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Gesund, aber geächtet

Gesund, aber geächtet

Menschen, denen nichts fehlt, werden hierzulande zu Keimschleuder-Terroristen erklärt, obwohl sie nicht „gefährlicher“ als Geimpfte sind.

Orthopädisch ist das alles sehr bedenklich. Denn es zeigt sich ein massiver Schiefstand der Gesellschaft. Nicht zuletzt nimmt die Politik an diesem Schiefstand enormen Anteil. Vieles, was durch Bundes- und Landesregierungen entschieden wird, zerstört Freiheit und Wohlstand, somit das Leben. Erstaunlich nur: Eine große Zahl von Menschen nimmt sie hin, diese Freiheitsbegrenzung, krümmt sich zwar vor Schmerz, hegt aber die Hoffnung, der Zustand möge von kurzer Dauer sein. Doch übersehen wird dabei das Erodieren der Formen des politischen Entscheidens.

Zwar blähte sich nach der letzten Bundestagswahl das Parlament um weitere Hinterbankreihen und kostet nun den Steuerzahler immense Summen, nur bleibt unklar, welchen Sinn die Aufstockung des „Hohen Hauses“ hat, wenn die Entscheidungen immer seltener vom Parlament getroffen werden. Dazu bilden sich Entscheidungsgremien ohne Legitimation wie etwa die sogenannte Ministerpräsidentenkonferenz. Die Konsequenzen sind nicht anders als dramatisch zu nennen.

Auch die in demokratischen Staaten verankerten politischen Blockademöglichkeiten, die Gesetzgebungen verzögern, entschärfen oder vermeiden könnten, verlieren zunehmend ihre Wirksamkeit. Die Gerichte verpassen — skandalös genug — seit Längerem ihren Einsatz. Die notwendig zu führenden Debatten über die Einführung von Gesetzen, von somit allgemeinen Regeln, hatten letztlich zur Folge, dass Kurzsichtigkeiten vermieden oder wenigstens gemindert werden sollten.

Das intensivere Nachdenken über Folgen von politischen Entscheidungen ist eine demokratische Notwendigkeit. Natürlich ist es unumgänglich, dass etliche zu treffende Entscheidungen auch künftig individuelle Freiheiten einkürzen, schon die mannigfachen politischen Einstellungen in der Bevölkerung erzwingen dies. Gerade deshalb aber bedarf es des Sandes im Getriebe der politischen Maßgaben. Es bedarf wieder eines starken Parlamentes, es bedarf auch einer Opposition, die den Namen verdient, damit Einzelne vor der Mehrheit geschützt sind und berufspolitische Akteure an Spielregeln gebunden bleiben und werden.

Verunglimpfung und Ausgrenzung haben eine Tradition

Vor allem aber ist einzugreifen und zu protestieren, wenn urplötzlich „gesund“ als obsolet gilt, wenn auch die Gesundheit als Wunsch — inzwischen völlig sinnfrei — einander noch häufig zugerufen wird. Gesund(heit) bedeutete unlängst noch die volle Teilhabe am Leben, war beste Voraussetzung dafür, sich ein sinnerfülltes Leben zu schaffen. Gesund beginnt übrigens mit dem seit Monaten hofierten „G“. Geimpft, ein hier akzeptiertes „G“, ist das Gebot der Stunde. Sogleich aber wird der Schiefstand massiver, denn es geht im medialen und politischen Geplärre nicht etwa um sinnvolle und tatsächlich nützliche, wirksame Impfungen — Pocken, Diphterie, Wundstarrkrampf et cetera. Wer aktuell von „Impfung“ spricht — besser zu reden wäre von Injektion oder Einspritzung —, der meint einen COVID-19-mRNA-„Impfstoff“ mit Notfallzulassung.

Im Sprachgebrauch eines Robert Habeck von der grünen Verbotspartei sind die Gesunden, die Ungeimpften, nun aber „Gefährder“. „Gefährliche Sozialschädlinge“ nennt sie Rainer Stinner, ein Freier Demokrat im Übrigen.

