Meinung teilt, aber gerade auch als Bürgerrechtler solche Zustände in Wien nicht akzeptieren möchte.
Ich habe außerdem sehr viel Rückhalt im persönlichen Umfeld erfahren dürfen und auch innerhalb der Politik und Medien stößt dieser schäbige Aktionismus mittlerweile auf Widerstand.
Zusammengefasst kann ich sagen, dass wir durch diese Aktion eine starke Rückendeckung haben und das wiederum eine gute Ausgangslage ist, um hier nochmal mit mehr Kräften durchstarten zu können.

Wichtig ist mir, dass ich mich nicht zu sehr emotional von diesen Methoden treffen lasse, und ich bitte auch ausdrücklich die vielen Menschen, die mit uns solidarisch sind, sich nicht von der negativen Art dieser denunzierenden Netzwerke anstecken zu lassen.

Ich halte es hier mit Rosa Luxemburg, die sagte: „Dann sieh, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: Fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist das Geschäft der Schwäche.“
Diese Feindseligkeit, die man einem ehrlichen, vielleicht naiven Wunsch und Ruf nach Frieden entgegen bringt, kann man in ihrer Tragik auch durchaus mit Humor begreifen. Der Hass, der hier zwischen den Zeilen und in vielen Postings auf sozialen Medien sichtbar wird, ist doch nur ein makabrer Witz aus der Tragikomödie Menschheit. Mehr als Gelächter hat sich diese billige Posse nicht verdient.
Haters gonna hate, Lovers gonna ...

In diesem Sinne: Viel Glück und bis bald.


Foto: Stephan Bartunek

Stephan Bartunek ist Jahrgang 1977, studierter Schauspieler, politischer Künstler, Autor und Friedensaktivist. Seit 2015 betreibt er die anarchistisch orientierte Gruppe42.

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