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Gesellschaft im Niedergang

Gesellschaft im Niedergang

Auf der sechsten „Menschen machen Mut“-Veranstaltung wurde die Frage erörtert, inwieweit wir uns von unserem Menschsein entfernt haben.

Eine Gesellschaft, in welcher ein jeder den Nächsten fürchtet, in ihm eine Gefahr sieht, ist eine Gesellschaft, die auf das Ende einer menschlichen Kultur zusteuert. Hans-Joachim Maaz fand auf der Bühne für den derzeitigen Wahnsinn sehr klare und eindringliche Worte.

Der in seinen Interviews sonst immer sehr ruhige und gelassene Psychoanalytiker redete sich auf dem Podium beinahe schon in Rage. Sein „Forschungsgegenstand“ — die Normopathie unserer Gesellschaft — war in der neuen Normalität regelrecht zum Leben erwacht, während er zuvor lediglich unter der dünnen Decke der Zivilisation geschwelt hatte. Sich immer wieder an den Kopf fassend teilte er den Anwesenden mit, dass er es schlicht nicht begreife, wie ein solcher Irrsinn sich erneut Bahn brechen könne, dass Maßnahmen, die in ihrer Absurdität kaum zu überbieten seien, tatsächlich zur Realpolitik würden.

Gewisse Wesensmäßigkeiten der Deutschen würden sich durch die Geschichte wie ein roter Faden ziehen, wobei sich das äußere Gewand zwar ändere, die massenpsychologische Dynamik aber die gleiche bliebe. Es werde wieder denunziert, ausgegrenzt, im Gleichschritt gegangen und einem vermeintlichen Heil — der Impfung — entgegengefiebert.

Derzeit würde die Gesellschaft auf einer Symptomebene streiten. Derzeit drehe sich alles darum, wer, wann und wo welchen Impfstoff bekommt. Darüber, was man mit Andersdenkenden zu machen habe. Doch niemand redet über den Kern: Wir haben eine Gesellschaftskrise!

Maaz war trotz des Veranstaltungsnamens nicht daran gelegen, beim Publikum falsche Hoffnungen zu wecken. Eine solch gravierende, kollektive Traumatisierung lasse sich nicht einfach nach wenigen Monaten ausbügeln. Selbst wenn der Corona-Irrsinn eines Tages enden sollte, so wäre erneut das zu beobachten, was man bereits nach dem Dritten Reich und nach der Wende beobachten konnte: das Wendehalssyndrom.

Es beschreibt die Menschen, die nach dem Ende eines gewissen Dogmas diametral zu ihren vor Kurzem noch gültigen Überzeugungen handeln, ganz so, als hätten sie all ihre Schandtaten in der Vergangenheit gar nicht verbrochen. Sich derer gewahr zu werden, würde ja bedeuten, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen. Stattdessen würden sich diese Menschen normopathisch schlicht einem neuen System zuwenden. Wohl aber gab Maaz — der die gesamte Zeit der DDR durchlebt hatte — den Versammelten Rat, wie man in totalitären Systemen überlebt.

Es bedürfe des Wechselspiels zwischen Anpassung und Subversion. Das bedeutet, sich dort anzupassen, wo man nicht anders kann, aber da Widerstand zu leisten, wo es möglich und notwendig ist.

Kontaktverbote seien etwas, das gegen die menschliche Natur gehe. Menschen benötigen Kontakt, benötigen echte (!), das heißt physische, Nähe zu anderen Menschen.

Dem pflichtete Hans-Christian Prestien bei. Als Jugendrichter, der sich schon in den 80er-Jahren im Deutschen Kinderschutzbund für das Recht der Kinder — insbesondere von Scheidungskindern — massiv engagiert hatte, weiß er um die Bedeutsamkeit gefestigter sozialer Strukturen. Mit seinem langjährigen juristischen Hintergrund erklärte er den Anwesenden, dass Notwehr nicht strafbar sei. Und sich gegen menschenrechtswidrige Ordnungen aufzulehnen, erfülle sehr wohl den Tatbestand der Notwehr. Die Risiken von etwaigen — harten — Strafen seien häufig nicht real. Es gäbe also keinen Grund zu warten. Würde man warten, werde man gebraten, so Prestien, der insgesamt schon wesentlich optimistischer gestimmt war.

Im Mittelfeld zwischen Optimismus und Pessimismus bewegte sich Corinna Busch. Sie wies darauf hin, dass selbst die kleinsten Einflussfaktoren im Kindheitsalter eines Menschen eine dramatisch nachhaltige Wirkung entfalten können, die sich leidvoll durch das gesamte Leben hindurchzieht.

Außerdem gab sie zu bedenken, dass in Ausnahmezuständen installierte Maßnahmen sowie gesellschaftliche Konfigurationen seltenst zurückgenommen werden. Sie verwies dabei auf die durchsichtigen Flüssigkeitsbeutel, mit denen wir seit 9/11 immer noch in Flugzeugen fliegen. Was ist in der Coronakrise das Pendant zu diesen Beuteln? Die Maske? Distanz? Impfungen?

Sie riet den Versammelten, soziale Netze zu pflegen, wieder in die eigene Energie zu kommen und sich zwingend mit den eigenen Traumata zu beschäftigen, um die Teufelskreise zu durchbrechen.

Für Erheiterung sorgte dann die Vierte im Bunde — Susanne Wendel. Ihr auf dem Büchertisch im Foyer ausgelegtes Buch „Gesundgevögelt“ hatte bereits einige neugierige Blicke auf sich gezogen. Da ihrem Themengebiet — gesunde Sexualität — mit einem gesellschaftlich geforderten Abstandsgebot selbsterklärend die Grundlage entzogen wird, lieferte sie auf der Bühne ein flammendes Plädoyer dafür ab, das Berühren, den körperlichen Kontakt wieder zu kultivieren, statt zu tabuisieren. Sie las dazu dem Digitalisierungswahn die Leviten und machte deutlich, dass ein mediatisiertes Miteinander echte, physische Begegnungen nicht ersetzen kann. Ja, ganz im Gegenteil! Mittlerweile gäbe es schon so etwas wie „Zoom-Fatigue“, also das „der Videokonferenzen Überdrüssigsein“.

Empört zeigte sich Wendel, dass Leute verlacht oder gar geächtet werden, die den Mangel an physischem Kontakt, das Beisammensein, Tanzen und Feiern vermissen. Diesen Menschen würde von Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr spüren, vorgeworfen, sie beklagten sich über First World Problems. Aber — so insistierte Wendel mit Nachdruck — das seien keine First World Problems, das seien Human Problems!



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