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Gezielte Provokation

Gezielte Provokation

Der militärisch-industrielle Komplex will den Krieg gegen Russland und tut daher alles für die notwendige Eskalation.

Strategische Wasserwege und die „Kertsch-Krise“
von Michel Chossudovsky

Am 25. November 2018 berichtete der Föderale Sicherheitsdienst Russlands (FSB), dass „drei ukrainische Kriegsschiffe illegal im Schwarzen Meer die Landesgrenze zu Russland überschritten hätten und in Russlands Gewässer eingedrungen seien sowie gefährliche Manöver vollzogen hätten … Alle drei ukrainischen Marineschiffe … wurden im Schwarzen Meer festgehalten“, so die Tass am 25. November.

Der Vorfall ereignete sich unweit der Straße von Kertsch, der schmalen Meerenge zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer.

Seit der Vereinigung der Krim mit Russland im März 2014 wird der Zugang zum Asowschen Meer völlig von Russland kontrolliert und seit Mai 2018 verbindet eine neue Brücke die Ost-Krim mit der Krasnodar-Region in Russland.

Gezielte Provokation?

Bewegen wir uns auf eine Kertsch-Krise zu, die einen „Vorwand“ für einen bewaffneten Konflikt liefern könnte?

Als Reaktion auf die Vorgänge hat die Ukraine in Absprache mit der NATO ihre Streitkräfte in Kampfbereitschaft versetzt. Präsident Poroschenko regte die Anwendung des Kriegsrechtes an. Unterdessen hat Moskau eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrates gefordert. Laut Guardian vom 26. November „hat das russische Außenministerium die Ukraine beschuldigt, mit den USA und der EU eine „gezielte Provokation“ abgesprochen zu haben, um weitere Sanktionen gegen Moskau sicherzustellen, da nun die Situation infolge eines gefährlichen Zusammenstoßes der beiden Länder immer angespannter wird.“

Wird der Kertsch-Vorfall zu einer militärischen Eskalation führen?

Strategische Rolle der Meerenge von Kertsch

Um die aktuellen Ereignisse zu verstehen, ist es wichtig, die strategische Rolle der Meerenge von Kertsch zu analysieren. Der Seezugang des ukrainischen Hafens von Odessa zum Asowschen Meer führt durch die Meerenge von Kertsch.

Es folgt nun ein bearbeiteter Beitrag von Michel Chossudovsky aus dem Jahr 2014, der auch bei Global Research erschienen ist.

Geopolitische Schachzüge

Der Anschluss der Krim an Russland im Jahr 2014 definiert sowohl die Geographie als auch das geopolitische Schachbrett im Schwarzmeerraum neu.

Für die USA und die NATO stellt der Zusammenschluss einen großen Rückschritt dar, da ihr langfristiges Ziel darin bestanden hatte, die Ukraine in die NATO zu integrieren, um Russland zu schwächen und gleichzeitig die westliche Militärpräsenz in den Bereich des Schwarzen Meeres auszudehnen.

Mit der Unterzeichnung des Abkommens zwischen Russland und der Krim vom 18. März 2014 hat die Russische Föderation ihre Kontrolle über das Schwarze Meer sowie das Asowsche Meer ausgeweitet. Dessen westliche Küstenlinie wird von der Ukraine und der Donezk-Region gebildet.

Dem von Putin bekannt gegebenen Abkommen zwischen Russland und der Krim entsprechend schlossen sich zwei „konstituierende Regionen“ der Krim Russland an: die „Republik Krim“ und die „Stadt Sewastopol“. Beide haben den Status einer „autonomen Region“. Der Status von Sewastopol als autonomer, von der Krim unabhängiger Entität liegt darin begründet, dass Russland einen Marinestützpunkt in Sewastopol unterhält.

Nach der Auflösung der Sowjetunion behielt Russland aufgrund eines bilateralen Abkommens mit der Ukraine seinen Marinestützpunkt in Sewastopol. Mit der Unterzeichnung des Abkommens vom 18. März 2014 wurde dieses frühere [Anm. d. Übersetzerin] Abkommen null und nichtig.

Sewastopol, einschließlich des russischen Marinestützpunktes, wurde Teil einer autonomen Region innerhalb der Russischen Föderation. Der Marinestützpunkt befindet sich nun im Rahmen eines Grundstückspachtvertrages innerhalb der Ukraine. Zudem gehören die territorialen Gewässer der Krim nun zur Russischen Föderation.

Nach der Vereinigung der Krim mit Russland kontrolliert dieses nun einen viel größeren Teil des Schwarzen Meers, einschließlich der gesamten Küste der Krim-Halbinsel.

Der östliche Teil der Krim, einschließlich der Meerenge von Kertsch, befindet sich unter russischer Jurisdiktion. Im Osten der Meerenge von Kertsch liegt die russische Region Krasnodar und weiter im Süden liegen die Hafenstädte Novorossiysk und Sotschi.