Nebenbei: Besaßen beide Worte nicht vor Kurzem noch einen guten Klang? „Bekloppte“ sind sie dem Christen und ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Doch — man sei nachsichtig — das Diffamieren und Ausgrenzen beruht auf guter, vor allem stabiler, christlicher Tradition. Der Gottesbegriff, der Urgrund, ist den Christen wandelbar, da ist der „Herr“ eben längst nicht mehr Herr im eigenen Haus und kommt nun daher als Gott mit Sternchen oder sonstigem verqueren Unfug.

Und wieder nebenbei: Liegt es am „Grund“ hinsichtlich des Schiefstandes? Denn auch mit dem Grund-Gesetz ist ja kein Staat mehr zu machen, so spricht mancher auch lieber wieder von Verfassung. Das Wort klingt weicher, biegsamer … Beim Beschimpfen aber, beim Verketzern, da hört der Spaß auf, da bleibt man sich bis zum Verbluten treu. Christen nannten einander „Schmutz- und Schandflecken“, „vernunftlose Tiere“, „Verstümmelte“, „Hunde“, „Lügenapostel“ und schrieben sich’s , damit man es nur nicht vergisst, ins heilige Buch.

Die historische Bilanz des christlichen Menschenbildes:

„Millionen Heiden, Millionen Juden, Millionen Hexen, Millionen Indianer — wenigstens fünfzehn Millionen in einer Generation! —, Millionen Afrikaner, Millionen Christen, alles verteufelt, getötet und verdaut bis hin zu jenen siebenhunderttausend serbischen Orthodoxen, die man, noch in unseren Tagen, lebendig begraben, lebendig verbrannt, lebendig gekreuzigt, zu Tode geprügelt, ertränkt, erschossen, erstochen, erdrosselt, erhängt, geköpft, gekehlt hat, denen man die Augen ausgestochen, die Ohren abgeschnitten, die Nasen, und alles, nach altem Brauch, mit Hilfe einer hochaktiven, selber schießenden, selber stechenden, selber köpfenden Geistlichkeit …“ (1).

„Krank ist das Land“

Es könnte somit etwas dran sein an der Behauptung „Krank ist das Land“. Die Medien hatten längst den Verdacht und üb(t)en sich im Diagnostizieren. Seit Jahr und Tag wird deshalb der Befund zu Klima, Energie, Migration, Schuld, Landwirtschaft, Bildung, Gender, Sprache, Gleichheit … und dann endlich zu dem einen Virus den Lesern (v)erdichtet emsig in die Köpfe geschrieben und gesprochen. Kein Zweifel darf mehr bleiben. Und wo allein die Worte zu schwach erscheinen und manche auch gar nicht richtig verstanden werden, da schaffen dramatische Bilder Abhilfe, wenn nötig im halbstündlichen Takt. Und als ob der Schiefstand nicht für sich schon bedrohlich genug wäre, werden zudem flankierende Erkrankungen ausgemacht. Von weiteren — mitmenschlichen — Verzerrungen, Verdrehungen, Überdehnungen, Verrenkungen ist die Rede. Eine fürchterliche Rechtslastigkeit wird festgestellt. Manche schlichte Blessur mag sich kaschieren lassen, ein schiefes Grinsen dann zur Überspielung reichen. Immerhin!

Zwei Sportarten kamen zu ungeahnter Blüte — denn bekanntlich machen auch Notstände erfinderisch — während der weitgehenden und großflächig angelegten Unterbindung des Lebens, die gerne auch als „Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie“ beschrieben werden: das intensive Augenreiben und das heftige Kopfschütteln. Ob sich die Politik mit der unfreiwilligen Beförderung dieser Sportarten einen Gefallen tat, wird sich erweisen, denn jedwede Form der Bewegung unterstützt das menschliche Immunsystem — ein Begriff, der ebenfalls mehr als nur obsolet erscheint — und dient seiner Stärkung.

