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Geschichtlicher Wendepunkt

Geschichtlicher Wendepunkt

Beim Weltwirtschaftsforum 2022 in Davos wurden die Weichen für eine globale Neuordnung gestellt.

„Wenn es einen Ort gibt, auf den man eine Atombombe wirft, dann wäre Davos genau der richtige“, räsoniert ein Kommentar auf YouTube anlässlich der Liveübertragung der Feierlichkeiten in den Schweizer Alpen. Wie immer das gemeint sein mag, es wäre mit Sicherheit ein sogenannter Enthauptungsschlag. Von denen, die unsere Welt regieren, blieben nicht allzu viele übrig.

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat mal wieder geladen und (fast) alle sind gekommen. Die üblichen Präsidenten und Exzellenzen, die Gesalbten und von ihrem Blut Gekrönten, sie repräsentieren die eine Fraktion jener öffentlich-privaten Partnerschaft (PPP=Privat-Public-Partnership), die das WEF zu seiner globalen Agenda gemacht hat. Auf der anderen Seite — der privaten — sitzen die Kommandanten des Geldes: Vertreter schier schrankenloser ökonomischer Macht. Das Weltwirtschaftsforum nimmt nur Konzerne mit einem Jahresumsatz von mindestens 5 Milliarden Schweizer Franken in seine gebenedeiten Reihen auf. Und die Mitgliedsbeiträge sind auch nicht ohne. Trotzdem musste der WEF-Gründer Klaus Schwab die Anzahl der Mitglieder auf 1.000 begrenzen.

Wenn man im Telefonbuch des Vereins blättert, läuft es einem kalt den Rücken runter. Wer soll da noch an Wahlen glauben.

Geld allein macht nicht glücklich. Davon singt ganz Davos sein Lied. Überall ist Krise: Der Klimawandel lauert hinter blauem Himmel und in seiner Eröffnungsrede zeigt Klaus Schwab auf die Geier, die über der Weltwirtschaft kreisen: zu hohe Inflation, zu langsames Wachstum und zu viele Schulden. Ach ja, und Hunger und Armut nehmen auch zu. Deshalb trifft man sich ja in dem Schweizer Klausurort. „Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen.“ Und wir hier, das Weltwirtschaftsforum, seine Klubmitglieder und die weltlichen Präsidenten, wir sind eine beeindruckende Gemeinschaft der Zusammenarbeit. PPP nicht vergessen — niemals! Dann steht dem Unternehmen Weltverbesserung fast nichts mehr im Wege.

Die Lage ist ernst, aber einer ist fast immer komisch: Klaus Schwab, der mit seinem schwäbischen Englisch den radebrechenden Gottvater gibt.

Vor seiner Predigt war ein kurzes Filmchen zu sehen. Die Welt in heller Auflösung, Hunger, Bombenhagel, Pest und Wahn — die Apokalypse als Videoclip, doch es folgt die Vision einer geheilten Welt, in der glückliche Menschen durch intakte Wälder laufen, sich fremde Menschen um den Hals fallen und die Dritte Welt in der Wüste lustige Sandburgen baut. So ungefähr lautet die Botschaft und dazwischen, an der Schnittstelle zwischen Vorher und Nachher, da ungefähr liegt die Zeitenwende.

The Turning point of history

Da liegt Davos, der Drehpunkt. Da missioniert Klaus Schwab:

„Wir haben gemeinsame Interessen. Denken Sie vor allem an die Umwelt, denken Sie an eine bessere Vorbereitung auf die nächste Pandemie. Wir brauchen eine globale Zusammenarbeit, eine Plattform. Und das ist es, was Davos bezweckt.“

Genauer gesagt: die Betrachtung aller Krisen von einem ganzheitlichen Standpunkt aus. Vorbei mit dem Nationalen, mit dem Individuellen, mit der Konkurrenz. Wir sitzen alle im selben Boot. Fehlen bloß die globalen Kapitäne.

„Change is possible. Change is need“ flackert über die Videoleinwand. „Die Zukunft geschieht nicht einfach, sie wird errichtet. Von uns. Von einer mächtigen Gemeinschaft — wie wir hier in diesem Raum. Wir haben die Mittel, den Zustand der Welt zu verbessern“, beschwört Papst Schwab seine Kardinäle, den Wendepunkt der Geschichte jetzt zu vollziehen.

