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Gutsprech statt Neusprech

Gutsprech statt Neusprech

Gutsprech kann unsere Alltags-Kommunikation harmonisieren und Missverständnissen und anderen unangenehmen Situationen vorbeugen.

Beim Gutsprech soll es tatsächlich nicht primär um „gewaltfreie Kommunikation“ gehen. Dazu gibt es bereits reichlich Literatur (1). Auch bei wesentlich banaleren Dingen kann der Gutsprech auf Dauer die Umsetzung einer gewaltfreien Kommunikation mit sich bringen. Dazu im Folgenden einige Vorschläge.

Das Siezen zurückdrängen und entschärfen!

Das Siezen ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es eine sprachliche Norm, die dazu dient, dem Gegenüber Respekt zu zollen. Anderseits ist das Siezen der Ursprung zahlreicher Missverständnisse und kommunikativer Blockaden.

Diejenigen, die bald ihren 30. Geburtstag feiern, haben diese unangenehmen bis peinlichen Situationen der Unsicherheit durchlebt, ob sie ihr Gegenüber nun duzen oder siezen sollen. Man betreibt Sprach-Verrenkungen und Wortakrobatik, um den sprachlichen Lava-Boden aus Akkusativ und Dativ nicht zu berühren.

Zwar lässt sich dieser Lava-Boden mit der Frage: „Darf ich ‚Du’ sagen?“ einfrieren, doch wird diese Frage negativ beantwortet, wird es noch unangenehmer als zuvor.

Speziell im deutschen Sprachraum ist Siezen etwas, das uns Menschen trennt. Gleichzeitig ist es aus dem alltäglichen Schriftverkehr, gerade im Geschäftsbereich, nicht mehr wegzudenken.

Das Siezen, beziehungsweise die förmliche Anrede in der Weltsprache Englisch, ist ein weltweit einstudiertes Theaterstück. Auf der globalen Bühne der Konferenzen, Meetings, Beratungs- und Kundengespräche dürfen wir nicht aus unserer Rolle fallen. Nicht selten machen wir gute Miene zum bösen Spiel. So tragen wir beispielsweise in Gesprächssituationen mit einem unangenehmen Gesprächspartner eine lächelnde Maske und lassen diese fallen, sobald er uns den Rücken kehrt, um dann mit Kollegen oder Freunden über ihn herzuziehen. Wie könnte man derartig starre Strukturen etwas auflockern?

Eine Möglichkeit wäre das Einführen von Kommunikationsklauseln beziehungsweise von Sprachnormen im Geschäftsbereich, die a priori die entprechende Präferenz der internen Kommunikation eines Unternehmens erkennen lassen. Im Kontaktformular auf der Firmenwebseite könnte unauffällig unter einem Asterisk (einem Sternchen) oder bereits in der Selbstpräsentation erkennbar sein, ob es ein duzendes oder ein siezendes Unternehmen ist. Unangenehme Gesprächssituationen wären dadurch präventiv zu vermeiden.

Wie aber bereits eingangs beschrieben, ist das Siezen ein zweischneidiges Schwert und hat somit natürlich auch Vorteile. Man kann damit Respekt ausdrücken. Gerade geflüchtete Menschen oder Arbeitsmigranten aus Osteuropa dürften sich häufiger der Situation ausgesetzt sehen, dass sie von Beamten oder Personen, die in der „Hierarchie“ über ihnen stehen, schroff mit dem Vornamen und im Befehlston mit „Du“ angesprochen werden. Dieses unangenehme Duzen ist selbstverständlich keine Form des entspannten, freundschaftlichen-kumpelhaften Miteinanders, sondern eine Respektlosigkeit in Reinkultur. Das Duzen fungiert hier als Methode der Abwertung nach dem Motto: „Der Knecht ist es nicht wert, gesiezt zu werden.“

Nun verwickeln wir uns in einen scheinbaren Widerspruch bei der Frage, ob das Duzen/Siezen etwas Positives oder Negatives ist. Tatsächlich kommt es, wie oben beschrieben, auf den Kontext an, ob das Duzen aufgrund eines lockeren Verhältnisses oder aus Respektlosigkeit verwendet wird.