Eines aber weiß die Politik doch mit Gewissheit: Den Brüchen, den komplexen gar, ist so nicht beizukommen, das braucht Eingriffe. Da taugt letztlich auch keine Knopflochchirurgie, da braucht es den groben Einschnitt. Kein Entrinnen gibt es, der Befund ist ausgemacht, nur gewendet und gedreht wird noch, bis auch die Politik nicht anders mehr kann und den beherzten Zugriff wagt. Worauf sollte man nun auch noch warten? Die Hysterie könnte abflauen, erneute Langeweile um sich greifen, die Chance zum Eingriff wäre vertan. Die Sache ist fortan selbst beherzt anzupacken, dies schließlich macht Politik aus: das Zupacken, das In-die-Hand-Nehmen einer Sache.

Haltung zeigen

Doch ein Eingriff erfordert immer auch Mut. Das spürte wohl auch die thüringische Linke in den Tagen des Bundeswahlk(r)ampfes, als sie die Losung „Mut machen“ auf die Plakate ihrer Spitzenkandidatin Susanne Hennig-Wellsow drucken ließ. Mit der Parole konnten vor allem die eigenen Genossen sich einer Selbsttherapie unterziehen und sich ermannen — das Programm der Eigentherapie ist nach dem Wahlausgang wohl umso angesagter. Zusätzlicher therapeutischer Fingerzeig dann noch auf den Plakaten: „Haltung zeigen“.

Da brauchte es gar keinen allzu tiefen Griff in die phraseologische Mottenkiste, allenthalben begegnet der inhaltsleere Imperativ obenauf. Weil das „Haltung zeigen“ aber auf Schritt und Tritt in den Mainstream-Medien begegnet, fühlt sich der Patient, ach nein, der Wähler, der Bürger überhaupt in die Pflicht genommen. Denn „woke“ soll er ja schließlich sein — wurde in Deutschland nicht vor wenigen Jahrzehnten erst gerufen, es solle „erwachen“? —, wie auch engagiert, sensibel, immer dabei authentisch und hoch empathisch. Und so steht das Wahlvolk, der Bürger, der deutsche Michel einigermaßen — des Schiefstandes immer eingedenk — stramm oder schmeißt sich — besonders gern in den Fußballstadien und Arenen dieser Welt — auf die lädierten Knie.

Das Recht, einzeln sein zu können

Manch einer missversteht allerdings die Parole und überhaupt die Sache mit der Haltung. Zwar zeigt er Haltung, sogar aufrecht und überlegt, doch in dem Falle ist sie unerwünscht. Dieses Recht aber nimmt sich der Sportler Joshua Kimmich. Wie es zur sportlichen Höchstleistung schon immer ein gehöriges Maß an Selbstüberwindung erforderte, so besteht diese unbedingte Voraussetzung auch, wenn es darum geht, es mit der Selbstverwirklichung ernst zu meinen. Der Mannschaftssportler weiß um die zum Spiel gehörenden Gratwanderungen bei dem Versuch, ein Einzelner sein zu können. Einzeln sein — und grundsätzlich ist das ja erst mal ein jeder Mensch —, das ist immer die Herausforderung für das Denken.

Schwierig ist es herauszufinden, kaum je sauber zu trennen, ob man nun gerade selbst denkt oder es die Gruppe, die Mannschaft, die Gesellschaft in einem ist, die das Denken steuert. Irgendwo gehört man immer dazu.

Sich als Einzelnen wahrzunehmen heißt immer aber, für sich stehen zu können und zu entscheiden. Einzeln sein, verankert, Abstand wahren zu können und darüber hinaus auf Beifall und Zustimmung verzichten zu können. Neuerdings aber will man von der Selbstverwirklichung nichts mehr wissen, vielmehr kehrt das Kollektiv zurück auf die Bühne. Die Haltung hat in jeder Hinsicht zu korrespondieren mit der (Märchen-)Erzählung dahinter.

Da kann man doch nicht einfach kommen und beginnen, auf eigene Rechnung hin zu denken. Eine Politik, die Narrative bestellt oder selbst erfindet, nicht etwa um Kontrahenten oder Gegner zu verwirren — in der DDR gab es das geflügelte Wort „Das dient alles zur Verwirrung des Klassenfeindes“ —, sondern um sich selbst Vorgaben zu machen, verblödet sich auch selbst. In der Erzählung ist angelegt, was als Wahrheit zu gelten hat, und fragte der Pilatus des Johannesevangeliums nicht schon: „Was ist Wahrheit?“.