Doch man spürt es, noch sind nicht alle Gläubigen so ganz bei der Sache. Es ist noch nicht genug Krise in ihnen. Sie scheinen noch nicht verstanden zu haben, dass ihr ganzes Geld und ihre ganze Macht jederzeit von der Gewalt einer dieser Krisen jederzeit und im Nu dahingerafft werden können. Sie sind einfach noch nicht im Ganzheitlichen angekommen. Erst dann werden sie kapieren, dass sie zum Retter auserkoren sind. „Die Zukunft wird von uns errichtet.“ Es genügt nicht, Mitglied des WEF zu sein, man muss in den Krieg ziehen.

Der Wendepunkt der Geschichte ist in Wahrheit ein Wendehammer: Der russische Überfall auf die Ukraine — „ohne Provokation und Anlass“ — wird die politische und ökonomische Landschaft in den kommenden Jahren umgestalten. Weiß Schwab.

Und wie? Das erfahren wir sogleich aus dem Munde eines in aller Unschuld Überfallenen, vom Präsidenten der Ukraine persönlich, einem Weltverbesserer, dem Klaus Schwab ausdrücklich dankt für seine mutige Führung im Widerstand, bevor er ihm das Wort erteilt und die Videoleinwand.

Und schon kläfft der Amateurfeldherr in knitterfreier Freizeituniform los. Geradezu begeistert nimmt er die Vorlage auf und erklärt den Krieg um sein Land zum historischen Wendepunkt. Ansonsten alles wie schon hundertfach gehört: russische Kriegsverbrechen, barbarischer Überfall, heroischer Widerstand. Leider kommt alle Hilfe zu spät, obwohl Russland ja seit 2014 einen verdeckten Krieg gegen die Ukraine geführt habe. Und nachdem Selensky den Krieg gewonnen hat, bietet er allen Firmen, die sich aus Russland zurückgezogen haben, die Ukraine als neuen Wirtschaftsplatz an. Der Wiederaufbau des Landes, ganzer Städte und Industriezweige soll so zum größten Motor des wirtschaftlichen Fortschritts in Europa werden. Kurzum, Selensky schwebt nichts Geringeres vor als ein industriell hoch entwickeltes Land, das bis zu den Zähnen bewaffnet ist. „Ich bitte um Vorschläge.“

Direkt im Anschluss findet eine Geberkonferenz statt, die Milliarden für die Ukraine einsammelt. Und am nächsten Tag findet Ursula von der Leyen statt. Sie hatte ja bereits zuvor die europäischen Kriegsziele unmissverständlich formuliert: Regime Change in Moskau, Verhaftung der Regierung und aller am Krieg Beteiligten. Jetzt drückt sie auf den Wendepunkt-der-Geschichte-Knopf, den das WEF ihr so freundlich hinhält:

„Es geht nicht um das Überleben der Ukraine, es geht nicht um die europäische Sicherheit, es geht darum, die bestehende internationale Ordnung infrage zu stellen. (…) Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen.“

Wir mobilisieren die volle militärische Macht. Wir verschärfen die Sanktionen. Und wir bieten finanzielle Hilfe, wie es sie noch nie gegeben hat. Mit viel Investitionen und ein paar innerukrainischen Reformen werden wir die Ukraine aus der Asche auferstehen lassen. Das ist der entscheidende Moment für alle Demokratien. Jawoll! Jeder Satz ist eine Siegesmeldung. Erinnert ein wenig an die gebellten Verlautbarungen des Oberkommandos der Wehrmacht Ende 1944.

Auftritt des NATO-Oberkommandieren Jens Stoltenberg.

„Seit einem halben Jahrhundert bringt das Weltwirtschaftsforum die Weltgemeinschaft zusammen. Heute brauchen wir den Geist von Davos noch mehr.“

Und schon sind wir wieder beim Wendepunkt der Geschichte. Das ist der Krieg in der Ukraine. Die Ukraine — bekennt Stoltenberg mal so en passant — wurde schon seit Jahren von Amerikanern, Briten und Kanadiern aufgerüstet und ihre Soldaten von der NATO ausgebildet. Nur deshalb halten sie so erfolgreich der Invasion stand.