Daneben scheint eine Mischung aus Duzen und Siezen im Moment mit den aktuell vorherrschenden, nahezu in Stein gemeißelten Kommunikationsnormen die pragmatischste Lösung zu sein. Da sich in naher Zukunft das Siezen sicher nicht wegdenken lässt, ließe sich der Weg zum einheitlichen Du durch das Mischen mit dem Sie säumen beziehungsweise so die großen Steine auf diesem Weg lockern, um sie in nicht allzu ferner Zukunft gänzlich zu entfernen.
Schon heute gibt es zwei gängige Varianten von gemischter Anrede. Die eine ist „Vorname plus Sie“:

„Lisa, können Sie mal nachsehen, ob wir noch genügend Papier im Kopierer haben?“

Die andere „Nachname plus du“:

„Obermaier, bist du so gut und schaust mal, ob im Kopierer noch genügend Papier liegt?“.

Schauen Sie — oh, pardon (!) — schau du, lieber Leser, dir beide Sätze an. Das klingt doch schon viel sanfter und angenehmer, oder?

H.U.T — Hallo und Tschüss! Small-Talk-Prävention

Aus mir unerfindlichen Gründen ist es gesellschaftlich angesehen, sich privat, aber vor allem auch auf beruflicher oder geschäftlicher Ebene in einem schier endlosen Dialog Belanglosigkeiten an den Kopf zu werfen, anstatt Stille walten zu lassen. In der Ruhe oder Stille liegt die Kraft, sollte man meinen, doch in der alltäglichen Kommunikation liegt in der Stille die Peinlichkeit. Und peinliches Schweigen gilt es unter allen Umständen zu vermeiden! So wird über das Wetter geredet, selbst bei milden siebzehn Grad und eintönig bewölktem Himmel. Warum? Wofür gibt es einen Wetterbericht?

Smalltalk-Ratgeber gibt es wie Sand am Meer — warum keine Schweige-Ratgeber?

Wieso ist es schlimm zu schweigen? Was ist an Stille so unerträglich? Warum nehmen wir — den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen — die Stille als etwas Unerträgliches und Peinliches wahr? Weshalb halten wir krampfhaft und um jeden Preis am inhaltsleeren Schnattern fest?
Fragen, die hier lediglich als Einleitung dienen sollen, aber nicht abschließend beantwortet werden können. In diesem Absatz soll es primär um einen Vorschlag einer Kommunikationsmethode gehen, mit deren Hilfe sich Smalltalk in den Alltagssituationen vermeiden lässt, in denen er am häufigsten und am unfreiwilligsten auftritt.

Jeder kennt das vermutlich: Man befindet sich auf dem Weg zur Schule, Ausbildungsstätte, Uni oder Arbeit. Auf der Straße oder gar in der Enge der öffentlichen Verkehrsmittel stößt man auf einen Mitschüler, Kommilitonen oder Arbeitskollegen, den man war kennt, aber nicht gut genug, um sich mit ihm länger als drei Minuten unterhalten zu können.

Viele Schüler haben für diese unangenehme Situation eine effektive, wenn auch etwas unkonventionelle Lösung gefunden, die mit zunehmendem Alter als unhöflich gewertet wird. Man begrüßt sich mit einer Ghetto-Faust und setzt sich anschließend in Bus oder Bahn neben die Person und fährt schweigend, durch Kopfhörer isoliert, bis zu der Ziel-Haltestelle.

Später im Berufsleben, im höheren Erwachsenenalter, dürfte das nicht mehr möglich sein. Wie also mit so einer Situation umgehen? Wir brauchen neue Grußformeln. Derzeit gibt es die der Begrüßung — wie Hallo, Grüß Gott, Guten Tag — und die der Verabschiedung — wie Tschüss, Auf Wiedersehen, Mach’s gut. Die Bayern haben geschickterweise das Servus etabliert, das sich universell anwenden lässt. All diese herkömmlichen Formeln reichen für eine Smalltalkprävention nicht aus, da sie unnötiges Geplauder nicht per se unterbinden.

Daher wäre die Etablierung von Hallo und Tschüss — kurz H.U.T. — angebracht. Das ist kurz und bündig, geht leicht über die Lippen, schenkt dem Gegenüber die nötige Freundlichkeit und signalisiert ihm zugleich, sich weder übers Wetter noch über andere Belanglosigkeiten den Mund fusselig quatschen zu müssen. In den meisten Fällen dürfte diese Grußform dankbar erwidert werden, da viele andere auch ebenfalls keinen Bock auf Smalltalk haben.

Der Kritiker meiner Zeilen mag mir nun vielleicht Soziophobie vorwerfen. Da frage ich mich doch, in welcher Weise es die Menschen näher bringt, wenn sie ewig über alles, aber letztlich über nichts reden?