Ob Aussagen mit den Tatsachen der objektiven Realität übereinstimmen, ist den Erzählenden unerheblich. Was einmal den Dichter, den Literaten ausmachte, das Errichten von Luftschlössern, das Erbauen von Wolkenkuckucksheimen, das wurde und wird, in der jüngsten Vergangenheit wie den gegenwärtigen Tagen, zur Domäne des Berufspolitikers.

Eigentlich ist er ein Abgeordneter und somit dem Wähler und realen Gegebenheiten verpflichtet, doch dieses Wissen verliert sich offenbar von Wahlperiode zu Wahlperiode stärker. Der Literatur ist es eigen, dass sie verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander duldet und gelten lässt, gleichzeitig, gleichberechtigt. Der Politik allerdings ist das eine Unmöglichkeit. Auf das Nachdenklichste sollte es jedoch stimmen, wenn objektive Wahrheit in Abrede gestellt, somit „geleugnet“ wird, denn dann ist nicht allein die Wissenschaft, sondern auch unser Rechtssystem zerstört. Tatsachen unterliegen auch dort dem Beweis.

Von den Freuden eines Inquisitors

Nun aber dieser grobe Haltungsfehler, zumal bei einem Spitzenathleten. Hier ist allerdings innezuhalten und ein Gang zurückzuschalten, denn es war nicht der Fußballprofi Joshua Kimmich, der sich haltungsmäßig in die Öffentlichkeit drängte, sondern er wurde auf widerlichste Art dazu genötigt, sich zu erklären. Er hatte sich öffentlich zu schämen dafür, dass er eines der grundlegendsten Menschenrechte in Anspruch nimmt, sein Recht nämlich auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung.

Joshua Kimmich hatte kurz nach erfolgreichem Fußballspiel nicht die Zeit, sich die Warnung antiker Denker durch den Kopf gehen zu lassen: „Man muss das Göttliche ehren — niemand widerspricht dieser Mahnung, es sei denn, er wäre zuvor verrückt geworden“ (2). Zuerst durch die Bild-Zeitung, sodann durch den Fernsehsender Sky wurde er getrieben und genötigt zu einer Stellungnahme, die das Privateste betrifft — den Gesundheitszustand, hier noch spezieller: seinen Impfstatus. Wiederum aber ging es allein um die Frage nach der Einspritzung mit einem fragwürdigen Stoff gegen das SARS-CoV-2-Virus.

Die durch Bild gebotene Steilvorlage wurde dankbar aufgenommen. Allen voran glänzte und grätschte der Haltungsjournalist Patrick Wasserziehr. Endlich einen „Schauprozess“ in Gang setzen zu können, endlich das Priesteramt im Dienste der Pandemie anzutreten, das erfreute (ihn). Überdeutlich zeigte diese Freude seine körperliche Anspannung bei der folgenden suggestiven Befragung, die nur eines kannte — die Verurteilung. Ein Exempel war zu statuieren, sogleich taugen sollte dazu das mehrfach angestimmte Gefasel von der Solidarität. Doch Wasserziehr hätte wissen können, hätte er zu wissen gewollt: „Die Impfung ist Eigenschutz, kein Fremdschutz“ (3).

Kein Akt eben somit der Solidarität, bestenfalls einer des Eigenschutzes. Bestenfalls. Verlässliche Daten zum Schutz fehlen, der Fußballprofi wies den Journalisten darauf hin, er habe eben Bedenken, „was fehlende Langzeitstudien angeht“. Wiederum nebenbei, dafür hochbrisant: Am 23. September 2021 wurde einer Fachzahnärztin auf ihre Anfrage hin durch BioNTech Medical Information mitgeteilt (4):

„Es ist seit Beginn der Impfkampagne keine Variantenanpassung des Impfstoffs erfolgt, und es ist auch für die Booster keine Anpassung vorgesehen. (…) Weitere Untersuchungen zur Wirksamkeit der verschiedenen Impfstoffe bei anderen Mutationstypen stehen noch aus.“

Doch der Haltungsjournalist und Hohepriester bewahrte eben Haltung und blieb dem Argument gegenüber immun, so wie die Politik es vorgibt.