Interessant, das war doch eines der Argumente des Teufels Putin, dass die NATO die Ukraine militärisch hochrüste und Soldaten ausbilde. Meines Wissens hatte die NATO das bislang noch nicht in dieser Deutlichkeit zugegeben. Doch Stoltenberg schiebt schnell noch die Begründung für diese Out-of-Area-Beihilfe nach: Noch nie sei man so genau über die Kriegsvorbereitungen des Gegners im Bilde gewesen. Mit anderen Worten: Die NATO wusste vom kommenden Krieg, hat die Ukraine ein wenig wehrfähiger gemacht und dann die Russen kommen lassen. Mag sein. Doch wer würde schon Stoltenberg für einen vertrauenswürdigen Informanten halten.

Der hält ja auch die NATO-Osterweiterung für einen Erfolg. Putin wollte weniger NATO an seinen Grenzen, jetzt hat er mehr, prustet unser Wertekommandant begeistert. So sehen Erfolge in einem NATO-Leithirn aus. Aber Stoltenberg beglückt seine Zuhörer noch mit einer Lehre aus dem Ganzen. Der Ukrainekrieg habe ihm gezeigt, wie wirtschaftliche Beziehungen mit autoritären Staaten eigene Verwundbarkeiten hervorbringen. Und er denkt hier nicht nur an Russland, sondern noch weiter: an China. Wir müssen verstehen, dass wirtschaftliche Entscheidungen Folgen haben für unsere Sicherheit. Offenbar lauert da schon die nächste Aufgabe auf die NATO: die Fernosterweiterung.

Wer ein paar dieser schaurigen Reden aus Davos gehört hat, der muss verzweifeln. Hinter all den Floskeln, den abgedroschenen Phrasen, dem trainierten Siegergrinsen und den vermutlich ebenfalls trainierten schamlosen Lügen bleibt die Kernbotschaft nicht verborgen: Hier wird mit aller Macht ein historischer Wendepunkt geschaffen.

Fortan gilt nur noch Sieg oder Niederlage. Gefangene werden nicht gemacht. Der Westen und seine Führungsmacht USA können nur gewinnen, wenn Russland vernichtet wird. In keiner einzigen Rede wurde der Verhandlungsweg auch nur in Betracht gezogen, nie andere Möglichkeiten zum Frieden wenigstens angedeutet. Es war ausschließlich vom Sieg die Rede. Allerdings hat man im Eifer der Gerechtigkeit und im Schaum der Werte versäumt, die Mittel zu erwähnen. Und dass aus der Asche der Ukraine nur Rauch aufsteigen wird.

Davos ist der Ort geworden, von dem aus der Welt ihre historischen Weisungen zuteilwerden. Von ganz oben. Da genießt man den ganzheitlichen Überblick über das Gewimmel der Krisen in den Niederungen. Und man erkennt die Opfer kaum.


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Zitate aus dem Buch

„Das Zentralargument für die Politik der Lockdowns, die Überlastung des Gesundheitssystems und insbesondere die Überlastung der Intensivstationen, beruht auf komplett invaliden Zahlen. Laut Bundesrechnungshof ist das Gesundheitsministerium bis heute nicht in der Lage, die Zahl der tatsächlich aufgestellten Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit verlässlich zu beziffern.“ — Walter van Rossum

„Wie ist es möglich, dass der Gesamtbestand der unmittelbar zur Verfügung stehenden Intensivbetten von etwa 34.000 im Mai letzten Jahres zwölf Monate später auf unter 24.000 sinkt – und das bei angestimmten Triage-Gesängen?“ — Walter van Rossum

„Die Regierung hat zwar mit vielen Milliarden die Krankenhäuser unterstützt, aber von Plänen für die Aufstockung des Intensivpflegepersonals ist mir nichts bekannt, geschweige denn von konkreten Plänen für eine angemessenere Bezahlung. Stattdessen hat man fast das ganze Land wegen eines angeblichen Notstands, dessen Schein man mutwillig herbeigeführt hat, in kollektive Quarantäne gesteckt.“ — Walter van Rossum

„Es ist nicht auszuschließen, dass große Teile der Notfallreserve nur auf dem Papier bestehen, ein Rangierbahnhof, auf dem Tausende Betten einerseits ins Nebelgebiet der Krankenhausfinanzierung verschoben wurden, andererseits der reale Bettenabbau kaschiert werden konnte.“ — Walter van Rossum