Die gesellschaftlichen Strukturen, wie sie sich seit Beginn der Industrialisierung entwickelten und ins „globale Dorf“ (McLuhan) mündeten, führten mehr und mehr dazu, dass Menschen zwar miteinander zu tun haben, sich aber nicht wirklich kennen, obwohl sie zunehmend Zeit auf engstem Raum verbringen. Diese Tatsache wird nicht dadurch beseitigt, indem man lange Dialoge der Belanglosigkeit führt.

Die technischen Geräte zur Isolierung des Einzelnen, wie Kopfhörer, Smartphones und E-Book-Reader, sind hierbei lediglich ein Mittel, ein Produkt, welches das Isolationsbedürfnis stillt. Und es mag bedauerlich sein, dass zahlreiche Menschen auf ihren Arbeitswegen zweckdienliche Fahrgemeinschaften bilden, sich über Jahre hinweg jeden Morgen oder Abend an den immer gleichen Haltestellen, in den immer gleichen Bussen und Zügen wiederbegegnen und sich nicht einmal namentlich kennen. Und ja: Durch die H.U.T.-Grußformel würde diese Schweigegemeinschaft noch größer.

Aber genau jenes Schweigen könnte den Raum für das schaffen, was wirklich von Relevanz ist. Wenn das Geschnatter der Massen verstummt, ertönen vielleicht endlich die Inhalte, die wirklich relevant sind. Man stelle sich nur einmal vor, alle Pendler würden in Bus und Bahn statt Zeitung zu lesen oder auf dem Smartphone Serien zu suchten oder fruit blast zu zocken, miteinander über den Klassenkampf und gewerkschaftlichen Widerstand reden. Wird um des Inhalts willen geredet, dann haben wir es auch nicht mehr mit Smalltalk zu tun. Davon sind wir natürlich noch weit entfernt. Es ist schlicht ein Gedankenspiel. Eine Anregung.

Und wer wirklich Schweigen mit Soziophobie assoziiert, sollte sich die Frage stellen, bei welchem Freund er schweigen kann, ohne dass es unangenehm wird. Das funktioniert in der Regel nur bei den besten!

Polsterwörter

Müssen oder möchten wir ein etwas unangenehmes Anliegen, wie Kritik, Tadel oder eine Absage an eine uns nahestehende Person herantragen, kann das häufig einen schalen Beigeschmack (vulgo: bad vibes) hinterlassen. Unangenehm ist es beispielsweise, seine WG-Mitbewohner auffordern zu müssen, doch bitte etwas mehr im Haushalt mitzuhelfen oder verschmutztes Geschirr nicht über die ganze Wohnung verteilt rumstehen zu lassen. Ähnlich ist das auch am Arbeitsplatz: Sowohl für Adressanten als auch Adressaten einer derartigen Aufforderung kann das sehr unangenehm sein. Der Erfolg des Anliegens basiert letztlich auf dem Drahtseilakt, einerseits freundlich zu bleiben, aber gleichzeitig der Forderung Nachdruck zu verleihen. Was also tun?

Die (Teil-)Lösung für dieses Problem finden wir in der neueren textbasierten Kommunikation. Die Rede ist von Chats. Sei es der Facebook-Messanger (den man sich keinesfalls installieren sollte), WhatsApp oder Signal (datenschutztechnisch der beste Messanger): Wenn wir eine Textnachricht verschicken ohne einen Smiley oder einen anderen Emoji dahinter, wirkt diese Nachricht kalt und hart. Was machen also die Emojis? Sie federn die Nachricht ab und betten sie in einen freundlichen Rahmen.

Genauso müssen wir in Situationen wie den oben beschriebenen agieren. Wir brauchen Polsterwörter, die unsere Forderungen in Zuckerwatte legen und damit dem schalen Beigeschmack zuvorkommen. Die folgende Darstellung bezieht sich ausschließlich auf die Mann-Mann-Kommunikation, da ich mir als männlicher Autor nicht anmaße, für die weibliche Position zu sprechen. Frauen sind natürlich herzlich dazu eingeladen, das Konzept der Polsterwörter zu übernehmen und dieses mit eigenen Begriffen auszugestalten. Um das Konzept der Polsterwörter zu erläutern, bedarf es eines konkreten Beispiels:

Jeder kennt ihn, diesen Kumpel, der beim Feiern immerzu Kippen schnorrt. Gemeint ist nicht der, der vorm Clubeingang gerade seine letzte Kippe geraucht hat und sich nun mangels Automat keine neuen ziehen kann. Und es ist auch nicht der gemeint, der auf die sporadisch gestellte Frage, ob er denn eine wolle, mit „ja“ antwortet, oder derjenige, der im Rahmen quantitativer Verhältnismäßigkeit hier und da mal eine mitraucht. Gemeint ist der, der wirklich permanent mitraucht, selber aber nie eine Schachtel kauft. Dabei kann es sich um einen wirklich netten Kerl handeln, der schlicht aufgrund des Alkoholpegels sein eigenes Verhalten nicht mehr nüchtern reflektiert. Wie trägt man nun dieses Anliegen an einen Schnorrer heran, den man eigentlich ganz gern hat? Die ungehobelte Art und Weise wäre eine Formulierung wie:

„Alta! Kauf dir mal selber Kippen, du elender Schnorrer!“

Möchte man allerdings keine „negative Vibes spreaden“ (sic!), kommen jetzt Polsterwörter zum Einsatz. Die Forderung beginnt mit einem positiv konnotierten Wort, das den guten Draht zum Angesprochenen — trotz seines „Fehlverhaltens“ — verdeutlicht. Unter (jungen) Männern wären das — zumindest im Jahr 2019 — Wörter wie: „Bro“, „Bra“, „Bruder“, „Bratan“, „oh, Boi“ oder „Diggah“.

Freundlich formuliert klingt das Anliegen in etwa so:

„Bro, du bist schon ein richtiger Raucher geworden. Jetzt musst du schon fast mal selber Kippen kaufen.“

Um den Rahmen der Freundlichkeit zu schließen, können auch zum Ende hin Polster-Formulierungen angehängt werden. Beispielsweise ein Klaps auf den Rücken und die Worte:

„Danke Habibi! Ich küss dein Auge!“

Dabei sei natürlich nochmal darauf verwiesen, dass solche Formulierungen von einem sehr kurzlebigen Zeitgeist abhängig sind und mit der Zeit entsprechend nachjustiert werden müssten.
Bevor wir uns dem nächsten Punkt zuwenden, möchte ich hiermit klarstellen, dass ich für das gerade skizzierte Beispiel kein Geld von der Tabakindustrie erhalte, und dass Rauchen äußerst gesundheitsschädigend ist!

Zahlenrückdreher

Dieser Punkt mag nun wirklich kleinlich wirken. Aber es handelt sich zweifelsfrei um eine Kleinigkeit in Form einer nervtötend in unserer Sprache herumschwirrenden Mücke, die leicht zu erschlagen wäre.

Deutsch ist die einzig mir bekannte Sprache, die bei Zahlen zwischen 21 und 99 die Ziffern verdreht. Verstehen Sie, äh, verstehst du, was ich meine? Wohl kaum, ist es doch durch die alltägliche Verwendung so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man es schon gar nicht mehr hinterfragt, wie hirnrissig unsere deutsche Sprache speziell in diesem Bereich ist.

Nehmen wir als Beispiel die Zahl 21, gesprochen „Einundzwanzig“. Wir nennen erst die hintere Ziffer — die Eins — und dann, entgegen der Leserichtung, die vordere Zwanzig. Das setzt sich bis zur Neunundneunzig fort. Wie absurd dieses „Umdenken“ ist und zu welchen Verwechslungen es führt — gerade beim häufigen Wechsel von Fremdsprachen, wird erst deutlich, wenn man sich die Ziffernfolge anderer Sprachen anschaut. Im Englischen sagt man „twenty-one“ und nicht „one-and-twenty“.

Stellen Sie sich doch einfach mal vor, Sie verkaufen einem Amerikaner ein Produkt für 29,99 Euro und würden zu ihm sagen:

„That'll be nine and twenty Euro nine and ninety.“

Übersetzen Sie den Preis also wortwörtlich ins Englische, würden Sie nichts außer verständnislose Blicke ernten. Dabei möchte ich gar nicht die englische Sprache überschwänglich in den Himmel loben und gleichzeitig die deutsche schlechtreden. Bietet letztere doch einen viel größeren Wortschatz und Variationsmöglichkeiten zur Satz- und Textgestaltung. Aber bei Zahlen macht dies im Gegensatz zum Englischem überhaupt keinen Sinn!