Von einem Dialog ist nicht mehr die Rede, an eine Debatte, die den Namen verdiente, nicht zu denken. Wasserziehr kennt nur eine Solidarität, die dumpfe Folgsamkeit bedeutet, die Unterordnung des Einzelnen unter eine Ideologie, die als Wahrheit zu gelten hat. Von „wissenschaftlicher Weltanschauung“ war in der ersten sozialistischen deutschen Republik die Rede. Tatsächliche Solidarität aber nimmt den Einzelnen, das jeweilige Individuum in den Blick und richtet sich keinesfalls nach einem unterstellten Mehrheitswillen.

Götterdämmerungen

Joshua Kimmich zeigte Haltung, eine ungewünschte. Und keine Götterdämmerung ist auszumachen, wenn mit Verstand und Logik in der Öffentlichkeit operiert wird. Eher sollten Philosophen sich beschämen, die da fabulieren von der „Kriegführung von Species gegen Species“ und herausstellen: „Die von Angela Merkel verfolgte Politik der Bundesregierung konnte sich dabei auf den mehr oder weniger einhelligen Rat der wissenschaftlichen Experten sowie auf die Medienpräsenz einzelner hartnäckiger Fachpolitiker (wie Karl Lauterbach) und einflussreicher Ministerpräsidenten (wie Markus Söder) stützen“ (Habermas).

Diese Lächerlichkeit und Banalität hingegen ist nicht anzutasten, hier darf Kritik nicht sein! Schließlich titelte die Zeit schon zum 80. Geburtstag: „Weltmacht Habermas“. Der hellsichtige Michael Klonovsky bemerkte dazu freilich süffisant, ja, in alle Weltsprachen seien dessen Werke übersetzt worden, außer ins Deutsche. Den Einheitsmedien und Scheißesturm-Erzeugern in den sozialen Netzwerken geht es jedoch nicht um eine etwaige philosophische Götterdämmerung, sie wollen vielmehr dem Großinquisitor Wasserziehr in der Causa Kimmich nicht nachstehen. Denn wo käme man hin in einem Land, in dem es für die Notfallzulassungsstoffe keine Impfpflicht gibt, stünde man nicht kopf?

„Verheerend“ ist dem Stern Kimmichs Aussage, „fatal“, schließt sich die Süddeutsche an, natürlich „unsolidarisch und unwissend“ ist er dem Focus, und er habe „Corona-Schwurblern ein Gesicht gegeben“, befindet die Abendzeitung aus München. „Man möchte die Hirngicht bekommen, wenn man ein öffentliches Blatt in die Hand nimmt“, so ruft man hingegen am besten noch heute gemeinsam mit Johann Gottfried Seume. Da erscheint es beinahe als ein Glücksfall: Joshua Kimmich ist kein „rechter Verteidiger“, auch wenn er nach Meinung der ARD-Kommentatorin Hanni Hüsch (5) „der AfD (…) den Ball genau vors Tor gelegt (hat)“.

Wie aber war das mit dem Journalismus und überhaupt dem Fußballgeschäft? Wollte man sich nicht ändern? Spätestens seit dem Tod des Nationaltorhüters Robert Enke am 10. November 2009 sollte doch das vielbeschworene Umdenken einsetzen. DFB-Chef Theo Zwanziger tönte bei der Trauerfeier:

„Maß, Balance, Werte wie Fairplay und Respekt sind gefragt in allen Bereichen des Systems Fußball.“

Fairplay und Respekt also in allen Bereichen? Bei Joshua Kimmich ist dies offenbar völlig unerheblich. Nicht nur wird ihm das Recht über die Information zu seinem Gesundheits- und Impfstatus abgesprochen, auch seine Entscheidungsfreiheit untergräbt man aufs Empfindlichste:

„Die Impfskepsis eines so beliebten Fußballprofis kann anstecken und seine Sorge vor Impfkomplikationen andere Menschen verunsichern.“

Impfzweifel verbreiten sich scheinbar so rasant wie die Viren selbst.