Novorossiysk ist auch strategisch wichtig. Es ist Russlands größter Wirtschaftshafen am Schwarzen Meer, am Knotenpunkt wichtiger Öl- und Gas-Pipelines zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer gelegen.

Auch historisch betrachtet hat die Meerenge von Kertsch eine strategische Rolle gespielt. Sie ist noch immer das Tor vom Schwarzen Meer zu Russlands wichtigen Wasserstraßen wie dem Don und der Wolga.

Während des Zweiten Weltkrieges war die Kertsch-Halbinsel — von Nazi-Deutschland besetzt und von der Roten Armee zurückerobert — sowohl auf dem Land als auch über Wasser ein wichtiger Transitpunkt. In den kältesten Wintermonaten wurde sie zu einer Brücke aus Eis, die die Krim mit der Region Krasnodar verband.

Die Meerenge von Kertsch ist etwa fünf Kilometer lang und am engsten Punkt zwischen der Ostspitze der Krim und der Taman-Halbinsel 4,5 Kilometer breit. Kertsch ist ein wichtiger Handelshafen mit Eisenbahn-, Fähr- und Flussverbindungen.

Das Asowsche Meer: Eine geopolitische Drehscheibe

Bedeutsam ist, dass durch die Integration der Krim in die Russische Föderation nun Moskau die volle Kontrolle über die Meerenge von Kertsch hat, die das Schwarze mit dem Asowschen Meer verbindet. Die ukrainischen Behörden haben über den Hafen von Kertsch in der Ostukraine keine Kontrolle mehr. Das bilaterale Abkommen zwischen Russland und der Ukraine bezüglich der Seeroute durch die Meerenge von Kertsch wurde aufgegeben.

Die Meerenge ist auch als Zugangsstelle zu Russlands großen Wasserwegen von Bedeutung. Das Asowsche Meer ist durch den Wolga-Don-Kanal mit diesen beiden Flüssen verbunden. Die Wolga fließt dann wiederum ins Kaspische Meer.

Die Meerenge von Kertsch ist strategisch von Bedeutung. Der Kertsch-Jenikalskij-Kanal ermöglicht es großen Schiffen, vom Schwarzen Meer ins Asowsche Meer zu gelangen.

Zudem verbindet die Meerenge von Kertsch das Schwarze Meer mit der Wolga, die wiederum mit Petersburg und dem Schwarzen Meer sowie über den Wolgau-Moskwa-Kanal mit Moskau verbunden ist.
(…)
Die volle Kontrolle über die schmale Meerenge von Kertsch garantiert den ungehinderten See-Transit vom Schwarzen Meer zu Russlands Hauptstadt wie auch die Seeroute zum Kaspischen Meer (Schwarzes Meer - Asowsches Meer - Don - Wolga - Don-Kanal - Wolga - Kaspisches Meer).

Im Dezember 2013 unterzeichnete Moskau in Folge einer ursprünglichen Vereinbarung vom April 2010 ein bilaterales Abkommen mit der Janukowitsch-Regierung in Kiew bezüglich des Baus einer Brücke über die Meerenge von Kertsch, die die östliche Krim (damals Teil der Ukraine) mit der russischen Krasnodar-Region verbinden sollte.

Schon vor dem 16. März 2014 wurde das russisch-ukrainische Abkommen von 2013 verworfen. Bereits vor dem Referendum war die Anbindung der Krim an Russland in Vorbereitung — es war ein fait accompli. Weniger als zwei Wochen vor dem Referendum vom 16. März, auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise, ordnete Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew an, das staatliche Straßenbauunternehmen Avtodor, oder „Russische Autobahnen“, solle „eine Tochtergesellschaft gründen, die den Bau einer Brücke über die Meerenge von Kertsch betreut“.

Diese Brücke zielte vor allem auf Eisenbahntransportrouten ab, die das westliche und östliche Europa an das Kaspische Meer, Kasachstan und China anbinden sollten. Sie ist daher ein wesentlicher Baustein des Eurasischen Projektes — ist es doch an Chinas Belt and Road Initiative gekoppelt.

Die im Mai 2018 eingeweihte Kertsch-Brücke ist Eigentum Russlands, unter dessen Kontrolle sie auch steht. Die Meerenge von Kertsch befindet sich also auf beiden Seiten innerhalb russischer Hoheitsgewässer.


Michel Chossudovsky ist kanadischer Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of Ottawa, sowie Gründer und Direktor des Centre for Research on Globalization und Herausgeber von „Global Research“. Darüber hinaus war er als Wirtschaftsberater für Regierungen sogenannter Entwicklungsländer tätig und arbeitete als Consultant für internationale Organisationen wie das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Strategic Waterways and “The Kerch Strait Incident”: Towards Military Escalation?”. Er wurde vom ehrenamtlichen Rubikon-Übersetzungsteam übersetzt und vom ehrenamtlichen Rubikon-Korrektoratsteam lektoriert.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.
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