„Die Regierung hat niemals auch nur ansatzweise angenommen, das Gesundheitssystem könne durch einen exponentiellen Anstieg von COVID-19-Patienten überfordert werden.“ — Tom Lausen

„Wer in einer Pandemie eine hohe Krankenhausauslastung befürchtet, finanziert nicht den Mangel an Betten, sondern setzt Anreize für eine Erhöhung der Versorgungsmöglichkeiten.“ — Tom Lausen

„Ob die Beantragungen und Inanspruchnahmen von Bonus- und Ausgleichszahlungen seitens der Krankenhausbetreiber strafbar gewesen sein könnten, wird die Geschichte zeigen.“ — Tom Lausen

„Das RKI und DIVI e.V. weigern sich, wichtige amtlich erhobene Daten, die keinerlei Patientenbezug haben, zeitnah oder überhaupt der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Es wird empfohlen, diese Verweigerungshaltung zu überwinden, damit mehr Menschenleben gerettet werden können.“ — Tom Lausen

„In diesem Buch wird detailliert nachgewiesen, dass zu keinem Zeitpunkt der Pandemie die stationäre Versorgung insgesamt einen kritischen Punkt erreicht hat. Hingegen hat die Politik spätestens seit Ende 2020 durch verschiedene Maßnahmen dafür gesorgt, dass der Eindruck entstehen konnte, insbesondere die intensivmedizinische Versorgung stehe vor dem Kollaps.“ — Alexander Christ

„Alle an diesem ungeheuerlichen Betrug Beteiligten werden sich vor den Bürgern und letztlich auch vor sich selbst zu einem späteren Zeitpunkt zu verantworten haben. Möglicherweise werden sie sich wegen etwaiger Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch vor einem Gericht zu verantworten haben.“ — Alexander Christ

„Mittels einer Werteverschiebung in der Betrachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit vollzieht sich ein politischer Programmwechsel. Auf diese Weise lassen sich seit 2020 elegant und locker Freiheitseinschränkungen jedweder Art beliebig rechtfertigen, denn: umso schlimmer die angekündigte mögliche Folge, umso niedriger die Schranke für Eingriffe und Beschränkungen. Es leuchtet ein, dass Grund-Rechte vor dem Hintergrund dieser Sichtweise nur noch als ‚Privilegien‘ angesehen werden.“ — Alexander Christ

„Das hohe Maß an Ungewissheit dient den Gerichten in einer spektakulären Verdrehung aller denklogischen Grundsätze geradezu als Legitimation für die Richtigkeit der Annahme des ‚Worst Case‘-Szenarios.“ — Alexander Christ

„Ist es nicht zynisch, wenn sich führende Politiker ‚Sorgen machen‘ wegen der ‚steigenden Zahlen‘? Wie wäre es, wenn sie sich zur Abwechslung mal um Menschen sorgen würden?“ — Matthias Burchardt

„Nicht die Zahl selbst oder der Versuch, die Welt zahlenförmig zu beschreiben, sind verwerflich, wohl aber die Verschleierung von Interessen und Ideologien durch das Gewand der Zahlen und die Transformation des Staates zur Rechen-, Kontroll- und Regelmaschine, dann nämlich braucht die Demokratie selbst ein Intensivbett.“ — Matthias Burchardt

„Der Vergleich der COVID-19-Risiken mit den Todeszahlen von anderen Erkrankungen (Grippe) oder Kulturphänomenen (Abtreibung, Hunger), der Hinweis auf ausgebliebene Übersterblichkeiten, die Öffnung der Perspektive durch internationale Vergleiche (Schweden, Thailand), all das blieb politisch weitgehend wirkungslos. Warum? Weil es die Macht ist, welche den Zahlen Relevanz verleiht und die Realität damit zum Verschwinden bringen kann.“ — Matthias Burchardt

„In der Summe zeigt sich, dass Sprache, Bild und Zahl trotz ihrer Verschiedenheit gleichermaßen politisch ausbeutbar sind. Auf der einen Seite fungieren Sie als Denk- und Darstellungsmittel im Sinne der Aufklärung, auf der anderen geraten sie als Herrschaftsmittel zu Instrumenten der weichen Lenkung und kommunikativen Unterwerfung von freien Bürgern durch Propaganda.“ — Matthias Burchardt

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