Ein Schiefstand der Logik auch hier wieder, denn die Gespritzten haben die Injektion ja in sich und zweifeln dann, gegebenenfalls, hinsichtlich des Nutzens, sie werden aber nicht zweifeln, weil der Fußballer hinsichtlich der Einspritzung zweifelt. Den Druck aber möchte die Nachrichtenmoderatorin Caren Miosga hochhalten und verstärken, in ihrer Sendung vom 25. Oktober 2021 (6). Kimmich gerät ihr sprachlich zum Krankheitsträger, und im Nachsatz wird er zum Gefährder für seine Mitmenschen:

„Weil wir gerade erleben, dass die Zahlen der Neuinfektionen wieder rasant steigen, wird aus einer rein privaten Frage eine öffentliche.“

Abgesehen von der Zweifelhaftigkeit des regierungsamtlichen Zahlenwerkes: Lebten wir noch in der „normalen“ Welt, so ließe sich gelassen konstatieren, die Atemwegsinfektionen, einschließlich der Grippen, waren immer schon eine saisonale Sache, sie kamen und verloren sich, es ist nun einmal so im Herbst — natürlich. Auch macht der Anbruch der kälteren Jahreshälfte mitnichten aus einer „rein privaten Frage eine öffentliche“.

Bund der Geächteten

Gesund ist jedenfalls im vereinigten Deutschland wieder zu einem verdächtigen Zustand geworden. Im real existierenden Sozialismus bedeutete gesund immer auch geistige Gesundheit, bedeutete somit immunisiert zu sein gegen die Zumutungen von Ideologie und Propaganda. Ist es diese Konnotation — gesund = ungeimpft = ideologieresistent —, die dem medialen und politischen Zeitgeist missfällt, der ihn ängstigt? Denn damit gerät eine wichtige Voraussetzung der Macht gefährlich ins Wanken. Allein wer über Worte bestimmen kann, der vermag das Denken zu lenken.

Wer „neues“ Denken zu etablieren erträumt, der muss den alten Begriffen „neuen“ Sinn einverleiben. So wird aus dem Gesunden dann eben mit vergehender Zeit der Geächtete. Vielleicht steht dann auch bald die Neugründung des „Bundes der Geächteten“ an, wie seinerzeit 1834, und auch damals ging es um die Freiheit, die „Befreiung und Wiedergeburt Deutschlands und Verwirklichung der in der Erklärung der Menschenrechte und Bürgerrechte ausgesprochenen Grundsätze“.

Doch auch Worte besitzen einen Berstschutz, sind immun gegen Sternchen und Striche. So muss der Gesunde sich wehrhaft machen, das ist kein leichtes Unternehmen, hob bereits Kurt Tucholsky hervor, denn „nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein“. Sonst verbliebe tatsächlich nur ein „G“ am Ende: Geisteskrank!

Es ist eben nicht nur orthopädisch vieles in diesem Land bedenklich, einem Land, vom dem mancher sogar dachte: „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ (Heine) und sinnierte: „Das küsste mich auf deutsch und sprach auf deutsch“ und selbst der Zweifel dem Gedanken noch verblieb: „Man glaubt es kaum, wie gut es klang“. Am Ende dann freilich nur Ernüchterung: „Es war ein Traum.“


Quellen und Anmerkungen

(1) Deschner, K.: Opus Diaboli, Reinbek, 1998, Seite 115
(2) Burkert, W.: Kulte des Altertums, München, 1998, Seite 17
(3) https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus234765956/Virologe-Hendrik-Streeck-Meine-acht-Punkte-zur-Ueberwindung-von-Corona.html
(4) https://mutigmacher.org/biontech-impfstoff-nur-wirksam-gegen-alpha-und-beta-variante/
(5) https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-937321.html
(6) https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-8609.html

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