Übersetzen wir die „29,99 Euro“ wortwörtlich ins Deutsche, macht es dagegen Sinn: „Zwanzigneun Euro Neunzigneun“. Das ist doch viel einleuchtender! Man sagt erst, in welcher Zehnerreihe man sich befindet — 20, 30, 40... — und dann, welche Ziffer dahinter kommt — also 34, 35, 36 und so weiter.

Nicht anders ist es in den romanischen Sprachen, wie italienisch: „ventuno“, oder spanisch: „veintiuno“, und ebenso in den slawischen Sprachen, wie polnisch: „dwadzieścia jeden“ oder russisch: „двадцать один“. Und wenn wir als Deutsche keinesfalls auf das „und“ verzichten möchten, kann man sich am französischen „vingt-et-un“ orientieren und genauso das Wörtchen „und“ integrieren. Also statt Einundzwanzig hieße es dann „zwanzig und eins“ oder beim Preisbeispiel bleibend:

„Das macht dann zwanzig und neun Euro neunzig und neun, bitte!“

Wäre das wirklich eine so schwere Umstellung? Ich denke nicht. Klar würde es — tatsächlich eingeführt beziehungsweise reformiert — zunächst zu häufigen Verwirrungen kommen und mit anfänglichem Mühsal verbunden sein. Weiterhin bedürfte diese Regelumstellung einer eisernen Disziplin überall da, wo man bar bezahlen muss, sowohl von den Kunden als auch von den Kassierern. Doch ähnlich wie beim Umstieg vom Tippen mit zwei auf zehn Finger, würde es sich auf lange Sicht lohnen. Insbesondere für Geschäftsleute, die viel im Ausland unterwegs sind und in anderen Sprachen mit Zahlen jonglieren müssen, wäre dies auf Dauer eine Erleichterung, im Kopf nicht mehr ständig zwischen der Ziffernabfolge im Deutschen und der in anderen Sprachen hin- und herschalten zu müssen.

Der Esel nennt sich immer zuerst — Sei ein Esel!

Im Märchen der Bremer Stadtmusikanten kommt zuerst der Esel. Hingegen ist es gesellschaftlich total verpönt, sich bei einer Aufzählung als erster zu nennen. Das sei egoistisch, arrogant und — jetzt wird es richtig verschwörungstheoretisch — eine häufige Eigenschaft von Einzelkindern. So sind wir es gewohnt, beispielsweise zu sagen:

„Susi, Otto, Thomas und...ähm...ich haben noch kein Ticket.“

Das Problem bei diesem Beispiel ist ersichtlich: Nennt man sich bei einer Aufzählung als letzter, läuft man schnell Gefahr, sich selber zu vergessen.

Dabei entbehrt diese Regelung jeder Logik und hat rein gar nichts mit einer guten Sitte oder Erziehung zu tun! Hier muss man sogar — obwohl es um Sprache geht — mal mathematisch argumentieren: Bei Multiplikationen und Additionen ist die Reihenfolge komplett egal! Somit ist es wurscht, ob zuerst ich oder Susi oder Otto aufgezählt werden. Nach unserem Demokratie- und Menschenrechtsverständnis sollte doch eh jede Person gleich — viel „wert“ — sein. Dann ist die Reihenfolge doch einerlei!

Und genauso könnte man auch umgekehrt argumentieren: Eingebildet und eitel sei derjenige, der sich nicht wie der Esel am Anfang, sondern am Ende nennt. Denn was am Ende gesagt wird, bleibt besser im Gedächtnis haften:

„Susi, Otto...(dramatische Atempause)... und ich!“

Die Reihenfolge mit einer moralischen Wertigkeit aufzuladen, geht auch umgekehrt. Beim Lernen einer Sprache machen wir es schließlich nicht anders und gehen von Innen nach Außen:

„I, you, he, she, it — das ‚s’ muss mit — we, they, you.“

Sind also alle Sprachfächer in den Schulen darauf ausgerichtet, uns zu Eseln zu machen? Aber das ist ein anderes Thema.

Schlussendlich sollten wir als Gesellschaft uns solch ulkiger Vorfahrtsregeln, unsinniger Zwänge und überholter Normen in unserer Alltagskommunikation entledigen, um so unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auzuflockern und ihnen neue Freiräume zu verschaffen.


Quellen und Anmerkungen

(1) Rosenberg, Marshall B. „Gewaltfreie Kommunikation“

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